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    von Silke Wenzel
    Die Pianistin Johanna Klinckerfuß
    Namen:
    Johanna Klinckerfuß
    Geburtsname: Johanna Schultz
    Varianten: Johanna Klinkerfuß, Johanna Klinckerfuss, Johanna Schulz
    Lebensdaten:
    geb. in Hamburg, Deutschland
    gest. in Ludwigsburg, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin
    Charakterisierender Satz:

    „In ihrer besten Zeit war sie eine ausgezeichnete Virtuosin, eine bedeutende Liszt-, Rubinstein-, Brahms- und Griegspielerin. Menschlich wie künstlerisch aber war sie eine ‚Lisztianerin‘ [...], immer künstlerisch überschwenglich, immer in Exstase und Exaltation, immer aber auch menschlich selbstlos, idealgesinnt, edel, warmherzig und lieb, eine Meisterin ohne Fehl und Tadel aus großer und schon beinah ganz verklungener Zeit ...“


    (Walter Niemann über Johanna Klinckerfuß, in: Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit. 14. Auflage. Berlin: Schuster & Loeffler, 1921, S. 178)


    Profil

    Die Pianistin Johanna Klinckerfuß studierte Klavier bei Sigmund Lebert am Stuttgarter Konservatorium sowie bei Franz Liszt in Weimar und konnte sich anschließend als herausragende Solistin und Kammermusikerin im deutschen Musikleben etablieren. Dabei zeichnete sich ihr Repertoire durch eine große Bandbreite aus. Neben dem klassisch-romantischen Repertoire, das Werke von Ludwig van Beethoven, Robert Schumann und Johannes Brahms sowie von Anton Rubinstein und Franz Liszt umfasste, nahm Johanna Klinckerfuß auch Werke zeitgenössischer Komponisten in ihre Konzertprogramme auf und förderte auf diese Weise, vor allem in späteren Jahren, gezielt die aktuelle Musik. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Stuttgarter Klavierfabrikanten Apollo Klinckerfuß, arbeitete sie zudem an historischen Instrumenten. So ist z. B. überliefert, dass Johanna Klinckerfuß Werke Johann Sebastian Bachs auf einem von ihrem Mann restaurierten Cembalo vortrug.


    Das Stuttgarter Haus des Ehepaares Johanna und Apollo Klinckerfuß galt als ein Ort, an dem LiteratInnen, bildende KünstlerInnen und MusikerInnen zusammentrafen, darunter Johannes Brahms, Edvard Grieg, Hugo Wolf und Wilhelm Furtwängler.

    Orte und Länder

    Johanna Klinckerfuß wurde in Hamburg geboren und erhielt dort ihre erste musikalische Ausbildung. Von 1870 bis 1873 studierte sie Klavier am Stuttgarter Konservatorium sowie in den Sommern 1872 und 1873 bei Franz Liszt in Weimar. Anschließend kehrte sie für kurze Zeit nach Norddeutschland zurück. Ende 1873, Anfang 1874 heiratete sie den Stuttgarter Klavierfabrikanten Apollo Klinckerfuß und ließ sich mit ihm in Stuttgart nieder. Johanna Klinckerfuß starb 1924 in Ludwigsburg.


    Johanna Klinckerfuß trat nach ihrer Heirat vorwiegend in Stuttgart auf, gab jedoch auch vereinzelt Konzerte in Leipzig und Hamburg sowie in weiteren deutschen Städten.

    Biografie

    Johanna Klinckerfuß, geb. Schultz, wurde am 22. März 1855 als Tochter des Musikdirektors und Kapellmeisters Heinrich Schultz und seiner Frau in Hamburg geboren und erhielt dort ihre erste musikalische Ausbildung. Ab dem Alter von sechs Jahren wurde sie von dem Musikpädagogen Moritz Beer in Klavier unterrichtet und trat noch als Kind in den Stockhausenschen Kammermusik-Soiréen auf, die der Sänger und Dirigent Julius Stockhausen in Hamburg veranstaltete. So übernahm sie z. B. bei einem dieser Konzerte den Klavierpart in Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrio d-Moll (op. 49) und spielte Solostücke von Domenico Scarlatti, Carl Maria von Weber und Frédéric Chopin (vgl. Biographisches 1885).


    Von 1870 bis 1873 studierte Johanna Klinckerfuß Klavier am Stuttgarter Konservatorium bei Sigmund Lebert. Gegen Ende ihres dortigen Studiums wurde sie von Sigmund Lebert an Franz Liszt nach Weimar empfohlen, wo Johanna Klinckerfuß in den Sommermonaten 1872 und 1873 ihr Studium fortsetzte. Am 13. Oktober 1872 schrieb Franz Liszt an Sigmund Lebert: „Sie hatten mir Fräulein Johanna Schultz nicht übertrieben empfohlen. Gerne erkenne ich in ihr eine bemerkenswerte, auserlesene Pianistin, welche der Stuttgarter Schule besondere Ehre macht. Die seltene Korrektheit, die feine Nuancierung und das gediegene innige Verständnis ihres Vortrags erfreuten mich mehrmals“ (zit. n. Klinckerfuß 1947, S. 22). Am 23. April 1873 gab Johanna Klinckerfuß ein Abschiedskonzert in Stuttgart, das – einem Rezensenten des „Musikalischen Wochenblatts“ zufolge – „durch ein interessantes Programm sich auszeichnete und auch vermöge der gediegenen Ausführung desselben anziehend war“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 30. Mai 1873, S. 332).


    Nach Beendigung ihres Studiums unternahm Johanna Klinckerfuß gemeinsam mit Julius Stockhausen eine Konzerttournee durch Norddeutschland, bei der sie u. a. auch in einem von ihm veranstalteten Konzert am 22. September 1873 in Hamburg auftrat. Dabei spielte sie gemeinsam mit ihrem ehemaligen Lehrer Moritz Beer Robert Schumanns „Andante und Variationen“ für zwei Klaviere (op. 46) sowie Solostücke von Frédéric Chopin und Franz Liszt. Die Kritik reagierte allerdings eher verhalten auf ihr Spiel: „Die anderen Vorträge des Abends bestanden in Soloclavierstücken und den Variationen für zwei Claviere von Schumann. Frl. Johanna Schultz [...] trat nach beendigten Studien zum ersten Mal in ihrer Vaterstadt an die Oeffentlichkeit. [...] Obwohl technisch bereits bedeutend entwickelt, entbehrt ihr Spiel noch jenes feineren Schliffs, der nothwendig ist, um dem Vortrag die erwünschte Belebung zu geben, auch war die Wahl der zu schwierigen Composition nicht für die Individualität der jungen Dame günstig.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 7. November 1873, S. 642)


    Ungefähr Ende 1873, Anfang 1874 heiratete Johanna Klinckerfuß den Stuttgarter Klavierbauer und Hofrat Apollo Klinckerfuß (1840-1923), der dort die Klavierfirmen Bechstein, Blüthner und Steinway vertrat. Das Ehepaar hatte drei Kinder, die beiden Söhne Walther und Erich Klinckerfuß sowie die spätere Pianistin Margarethe Klinckerfuß (1877-1959).


    Die Villa der Familie Klinckerfuß in der Kanzleistraße Nr. 18 auf der so genannten Silberburg in Stuttgart blieb mehrere Jahrzehnte lang eines der wesentlichen Musikzentren der Stadt, in dem u. a. Johannes Brahms, Edward Grieg, Hans von Bülow, Anton Rubinstein sowie die Dirigenten Fritz Busch und Wilhelm Furtwängler ein und aus gingen. Auch Hugo Wolf gehörte ab 1894 zu den häufigen Gästen des Hauses und schrieb am 20. Februar 1894 aus Stuttgart an Melanie Köchert: „Der Aufenthalt hier behagt mir ganz besonders u. der Verkehr mit meinen Freunden hier [...] ist höchst angenehm u. anregend. Namentlich Herr u. Frau Klinckerfuß überbieten sich an Aufmerksamkeit mir gegenüber.“ (zit. n. Draheim 1996, S. 32) Belegt ist auch ein Besuch in der Villa Klinckerfuß am 13. Mai 1896, bei dem Hugo Wolf „auf einem prachtvollen neuen Bechstein zwei Akte Corregidor“ spielte (Brief an Melanie Köchert vom 14. Mai 1896, zit. n. Suppan 2007, S. 224). Jahrzehnte später berichtete Grete Busch, die Frau des Dirigenten Fritz Busch, über das Haus der Familie Klinckerfuß: „Ein anderes dieser Musikhäuser des alten Stuttgart war das des Ehepaares Hofrat Apollo Klinckerfuß, des Klavierfabrikanten in der Kanzleistraße, dessen überschwenglich temperamentvolle Frau Johanna eine bedeutende Schülerin Franz Liszts gewesen war. Alle Klinckerfuß waren Originale: Vater Klinckerfuß ein Patriarch von Humor und Herzensgüte, die Tochter Margarethe, Pianistin wie ihre Mutter, romantisch, erfüllt von hochgestimmten Freundschaften wie der sehr innigen mit Hugo Wolf, später mit dem italienischen Poeten Marchese di Casanova. Im Hause Klinckerfuß lernte ich im frühen Sommer 1924 auch Wilhelm Furtwängler kennen und gewann bestimmende Eindrücke, an denen sich Wesentliches im späteren Leben nicht geändert hat.“ (Busch 1970, S. 27)


    Zu der Faszination des Hauses trugen zudem umfangreiche Sammlungen bei. So berichtete z. B. die Tochter Margarethe Klinckerfuß, dass sich im Haus ihrer Eltern eine alte Truhe mit zeitgenössischen Abschriften von Werken Johann Sebastian Bachs befunden habe, die Johannes Brahms eingehend im Hinblick auf Verzierungen studierte (Klinckerfuß 1948, S. 9). Ebenfalls im Besitz von Apollo und Johanna Klinckerfuß war auch ein Autograph Johann Sebastian Bachs, die Suite E-Dur BWV 1000 für Laute (eine Übertragung der Partita Nr. 3 für Violine solo, BWV 1006; vgl. Schmieder 1990, S. 730; Schilling 1994, S. 296), sowie die Totenmaske Friedrich Schillers (vgl. Suppan 2007, S. 224). Auch ein zweimanualiges Cembalo von Friedrich Ring aus dem Jahr 1700, das aus dem Besitz von Georg oder Gottlieb Muffat stammte und von Apollo Klinckerfuß aufwendig restauriert worden war, blieb eine Attraktion. So berichtete z. B. Hans von Bülow einem unbekannten Kapellmeister über die Besonderheiten der Sammlung Klinckerfuß: „Bei dem hiesigen höchst kunstgebildeten Inhaber eines Pianofortelagers, Herrn Klinckerfuß – seine Frau eine ganz vorzügliche klassische Klavierspielerin – habe ich außer anderen historischen Kostbarkeiten (einem zweimanualigen Flügel – wunderbar! von Fr. Ring, Straßburg, 1700, den Muffat besessen) unter anderem ein mir total unbekanntes Werk von Spohr – Autograph – gesehen.“ (Brief Hans von Bülows an einen unbekannten Kapellmeister, zit. n. Klinkerfuß 1948, S. 19)


    Nach der Geburt der Kinder zog sich Johanna Klinckerfuß vorübergehend aus dem Konzertleben zurück und trat erst im April 1879 wieder als Pianistin an die Öffentlichkeit. Gemeinsam mit dem Singer-Streichquartett, zu dessen Mitgliedern in dieser Zeit Edmund Singer, Hugo Wehrle, Carl Wien und ein Herr Cambisius gehörten, spielte sie Robert Schumanns Klavierquartett E-Dur (op. 47) und wurde von Presse und Publikum begeistert empfangen: „Die vierte (letzte) Quartett-Soirée der Herren Singer, Wehrle, Wien, Cambisius am 21. April war geschmückt durch Mitwirkung der Pianistin Frau Johanna Klinckerfuss. Das Programm umfasste drei Nummern: Das G dur-Quartett Mozart’s, das Clavierquartett Op. 47 von Schumann und ein Streichquartett (F-dur, Op. 7) von Otto Dessoff. Frau Klinckerfuss, vormals als Fräulein Schulz eine ausgezeichnete Schülerin des Conservatoriums, in dessen Prüfungsconcerten sie immer eine der ersten Zierden bildete, hatte meines Erachtens seit ihrer Verheirathung nicht mehr öffentlich gespielt; ihr Wiedererscheinen vor dem Publikum wurde mit allgemeiner Freude begrüsst, und in dem Clavierpart zu Schumann’s Quartett bewies sie, wie viel ihr Vortrag an Selbständigkeit und Tiefe der Auffassung noch gewonnen hat.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 4. Juni 1879, Sp. 360f.)


    In den folgenden Jahrzehnten blieb Johanna Klinckerfuß im öffentlichen Musikleben präsent und konzertierte dabei regelmäßig als Solistin mit der Württembergischen Hofkapelle in Stuttgart, spielte bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und war ein regelmäßiger Gast der Singerschen Kammermusik-Soiréen in Stuttgart. Zudem förderte sie junge Komponisten und nahm deren Werke in ihre Konzertprogramme auf, was in der Presse überregional wahrgenommen wurde. So hieß es z. B. in einem „Biografischen Portrait“, das das „Musikalische Wochenblatt“ am 16. Juli 1885 über Johanna Klinckerfuß veröffentlichte: „Besonderes Verdienst hat unsere Künstlerin sich um Vorführung von Werken jüngerer Componisten, sowie durch ihre selbstlose Bereitwilligkeit, in Concerten für wohlthätige Zwecke mitzuwirken, erworben. Gar mancher junger Componist kann sich bei ihr bedanken, denn sie diente diesem nicht nur in der liebenswürdigsten Weise, sondern auch unbekümmert um den jeweiligen Erfolg.“ (Biografisches 1885)


    Johanna Klinckerfuß spielte am 29. November 1880 nochmals gemeinsam mit dem Singer-Quartett Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur (op. 44) sowie – als Solostück – die „Veränderungen“ für Klavier solo (op. 20) des zeitgenössischen Stuttgarter Komponisten Wilhelm Fritze. Die „Allgemeine musikalische Zeitung“ rezensierte: „Die zweite Quartett-Soirée fand am 29. November unter Mitwirkung der Frau Johanna Klinkerfuss von hier, einer ehemaligen Schülerin des Conservatoriums, statt. Ausser dem D moll-Quartett von Mozart und dem Quintett für zwei Violinen, zwei Bratschen und Violoncello in B-dur (op. 87) von Mendelsohn, brachte uns das Programm das unsterblich schöne Quintett von Schumann, dessen Clavierpart von der vortrefflichen Künstlerin Johanna Klinkerfuss mit Schwung und Feuer gespielt, in vollendeter Weise wiedergegeben wurde. Die ‚Veränderungen‘ über ein eigenes Thema für Clavier (Op. 20) von W. Fritze konnten uns nicht sonderlich erwärmen; die Composition ist im Uebrigen eine tüchtige Arbeit. Frau Klinkerfuss bewältigte die ungemein grossen technischen Schwierigkeiten mit Meisterschaft; reicher und begeisterter Beifall lohnte ihr schönes, durchgeistigtes Spiel.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 29. Dezember 1880, S. 827; vgl. auch „Musikalisches Wochenblatt“ vom 27. Januar 1881, S. 68). Im Januar 1882 trat Johanna Klinckerfuß gemeinsam mit Clara Schumann in Stuttgart auf. Die beiden Pianistinnen spielten Robert Schumanns „Andante und Variationen“ für zwei Klaviere B-Dur (op. 46), und Johanna Klinckerfuß begleitete den Sänger Raimund von Zur Mühlen in einigen Stücken für Sologesang. Im Vorfeld hatte Clara Schumann an Johannes Brahms geschrieben: „Du wirst in Stuttgart eine Frau Klinckerfuß (geb. Schulze aus Hamburg) kennen lernen, sie wird Dir sicherlich vorspielen, und bitte ich Dich recht sehr, mir dann zu sagen, wie sie spielt, sie hat mich gebeten, im Januar, wo ich in Stuttgart konzertiere, die Variationen für 2 Klaviere von Robert mit ihr zu spielen. Gern will ich ihr nützen und es tun, aber ich weiß nicht, wie sie spielt, auch müßte sie in meiner Soiree die Lieder von Zur Mühlen begleiten, und wüßte ich gern, ob sie gut begleitet und musikalisch ist.“ (Brief von Clara Schumann an Johannes Brahms vom 15. November 1881, in: Litzmann 1927, Bd. 2, S. 246) Die „Allgemeine musikalische Zeitung“ schrieb über das Konzert: „Ausser dieser Sonate und dem Präludium und Fuge in E-moll von Bach spielte Frau Schumann ausschliesslich Werke ihres Gatten, darunter den Carneval (jedoch nicht vollständig), sowie das Andante und Variationen für zwei Claviere, welche sie mit unserer vortrefflichen einheimischen Künstlerin, Frau Klinckerfuss vortrug. Der gesangliche Theil lag in den Händen des Herrn R. von Zur-Mühlen [...]“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 12. April 1882, Sp. 236).


    Bei ihren Konzerten spielte Johanna Klinckerfuß allerdings nicht nur das klassisch-romantische Konzertrepertoire sowie aktuelle Kompositionen, sondern setzte sich auch mit älteren Werken auseinander. Dabei experimentierte sie gemeinsam mit ihrem Mann mit älteren Tasteninstrumenten. So konzertierte sie z. B. am 8. November 1882 in Stuttgart mit Werken von Georg Friedrich Händel, Johannes Brahms, Johann Sebastian Bach, Robert Schumann, Eugène d’Albert, Adolf Henselt, Frédéric Chopin, Franz Liszt und aktuellen Kompositionen unter der Leitung von Ferdinand Hummel und interpretierte dabei drei Tänze von Johann Sebastian Bach auf einem zweimanualigen Cembalo von Friedrich Ring aus dem Jahr 1700, das ihr Mann aufwendig restauriert hatte: „Mittwoch den 8. November erfreute uns unsere treffliche einheimische Künstlerin, die Pianistin Frau Johanna Klinckerfuss in einer zu Gunsten der unter dem Protectorate der Königin stehenden Loga-Heilanstalt stattgefundenen Musik-Soirée mit ihren trefflichen Leistungen. Sie spielte die Variationen und Fuge über ein Thema von Händel von Brahms, Sarabande, Gigue und Bourée von Bach, sowie Piècen von Stark, Linder, Schumann, Grief, Albert, Henselt, Chopin und Liszt. Sie entfaltete wiederum alle die Vorzüge, welche wir bei dieser Künstlerin hervorzuheben stets in der angenehmen Lage sind; saubere, auf das feinste ausgebildete Technik – sie ist eine Schülerin Lebert’s und Pruckner’s –, geistige Beherrschung des Stoffes, Verschmähen aller äusserlichen Effectmittel. [...] Die Sarabande, Gigue und Bourée von Bach spielte Frau Klinckerfuss auf einem Clavicymbel von F. Ring vom Jahre 1700. Herr Klinckerfuss erwarb vor einiger Zeit dieses seltene Instrument und verwandte grosse Mühe und Fleiss darauf, dasselbe historisch treu wieder herzustellen. [...] Nicht unerwähnt soll die treffliche Begleitung des Herrn Hofmusikus Hummel sein.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 13. Dezember 1882, Sp. 800f.) Die Tochter Margarethe Klinckerfuß berichtete später in ihren Memoiren, dass Johanna Klinckerfuß in den 1880er Jahren auf diesem Instrument historische Musikabende in echtem Rokokokostüm gab und dabei die Konzertprogramme aus alten Handschriften und Drucken aus der umfangreichen Sammlung Apollo Klinckerfuß’ (s. unten) zusammenstellte (vgl. Klinckerfuß 1948, S. 19).


    Anfang des Jahres 1885 vertrat Johanna Klinckerfuß ihren ehemaligen Lehrer Sigmund Lebert während einer längeren Krankheit als Lehrende am Stuttgarter Konservatorium (vgl. Biographisches 1885). Sie wurde vom württembergischen König Karl zur königlich-württembergischen Hofpianistin ernannt und erhielt die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 19. Februar 1885, S. 113). Im selben Jahr unternahm sie mehrere Konzertreisen und trat dabei u. a. zwei Mal in den Leipziger Euterpe-Konzerten sowie in Hamburg auf. Bei einem Leipziger Euterpe-Konzert im Februar 1885 spielte Johanna Klinckerfuß Anton Rubinsteins Klavierkonzert d-Moll (op. 70), Adolf Henselts „Sextenetüde“ Fis-Dur, Johann Sebastian Bachs „Chromatische Fantasie und Fuge“ d-Moll (BWV 903) sowie Frédéric Chopins Etüde cis-Moll (op. 25 Nr. 7). Ein Rezensent des „Musikalischen Wochenblatts“ schrieb über das Konzert: „Das 8. ‚Euterpe‘-Concert war Eines der gelungensten in dieser Saison. [...] Die Solovorträge lagen in den Händen der kgl. württembergischen Hofpianistin Frau Johanna Klinckerfuss: Ihr Vortrag des Rubinstein’schen Dmoll-Concertes war eine fulminante Leistung. Musste man auch öftere Unreinheiten des Spiels, à la Rubinstein, mit in den Kauf nehmen, so gestaltete sich doch der Vortrag des Concertes zu einem namentlich in virtuoser Hinsicht hochbedeutenden. Die Technik der Dame ist eminent und mit ihr verbindet sich eine seltene Kraft und Energie des Spiels. Es wird ihr wohl kaum eine andere Clavierspielerin der Jetztzeit den letzten Satz des Rubinstein’schen Concertes in gleicher Bravour nachzuspielen vermögen. Möchte die hochbegabte Künstlerin bei einem hoffentlich bald sich wiederholenden Auftreten in Leipzig jene künstlerische Ruhe bewahren, ohne die eine vollendete Ueberwindung aller technischen Schwierigkeit nicht möglich ist.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 5. März 1885, S. 137) Weniger begeistert zeigte sich die Musikkritik – im Gegensatz zum Publikum – bei ihrem zweiten Auftritt in den Leipziger Euterpe-Konzerten Ende 1885, bei dem sie u. a. Ludwig van Beethovens Klavierkonzert G-Dur (op. 58) und Robert Schumanns „Carnaval“ (op. 9) spielte: „Weniger glücklich, als gelegentlich ihres ‚Euterpe‘-Auftretens im vor. Winter, fand sich die Pianistin Frau Klinckerfuss aus Stuttgart, die Solistin des Abends, diesmal mit ihren Aufgaben ab. Sowohl das Gdur-Concert von Beethoven, als Schumann’s Carnaval klangen stellenweise etwas nüchtern, das Beethoven’sche Poëm liess ausserdem Manches an richtiger Phrasirung zu wünschen übrig. Das Spiel der sonst so trefflichen Künstlerin litt offenbar unter augenblicklicher Indisposition. Das Publicum urtheilte anders und zeichnete die Gastin durch warmen Beifall aus.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 20. Dezember 1885, S. 639)


    Trotz ihres hohen Bekanntheitsgrades sind Konzerte und weitere Tätigkeiten von Johanna Klinckerfuß bislang nur vereinzelt zu belegen. Die wenigen Berichte zeigen jedoch, dass sie bis mindestens 1913 im öffentlichen Konzertleben als Solistin und Kammermusikerin präsent blieb. So spielte sie z. B. in der Saison 1886/87 Franz Liszts Klavierkonzert Es-Dur in den Abonnementskonzerten der Stuttgarter Königlichen Hofkapelle und trat in Konzerten des dortigen Tonkünstlervereins auf (vgl. „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 17. August 1887, S. 377f.). Ende der 1880er, Anfang der 1890er Jahre spielte sie mit der Stuttgarter Hofkapelle Edvard Griegs Klavierkonzert a-Moll (op. 16) unter der Leitung des Komponisten. 1895 begleitete Johanna Klinckerfuß im Stuttgarter Tonkünstlerverein die Sängerin Emma Hiller in Liedern von Robert Franz und Felix Mendelssohn Bartholdy, und die „Musikpädagogischen Blätter“ urteilten über das Konzert: „Die sämmtlichen Leistungen des Abends tragen den Stempel künstlerischer Vollendung.“ („Musikpädagogische Blätter“ 1895, S. 77) Gemeinsam mit einem weiteren Franz Liszt-Schüler, dem Hofkapellmeister Karl Pohlig, regte sie 1901 die Errichtung eines Franz-Liszt-Denkmals in den Stuttgarter Schlossanlagen an, das der Bildhauer Adolf Fremd erstellte. Hierfür fand am 9. Dezember 1901 ein Konzert statt, in dem Johanna Klinckerfuß, ihre Tochter Margarethe Klinckerfuß und die Sängerin Hertha Ritter gemeinsam mit der Stuttgarter Hofkapelle unter der Leitung von Karl Pohlig auftraten. Im Oktober 1903 wurde das Denkmal aufgestellt und mit einer Aufführung von Franz Liszts „Die heilige Elisabeth“ eingeweiht (vgl. „Zeitschrift der internationalen Musikgesellschaft“ 3 [1901/02], S. 109; Brief von Johanna Klinckerfuß an Lina Ramann vom Oktober 1903, Goethe- und Schillerarchiv Weimar, Sign.: 59, 375, 2; Klinckerfuß 1948, S. 157f.) Im Frühjahr 1913 konzertierte Johanna Klinckerfuß nach wie vor und gab z. B. gemeinsam mit dem Wendling-Quartett Kammermusikabende in Stuttgart (vgl. „Die Musik“ 12 [1913], Bd. 3, S. 63).


    Johanna Klinckerfuß starb am 12. Dezember 1924 in Ludwigsburg.

    Würdigung

    Die Pianistin Johanna Klinckerfuß war über viele Jahrzehnte im Stuttgarter Musikleben präsent und galt dabei als herausragende Solistin und Kammermusikerin, die nicht nur mit älterer Musik sowie dem klassisch-romantischen Repertoire vertraut war, sondern sich darüber hinaus auch für zeitgenössische Komponisten und deren Werke einsetzte.


    Gemeinsam mit ihrem Mann führte Johanna Klinckerfuß in Stuttgart eines jener „Musikhäuser des alten Stuttgart“, wie Grete Busch es nannte, in denen MusikerInnen und LiteratInnen regelmäßig zu Gast waren. Als besonders anregend galten dabei die Sammlungen von Apollo Klinckerfuß, die neben einer umfassenden Bibliothek älterer Musik auch ein Cembalo von Friedrich Ring aus dem Jahr 1700 enthielten.

    Rezeption

    Eine Rezeption der Tätigkeiten von Johanna Klinckerfuß findet derzeit (April 2009) nicht statt. Lediglich in Zusammenhang mit Forschungen zu Hugo Wolf wird ihr Name regelmäßig genannt (vgl. z. B. Draheim 1996; Suppan 2007).

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Johanna Klinckerfuß kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Von den folgenden Werken sind Aufführungen belegt:


    Bach, Johann Sebastian. Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll, BWV 903

    Bach, Johann Sebastian. Sarabande, Gigue und Bourée (keine Präzisierung möglich)


    Beethoven, Ludwig van. Konzert für Klavier und Orchester G-Dur, op. 58


    Chopin, Frédéric. Etude cis-Moll, op. 25 Nr. 7


    Fritze, Wilhelm. „Veränderungen“ für Klavier solo, op. 20


    Grieg, Edvard. Konzert für Klavier und Orchester a-Moll, op. 16


    Henselt, Adolf. Sextenetüde Fis-Dur


    Liszt, Franz. Konzert für Klavier und Orchester Es-Dur


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Klaviertrio d-Moll, op. 49


    Rubinstein, Anton. Klavierkonzert d-Moll, op. 70


    Schumann, Robert. Andante und Variationen für zwei Klaviere B-Dur, op. 46

    Schumann, Robert. Carnaval, op. 9

    Schumann, Robert. Klavierquartett E-Dur, op. 47

    Schumann, Robert. Klavierquintett Es-Dur, op. 44


    Ihr Repertoire umfasste ferner Werke von Georg Friedrich Händel, Domenico Scarlatti, Carl Maria von Weber, Johannes Brahms, Eugène d’Albert und Franz Liszt sowie von mehreren jungen zeitgenössischen Komponisten.

    Quellen

    Dokumente


    Stiftung Weimarer Klassik. Goethe- und Schillerarchiv Weimar. Brief von Johanna Klinckerfuß an Lina Ramann vom Oktober 1903, Sign.: 59, 375, 2.



    Literatur


    Artikel „Klinckerfuß, Johanna“. In: Das goldene Buch der Musik. W. Speeman (Hg.). Berlin, Stuttgart: Verlag von W. Speemann, 1900.


    Artikel „Klinckerfuß, Johanna“. In: Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon. Paul Frank (Hg.). 12. Aufl., bearb. von Wilhelm Altmann. 1926 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Klinckerfuß, Johanna“. In: Illustriertes Musiklexikon. Hermann Abert (Hg.). 1927 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Klinckerfuß, Johanna“. In: Musiklexikon. Hugo Riemann (Hg.), 11. Aufl., bearb. von Alfred Einstein. 1929 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Klinckerfuß, Johanna“. In: Lexikon der Frau. Bd. 2. (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Klinckerfuß, Johanna“. In: Deutsche Biographische Enzyklopädie. Walther Killy (Hg.). Bd. 5. 1997 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Biographisches. Johanna Klinckerfuss. In: Musikalisches Wochenblatt vom 16. Juli 1885, S. 369.


    Busch, Grete. Fritz Busch. Dirigent. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1970.


    Draheim, Joachim. Hugo Wolf in Stuttgart. In: Hugo Wolf. Briefe an Hugo Faißt. Joachim Draheim, Susanne Hoy (Hg.). Tutzing: Schneider, 1996, S. 11-86.


    Klinckerfuß, Margarethe. Aufklänge aus versunkener Zeit. Urach: Port-Verlag, 1948.


    Schilling, Ulrike. Philipp Spitta: Leben und Wirken im Spiegel seiner Briefwechsel: mit einem Inventar des Nachlasses und einer Bibliographie der gedruckten Werke. Kassel u. a.: Bärenreiter, 1994.


    Schmieder, Wolfgang (Hg.). Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke von Johann Sebastian Bach. Wiesbaden: Breitkopf & Härtel, 1990.


    Schumann, Clara/Brahms, Johannes. Briefe aus den Jahren 1853-1896. Berthold Litzmann (Hg.). Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1927.


    Suppan, Wolfgang. Wolfiana in der „Sammlung Wamlek“, Graz. In: Österreichische Musikzeitschrift 15 (1960).


    Suppan, Wolfgang. Artikel „Klinckerfuß (Familie)“. In: Hugo Wolf Enzyklopädie. Ernst Hilmar (Hg.). Tutzing: Hans Schneider, 2007, S. 224f.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Allgemeine musikalische Zeitung vom 4. Juni 1879, Sp. 360f.

    Allgemeine musikalische Zeitung vom 29. Dezember 1880, Sp. 827.

    Allgemeine musikalische Zeitung vom 12. April 1882, Sp. 236.

    Allgemeine musikalische Zeitung vom 13. Dezember 1882, Sp. 800f.


    Die Musik 12 (1913), Bd. 3, S. 63.


    Musikalisches Wochenblatt vom 30. Mai 1873, S. 332.

    Musikalisches Wochenblatt vom 7. November 1873, S. 642.

    Musikalisches Wochenblatt vom 27. Januar 1881, S. 68.

    Musikalisches Wochenblatt vom 19. Februar 1885, S. 113.

    Musikalisches Wochenblatt vom 5. März 1885, S. 137.

    Musikalisches Wochenblatt vom 20. Dezember 1885, S. 639.


    Musikpädagogische Blätter 1895, S. 77.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 17. August 1887, S. 377f.


    Zeitschrift der internationalen Musikgesellschaft 3 (1901/02), S. 109.

    Forschung

    Die Lebenserinnerungen der Tochter von Johanna Klinckerfuß, Margarethe Klinckerfuß, enthalten viele Erzählungen und Dokumente über die Familie (s. Klinckerfuß 1948); als wissenschaftliche Quelle sind sie jedoch aufgrund der labilen Persönlichkeit Margarethe Klinckerfuß’ nur mit sehr viel Vorsicht zu verwenden (vgl. hierzu auch Draheim 1996, S. 12; Suppan 2007, S. 224f.).


    Sowohl Johanna Klinckerfuß’ Tochter Margarethe Klinckerfuß als auch ihre Enkelin Leonore Klinckerfuß wirkten als Pianistinnen.


    Im Nachlass von Hans Wamlek in Graz befindet sich eine so genannte „Klinckerfuß-Mappe“, die mehrere Ergänzungen zur Autobiografie von Margarethe Klinckerfuß enthält (vgl. Suppan 1960; Suppan 2007).

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Johanna Klinckerfuß umfasst ihre Biografie sowie alle ihre Tätigkeiten. Besonders interessant wäre hier ein übergreifender Blick auf die ersten Absolventinnen des Stuttgarter Konservatoriums, das zur Studienzeit von Johanna Klinckerfuß erst seit wenigen Jahren bestand (vgl. hierzu auch die Artikel zu Anna Mehlig und Irma Steinacker). Ebenso interessant wäre es, ausgehend von der Villa Klinckerfuß, das Stuttgarter Musikleben zwischen 1880 und 1920 näher zu untersuchen.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 171192594
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 1012279197

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 5. November 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 16.11.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Johanna Klinckerfuß“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 16.11.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Johanna_Klinckerfuß