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  • Julius Rietz

    von Martina Bick
    Namen:
    Julius Rietz
    Geburtsname: August Wilhelm Julius Rietz
    Lebensdaten:
    geb. in Berlin, Deutschland
    gest. in Dresden, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Komponist, Dirigent, Violoncellist, Kompositionslehrer, Dialogpartner
    Charakterisierender Satz:

    „Eben war ich im Begriff auszugehen als Ihr Brief ankam, Sie Vortrefflichste u. Unvergleichliche! Und welcher Brief! - Jedes Wort ein Labsal, erquicklicher und herzstärkender wie der Trank dem Durstigen. Gott sei gedankt daß ich, wenn auch sehr spät, noch die Gewalt eines großherzigen weiblichen Gemüthes kennen gelernt habe und daß gewiß eines der großherzigsten solche Sympathie mir offenbart. Seit wenigen Tagen ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen u. ich sehe jetzt klar u. hell was und wo es mir gefehlt hat. Das Weib, und nur das Weib, das rechte, ist die Bildnerin des Mannes. Das ist eine alte Wahrheit, aber keine in der Welt ist wahrer (…).“


    Julius Rietz an Pauline Viardot in einem Brief vom 21. Dezember 1858.


    Profil unter Genderaspekten

    Julius Rietz führte in den Jahren 1858 bis 1860 einen intensiven Briefwechsel mit der französischen Sängerin, Pianistin und Kulturvermittlerin Pauline Viardot, der schon wegen seiner weitgehenden Vollständigkeit eine Besonderheit darstellt. Die Themen des Briefwechsels sind vielfältig. Lebendige und detailreiche Schilderungen aus dem beruflichen und privaten Alltag der Briefpartner dokumentieren den Umgang mit den gesellschaftlichen Frauen- und Männerrollen dieser Zeit. Großen Raum nimmt die Beschreibung des Musik- und Konzertwesens und der musikalischen Aufführungspraxis ein, insbesondere im Bereich Oper. Deutlich wird die wichtige Rolle, die die internationalen Beziehungen zwischen Musikerinnen und Musikern – und speziell die zwischen InterpretInnen und Komponisten – für die Entwicklung des Repertoires und des öffentlichen Konzertwesens in Mitteleuropa spielte.

    Orte und Länder

    Julius Rietz wurde 1812 in Berlin geboren, wo er seine musikalische Ausbildung erhielt und enge Beziehungen zur Familie Mendelssohn Bartholdy knüpfte. Anschließend lebte er als Kapellmeister, Dirigent und Kompositionslehrer in Düsseldorf, Leipzig und Dresden, wo er 1877 starb.

    Kurzbiografie unter Genderaspekten


    Julius Rietz wurde am 28. Dezember 1812 als Sohn des Geigers der Königlichen Hofkapelle in Berlin, Johann Friedrich Rietz (1767-1828), und der Johanna Christina Rietz geb. Benschen (gest. 1847) in Berlin geboren. Sein Bruder Eduard Theodor Ludwig Rietz (1802-1832) war Geiger und Dirigent. Seine Schwester Wilhelmine verh. Knuth war Sängerin und von 1815 bis 1818 Mitglied in im Chor des Königlichen Opernhauses in Berlin. 1819 heiratete sie Johann Christian Friedrich Knuth. Die Schwestern Bertha Rietz und Louise verh. Carlsberg (gest. 1830) waren ebenfalls Schauspielerinnen. Julius Rietz studierte Violoncello und Musiktheorie in Berlin, wo später auch seine ersten Kompositionen aufgeführt wurden.

    Nach dem Tod des Vaters, 1828, mussten die beiden Brüder für sich selbst und ihre Familie sorgen. Julius Rietz wurde 1828 als Violoncellist und Kapellmeister am Königstädtischen Theater Berlin angestellt. Vermittelt durch Eduard Rietz, der seit 1820 eng mit Felix Mendelssohn Bartholdy und dessen Familie befreundet war und häufig dort musizierte, wuchs Julius Rietz nach eigener Aussage „halb und halb“ im Hause Mendelssohn auf (vgl. Brief von J. Rietz an Pauline Viardot vom 2.-4. Februar 1859). Abraham Mendelssohn wurde nach dem Tod des Vaters zum Vormund des sechzehnjährigen Julius bestellt. Eduard Rietz gründete 1826 die Philharmonische Gesellschaft in Berlin, ein Liebhaberorchester, das er Carl Zelter an der Berliner Singakademie als Begleitung für Oratorienaufführungen zur Verfügung stellte. Als Eduard 1832 während der Choleraepidemie in Berlin starb, führte Julius Rietz die Freundschaft mit Felix Mendelssohn Bartholdy fort. 1834 vermittelte der Freund ihn als Cellist und Kapellmeister nach Düsseldorf. Zuvor (am 4. September 1834) heiratete Julius Rietz die Sängerin Maria Therese Kindermann (gest. 1861), die zum Chor des Königstädtischen Theaters Berlin gehörte. 1835 wurde Rietz Mendelssohns Nachfolger als Städtischer Musikdirektor Düsseldorf. Er leitete mehrfach das Niederrheinische Musikfest, komponierte und war als Cellist tätig. In Düsseldorf wurden auch die (insgesamt elf) Kinder von Julius und Therese Rietz geboren; ihre finanzielle Lage war stets prekär.

    1847, kurz nach dem Tod Felix Mendelssohns, ging Rietz als Kapellmeister ans Stadttheater in Leipzig. Herbert Zimmer beschreibt 1943 in seiner stark antisemitisch und tendenziös geprägten Dissertation die Situation in Leipzig wie folgt: "Mendelssohns Tätigkeit hatte nach der allgemeinen Überzeugung der Errichtung eines Bollwerkes gegen das Vordringen des schlechten Geschmacks und der frivolen Richtungen gegolten. Das blendende Virtuosentum der Pariser Salons und italienischer oder französischer Gesangsgrößen und die von ihnen propagierte leichte Tagesware wogen aber gering gegen die Neuromantik eines Hector Berlioz mit der an Victor Hugo erinnernden Absonderlichkeit ihrer Programme. Auch ihr gegenüber hatte das Leipziger Gewandhaus den schützenden Wall dazustellen (...)“ (Zimmer 1943, S. 84).

    Für die Leipziger war Reitz insofern „als Garant für die von Mendelssohn vertretene Richtung hochwillkommen“ (ebenda, S. 85). Ihm wurde bald die Oper übertragen, die Gewandhauskonzerte, die Singakademie und als zweiter neben Moritz Hauptmann ab 1848 die Kompositionsklasse des Leipziger Konservatoriums.


    Julius Rietz war ein vehementer Gegner der sogenannten „Neudeutschen Schule“ bzw. der „Zukunftsmusik“, die insbesondere von Richard Wagner, Franz Liszt und Hector Berlioz vertreten wurde. Der Streit zwischen den „Konservativen“ und den „Neudeutschen“ wurde auf allen Ebenen ausgetragen - in Musikzeitschriften und anderen Publikationen, in den Salons wie auch durch die Programmgestaltung und Personalpolitik auf den Konzert- und Theaterbühnen. Die Auseinandersetzungen waren für Julius Rietz sowohl als Komponist wie auch als Dirigent von großer Wichtigkeit und hatten weitreichende Folgen für seine Karriere. Zeitgenössische Musik musste sich für ihn immer an den klassischen Maßstäben messen lassen. Julius Rietz galt insofern unter den zeitgenössischen Komponisten als reaktionär und blieb auch ab 1859 den Tonkünstlerversammlungen fern.


    Die Werke Richard Wagners führte er vorerst nicht auf, u.a. weil sie ihm finanziell riskant erschienen. Zimmer geht davon aus, dass Rietz Wagner von vornherein „menschlich wie künstlerisch“ ablehnte (ebenda, S. 94). Er ging einer persönlichen Begegnung mit ihm aus dem Weg, wie auch der Begegnung mit Gioacchino Rossini oder Franz Liszt und dessen Anhängern. Durch Anweisung des Leipziger Intendanten Rudolf Wirsing wurde er schließlich gezwungen, die Oper „Tannhäuser“ in Leipzig einzustudieren, die Erstaufführung fand am 31. Januar 1853 statt. Im brieflichen Austausch im Vorfeld der Aufführung, der von Wagner initiiert wurde, schwieg Rietz, ebenso wie im Austausch über die Aufführung der Oper „Lohengrin“ am 7. Januar 1854. Franz Liszt versuchte vergeblich zu vermitteln.


    Nach der – nicht sehr erfolgreichen – Leipziger „Lohengrin“-Aufführung trat Rietz von seiner Theatertätigkeit in Leipzig zurück und widmete sich ab 1854 hauptsächlich seinen Kompositionen, der Herausgabe von Werken von Mendelssohn, Mozart u.a. sowie den Gewandhauskonzerten. Auch hier jedoch gab es stets Konflikte mit der Konzertdirektion, u.a. um die Gestaltung der Vortragsfolgen.


    1859 erhielt Julius Rietz die Ehrendoktorwürde der Leipziger Universität. 1860 übernahm er die Position des Hofkapellmeisters in Dresden, die für ihn und seine Familie mehr Sicherheit zu bieten schien. Am 13. Oktober 1861 jedoch starb seine Frau Therese. Von den elf Kindern lebten zu diesem Zeitpunkt nur noch fünf – und auch diese bereiteten ihm stets große Sorgen, weil sie sich beruflich und persönlich nicht festigen konnten. Finanziell ruiniert, hoch verschuldet und dem Alkohol ergegeben wurde Julius Rietz kurz vor seinem Tod 1877 von seinem Dienst als Hofkapellmeister suspendiert.

    In Beziehung mit

    Briefwechsel mit Pauline Viardot

    Im Frühjahr 1858 lernte Julius Rietz durch ein gemeinsames Konzert im Leipziger Gewandhaus die französische-spanische Sängerin, Komponistin und Kulturvermittlerin Pauline Viardot kennen. Am 22. April 1858 begannen sie einen langjährigen und zeitweise sehr produktiven Briefwechsel in deutscher und französischer Sprache, dessen Kernzeit zwischen Dezember 1858 und Mitte des Jahres 1860 lag. Der letzte hinterlassene Brief wurde am 7. Juli 1874 geschrieben.

    Pauline Viardot, die sich zum Zeitpunkt des Kennenlernens auf einer Gastspielreise befand, lebte Ende der 1850er Jahre mit ihrem Mann, dem Pariser Theaterdirektor und Kunstschriftsteller Louis Viardot, und ihren drei Kindern in der Rue de Douai in Paris. Sie unternahm häufig Konzertreisen, u.a. nach England und Deutschland. Während der Sommermonate hielt sich die Familie in ihrem französischen Landhaus in Courtavenel auf.

    Begegnet sind sich die Briefpartner vermutlich nur noch einmal, obwohl in den Briefen häufig Treffen und gemeinsame Konzerte angeregt wurden, vor allem von Seiten Pauline Viardots.

    Die Themen des Briefwechsels sind vielfältig. Lebendige und und detailreiche Schilderungen aus dem beruflichen und privaten Alltag der Briefpartner dokumentieren den Umgang mit den gesellschaftlichen Frauen- und Männerrollen dieser Zeit und die unterschiedlichen Sichtweisen, wobei deutlich wird, wie wenig Pauline Viardot dem zeitgemäßen Frauenbild entsprach.

    Den größten Raum nimmt die Kommentierung des Musik- und Konzertwesens und der Situation an den Bühnen in Deutschland, Frankreich und England ein. Vielfach wird die musikalische Aufführungspraxis beschrieben und miteinander verglichen, insbesondere im Bereich Oper. Deutlich wird die wichtige Rolle, die die internationalen Beziehungen zwischen Musikerinnen und Musikern – und speziell die zwischen InterpretInnen und Komponisten – für die Entwicklung des Repertoires und des öffentlichen Konzertwesens in Mitteleuropa spielte. Es werden Interpretationen anderer Musikerinnen und Musiker geschildert und diskutiert, wie z.B. die von Julius Stockhausen, Manuel Garcia père und fils, Joseph Tichatschek, Gustave Hippolyte Roger, Hans Feodor und Rosa von Milde, Maria Malibran geb. Garcia, Jenny Lind, Jenny Bürde-Ney, Johanna Wagner, Clara Schumann, Joseph Joachim, Ferdinand David und Louis Spohr.

    Die Werke älterer Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Johann Gottlieb Graun, Christoph Willibald Gluck, Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert werden ebenso diskutiert wie die zeitgenössischer Komponisten, darunter Franz Liszt, Richard Wagner, Robert Schumann, Johannes Brahms, Giacomo Meyerbeer, Hector Berlioz, Charles Gounod, Napoléon-Henri Reber, Camille Saint-Saëns, Gioacchino Rossini, Vincenzo Bellini, Giovanni Paisiello, Giuseppe Verdi, Luigi Cherubini oder Frédéric Chopin oder die einer englischen Komponistin, deren Namen nicht genannt wird, die aber vermutlich als Ethel Smyth zu identifizieren ist, und andere.

    Einzelne Opern - insbesondere Mozarts „Don Giovanni“, dessen Autograph sich im Besitz Pauline Viardots befand und deren Partiturausgabe Julius Rietz für Breitkopf & Härtel in Leipzig erarbeitete, „Norma“, „Il Barbiere di Siviglia“ und „Orphé et Euridice“ - sowie die Konzertprogramme des Leipziger Gewandhauses und anderer Bühnen wurden ausführlich besprochen.

    Aber auch eigene Werke stellen die Briefpartner sich gegenseitig vor, kommentieren sie und ermutigen sich gegenseitig. So z.B. Julius Rietz in einem Brief an Pauline Viardot vom 14. August 1865: „Wie sieht es mit Ihrer Claviersonate aus - wieviel Sätze sind fertig? Oder kann man vielleicht sogar schon fragen, wieviel Sonaten? Ich lasse nicht los u. in jedem Briefe kommt eine Mahnung! Aber allen Ernstes - zersplittern Sie sich nicht in diesen vielen kleinen Musikstücken, welche Sie mit Ihrem harmonischen Reichthum nach meinem Gefühl nur belasten, indeß er Ihnen in weitere Formen gegossen u. bei thematischen Durchführungen sehr zu Statten kommen und zum Heil gereichen wird. Also Sonaten, Trios, Symphonieen etc. etc. - das wäre ein Plaisir, wenn ich in den hiesigen Conzerten einmal eine Sinfonie von Pauline Viardot aufführungen könnte - es braucht ja nicht schon nächsten Winter zu sein!“

    Breiten Raum nahm auch die Debatte um die Rolle der Musikkritik und Musikessayistik ein. Pauline Viardots Haltung der „Neudeutschen Schule“ wie auch deren Gegnern gegenüber war – als Französin, als Lisztschülerin und als eine von Kindheit an mit vielen Musikern verschiedener Richtungen und Nationalitäten in ständigem Kontakt stehende Musikerin – sehr viel offener, aber auch distanzierter als die ihres Briefpartners. Sie versuchte zu vermitteln, Positionen zu erklären und zu besänftigen, jedoch ohne Erfolg. Julius Rietz‘ berufliche und persönliche Verbitterung, seine finanziellen und gesundheitlichen Probleme führten vermutlich zu einem immer stärkeren sozialen Rückzug.

    Nach der intensiven Schreibphase des Jahres 1859 wurde die schriftliche Verbundenheit der Briefpartner im Laufe des Jahres 1860 zunehmend durch nicht eingehaltene Versprechen und Missverständnisse irritiert. Julius Rietz ließ sich mit seinen Antworten immer länger Zeit, bis auch Pauline Viardot das Schreiben einstellte. In den 1860er und -70er Jahren wurden nur noch in großen Zeitabständen Briefe gewechselt. Im vorletzten erhaltenen Brief aus dem Jahr 1865 nimmt Pauline Viardot Bezug auf eine offenbar kurz vorher stattgefundene Begegnung in Paris, durch die die alte Vertrautheit wieder hergestellt werden konnte. Bis zu Rietz‘ Tod am 12. September 1877 in Dresden sind keine weiteren Briefe überliefert.


    Weitere Beziehungen zu Frauen

    Über seine Beziehungen zu Frauen insgesamt schrieb Julius Rietz ausführlich in einem Brief an Pauline Viardot vom 21. Dezember 1858: „Meine Mutter war die bravste, sorgsamste Frau von der Welt, aber so naiv wie denkbar, ihr Denken und Thun bewegte sich in den engsten Kreisen. Die frühe voreilige Ehe war nicht geeignet das Versäumte nachzuholen. Die Sorge fern zu halten mußten alle Kräfte angespannt werden. In Düsseldorf, wo ich früher lebte, waren die Maler mein nächster, fast einziger Umgang. Über ihre Frauen sprach ich schon neulich mit Ihnen; ich fand außer dem Hause nicht mehr, wie im Hause. Die hochadlige dort sehr zahlreich vertretene Damenwelt ließ den Musiker gelten - sonst war aber von ihnen nichts zu holen u. nichts zu erwarten. Zwei Töchter eines würdigen alten Präsidenten waren die ersten, welche sich Mühe gaben den rauhen Klotz abzuhobeln. Aber - sie waren jung, ich war jung, meine Frau war jung, und die letztere wollte mehr sehen als jenen u. mir je in den Sinn gekommen war u. kommen konnte. Das Verhältniß wurde getrübt - der Vater starb, die Mädchen zogen in eine andere Stadt - ich verlor viel, aber der häusliche Friede war weniger gefährdet. Daß diese bornirten Menschen sich kein reines Freundschaftsverhältniß zwischen einem Weibe u. einem Manne denken können - und wie viele können es nicht! Die Leipziger Damen, in deren Kreisen ich Eingang fand, kennen Sie meist. Ich bin weit entfernt auch nur einer irgend eine gute Eigenschaft absprechen zu wollen; aber ich sah doch bald ein daß sie in mir nur den Musikmenschen, und nur den, schätzten; das verdroß mich, und je mehr sich meine Kunstgenossen bestrebten auf fast unwürdige Weise allen unbilligen Anforderungen nachzukommen, um so mehr zog ich mich zurück, und:

    Wer sich der Einsamkeit ergiebt

    Ach, der ist bald alleine! Göthe

    ich war bald allein, so einsam allein, daß mir das Leben eine Last zu werden anfing u. nur die Pflichttreue für die Kinder mich über die allertrübsten Gedanken hinwegbringen konnte.“


    Eine weitere wichtige Beziehung wird in einem Brief an Pauline Viardot vom 28.-30. Dezember 1858 beschrieben: „Um nun auch auf Frl. M. [es handelt sich um eine Sängerin, die andernorts „Frl. Mayer“ genannt wird] zurückzukommen, so bemerkte ich Ihnen daß wir uns seit 10 Jahren kennen u. 6 Jahre zusammen am Theater waren, daß ich an ihrem sehr ernsten künstlerischen Streben sehr großen Antheil nahm u. sich daraus eine nähere Beziehung zu mir u. meinem Hause entwickelte - das war sehr unklug. Sie wissen wie es beim Theater geht. Man kann als Vorgesetzter keinen größern Fehler begehen als eine Person vorzugsweise protegiren - ist diese Person nun je ein weibliches Wesen, so ist der Teufel los u. man kommt in's Gerede, wie es mir denn auch erging. Sie sowohl wie ich hatten darunter mancherlei zu leiden - da aber das gute Verhältniß zu meinem Hause fortbestand, ich mich in meinem Benehmen in keiner Weise änderte u. meinen ruhigen graden Weg fortging von dem Pack durchaus nicht genirt, so mußte das Gerede auch verlaufen, wie alle derartigen, denen die Basis der Wahrheit fehlt. Als sie später ihren Abschied vom Theater erhielt u. ihre Existenz 2 Jahre lang im Concertsingen suchen mußte vermittelte ich ihr Engagements u. suchte ihr auf alle Weise Vorschub zu leisten, woraus denn ein gesteigertes Dankgefühl bei ihr entsprungen sein mag. Daß sie, wie Sie sagen, mich geliebt habe, das heißt in mir quasi aufgegangen sei, glaube ich mit Bestimmtheit in Abrede stellen zu dürfen. Gewiß, sie ist unglücklich, aber doch nur durch ihre unglaublich hysterische Complexion; sie weiß sich auf die raffinirteste Weise u. Allen die mit ihr umgehen das Leben gründlich zu verbittern u. nie habe ich Jemanden gekannt der das Talent hätte sich Chimären in Gewißheiten u. Überzeugungen umzuwandeln, wie sie. Dadurch hat sie sich denn auch nach u. nach fast alle Welt gänzlich entfremdet, weil es wirklich nicht zu ertragen ist ewig um eingebildete Dinge jammern zu hören. Ich habe ihr das so oft freundlich, ernsthaft vorgestellt - aber sie gefällt sich darin u. es ist ihr nicht zu helfen, so gern ich's thäte. Aber darum werde ich sie nicht im Stich lassen u. ihr, möglichst aus der Ferne, dienen wie ich kann.“


    Familie Mendelssohn

    Über die intensiven Beziehungen Julius Rietz‘ zur Familie Mendelssohn vgl. Abschnitt „Biografie“.

    Quellen zu Genderaspekten

    Baker, T. (Übers. Englisch). Briefwechsel Pauline Viardot-Garcia to Julius Rietz. In: Musical Quarterly 1, 1915: S. 350-380, 526-559; 2, 1916: S. 32-60.


    Böhm, Susanne. Der Kapellmeister Julius Rietz. 2 Bände, Magisterarbeit Würzburg 2000.


    Böhm, Susanne/Bückle, Matthias. Art. „Julius Rietz“ im MGG2, Bd. 14, Sp. 96-97.


    Fürstenau, Moritz, Art. „Rietz, Julius“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 28 (1889), S. 603-606 Onlinefassung: http://www.deutschebiographie.de/pnd101365632.html?anchor=adb


    Mendelssohn Bartholdy, Felix, Sämtliche Briefe. Auf Basis der von Rudolf Elvers angelegten Sammlung hrsg. von Helmut Loos und Wilhelm Seidel, 12 Bände, Kassel, 2008–2017.

    Merbach, P.A. Briefwechsel zwischen E. Devrient und Julius Rietz. In: AfMw 3, 1921, S. 321-347.


    Rietz, Julius. Tagebücher 1863-1874, Staatsbibliothek Dresden, Mscr.Dresd.h.53, Bd.1-4. Online einzusehen unter:


    Mscr.Dresd.h.53,Bd. 1: http://digital.slub-dresden.de/id363988033


    Mscr.Dresd.h.53,Bd. 2: http://digital.slub-dresden.de/id364005726


    Mscr.Dresd.h.53,Bd. 3: http://digital.slub-dresden.de/id364007524


    Mscr.Dresd.h.53,Bd. 4: http://digital.slub-dresden.de/id364009357


    Zimmer, Herbert. Julius Rietz. Dissertation Berlin 1943 (eingesehen in der Staatsbibliothek Berlin).




    Links


    http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_multimedia/viar1821.php

    Multimediale Website über Pauline Viardot nach einem Konzept von Beatrix Borchard und Julia Lindig.

    Stand der Forschung unter Genderaspekten

    Unter der Webadresse http://www.pauline-viardot.de/ werden die seit April 2007 erarbeiteten musikwissenschaftlichen Forschungsergebnisse über die Sängerin und Komponistin Pauline Viardot (1821-1910) unter dem besonderen Aspekt des Kulturaustausches dokumentiert. Ferner befindet sich hier ein systematisch bibliographisches Verzeichnis sämtlicher Werke Pauline Viardots.


    In Vorbereitung befindet sich außerdem zurzeit die vollständige Herausgabe des genannten Briefwechsels zwischen Pauline Viardot und Julius Rietz durch Regina Back, Martina Bick und Beatrix Borchard an der HfMT Hamburg. Die Originalbriefe von Pauline Viardot befinden sich heute zum größten Teil in der New York Public Library, die Briefe von Julius Rietz in der Bibliothèque Nationale de France.

    Forschungsbedarf zu Genderaspekten

    Die Rietz-Tagebücher könnten Hinweise über die Bedeutung des Briefwechsels mit Pauline Viardot für Julius Rietz sowie weitere Darstellungen der Geschlechterrollen enthalten und sollten daraufhin durchgesehen werden.

    Ferner wäre eine Analyse seiner Opern „Jery und Bätely“, „Der Korsar“ und „Georg Neumark und die Gambe“ auf die Gestaltung der Frauen- und Männerrollen hin sinnvoll.

    Weitere Details über Rietz‘ Ehefrau und Familie sind bislang nicht bekannt und sollten zusammengetragen werden.

    Nichts bekannt ist bisher über Rietz‘ Beziehung zu Fanny Hensel, mit der er im Hause Mendelssohn im Kontakt gewesen sein muss. Im Rahmen der Mendelssohnforschung könnten hier weitere Aufschlüsse über das Künstlerbild der Zeit erlangt werden.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 66626698
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 101365632
    Library of Congress (LCCN): n88625420
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 27.02.2014
    Zuletzt bearbeitet am 17.07.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Julius Rietz“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 17.7.2017
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Julius_Rietz