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  • Kerstin Anja Thieme

    von Niko Firnkees
    Kerstin Anja Thieme ca. 1986
    Namen:
    Kerstin Anja Thieme
    Geburtsname: Karl Thieme
    Lebensdaten:
    geb. in Niederschlema, Deutschland
    gest. in Stuttgart, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Komponist/Komponistin, Dozent/Dozentin in der Musikerausbildung, Redakteur/Redakteurin Leiter/Leiterin eines Jugendchors
    Charakterisierender Satz:

    „Von Natur aus ohne kämpferischen feministischen Impuls, hatte sich damals im Anblick unsäglicher Brutalitäten in mir ein wütender Männer- und Staatshaß aufgestaut, der erst viel später sich wieder in die milden Gefilde partnerschaftlicher Empfindungen löste.“ (Kerstin [Karl] Thieme im Gespräch mit Niko Firnkees über ihre/seine Zeit als Soldat, in: Firnkees, Schmidt-Mannheim. Kerstin Thieme. Komponisten in Bayern 1988, S.14)


    „Klar ist: natürlich können Frauen komponieren!! Aber: höchstvermutlich schon im Schaffensprozeß mit anderen Vorzeichen. Und die gilt es zu erkennen!“ (Kerstin Thieme in einem Brief an Antje Olivier vom 3. Nov. 1981. Der Brief befindet sich im Archiv Frau und Musik in Frankfurt.)





    Profil

    Nahtlos verlaufene Laufbahn als Komponist*in, d.h. sowohl als Karl wie auch als Kerstin Thieme. Aus seinem/ihrem persönlichen Blickwinkel als Transsexuelle wie auch dem allgemeinen Diskussionsstand der Zeit entsprechend ging Kerstin Anja Thieme von einem essentialistischen Geschlechterverständnis aus.

    Orte und Länder

    Kerstin Anja Thieme wurde 1909 in Niederschlema als Karl Thieme geboren und studierte und promovierte in Leipzig. Nach fünf Jahren als Soldat im Zweiten Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft in Italien lebte er/sie als Musiklehrer*in, Dozent*in und Komponist*in in Nürnberg und Erlangen, seit 1976 unter dem Namen Kerstin Anja Thieme. Sie/er starb in Stuttgart.

    Biografie

    Kerstin Anja Thieme wurde 1909 als Karl Thieme in die sehr gebildete und wohlsituierte Familie eines Papierfabrikanten in Niederschlema, Erzgebirge, hineingeboren. Er/sie absolvierte 1929 bis 1934 ein Studium der Schulmusik und Komposition in Leipzig, 1934 erfolgten Promotion und erste Lehrtätigkeiten in Leipzig. 1939 bis 1945 Fronteinsatz und anschließend kurze Kriegsgefangenschaft in Italien. Ab Spätsommer 1945 bis 1948 arbeitete Thieme u.a. als Musikreferent*in beim Leipziger Rundfunk. 1948/1949 übersiedelte die Familie nach Nürnberg. 1950 bis 1951 war Thieme als Musiklehrer*in am Labenwolf-Gymnasium Nürnberg tätig, 1956 bis 1960 als Dozent*in am Konservatorium Nürnberg und von 1960 bis 1974 als Dozent*in an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg.

    Vor und nach dem Ruhestand erhielt Thieme zahlreiche Auszeichnungen für seine/ihre Kompositionen, u.a. dreimal den Preis „Premio Citta di Trieste“. 1989 erhielt Kerstin Thieme den Fanny Mendelssohn-Preis der Stadt Unna.

    Durch das Studium unterhielt er/sie Kontakte zu Hugo Distler, Hermann Grabner und Wolfgang Fortner. Später war er/sie in Kontakt mit der fränkischen Dirigenten- und Kantorenszene, unter anderem mit Alfons Dressel, Waldemar Klink, Robert Heger und Hermann Harrassowitz.

    Kontakte zur Frauenmusikszene, u.a. zu Antje Olivier und Mascha Elke Blankenburg, wurden ab den Jahren 1980 und 1981 geknüpft.

    Kerstin/Karl Thieme unterzog sich zwischen 1974 bis 1976 am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE) einer hormonellen und chirurgischen Behandlung (sog. „kleine Lösung“), um die seit früher Kindheit als falsch empfundene männliche Geschlechtsidentität abzulegen. Er/sie nannte sich von da an Kerstin Anja Thieme. Nach Aussage seiner/ihrer Tochter Juliane Ernst beurteilte er/sie diese Behandlung im Nachhinein später kritisch und hielt sie für problematisch für seine/ihre psychische Verfassung.


    Kerstin/Karl Thieme war verheiratet mit der Studienkollegin und Musikwissenschaftlerin Dr. Grete Hedler-Thieme, mit der er/sie auch nach der Geschlechtsumwandlung 1974/1976 weiterhin zusammenlebte. Das Paar hat eine Tochter.

    Rezeption

    Die wissenschaftliche Rezeption von Thiemes Werk fand bisher vornehmlich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre statt, als die Genderforschung noch kaum eine Rolle spielte. Kerstin Thieme hat in dieser Zeit häufig Stellung genommen zu seiner/ihrer Transsexualität, die er/sie – als Komponist wie als Komponistin im öffentlichen Leben stehend – nicht verheimlichen konnte und wollte. Er/sie hegte vorübergehend die Vorstellung, seine/ihre Biographie dahingehend zu verschleiern, dass die „Karl-Phase“ komplett weggefiele. Später maß er/sie der sexuellen Identität weniger Bedeutung bei und distanzierte sich von vorangegangenen Positionen.

    Werkverzeichnis

    (Auszug unter Genderaspekten) Vertonungen von Texten von Dichterinnen und Werke für Frauenchor:


    Canticum Hoffnung nach Nelly Sachs: Triptychon für Sopran solo und gemischten Chor (1973)


    Fränkischer Sommer u.a. nach Bröger für Frauenchor (1950)


    Freiheit mein Stern nach Büchner, Huchel, Rinser für Sopran solo, Kammerchor und Instrumentalensemble 1989 (Fanny Mendelssohn Preis der Stadt Unna)


    Auf der Website der Komponistin: http://www.kompositionen-thieme.de/index.html ist ein Ausschnitt aus dem „Requiem“ von Kerstin Thieme, UA 1998, zu hören, aufgeführt vom Hans-Sachs-Chor Nürnberg und den Nürnberger Symphonikern mit Marlies Petersen (Sopran), Jürgen Linn (Bass) unter Leitung von Wolfgang Riedelbauch in einer Aufnahme des Bayrischen Rundfunks.

    Quellen

    Niko Firnkees, Hans Schmidt-Mannheim. Kerstin Thieme. Komponisten in Bayern, hg. im Auftrag des Landesverbandes Bayerischer Tonkünstler e.V. von Alexander L. Suder, Bd. 17. Tutzing 1988.


    http://www.kompositionen-thieme.de/index.html


    Im „Archiv Frau und Musik“ in Frankfurt/M. befinden sich aus den Jahren 1981 bis 1984 vier Briefe von Kerstin Anja Thieme an Antje Olivier sowie ein Gegenbrief, in denen die Komponistin sich ausführlich zu ihrer Transsexualität äußert. Nach Aussage von Thiemes Tochter (im Gespräch mit der MUGI-Redaktion im Frühjahr 2016) waren diese Äußerungen jedoch nur für diese Lebensphase der Komponistin repräsentativ und werden aus diesem Grund hier nicht wiedergegeben.


    Mit Kerstin Thieme wurde vier Rundfunkinterviews geführt, zuletzt im MDR (Autorin Kerstin Gebel), gesendet am 18.2.1997 und im BR (Redaktion Musik), gesendet am 26.6.1999 (B4).

    Forschung

    Nach 1988 sind keine Forschungsarbeiten zu Kerstin (Karl) Thieme und seinem/ihrem Werk bekannt. Mit musikanalytischen Methoden sowie aufgrund der Textvorlagen für Vokalwerke waren bisher keine signifikanten Unterschiede zwischen den Werken vor 1974/1976 und danach feststellbar, obwohl Thieme in den 1980er Jahren der Ansicht war, dass männliches und weibliches Komponieren sich voneinander unterscheide.

    Die Konzentration auf geistliche Vokalwerke erklärt sich vermutlich aus dem Älterwerden der Komponistin. Auch die 1986 uraufgeführten Spruchmotetten für Frauenchor „Anrufungen“ sind nur auf die organisatorische Zusammenarbeit mit einem Frauenchor zurückzuführen. Zeitgleich ist unter anderem der „Psalm 100“ für gemischten Chor erschienen.

    Forschungsbedarf

    Eine genderbezogene Erforschung des Werks von Kerstin (Karl) Thieme hat bisher nicht stattgefunden.

    Interessant scheinen u.a. die Aspekte: Inwieweit hat die NS-Herrschaft zu Thiemes Identitätssuche beigetragen bzw. sie erschwert? „Als mit Hitlers Herrschaft Deutschland ins tiefste Dunkel fiel, war mir klar, daß es für mich keine Lösung meiner ureigensten Konflikte geben konnte.“ (Kerstin Thieme in: Firnkees, Schmidt-Mannheim. Kerstin Thieme, S.14)

    Welchen Einfluss hatte die Geschlechtsumwandlung auf die Rezeption von Kerstin Anja Thieme? Die Komponistin wurde u.a. nach eigenen Aussagen angefeindet, da man ihr den Vorwurf machte, zunächst als Komponist tatsächliche oder vermeintliche geschlechtsbedingte Vorteile ausgenützt zu haben: „Wie kann man nur vom hohen Podest der Männlichkeit in die Niederungen des Weiblichen hinabgleiten? (…) Oder der Vorwurf aus der feministischen Ecke: Sie haben durch ihre ehemals männliche Sozialisierung gleichsam auf unlautere Weise künstlerische wie berufliche Ziele erreicht, die Ihnen als sog. ‚Bio‘-Frau vermutlich verwehrt gewesen wären.“ Ebenda, S.15)

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 809422
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 118841661
    Library of Congress (LCCN): nr89018005
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Niko Firnkees


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Martina Bick
    Zuerst eingegeben am 03.03.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Niko Firnkees, Artikel „Kerstin Anja Thieme“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 3.3.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Kerstin_Anja_Thieme