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    von Silke Wenzel
    Namen:
    Irma Steinacker
    Ehename: Irma Steinacker-Radetzki
    Varianten: Irma Steinacker-Radecki, Irma Radecki, Irma Radeçki
    Lebensdaten:
    geb. in Triest, Italien
    gest. in Greiz, Deutschland

    Das Geburtsdatum sowie das Sterbedatum von Irma Steinacker sind nicht bekannt. Sie wurde im Herbst 1847 geboren.
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Musikpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „Frau Irma von Radecki-Steinacker ist wie vor zehn Jahren, als sie in Leipzig öfter aufgetreten, noch heute eine schätzbare Pianistin.“


    („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 9. März 1887, S. 103)


    Profil

    Die Pianistin Irma Steinacker gehörte in den 1860er Jahren neben ihrer Kommilitonin Anna Mehlig zu den herausragenden Studentinnen des neugegründeten Stuttgarter Konservatoriums für Musik. Ab 1869 setzte sie ihr Klavierstudium bei Franz Liszt in Weimar fort und konnte sich gleichzeitig im deutschen Musikleben als Pianistin und Kammermusikerin etablieren. Nach einigen Jahren der Tätigkeit als Musikpädagogin in Aurora, USA, kehrte sie nach Europa zurück und wirkte weiterhin als Konzertpianistin.

    Orte und Länder

    Irma Steinacker wurde 1847 in Pest geboren. Sie wuchs bei Bekannten und Verwandten in Poprád und Pest auf. Von Anfang der 1860er Jahre bis 1868 studierte sie Klavier am Konservatorium für Musik in Stuttgart und setzte ab 1869 ihr Klavierstudium bei Franz Liszt in Weimar fort. Mit Wohnsitz in Weimar konzertierte sie bis Mitte der 1870er Jahre auch regelmäßig in Leipzig. Im Sommer 1876 nahm Irma Steinacker eine Stelle als Musiklehrerin in Aurora in der Nähe von New York an, kehrte jedoch zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Europa zurück und lebte mit ihrem Mann, dem Violoncellisten Carl v. Radetzki (von Radeçki) in Davos. Nach dessen Tod kehrte Irma Steinacker nach Ungarn zurück, lebte vorübergehend in Fiume und Budapest und ließ sich schließlich im thüringischen Greiz nieder. Sie starb 1895 in Greiz.

    Biografie

    Irma Steinacker wurde im Herbst 1847 in Triest geboren. Ihr Vater, Gustav Steinacker (1809-1877), hatte Theologie studiert und anschließend eine Stelle als Direktor eines höheren Mädcheninstituts in Debrezin (heute Debrecen) übernommen, bevor er als Pfarrer in wechselnden Städten, u. a. in Göllnitz, Triest und Buttelstedt, angestellt war. Die Mutter Aurelie Steinacker, geb. Westher, hatte bis zu ihrer Heirat als Erzieherin gearbeitet. Irma Steinacker war die einzige Tochter und das jüngste Kind von insgesamt vier Geschwistern. Ihre älteren Brüder waren Edmund Steinacker (geboren 1837 in Debrezin), Alexander Steinacker (geb. in Debrezin) und Arthur Steinacker (geb. in Göllnitz). Über den Umgang mit Musik in der Familie berichtete der älteste Bruder Edmund Steinacker in seinen „Lebenserinnerungen“, die 1937 in München erschienen: „Im Hause meiner Eltern, die beide schon in ihrer Jugend durch die Liebe zur Musik zusammengeführt worden waren, wurde eifrig Musik getrieben. Mein Vater besaß eine schöne Tenorstimme, die auch bei der Liturgie am Altar zu Geltung kam. Meine Mutter war eine gute Sängerin, spielte Klavier und Guitarre, und ein Kreis von tüchtigen Dilettanten pflegte in unserem Hause auch die Kammermusik. Ein Statthaltereibeamter, Dr. Rudolf Hirsch [...] als vorzüglicher Klavierspieler, ein Angehöriger der Wiener Juwelierfirma Köchert als vortrefflicher Violinspieler und ein Beamter, Ritter von Glaunach, als Cellospieler gaben ein schönes Trio ab. Meine Mutter gab mir Klavierunterricht, und als neun- bis zehnjähriger Knabe konnte ich mit Köchert ein Divertissement von Reißiger für Klavier und Violine bei einer Hausunterhaltung vorspielen.“ (Steinacker 1837, S. 3f.)


    Ob und wie lange auch Irma Steinacker von ihrer Mutter musikalisch ausgebildet wurde, ist unklar. Da sie das Triester Klima nicht vertrug, wurde sie noch als Kind bei einer befreundeten Familie in Poprád untergebracht und anschließend bei Verwandten in Pest erzogen. In den Jahren 1852/53 ließ sich die Familie – zunächst ohne Irma Steinacker – in Weimar nieder, wo der Vater die Leitung der Wernickschen Mädchenschule übernommen hatte und später eine Pfarrstelle im nahegelegenen Buttelstedt erhielt. In Weimar gehörte die Familie zum engeren Kreis um Franz Liszt, mit dem Gustav Steinacker sich angefreundet hatte.


    Von Anfang der 1860er Jahre bis 1868 studierte Irma Steinacker am neugegründeten Musikkonservatorium in Stuttgart Klavier und wurde dort von Dionys Pruckner, einem Schüler Franz Liszts, und Sigmund Lebert in Klavier unterrichtet (vgl. Steinacker 1937, S. 30f.; S. 39). Neben ihrer Kommilitonin Anna Mehlig gehörte sie zu den herausragenden Pianistinnen der damaligen Aufbaujahre des Stuttgarter Konservatoriums, wie ihr Bruder später berichtete: „Meine Schwester Irma war nahe daran, ihre Studien an dem Konservatorium als – wie ihr Lehrer Lebert urteilte – zweitbeste Pianistin seit dessen Bestand (die beste war die berühmte Anna Mehlig ) zu beendigen.“ (Steinacker 1937, S. 52) Gemeinsam mit Anna Mehlig wechselte sie anschließend zu Franz Liszt nach Weimar, wo ihre Eltern lebten. Im März 1869 nahm sie ihr Studium auf und gehörte damit zu den ersten Studierenden in der Weimarer Hofgärtnerei. Franz Liszt schrieb am 16. März 1869 an Caroline Sayn-Wittgenstein aus Weimar, Irma Steinacker und Anna Mehlig gehörten zu seinen neuen Schülerinnen (Brief von Franz Liszt an Caroline von Sayn-Wittgenstein vom 16. März 1869, La Mara Liszt-Briefe, Bd. 6, S. 212).


    Mit Wohnsitz in Weimar konzertierte Irma Steinacker regelmäßig in Weimar und Leipzig sowie in der näheren Umgebung. So veranstaltete sie z. B. am 1. September 1870 in Weimar ein Konzert „zum Besten der verwundeten Krieger [...], welches den hohen Ertrag von 90 Thlr. ergab“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 16. September 1870, S. 603) und spielte am 19. Januar 1874 im Rahmen des Leipziger Zweigvereins des „Allgemeinen Deutschen Musikvereins“ gemeinsam mit dem Violoncellisten Jacques Rendsburg die Violoncellosonate d-Moll (op. 12) von Friedrich Gernsheim (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 30. Januar 1874, S. 62). Am 29. November 1874 gab Irma Steinacker eine Matinée im Blüthnerschen Saale in Leipzig, in welcher – der „Neuen Zeitschrift für Musik“ zufolge – „viel Werthvolles meist in guter Ausführung geboten wurde“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 11. Dezember 1874, S. 517f.). Auf dem Programm standen Frédéric Chopins Nocturne Es-Dur (op. 27), Robert Schumanns „Grillen“ aus den „Phantasiestücken“ (op. 12 Nr. 4), Franz Liszts „Gnomenreigen“ sowie Ludwig van Beethovens Klaviertrio D-Dur (op. 70) gemeinsam mit dem Geiger Robert Bollandt und dem Violoncellisten Johann Andreas Grabau, und das „Musikalische Wochenblatt“ berichtete unter Berufung auf das „Leipziger Tageblatt“, „dass die Concertgeberin den in den Claviersolostücken gestellten technischen Anforderungen in einer höchst ehrenwerthen Weise gerecht geworden sei, und anerkennt ausserdem den feinen Takt und die überlegene Ruhe, womit Frl. Steinacker in dem Ensemblespiel das Ihrige gethan habe.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 4. Dezember 1874, S. 602) In den folgenden beiden Jahren blieb Irma Steinacker im Leipziger Musikleben präsent und trat dabei mehrfach im Umfeld von Franz Liszt und dem „Allgemeinen Deutschen Musikverein“ auf. So spielte sie z. B. im Sommer 1875 bei einem weiteren Konzert des Leipziger Zweigvereins des „Allgemeinen Deutschen Musikvereins“ Robert Volkmanns Tondichtung „An Nelly“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 16. Juli 1875, S. 360), wirkte am 12. September 1875 im Leipziger Blüthnerschen Konzertsaal gemeinsam mit dem Sänger Eugen Gura und dem Violoncellisten Friedrich Grützmacher an einer Matinée mit, die zu Ehren Franz Liszts veranstaltet wurde (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 17. September 1875, S. 467), und trat am 2. Juli 1876 im Leipziger Gewandhaus im Rahmen des Abschiedskonzertes von Eugen Gura auf. Dort spielte sie gemeinsam mit Carl Reinecke das Allegro brillant A-Dur (op. 92) von Felix Mendelssohn Bartholdy (vgl. Dörffel 1884, S. 227).


    Der weitere Lebensweg von Irma Steinacker ist derzeit nur bruchstückhaft zu rekonstruieren: Am 11. August 1876 meldete die „Neue Zeitschrift für Musik“, Irma Steinacker verließe Deutschland, „um am 1. September eine Stellung in Aurora bei Newyork als Musiklehrerin in einem größeren Musikinstitute anzutreten.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 11. August 1876, S. 327) Spätestens im Jahr 1883 kehrte Irma Steinacker nach Europa zurück und heiratete den Violoncellisten Carl von Radecki (1842-1885), der zu dieser Zeit im Schweizer Davos lebte (Steinacker 1937, S. 134); das Ehepaar konzertierte mehrfach gemeinsam, wobei beide Ehepartner den Doppelnamen Radecki-Steinacker trugen. Im Jahr 1885 starb Carl von Radecki überraschend, und Irma Steinacker kehrte nach Ungarn zurück. Sie lebte zunächst in Fiume (damals Freistaat im Königreich Ungarn) und ließ sich dann in Budapest und später im thüringischen Greiz nieder (Steinacker 1937, S. 134, S. 215).


    Am 27. Februar 1887 trat Irma Steinacker nochmals in Leipzig auf und gab ein Konzert, bei dem sie ausschließlich Kompositionen ihres verstorbenen Mannes aufführte. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ berichtete: „Im alten Gewandhaussaale führte Frau Irma v. Radecki-Steinacker am 27. v. M. vor eingeladener und sehr dankbarer Zuhörerschaft eine Anzahl von Compositionen ihres im Sommer 1885 verstorbenen Gatten Carl von Radecki vor; eine ‚Frühlingssonate‘ zu 4 Händen [...], von ihr und Herrn Prof. Dr. Carl Reinecke vortrefflich auf einem wohllautgesättigten ‚Blüthner‘ zu Gehör gebracht. Zwei Claviersoli, ein Präludium und Fuge (Emoll), eine zweisätzige Fantasie und drei kleinere Charakterstücke für Violoncello (von Herrn Schulze, einem sehr tüchtigen Mitgliede des Theater- und Gewandhausorchesters beifallswürdig vorgetragen), eine düster gestimmte Ballade ‚Der Gebannte‘ und zwei liebliche Lieder für Tenor (von Herrn Georg Trautermann, dem geschätzten Concertsänger, eindrucksvoll gesungen) [...]. Frau Irma von Radecki-Steinacker ist wie vor zehn Jahren, als sie in Leipzig öfter aufgetreten, noch heute eine schätzbare Pianistin.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 9. März 1887, S. 103)


    Im Jahr 1888 inserierte Irma Steinacker mehrfach als Pianistin, z. B. in den „Signalen für die musikalische Welt“. Zu dieser Zeit lebte sie in der Idastrasse I,31 in Greiz und trug den Namen Irma von Radecki-Steinacker (vgl. z. B. „Signale für die musikalische Welt“ 1888, S. 1001, 1034 und passim).


    Irma Steinacker starb 1895 in Greiz (Steinacker 1937, S. 215).

    Würdigung

    Die Pianistin Irma Steinacker wurde in den 1860er Jahren von Dionys Pruckner, Sigmund Lebert und Franz Liszt hervorragend ausgebildet und konnte sich in der ersten Hälfte der 1870er Jahre in Weimar und Leipzig als Konzertpianistin etablieren. Dabei gehörte sie zum direkten Umfeld von Franz Liszt und dem „Allgemeinen Deutschen Musikverein“, von dessen Mitgliedern sie etliche Werke aufführte. In späteren Jahren widmete sie ihre Arbeit vor allem der Verbreitung von Kompositionen ihres früh verstorbenen Mannes Carl von Radecki.

    Rezeption

    Die Tätigkeiten Irma Steinackers werden derzeit (Mai 2009) nicht rezipiert (zur zeitgenössischen Rezeption vgl. Biografie).

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Irma Steinacker kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Zu den von ihr aufgeführten Werken gehörten zahlreiche Kompositionen ihres Mannes Carl von Radecki sowie:


    Beethoven, Ludwig van. Klaviertrio D-Dur, op. 70


    Chopin, Frédéric. Nocturne Es-Dur, op. 27


    Gernsheim, Friedrich. Sonate für Klavier und Violoncello d-Moll, op. 12


    Liszt, Franz. Gnomenreigen


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Allegro brillant A-Dur, op. 92


    Schumann, Robert. Grillen (aus den Fantasiestücken, op. 12 Nr. 4)


    Volkmann, Robert. An Nelly

    Quellen

    Literatur


    Artikel „Radeçki(-Steinacker), Carl Friedrich Johannes von“. In: Scheunchen, Helmut. Lexikon deutschbaltischer Musik. Wedemark-Elze: Hirschheydt, 2002, S. 203f.


    Dörffel, Alfred. Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881. Leipzig: Concert-Direction Gewandhaus, 1884.


    Liszt, Franz. Briefe. La Mara (Hg.). 8 Bde. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1902.


    Steinacker, Edmund: Lebenserinnerungen. München: Verlag Max Schick, 1937.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Musikalisches Wochenblatt vom 16. September 1870, S. 603.

    Musikalisches Wochenblatt vom 30. Januar 1874, S. 62.

    Musikalisches Wochenblatt vom 4. Dezember 1874, S. 602.

    Musikalisches Wochenblatt vom 16. Juli 1875, S. 360.

    Musikalisches Wochenblatt vom 17. September 1875, S. 467.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 11. Dezember 1874, S. 517f.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 11. August 1876, S. 327.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 9. März 1887, S. 103.

    Forschung

    Die 1937 erschienenen Lebenserinnerungen von Irma Steinackers Bruders Edmund Steinacker, der über viele Jahrzehnte als Politiker und Diplomat wirkte, geben einen umfassenden Einblick in die Geschichte der Familie Steinacker (vgl. Steinacker 1937).

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Irma Steinacker umfasst ihre Biografie sowie alle ihre Tätigkeiten.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 163368926
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 143319256

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 26. November 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 05.12.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Irma Steinacker“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 5.12.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Irma_Steinacker