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  • Isabella d' Este Gonzaga

    von Sabine Meine
    Tiziano: Ritratto di Isabella d’Este
    Namen:
    Isabella d' Este Gonzaga
    Geburtsname: Isabella d' Este
    Lebensdaten:
    geb. in Ferrara, Norditalien
    gest. in Mantua, Norditalien
    Tätigkeitsfelder:
    Markgräfin, Mäzenin, Musikliebhaberin, Kunstsammlerin, Förderin.
    Charakterisierender Satz:

    ”la primadonna del mondo”.

    Niccolò da Correggio, Hofmann, -dichter und Soldat in Ferrara und andere Hofmänner über Isabella d’Este Gonzaga. (Brief von Alessandro da Baesso an Isabella d’Este Gonzaga, 24. November 1494. Archivio di Stato Mantova, Fondo Gonzaga.)


    ”Her abilities, if contemporaneous accounts are to be believed, were outstanding not in the simple fact that she was a moderately proficient amateur musician, but rather in the degree of her accomplishments and in the central role music took in her life. Her own letters and those of others show plainly that music rapidly became for her an idée fixe, and, as she mastered the art, an essential part of her self-image.”

    (William Prizer: ”Una ‘virtù molto conveniente a madonne’: Isabella d’Este as a musician”. In: The Journal of Musicology Vol. XVII 1, Winter 1999, S. 10-49, S. 12.)


    ”Wenn man zeitgenössischen Berichten Glauben schenkt, waren ihre Fähigkeiten außerordentlich, und zwar nicht, weil sie eine mäßig geschickte Amateurmusikerin war, sondern vielmehr wegen des Niveaus ihrer Leistungen und der zentralen Rolle, die Musik in ihrem Leben einnahm. Ihre eigenen Briefe und die anderer zeugen in umfassender Weise davon, dass Musik für sie bald zum zentralen Bezugspunkt ihres Lebens wurde. Da sie diese Kunst beherrschte, wurde Musik zudem zu einem wesentlichen Teil ihres Selbstbildes.”

    (William F. Prizer: ”Una ‘virtù molto conveniente a madonne’: Isabella d’Este as a musician”. In: The Journal of Musicology Vol. XVII 1, Winter 1999, S. 10-49, S. 12. Übersetzung: Sabine Meine)


    Profil

    Als Tochter von Herzog Ercole d’Este wurde Isabella d’Este in Ferrara umfassend musikalisch ausgebildet und baute als Gattin von Francesco Gonzaga II. den Hof von Mantua zu einem Musik- und Kunstzentrum aus, in dem sie selbst die zentrale Rolle spielte. Über die Kontakte zu namhaften Dichtern, Hofmännern und –damen sowie (meist italienischsprachigen) Musikern förderte sie besonders die Gattung der Frottola, volkssprachige Strophenlieder, die meist zur Laute vorgetragen wurden. Die Popularität und Entwicklung der Gattung in der italienischen Hofkultur zwischen 1500 und 1520 wurde durch das damals neue musikalische Druckwesen begünstigt. Isabella d’Este Gonzagas Interesse an Petrarca und petrarkistischer Dichtung bewirkte, dass ein höherer Anspruch an Poesie und Dichtung herangetragen wurde.

    Die Musikförderung Isabella d’Este Gonzagas ist paradigmatisch für eine Renaissancefürstin, die nicht über eine Kapelle, aber über einen eigenen Hofstab mit einzelnen, solistisch oder in kleinen Ensembles agierenden Musikern verfügte und selbst Musik ausübte. Ihr hoher Anspruch an Musik und deren zentrale Rolle in ihrer höfischen Selbstdarstellung überschritt das moderate Maß, dass von einer Hofdame ihrer Zeit erwartet wurde. Demnach sollte die Musikausübung möglichst tugendhaft und unauffällig bleiben; nur auf Aufforderung durfte sich eine Hofdame musikalisch präsentieren (Castiglione III, 8).

    Orte und Länder

    Isabella d’Este Gonzaga ist in einer Zeit am Hof von Ferrara aufgewachsen, als dieser für seine anspruchsvolle Musikpflege bereits überregional bekannt war; sie hielt die Beziehungen dorthin aufrecht, als sie in Mantua wirkte und pflegte von dort aus Kontakte nach Rom, Neapel, Venedig, Mailand und zu weiteren umliegenden Höfen.

    Biografie

    Isabella d’Este Gonzaga wurde 1474 in Ferrara als Tochter von Ercole I., Herzog von Ferrara und Modena und Eleonora d’Aragona in eine der führenden Fürstenfamilien der italienischen Renaissance hineingeboren. Sie nahm bei Johannes Martini (auch Zoanne, Ioannes Martino), einem anerkannten Kantor der väterlichen Kapelle, Gesangsunterricht, den sie nach der Heirat ab 1490 in Mantua fortsetzte. Zudem spielte sie ein Tasteninstrument, Laute (bzw. vihuela da mano), lira da braccio und viola da gamba.

    1490, mit 16 Jahren, wurden sie mit Francesco Gonzaga II. verheiratet und zog nach Mantua, wo sie als Markgräfin über fast vier Jahrzehnte das Ansehen des dortigen Hofes durch ein umfassendes Mäzenatentum in Musik, Kunst und Dichtung stärkte. In Mantua hatte Isabella d’Este Gonzaga einen eigenen Hofstab. Unter den Musikern war Bartolomeo Tromboncino der damals führende Frottolist, d.h. Sänger, Lautenist und Komponist; er diente ihr nach 1490 bis 1505 als persönlicher Musiker. Danach stand ihr Marchetto Cara, ein weiterer namhafter Frottolist, zur Verfügung, der auch am Hof ihres Gatten Francesco Gonzaga II. wirkte. Ebenso waren der Lautenist und Violaspieler Testagrossa (zwischen 1495 und 1503), ein Organist, ein Tastenspieler und ein anonymer Pfeifer und Trommler an ihrem Hof angestellt; zudem kam es zu Aufenthalten reisender Musiker.

    Isabella d’Este Gonzagas Musikförderung und Selbstverständnis lebte von dem persönlichen Kontakt zu Literaten und Hofmännern, die in Mantua, in Ferrara oder mobil zwischen verschiedenen Höfen wirkten und oft zu ihren Ehren Poesie verfassten, so z.B. die Literaten Niccolò da Correggio, Giangiorgio Trissino, Antonio Tebaldeo, Galeotto del Carretto, die Humanisten Mario Equicola, eigentlich Caccialupi, und Pietro Bembo.

    Mit der Heirat wurde Isabella d’Este Gonzaga in Mantua eine eigene Wohnung im Palazzo Ducale zugewiesen, in der sie gezielt ihre Kunstförderung ausbaute. Hier empfing sie Besucher zur Besichtigung ihrer Kunstsammlung, hier wurde Musik und Dichtung aufgeführt. Ganz bewusst erfolgte in diesen Räumen die Ausgestaltung mit musikbezogenen Wanddekorationen, Wappen, Emblemen und Gemälden.

    Für die höfische Kulturpolitik spielten Feste eine bedeutende Rolle, u.a. der jährliche Karneval oder Hochzeiten, die Isabella d’Este Gonzaga für die musikalische Selbstinszenierung nutzte. Als Francesco Gonzaga II. 1519 starb, trat der erste Sohn aus der Ehe mit Isabella d’Este Gonzaga sein Erbe an, der als Federico Gonzaga II. (1500-1540) 1530 die Herzogswürde erlangte. Isabella d’Este Gonzaga hatte weitere fünf Kinder. Sie starb 1539.

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    Isabella d’Este Gonzaga wurde am 17. März 1474 in Ferrara als Tochter von Ercole I. (1431-1505), dem 2. Herzog von Ferrara und Modena, und Eleonora d’Aragona († 1493) in eine der anerkanntesten Fürstenfamilien der italienischen Renaissance hineingeboren. Musikförderung spielte für die Este seit Jahrzehnten eine vorrangige kulturpolitische Rolle; bereits Fürst Leonello d’Este hatte in den 1440er Jahren eine Kapelle eingerichtet, um das Ansehen seines Hofes gegenüber wesentlich mächtigeren Herrschern jenseits der Alpen aufzuwerten. Unter der Regentschaft von Isabella d’Este Gonzagas Vater Ercole d’Este (1471-1505) und dem Einfluss ihrer Mutter Eleonora d’Aragona (gest. 1493), die am sizilianischen Königshof in Neapel eine ebenso intensive Musikpflege kennen gelernt hatte, gewann Musik als Repräsentationskunst und als Bildungsgut weiter an Ansehen. Ab den 1480er Jahren war die Ferrareser Kapelle die größte in Italien. Alle Fürstenkinder (Isabella, Ippolito, Alfonso, ab 1505 Fürst von Ferrara, und Beatrice) erhielten eine musikalische Ausbildung: Isabella d’Este hatte bei Johannes Martini (auch Zoanne, Ioannes Martino), einem namhaften Kantor der väterlichen Kapelle, Gesangsunterricht, den sie nach der Heirat ab 1490 in Mantua fortsetzte: 1492 zunächst bei dem französischen Sopran Carlo Lannoy, kurzzeitig bei zwei Kontraalten, später bei einem weiteren Sopran; sicherlich war letzteres Isabella d’Estes Stimmlage. Im Gegensatz zur Improvisationskunst, die ein hohes Maß an Professionalität erforderte, lernte Isabella d’Este das Singen gemäß der schriftlichen Tradition der ”oltremontani” (der Musiker jenseits der Alpen meist flämischer Herkunft) ”nach Buch”. Zudem spielte sie ein Tasteninstrument. Vermutlich hatte sie bei dem Ferrareser Organisten Girolamo da Sestola, genannt ”La Coglia”, zwischen 1490 und 1493 Unterricht auf dem Clavichord. Das Lautenspiel, damals oft das erste Instrument in der Ausbildung, kannte Isabella d’Este zwar bereits aus Ferrara, wo die berühmten Lautenisten Pietro Bono und Rainaldo in ihrer Jugend tätig waren. Laute zu spielen erlernte sie aber erst nach ihrer Heirat bei dem namhaften Lautenisten Testagrossa, der mindestens in der Zeit zwischen 1492 und 1503 von Zeit zu Zeit in Mantua war. Ihr Instrument war eine vihuela da mano, die der Lautenbauer Lorenzo da Pavia in den späten 1490er Jahren für sie bestellte. Mit Streichinstrumenten, der lira da braccio und der viola da gamba, rundete sie ihre praktische Musikausbildung ab.

    Nachdem Isabella d’Este bereits im Alter von sechs Jahren mit Francesco Gonzaga II. verlobt worden war, fand zehn Jahre später, 1490, in Ferrara deren Hochzeit statt, durch die sie für fast vier Jahrzehnte Markgräfin von Mantua wurde und das Ansehen des dortigen Hofes durch ein umfassendes Mäzenatentum in Musik, Kunst und Dichtung stärkte.

    In Mantua führte Isabella d’Este Gonzaga einen eigenen Hofstab. Unter ihren Musikern galt Bartolomeo Tromboncino als damals berühmtester Frottolist, d.h. Sänger, Lautenist und Komponist. Er kam bereits kurz nach der Heirat 1490 nach Mantua und stand Isabella d’Este Gonzaga bis 1505 als persönlicher Musiker zur Verfügung. Marchetto Cara, ein weiterer namhafter Frottolist, wirkte spätestens seit 1494 ebenso in Mantua, zunächst als Hofmusiker von Isabella d’Este Gonzagas Gatten Francesco Gonzaga. Nach Tromboncinos Weggang an den Nachbar- und Konkurrenzhof von Lucrezia Borgia in Ferrara, Isabella d’Este Gonzagas Schwägerin, diente Cara fortan als Isabella d’Estes Musiker, der allerdings weiterhin ebenso an Francesco Gonzagas Hof wirkte. 1510 wurde Cara Kapellmeister am Hof des Fürsten und wirkte in Mantua bis zu seinem Tod 1525. An weiteren Musikern am Hof Isabella d’Este Gonzagas konnten der bekannte Lautenist und Violaspieler Testagrossa (zwischen 1495 und 1503), ein Organist, ein Tastenspieler und ein anonymer Pfeifer und Trommler nachgewiesen werden. Des weiteren ist davon auszugehen, dass Isabella d’Este Gonzaga für besondere Anlässe auch auf Musiker aus der Kapelle ihres Mannes zurückgriff.

    Anfang 1497, nach dem Tod der Schwester Beatrice d’Este Sforza, konnte Isabella d’Este Gonzaga gemeinsam mit ihrem Mann den Dichter-Musiker Serafino Ciminelli dall’Aquila (l’Aquilano) vom Mailänder Hof abwerben und über anderthalb Jahre in Mantua verpflichten. Die Gonzaga hatten ihn bereits im Januar 1495, zur Karnevalssaison engagiert; er war damals Autor und Interpret einer ”Rappresentatione allegorica” politischer Funktion.

    Isabella d’Este Gonzagas Musikförderung und Selbstverständnis lebte von dem persönlichen Kontakt zu namhaften Literaten und Hofmännern, die in Mantua, in Ferrara oder zwischen verschiedenen Höfen wirkten und oft zu ihren Ehren Poesie verfassten. Umfangreiche Korrespondenzen und Huldigungsgedichte zeugen davon. Der Ferrareser Hofdichter Niccolò da Correggio (1450-1508) hat bei der Etablierung petrarkistischer Dichtung in Norditalien eine zentrale Rolle gespielt. Vier seiner Sonette in einem heute verlorenen Manuskript beziehen sich direkt auf Isabella d’Este Gonzaga als musizierende Lautenistin. Mario Equicola, eigentlich Caccialupi, wird als vertrautester Berater unter den der Fürstin bekannten Humanisten angesehen. Bevor er 1508 als Lateinlehrer und Sekretär in Isabella d’Este Gonzagas Dienste ging, verfasste er 1501 einen Traktat ”De mulieribus” (”Über die Frauen”), in dem er in der Tradition Boccaccios den Begriff der Frau verteidigt und dazu das längste Porträt Isabella d’Este Gonzaga widmet.

    Isabella d’Este Gonzaga bemühte sich ebenso um den Kontakt zu Pietro Bembo; 1505 folgte er ihrer Einladung nach Mantua und erlebte eine ihrer musikalischen Darbietungen, woraufhin er ihr eigene Dichtungen schickte, die sie vertonen lassen und aufführen sollte. In Giangiorgio Trissinos ”Ritratti” (1514 geschrieben, 1524 gedruckt) wird Isabella d’Este Gonzagas musikalisches Profil, ihr Mäzenatentum wie ihr eigenes Musizieren, als Höhepunkt inszeniert.

    Mit der Heirat wurde Isabella d’Este Gonzaga in Mantua eine eigene Wohnung im Palazzo Ducale zugewiesen, in der sie gezielt ihre Kunstförderung ausbaute. In den Anfangsjahren befanden sich diese Räume im ”piano nobile” des Castello di San Giorgio; ab 1515 ließ sie sich ihre Räumlichkeiten im Parterre der Corte Vecchia ausbauen, deren Ausgestaltung 1522 abgeschlossen war. Das Kernstück dafür waren jeweils zwei kleinere Räume, ein ”studiolo” und eine ”grotta”, die sich in ihrer Architektur von den anderen abhoben durch aufwendigere Holzverkleidungen und illusionistische Intarsienarbeiten, die den Eindruck von Intimität und Gelehrsamkeit vermittelten. Hier empfing Isabella d’Este Gonzaga Besucher zur Besichtigung ihrer Kunstsammlung, hier wurde Musik und Dichtung vorgetragen. Ganz bewusst erfolgte in diesen Räumen die Ausgestaltung mit musikbezogenen Wanddekorationen, Wappen, Emblemen und Gemälden. Dafür beauftragte sie u.a. Andrea Mantegna, Pietro Perugino und Giancristoforo Romano.

    Für die höfische Kulturpolitik spielten Feste eine bedeutende Rolle, u.a. der jährliche Karneval oder Hochzeiten, die Isabella d’Este Gonzaga für die musikalische Selbstinszenierung nutzte. Auf den Hochzeitsfeierlichkeiten ihrer Schwägerin Lucrezia Borgia mit ihrem Bruder Alfonso d’Este im Februar 1502 in Ferrara musizierte sie zusammen mit Marchetto Cara vor dem französischen Botschafter. Dabei trug sie eine Kleidung, die die musikalische Symbolik ihrer persönlichen Räumlichkeiten wiedergab.

    In Kriegszeiten, in denen Francesco Gonzaga II. meist für Venedig gegen Frankreich kämpfte, vertrat Isabella d’Este Gonzaga die politischen Geschäfte ihres Mannes. Nachdem sich Francesco Gonzaga II. ab 1513 nach Mantua zurück zog, hielt er auch Isabella d’Este Gonzaga von Staatsgeschäften fern. Nach seinem Tod 1519 trat der erste Sohn sein Erbe an, der als Federico Gonzaga II. (1500-1540) 1530 die Herzogswürde erlangte. Isabella d’Este Gonzaga hatte weitere fünf Kinder: Die älteste Tochter Eleonora (1494-1570) war mit Francesco Maria della Rovere I., Herzog von Urbino, verheiratet; Ercole (1505-1563) wurde 1527 Kardinal; Ferrante (1507-1557) schlug eine militärische Laufbahn ein; die zwei weiteren Mädchen Ippolita (1501-1570) und Livia (1508-1569) lebten im Kloster. Isabella d’Este Gonzaga starb 1539 in Mantua.

    Würdigung

    Die Musikpraxis der Isabella d’Este Gonzaga entsprach in der Vollständigkeit des für die weltliche Musik nötigen Instrumentariums geradezu modellhaft den höfischen Tugenden, die Baldessare Castigliones im ”Buch vom Hofmann” forderte (1528 gedruckt, aber bereits zwischen 1514-18 verfasst). Sie sang (nach Noten), spielte Laute, Streichinstrumente und erlernte zudem ein Tasteninstrument. Diese Praxis war in ein umfassendes Konzept höfischer Selbstinszenierung eingebunden, das Isabella d’Este Gonzagas Mäzenatentum vor anderen norditalienischen Höfen auszeichnete und somit von kulturpolitischem Interesse war: Musik, vermittelt durch Isabella d’Este Gonzaga gewidmete Dichtungen, Vertonungen, Räumlichkeiten und Ikonografien stärkte ein Image, das in Intensität und Charakter über das von Hofdamen erwartete moderate Maß hinaus ging. Vielmehr inszenierte sich Isabella d’Este Gonzaga der antiken Tradition folgend als Regentin, die sich in Zeiten der Muße durch Musik stärkte. Die Konkurrenz zu benachbarten Höfen, auch zu verwandtschaftlich nahen und befreundeten, war auch in diesem Bereich hoch; Kontakte wurden über Korrespondenzen, Berichterstatter, Besuche, Feste und nicht zuletzt den Austausch von Musikern intensiv gepflegt.

    Der Grundstein für Isabella d’Este Gonzagas Musikförderung wurde in Ferrara gelegt, wo der Ausbildung der Fürstenkinder große Bedeutung zugemessen wurde. Als Patron der über einige Zeit größten Kapelle Italiens förderte Ercole d’Este Musik als zentrales Mittel der höfischen Repräsentation und Bildung. Nach der Heirat Isabella d’Este Gonzagas 1490 erwies sich die Nähe zwischen Mantua und Ferrara als günstig für den Ausbau ihres Hofes zu einem Musik- und Kunstzentrum. Musiker, Dichter und Künstler waren Isabella d’Este Gonzaga in Dienst- oder Auftragsverhältnissen verpflichtet oder aber über die höfische Strategie der Gunst (”favore”) verbunden.

    Isabella d’Este Gonzagas Leidenschaft für die Musik und ihr Interesse an anspruchsvoller petrarkistischer Dichtung hatten Einfluss auf die Gattung der Frottola. In den elf Frottolenbüchern von Ottaviano Petrucci, die zwischen 1504 und 1514 (in Venedig) erschienen, bilden Vertonungen von Bartolomeo Tromboncino (1491 bis (spätestens) 1506 Hofmusiker Isabella d’Este Gonzagas), und Marchetto Cara (1494 bis 1525 Hofmusiker in Mantua) den Hauptanteil der Gattung. Wie sich die komplexeren Gedichtvorlagen konkret auf die Frottola-Entwicklung auswirken, kann über die zahlreichen Petrarca-Vertonungen im letzten Petrucci-Buch (Nr. 11 von 1514) hinaus auch an Bembo-Gedichten gezeigt werden, die ebenda und in Petruccis 7. Buch eingegangen sind.

    Die von Isabella d’Este Gonzaga geförderte Gattung der Frottola ist die erste weltliche Gattung italienischer Sprache, die im Druck vorlag und sich durch ein Wechselspiel zwischen dichterischen und musikalischen Impulsen entwickelte. Ihre Musikförderung ist somit als wegweisend für die nachfolgende Gattung des Madrigals zu verstehen, die um 1530 in anderen Wirkungszentren (Florenz, Rom) entstand und von anderen Musikern vertreten wurde.

    Quellen

    Archive, Bibliotheken (Auswahl)


    Archivio di Stato Mantova, Fondo Gonzaga (ca. 40.000 Briefe zwischen 1491 und 1539; Inventarlisten des studiolo und der grotta).


    Archivio di Stato Modena, Fondo D’Este (Korrespondenzen mit Ferrareser Höfen).


    Bayrische Staatsbibliothek München (Frottolenbücher 1-11 (Nr. 10 ist verloren) von Ottaviano Petrucci im Original und in Kopie).


    Biblioteca Comunale di Mantova (Ms. mit italienischen poesie musicale).


    Biblioteca Estense Universitaria, Modena (Ms. von weltlichen Kompositionen; ikonografische Genealogie der Fürsten d’Este).


    Ikonografische Quellen


    Palazzo Ducale Mantova: sala imperiale, besonders Grotta, Studiolo und geheimer Garten der Isabella d’Este Gonzaga in der corte vecchia, (Musikbezogene Intarsien, Wappen und Symbole; samstags Besichtigung möglich).


    Ehemalige Ausstattung des studiolo:


    Costa, Lorenzo: Krönung der Isabella. Tempera und Öl auf Leinwand, 165x198 cm, Paris, Musée du Louvre, Départment des Peintures.


    Ders: Das Reich des Comus, Tempera auf Leinwand, 152,2x238,5 cm, Paris, Musée du Louvre, Départment des Peintures.


    Mantegna, Andrea: Minerva vertreibt die Laster aus dem Garten der Tugend. Tempera auf Leinwand 160x192 cm, Paris, Musée du Louvre, Départment des Peintures.


    Ders.: Parnass. Tempera auf Leinwand 160x192 cm, Paris, Musée du Louvre, Départment des Peintures.


    Perugino, Pietro: Kampf der Keuschheit gegen die Wollust. Tempera auf Leinwand 158x180 cm, Paris, Musée du Louvre, Départment des Peintures.


    Porträts:


    Anononymes Porträt der Isabella d’Este. Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie.


    Da Vinci, Leonardo: Porträt der Isabella d’Este. Paris, Musée du Louvre.


    Romano, Gian Christoforo (zugeschrieben): Büste der Isabella d’Este (sic),Terrakotta, Lugano, Sammlung Thyssen-Bornemisia.


    Ders.: Medaille von Isabella d’Este, ca. 1505, Wien, Kunsthistorisches Museum, Münzkabinett.


    Rubens, Peter Paul: Isabella in rot, 1605, Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie.


    Tizian: Porträt der Isabella d’Este. Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie.


    Literatur und Quellen


    Moderne Notenausgaben (Auswahl, chronologisch)


    Petrucci, Ottaviano. Frottole, Buch I und IV, hg. v. Rudolf Schwartz, Leipzig 1935 (Publikationen älterer Musik 8. Jhrg.)


    Rubsamen, Walter: Literary sources of secular Music in Italy (ca. 1500). University of Califormia (Bibl. Im Music Vol. 1) Berkeley und L.A. 1943, Anh.


    Petrucci, Ottaviano: Le Frottole, Vol. I (libri I, II, III), transkribiert v. Gaetano Cesari, hg. v. Raffaello Monterosso, Einleitung v. Benvenuto Disertori, Cremona 1954.


    Canzoni sonetti strambotti et frottole libro tertio (1513). Faksimile Druck. Hg. v. Biblioteca musica Bononiensis, Ltg. Giuseppe Vecchi, Univ. Bologna (Abteilung IV, Nr. 51) 1970.


    Luisi, Francesco: Frottole di B. Tromboncino e M. Cara ”per cantar et sonar col lauto”. Kritischer Essay und Transkriptionsauswahl. Istituto di Paleografia Musicale. Roma: Torre d’Orfeo 1987 (=Pubblicazioni del Corso Superiore di Paleografia e Semiografia musicale dall’ Umanesimo al Barocco: Studi e testi; 1)


    Gallico, Claudio. Rimeria musicale italiana nel Rinascimento. Lucca 1996.


    Petrucci, Ottaviano: Le frottole Petrucci. Le edizioni dal 1504 al 1514. Dipartimento di Storia delle Arti Visive e della Musica, Università di Padova: Cleup 1997 und 1998 (bisher erschienene Bände 11, 9 und 8)


    Literarische Quellen/moderne Ausgaben


    Equicola, Mario. De mulieribus. Ferrara 1501.


    Trissino, Giangiorgio. I Ritratti. Rom 1524.


    Calmeta, Vincenzo. Prose e lettere edite e inedite, a cura di Cecil Grayson, Bologna 1959.


    Castiglione, Baldassare (1528). Il libro del Cortigiano. Hg. v. Walter Barberis, Torino: Einaudi 1998.


    Castiglione, Baldassare (1528). Das Buch vom Hofmann, übersetzt und hg. v. Fritz Baumgart, München 1986.


    Zambotti, Bernardino und anon. I Diari ferraresi. Hg. v. Ludovico Muratori. In: Rerum italicarum scriptores. Tomo XXII, parte VII. Bologna 1934-37.


    Tissoni Benvenuti, Anna. Opere di Niccolò Correggio. Bari 1969.


    Bembo, Pietro. Lettere. Edizione critica, Hg. v. Ernesto Travi (= Collezione di opere inedite o rare, pubblicate dalla Commissione per i testi di lingua, vol. 141), Vol. I (1492-1507), Bologna 1987.


    Sekundärliteratur


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    Chledowski, Casimir von. Der Hof von Ferrara. München 1934.


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    d’Arco, Carlo. ”Notizie di Isabella d’Este, moglie a Francesco Gonzaga.” Archivio storico italiano, Appendice II 1845, S. 300-310.


    Einstein, Alfred. Das italienische Madrigal. 3 Bde. Princeton 1949 (mit zahlreichen Notenbeispielen).


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    Schmidt, Lothar. ”Cara, Marchetto”. In MGG (2), Personenteil 4, Kassel 2000, Sp. 160.


    Diskografie/Rundfunksendungen


    The Cradle of the Renaissance: Italian Music from the time of Leonardo da Vinci (1452-1519). Works by Marchetto Cara, Alexander Agricola, Joan Cornago, Leonardo Giustiniani, Heinrich Isaac, Poliziano and others. Sirinu. Hyperion Records, London 1995, CDA66814.


    Vergine bella, Italian Renaissance Music. Carolyn Sampson, Soprano, Clare Wilkinson, contralto, Julian Podger, Tenor, Robert Meunier, Lute/director, vocal ensemble, lute, Chaconne Digital, Chandos Records LTD Colchester 2002, Chan 0683.


    Il Rinascimento – Il Primo Seicento. Renaissance and Baroque music in Lombardy. G. Zambon (countertenor) und Renaissancemusikensemble, Nuova Era Records, Milano 1991.


    Music for Isabella. Konzert von Musica antiqua of London v. 15.11.2002, Tage alter Musik Herne, Aufzeichung des WDR.

    Forschung

    Dass sich Ferrara und Mantua Ende des 15. Jahrhunderts zu neuen Zentren der höfischen Musik herausbildeten, wurde in der Fachliteratur schon früh auf den persönlichen Einfluss von Isabella Gonzaga d’ Este zurückgeführt. Bereits Walter Rubsamen wies auf ihre Nähe zu einzelnen Literaten und Humanisten und eine dadurch bedingte Nobilitierung der ”poesia per musica”, die im Kontext der Petrarca-Mode zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine Gattungsveränderung bewirkte und die Claudio Gallico 1995 summarisch für die Frottolensammlungen Petruccis aufzeigte. (Gallico hatte sich bereits Anfang der 1960er Jahre speziell Isabella d’Este Gonzagas Beziehung zur ”poesie per musica” gewidmet, dabei Einsteins Thesen zur Vertonung eines ihrer Gedichte korrigiert und eine Mantuaner Sammlung an zu vertonenden Gedichten kritisch kommentiert.) Sie alle konnten bereits auf den Pionierarbeiten von Luzio/Renier, den um 1900 maßgeblichen Spezialisten des Gonzaga-Hofs dieser Zeit und des Bembo-Forschers Vittorio Cian aufbauen, die das Archivio Gonzaga erstmalig umfangreich gesichtet hatten. William Prizer schließlich hat das musikalische Profil der Fürstin im Detail herausgearbeitet, ihre musikpraktische Ausbildung anhand der Quellen recherchiert und dabei v.a. deutlich gemacht, dass die von ihr geförderte oder selbst ausgeübte Praxis im umfassenden Sinn identitätsstiftend für die Fürstin war.

    Forschungsbedarf

    Obwohl die Bedeutung des Musikmäzenatentums von Isabella d’Este Gonzaga bereits in den 1940er Jahren in der Musikforschung erkannt wurde, fehlen Einzeluntersuchungen im Zusammenhang mit folgenden Aspekten der Kulturgeschichte zwischen 1500 und 1530:

    - der kompositorischen Entwicklung der weltlichen, italienischsprachigen Vokalmusik in den ersten Jahrzehnten des Druckwesens,

    - der sprachpolitischen Entwicklung hin zur Normierung des Italienischen, wie sie etwa in Bembos ”Prose della volgar lingua” (1525) formuliert wird,

    - der Rolle von Hofdamen bzw. Regentinnen für die Popularisierung weltlicher, volksprachlicher Musik (mangels Kapelle konzentrierten sich Fürstinnenhöfe auf die Pflege weltlicher, kleinbesetzter Musik),

    - der Frage des Austauschs und der Konkurrenz zwischen vergleichbaren Mäzeninnen. Die Erforschung von weniger bekannten zeitgenössischen Musikmäzeninnen steht noch weitgehend aus, z.B. Eleonora d’Aragona Este (Isabellas Mutter), Beatrice d’Este Sforza/Mailand (Isabellas Schwester), Elisabetta Gonzaga/Urbino (Isabellas Schwägerin), Lucrezia Borgia/Ferrara (Isabellas Schwägerin), aber auch des Verhältnisses zwischen Fürstinnen- und Fürstenhof.

    Der Vergleich mit anderen norditalienischen Höfen vereinfacht u.U. die Quellenlage: Zwar ist die Korrespondenz Isabella d’Este Gonzagas äußerst umfangreich, weitgehend gut erhalten und lesbar, es fehlt aber an Rechnungsbüchern, so dass die Struktur ihres Hofes nur bedingt zu erschließen ist. Umgekehrt sieht es etwa im Fall des Hofes von Lucrezia Borgia aus, wo Korrespondenzen relativ unergiebig, aber umfangreiche Rechnungsbücher für einige Jahre vorhanden sind. Isabella d’Este Gonzagas Wirken als Kunstsammlerin und –mäzenin ist durch die Kunst- und Literaturwissenschaften bereits weitgehend erschlossen.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 19679190
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 11855591X
    Library of Congress (LCCN): n50082054
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Sabine Meine, die Grundseite wurde im Januar 2004 verfasst.

    Übersetzung: Trevor Pichanick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Sophie Fetthauer und Meredith Nicollai
    Zuerst eingegeben am 26.05.2004
    Zuletzt bearbeitet am 06.03.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Sabine Meine, Artikel „Isabella d' Este Gonzaga“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 6.3.2017
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Isabella_d\'_Este_Gonzaga