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  • Jennifer Walshe

    von Torsten Möller
    Die Performerin Jennifer Walshe
    Namen:
    Jennifer Walshe
    Lebensdaten:
    geb. in Dublin, Irland
    Tätigkeitsfelder:
    Komponistin, Interpretin, Performerin
    Charakterisierender Satz:

    „When I was a kid I wanted to imitate noises. So that was the very immediate way being connected with the sound. And still now I find myself doing that. I do like that there is no intermediary.“


    („Als ich noch ein Kind war, wollte ich Geräusche imitieren. So war ich direkt mit den Klängen verbunden. Auch heute verfahre ich so: ich mag es, wenn es keinen ,Vermittler’ gibt.“)


    Aus einem Interview des Autors für eine Porträtsendung im DeutschlandRadio (Januar 2005).


    Profil

    Jennifer Walshe ist als Komponistin und Vokalperformerin seit 2000 vor allem im Bereich der Ensemblemusik bekannt geworden. Sie ist beeinflusst durch experimentelle amerikanische Musik, jedoch auch durch Helmut Lachenmann und dessen Musique concrète instrumentale, die bei Walshe eine unorthodoxe und extreme Stimmen- und Instrumentenbehandlung mit sich brachte. Vor allem durch ihre teils extremen Vokaltechniken wirft Walshe Fragen zu geschlechtsspezifischer Wahrnehmung und zur Semiotik auf. Eruptives Stöhnen und Schreien scheint oftmals auf sexuelle Erregungszustände zu verweisen, wobei Walshe selbst ihre Konzentration auf die akustischen Ereignisse „an sich“ betont.

    Orte und Länder

    Jennifer Walshe wurde in Dublin geboren und begann an der Royal Scottish Academy of Music ihr Kompositionsstudium. 1997 zog sie nach Chicago und studierte weiter an der dortigen Northwestern University. 2003 kam sie nach Deutschland. Zuerst nach Stuttgart und ab 2004 nach Berlin. Heute lebt sie in New York.

    Biografie

    Jennifer Walshe wurde 1974 in Dublin geboren und entstammt einem künstlerisch geprägten Elternhaus. Ihre Mutter ist Schriftstellerin und ihr Vater Kunsthistoriker. Walshe begann zwar mit dem Trompeten-Spiel, schrieb sich jedoch bald im Fach Komposition an der Royal Scottish Academy of Music in ihrer Geburtsstadt ein. Nach ihren dortigen Studien bei Kevin Volans und John Maxwell Geddes zog sie 1997 nach Chicago, um an der Northwestern University bei Amnon Wolman und Michael Pisaro ihr Studium fortzusetzen.

    Besonders der Unterricht bei Wolman, der Walshe zum improvisatorischen und unorthodoxen Einsatz ihrer Stimme ermutigte und führte, sollte sie besonders prägen. Zudem fällt in die Zeit ihres Amerika-Aufenthalts eine dezidierte Beschäftigung mit der Genderforschung, die Walshe auch für die Komposition adaptierte. So zählt neben der Klangsemantik, die besonders in „here we are now“ für Stimme, Posaune, Cello und Perkussion (2002) an Bedeutung gewann, ihre besondere Beschäftigung mit den Klangcharakteristika von Frauenstimmen zu den einflussreichen Erfahrungen, die Walshe in Chicago machte (vgl. hierzu: KunstMusik – Schriften zur Musik als Kunst, Köln 2005, S. 49 - 52). Zudem betont Walshe den Einfluss durch Helmut Lachenmann, der sich primär im geräuschhaften Einsatz der Instrumente manifestiert.

    Durch zwei Stipendien gelangte Walshe nach Deutschland: 2003 verbrachte sie an der Akademie Schloss Solitude in der Nähe von Stuttgart, 2004 wurde ihr ein DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) Stipendium verliehen, das sie nach Berlin führte. Heute lebt Walshe als freischaffende Komponistin in Berlin.

    Würdigung

    Walshes Kompositionen leben vor allem von erfrischender Experimentalität und Improvisation. In ihren oftmals stark expressiven Werken adaptiert die Irin Erkenntnisse der Semantik sowie der Genderforschung. Die Werke Jennifer Walshes sind zwischen Improvisation, komponierter Musik und Performance-Kunst anzusiedeln.

    Während ihres Studiums in Chicago begonnene Improvisations-Sessions mit dem Geiger Jon Chen führten im Jahr 2000 zu der Komposition mit dem irischen Titel „as mo cheann“ für Stimme und Violine. Äußerst vital wirken hier die improvisierten Dialoge, von ekstatischen Momenten ist sowohl die Stimme als auch die Geigenpartie gekennzeichnet.

    Eine frische und unakademische Erkundung ihrer stimmlichen Möglichkeiten behielt Walshe bei: In dem 20-minütigen, während der Donaueschinger Musiktage uraufgeführten „here we are now“ für Stimme, Posaune, Cello und Perkussion (2002) dominiert über weite Strecken ein repetitives Stöhnen, das sexuell konnotiert scheint. Zum Ausdruck kommt hier unter anderem der Einfluss der Gesangstechniken aus der Rocksphäre – Walshe betont ihr Interesse an der Musik von PJ Harvey, Björk, Kim Deal und den Breaders – und das Interesse an Theorien einer geschlechtsspezifischen Wahrnehmung von Klängen und Geräuschen.

    Fragen der Gender-Studies sind auch in der multimedialen „Barbie-Opera“ „XXX_LIVE_NUDE_GIRLS!!!“ für zwei Vokalistinnen, Klarinette, Posaune, Akkordeon, Cello, zwei Puppenspieler und Zuspielband (2003) angesprochen. In dem in Wien uraufgeführten Werk steht das Spiel mit Barbiepuppen, den zu Plastik geronnenen Symbolen männlicher Schönheitsideale, im Zentrum. Walshe macht hier auf die Problematik weiblicher Prägung, Inszenierung, aber auch Unterdrückung aufmerksam. Einer per Sprecher kommentierten Vergewaltigungsszene folgt eine volkstümliche Melodie – ein bitterböser Ausdruck der Verharmlosung sexueller Übergriffe in der Gesellschaft.

    Rezeption

    Jennifer Walshe trat seit 2000 bei größeren Festivals in Erscheinung, unter anderem bei den Darmstädter Ferienkursen, den Wittener Tagen für Neue Kammermusik und den Donaueschinger Musiktagen.

    Walshe kritisiert die Rezeption ihrer Werke, die ihrer Meinung nach an der Komponistenintention vorbeigehe. So sei es unter anderem nicht ihre Absicht, sexuelle Assoziationen hervorzurufen, sondern ihre Konzentration gelte weitestgehend dem geräuschhaften Einsatz der Stimme „an sich“. Grundsätzlich sieht sie sich als doppelte Außenseiterin: als Frau in einer männerdominierten Szene, aber auch als in Irland Geborene.

    Werkverzeichnis

    A. Vokalmusik


    „Sixteen Haiku“ für Mezzosopran und Klavier, 1992


    „your name here“ für Stimme, 1998


    „exercise“ für Stimme, Violine, Viola, Perkussion und Klavier, 1999, UA Chicago 1999


    „as mo cheann“ für Stimme und Violine, 2000, UA Darmstadt 2000


    „warm/cold“ für zwei Sprecher und diverse Alltagsgegenstände (CD-Spieler, Mixer, Holzkiste etc.), 2001


    „NOW WASH YOUR HANDS“ für Stimme, Cello und zwei DJs, 2001, UA Chicago 2002


    „Ná déan NÍL CEAD“ für Stimme und Streicher, 2001, UA Witten 2002


    „moving in/love song/city front garden with old men“ für Tenor und Klavier, 2001, UA Amsterdam 2002


    „here we are now“ für Stimme, Cello, Posaune und Percussion, 2002, UA Donaueschingen 2002


    „Happiness is a warm gun“ für Stimme, 2002


    „dirty white fields“ für Stimme und Violine, 2002, UA Dublin 2002


    „been in a room and a room and a room and a room“ für Gesangsquartett (SATB), 2002, UA Dublin 2002


    „XXX_LIVE_NUDE_GIRLS!!!“ für zwei Vokalistinnen, Klarinette, Posaune, Akkordeon, Cello, zwei Puppenspieler und Zuspielband, 2003, UA Wien 2003


    „he wants his cowboys to sound like how he thinks cowboys should sound“ für Mezzosopran, Counter-Tenor, Tenor, Bariton und Bass, 2003


    „Kommander Kobayashi # 17“ für drei Frauenstimmen, zwei Männerstimmen, Posaune, zwei Schlagzeuger, Klavier, Viola, Cello, Video, Diaprojektoren und CD-Spieler, 2004, UA Hamburg 2005



    B. Instrumentalmusik


    Orchester:


    „Overtone“ für Blasorchester, 1997


    „small small big“ für Blasorchester, vier Schlagzeuge und Kontrabass, 2001


    „movement 5“ für Streichorchester, 2002, UA Killaloe 2002



    Kammermusik:


    „Twelfth Night“ für zwei Altsaxophone, Tenor- und Baritonsaxophon, 1992


    „cease to resist“ für Flöte und Harfe, 1996


    „Universal Neorth“ für zwei Trompeten, Horn und zwei Posaunen, 1997


    „i slowly suspect my dog is turning into a retrograde amine“ für Violine, Flöte, Klarinette, Schlagzeug und Klavier, 1997


    „Composizione 110140“ für Violine, Klarinette, Altsaxophon, Fagott, Horn, Perkussion, 1997


    „:blurt“ für zwei Violinen, Viola und Cello, 1997


    „isH“ für Violine und Flöte, 1998


    „(rows of houses)“ für zwei Gitarren und Kontrabass, 1998


    „(rows of houses)“ für zwei Gitarren und Posaune, 1998, UA Chicago 1998


    „(five short pieces)“ für Saxophon-Quartett und Stimmen, 1998, UA Chicago 1998


    „running and running and running and running“ and für Flöte, Trompete, Viola, Cello und Klavier, 1999, UA Dublin 2000


    „need nothing to deep“ für Fagott, zwei Viola und Cello, 1999, UA Glasgow 1999


    „like glass in a mirror on a window pane“ für Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn, 2000, UA Dublin 2000


    „unbreakable line. hinged waist“ für Flöte, Oboe, Klarinette, Violine, Viola, Cello, Schlagzeug und Klavier, 2002, UA Darmstadt 2002


    „theme from“ für Violine und Klavier (mit Walkie-Talkies und E-Bogen), 2002, UA Huddersfield 2002


    „minard/nithsdale“ für Streichquartett, 2003, UA Miami 2003

    „THIS IS WHY PEOPLE O.D. ON PILLS/AND JUMP FROM THE GOLDEN GATE BRIDGE“ für ein bis zehn Instrumente oder Stimmen, 2004. UA Ensemble-Version: Freiburg 2004


    „a sensitive number for the laydeez“ für Alt-Saxophon, Viola, Percussion, Klavier und Video, 2004, UA Chicago 2004



    Solowerke:


    „retina“ für Sopran-Blockflöte, 1997


    „glow“ für präpariertes Klavier, 1998


    „THIS IS WHY PEOPLE O.D. ON PILLS/AND JUMP FROM THE GOLDEN GATE BRIDGE“ für beliebiges Instrument, 2004, UA Wien 2004



    C. Elektroakustische Musik


    „Split“ für Trompete und Tonband, 1997


    „they could laugh smile“ für Posaune und Tonband, 1999, UA Dublin 2002


    „piece/by/“ für Tonband, 1999, UA Chicago 1999



    (Die Werke von Jennifer Walshe sind nicht über einen Verlag erhältlich, sie können jedoch beim irischen Contemporary Music Centre, www.cmc.ie, bestellt werden.)

    Quellen

    a) Eigene Schriften


    Jennifer Walshe. Popular Timbre Family Trees, in: KunstMusik – Schriften zur Musik als Kunst, Köln 2005, S. 49-52



    b) Sekundärliteratur


    Heißenbüttel, Dietrich. An den Rändern der Konvention. In: Neue Zeitschrift für Musik, 1.2005, S. 52


    Möller, Torsten. Art. Jennifer Walshe, in: Komponisten der Gegenwart, 29. Nachlieferung (Juni 2005)


    Möller, Torsten; Stäbler, Gerhard; Shim, Kunsu (Hg.). SoundVisions, Saarbrücken, Pfau, 2005 (enthält auf den Seiten 298 und 299 einen Abdruck einer Partiturseite von „here we are now“ sowie einen Abdruck von Walshes Notizbuch, in dem sie Ideen zum Werk festhielt)



    c) Rundfunksendungen


    Möller, Torsten. Falsche Fährten und Barbiepuppen – Porträt der irischen Komponistin und Stimmperformerin Jennifer Walshe, Sendung: DeutschlandRadio am 8. Februar 2005



    d) Diskografie


    „Contemporary Music from Ireland“. Contemporary Music Centre - CMC CD04. („unbreakable line. hinged waist”)


    „European Young Generation“. Edition Zeitklang EZ 21019. („A sensitive number for the laydeez”)



    e) Links


    www.milker.org

    Diese Website bietet eine ausführliche englische Biographie und nähere Informationen zu eigenen Werken, u.a. zu THIS IS WHY PEOPLE O.D. ON PILLS/AND JUMP FROM THE GOLDEN GATE BRIDGE, zu XXX_LIVE_NUDE_GIRLS!!! und zu dirty white fields.


    www.cmc.ie

    Das irische Contemporary Music Center präsentiert neben einer Biographie der Komponistin ein ausführliches Werkverzeichnis. Partituren und CDs können hier online bestellt werden.


    www.freitag.de/2005/04/05041802.php

    In diesem, in der Ost-West Wochenzeitung erschienenen Artikel berichten Hajo Toppius und Anna Stark über ein Porträtkonzert von Jennifer Walshe, das Anfang 2005 während des Berliner Festivals Ultraschall stattfand. Auch die „Opern-Saga“ Kommander Kobajashi wird hier erwähnt.

    Forschung

    Das Oeuvre von Jennifer Walshe ist bisher kaum in das Blickfeld der Musikwissenschaft geraten. Einige journalistische Betrachtungen liegen in Form von Konzertrezensionen oder Porträts der Künstlerin vor. Letztere bieten allerdings meist einen wenig detaillierten Überblick über biografische Fakten und Ästhetik.

    Forschungsbedarf

    Da tiefer gehende Analysen kaum vorliegen, wäre die musikwissenschaftliche Aufarbeitung des Oeuvres oder zumindest ausgewählter Kompositionen ein dringlicher Forschungsbedarf. Zudem sind Walshes Werken Fragen der Gender Studies förmlich eingeschrieben. Besonders aufschlussreich dürfte die Auseinandersetzung mit den musiksemiotischen Erwägungen sein. So könnte eine rezeptionsorientierte Untersuchung ausgewählter Kompositionen Walshes – bisher ungeprüfte – Thesen stärken oder relativieren.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 56354422
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 132572672
    Library of Congress (LCCN): no2005103880
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Torsten Möller, 3. Juni 2005


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 03.06.2008


    Empfohlene Zitierweise

    Torsten Möller, Artikel „Jennifer Walshe“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 3.6.2008.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Jennifer_Walshe