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  • Irma Saenger-Sethe

    von Silke Wenzel
    Die Violinistin Irma Saenger-Sethe. Undatierte Fotografie von E. Bieber, Berlin/Hamburg.
    Namen:
    Irma Saenger-Sethe
    Geburtsname: Irma Sethe
    Varianten: Irma Saenger, Irma Sänger, Irma Sänger-Sethe, Irmgard Saenger-Sethe, Irmgard Sethe, Irmgard Saenger, Irmgard Sänger, Irmgard Sänger-Sethe
    Lebensdaten:
    geb. in Brüssel, Belgien
    gest. unbekannt in verm. New York, USA

    Sterbedatum und -ort und von Irma Saenger-Sethe sind bislang nicht bekannt (vermutlich nach 1958).
    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin
    Charakterisierender Satz:

    „In November, 1895, she made her first appearance in London, where she was pronounced to be, with the exception of Lady Hallé, the most remarkable lady violinist who had ever appeared before the public in England, and where her excellent technique, perfect intonation, warmth of feeling, and musical insight were highly, almost extravagantly, praised.”


    („Im November 1895 debütierte sie in England, wo man sie als die bemerkenswerteste Violinistin, die – mit Ausnahme von Lady Hallé – jemals in England öffentlich aufgetreten war, benannte, und wo ihre hervorragende Technik, perfekte Intonation, ihr warmes Spiel und ihre musikalische Tiefe stets in den höchsten Tönen als eine große Besonderheit gelobt wurden.“)


    (Henry Lahee über Irma Saenger-Sethe, in: Famous Violinists of To-day and Yesterday. 10. Aufl., Boston 1916, S. 336)


    Profil

    Die Violinistin Irma Saenger-Sethe wurde von Ottomar Jokisch und Eugène Ysaÿe in Brüssel ausgebildet. Nach ihrem Studienabschluss 1894 konnte sie sich zunächst im Londoner, ab 1898 im Berliner Musikleben als herausragende Geigerin etablieren und trat u. a. regelmäßig mit dem Berliner Philharmonischen Orchester auf. Sie gab gemeinsam mit Musikerinnen und Musikern wie den Pianisten Alfred Reisenauer, Walther Lampe und Moritz Mayer-Mahr, der Pianistin Erna Klein und den Violoncellisten Paul Ludwig und Otto Urack zahlreiche Kammermusikkonzerte in London und Berlin. Der Schwerpunkt ihres Repertoires lag dabei im wesentlichen auf den so genannten klassisch-romantischen Werken von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Camille Saint-Saëns und Max Bruch. In den 1910er Jahren zog sich Irma Saenger-Sethe weitgehend aus dem öffentlichen Musikleben zurück.

    Orte und Länder

    Irma Saenger-Sethe wurde 1876 in Brüssel geboren und studierte am dortigen Conservatoire Royal de Musique von 1890 bis 1894 Violine. In den Jahren 1895 bis 1897 konzertierte sie vorwiegend in London und ließ sich nach ihrer Heirat 1898 mit ihrem Mann Samuel Saenger in Berlin nieder. Mit Beginn der NS-Zeit 1933 wurde ihr Mann aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgt. Gemeinsam mit ihrer Familie floh Irma Saenger-Sethe über Frankreich (1938/39) ins US-amerikanische Exil nach New York (1941). Im Jahr 1958 lebte Irma Saenger-Sethe nach wie vor in New York.


    Konzerttourneen führten Irma Saenger-Sethe u. a. durch England, Deutschland, Irland, Belgien, Russland und die Schweiz.

    Biografie

    Irma Saenger-Sethe wurde am 28. April 1876 als Irma Sethe in Brüssel geboren. Sie erhielt ihre erste musikalische Ausbildung von der Mutter und wurde ab dem Alter von fünf Jahren von dem Brüsseler Geiger Ottomar Jokisch in Violine unterrichtet. Bereits im Alter von zehn Jahren trat Irma Saenger-Sethe bei einem Konzert in Marchiennes mit einem der Violinkonzerte von Charles-Auguste de Bériot sowie mit „Introduction et Rondo capriccioso“ (op. 28) von Camille Saint-Saëns öffentlich auf. Ein Jahr später konzertierte sie in Aachen, trat jedoch in den folgenden drei Jahren – Henry Lahee zufolge – nicht öffentlich auf, um ihre Gesundheit nicht zu gefährden. Sie setzte ihre musikalische Ausbildung bei Ottomar Jokisch fort und wurde zudem einen Sommer lang von dem Berliner Geiger August Wilhelmij unterrichtet.


    Von 1890 bis 1894 studierte Irma Saenger-Sethe Violine bei Eugène Ysaÿe am Conservatoire Royal de Musique in Brüssel. Dabei gewann sie nach acht Monaten Studium, mit 15 Jahren, den ersten Preis des Konservatoriums und vertrat zeitweise Eugène Ysaÿe in seinem Unterricht (zu ihrer musikalischen Ausbildung vgl. Lahee 1899, S. 333). Wie sehr Eugène Ysaÿe seine Schülerin schätzte, lässt sich u. a. daran ablesen, dass er Irma Saenger-Sethe bereits in ihrem ersten Studienjahr bei einem Konzert, in dem auch er mitwirkte, dem Londoner Publikum in der St. James’s Hall vorstellte: Am 6. Mai 1891 spielte sie dort einen Satz aus Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-moll (op. 64), Peter I. Tschaikowskys „Sérénade mélancolique“ b-Moll (op. 26) sowie Henri Wieniawskis „Première polonaise de concert“ D-Dur (op. 4) (vgl. Ankündigung in „The Times London“ vom 4. Mai 1891, S. 1). Die „London Times” rezensierte: „A young pupil of M. Ysaÿe’s, Mlle. Irma Sethe, played the first movement of Mendelssohn’s violin concerto with very remarkable vigour and accuracy; her tone is very rich, and she has adopted many of her master’s most striking characteristics with success.” („Eine junge Schülerin von M. Ysaÿe, Mlle. Irma Sethe, spielte den ersten Satz von Mendelsohns Violinkonzert mit bemerkenswerter Spannung und Genauigkeit; ihr Ton ist sehr klangvoll und sie hat etliche charakteristische Eigenschaften ihres Lehrers erfolgreich angenommen.“; „The Times London“ vom 8. Mai 1891, S. 1) Auch in einem Brief um 1900 formulierte Eugène Ysaÿe seine Wertschätzung Irma Saenger-Sethes. Der Komponist Jean-Théodore Radoux bat ihn, bei einem Violinwettbewerb des Pariser Conservatoire als Juror zu fungieren. Eugène Ysaÿe antwortete ihm: „Impossible à mon grand regret d‘être du jury pour le concours de violon (...). S’il vous manque quelqu’un, je ne pourrais trop vous recommander Mlle Irma Sethe, une maîtresse femme qui est en train de devenir une violiniste de premier rang. Une jolie femme fera bien mieux près d’un aimable Président comme vous qu’une figure triste et renfrognée comme je sais en faire une [...].” („Leider ist es mir nicht möglich, als Juror beim Violinwettbewerb mitzuwirken (...). Wenn Sie jemanden benötigen, könnte ich Ihnen Mlle Irma Sethe nicht genug empfehlen, eine Meisterin, die auf dem Weg ist, eine Geigerin ersten Ranges zu werden. Eine schöne Frau wird sich an der Seite eines freundlichen Präsidenten, wie Sie es sind, weitaus besser machen als eine traurige und mürrische Gestalt wie ich eine wäre [...]“, zit. n. Bouckaert 2001, S. 23; dort leider ohne genaue Datum- und Quellenangabe).


    Irma Saenger-Sethe schloss ihr Violinstudium am Brüsseler Konservatorium 1894 ab und konnte sich anschließend im internationalen Musikleben als Solistin und Kammermusikerin etablieren. Sie unternahm Konzerttourneen durch England, Deutschland, Irland, Belgien, Russland und die Schweiz und trat u. a. in den Londoner Symphony Concerts und den Abonnementskonzerten des Berliner Philharmonischen Orchesters unter Dirigenten wie George Henschel, Josef Rebiček und Bernhard Breuer auf. Bislang lassen sich jedoch im Wesentlichen Konzerte in London und Berlin belegen.


    Am 19. November 1895 gab Irma Saenger-Sethe ihr offizielles, eigenes Debütkonzert in der Londoner St. James’s Hall. Auf dem Programm standen Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll (op. 64), eine „Caprice“ von Ernest Guiraud und eine Sarabande und Gigue von Johann Sebastian Bach. Gustav Ernest dirigierte das Orchester, Marguerite Swale begleitete am Klavier: „Mdlle. Irma Sethe, a young Belgian violinist, and late a pupil of Ysaÿe in Brussels, made her first appearance in London on Tuesday night at St. James’s-hall [...]. Although even now much has been attained, it is rather as a violinist of very great promise than as a finished player of a high order that Mdlle. Sethe must at present be regarded. Her tone is not only sympathetic, but round and full, her intonation quite immaculate, and she plays with intelligence and real artistic feeling.” („Mdlle. Irma Sethe, eine junge belgische Geigerin und eine späte Schülerin von Ysaÿe in Brüssel, gab am Dienstag Abend ihr Debüt in London in der St. James’s Hall. [...] Auch wenn schon viel erreicht worden ist, muss Mdlle Sethe derzeit eher als ein vielversprechendes Talent als eine vollkommene Interpretin von hohem Rang angesehen werden. Ihr Ton ist nicht nur angenehm, sondern rund und voll, ihre Intonation weitgehend tadellos, und sie spielt mit Verstand und wirklicher künstlerischer Empfindung“; „The Times London“ vom 21. November 1895, S. 4) Weitere Londoner Konzerte folgten in der gleichen Saison: Irma Saenger-Sethe gab Ende November und Anfang Dezember 1895 zwei eigene Konzerte, bei denen sie gemeinsam mit dem Pianisten Alfred Reisenauer und dem Violoncellisten Paul Ludwig auftrat. Auf den Programmen standen u. a. Sätze aus Johann Sebastian Bachs Solopartiten h-Moll (BWV 1002) und d-Moll (BWV 1004), Violinsonaten von Ludwig van Beethoven (F-Dur, op. 24), Edward Grieg (F-Dur, op. 8) und César Franck (A-Dur, FWV 8), Henri Wieniawskis „Légende“ (op. 17) und Ludwig van Beethovens Klaviertrio B-Dur (op. 97) (vgl. „The Times London“ vom 30. November 1895, S. 9; vom 7. Dezember 1895, S. 4; „The Musical Times“ vom 1. Januar 1896, S. 24). Anfang Dezember 1895 spielte Irma Saenger-Sethe in den London Symphony Concerts Ludwig van Beethovens Violinromanze F-Dur (op. 50) unter der Leitung von George Henschel und war dabei in letzter Minute für die Geigerin Frida Scotta eingesprungen. („The Times London“ vom 6. Dezember 1895, S. 10) Bei weiteren Konzerten im März 1896 in London – einem Wohltätigkeitskonzert sowie einem Konzert der Royal Amateur Orchestral Society – spielte Irma Saenger-Sethe nochmals Henri Wieniawskis „Légende“ (op. 17) (vgl. „The Times London“ vom 23. März 1896, S. 9; vom 27. März 1896, S. 10).

    Auch in der Saison 1896/97 konzertierte Irma Saenger-Sethe in London. Sie trat am 6. November 1896 in der Londoner Queen’s Hall bei einem Walter Ford’s Afternoon Concert mit dem Pianisten Henry Bird auf (vgl. Concert Programmes Database), übernahm im Februar 1897 in einem Konzert der Pianistin Eleanor King den Violinpart in Joachim Raffs Klaviertrio G-Dur (op. 112) (vgl. „The Times London“ vom 15. Februar 1897, S. 3) und spielte im März 1897 bei einem Konzert des Violinisten und Komponisten Louis Hillier in der Londoner St. James’s Hall einige Violinsoli des Konzertgebers („The Times London“ vom 13. März 1897, S. 11). Unter der Leitung von Gustav Ernest konzertierte Irma Saenger-Sethe im Mai 1897 in der Londoner St. James’s Hall mit dem Violinkonzert h-Moll (op. 61) von Camille Saint-Saëns. Ihre Interpretation war – so der Musikkritiker der „London Times“ – „in every way masterly, the beauty of her style, her exquisite feeling, and rare fire being most striking, while technically it was quite irreproachable.” („... auf jegliche Art meisterhaft, die Schönheit ihres Stils, ihre außerordentliche Empfindungsgabe und ihr seltenes Temperament waren überaus eindrucksvoll, während [ihr Vortrag] technisch so gut wie tadellos war“; „The Times London“ vom 27. Mai 1897, S. 4). Über ihre Londoner Konzerte schrieb Henry Lahee 1899 zusammenfassend: „In November, 1895, she made her first appearance in London, where she was pronounced to be, with the exception of Lady Hallé, the most remarkable lady violinist who had ever appeared before the public in England, and where her excellent technique, perfect intonation, warmth of feeling, and musical insight were highly, almost extravagantly, praised.” („Im November 1895 debütierte sie [Irma Sethe] in England, wo man sie als die bemerkenswerteste Violinistin, die – mit Ausnahme von Lady Hallé – jemals in England öffentlich aufgetreten war, benannte, und wo ihre hervorragende Technik, perfekte Intonation, ihr warmes Spiel und ihre musikalische Tiefe stets in den höchsten Tönen als eine große Besonderheit gelobt wurden.“; Lahee 1899, S. 336)


    Im August 1898 heiratete Irma Saenger Sethe den Gymnasiallehrer, Journalisten, Sozialpolitiker und Diplomaten Samuel Saenger (1864-1944) und ließ sich mit ihrem Mann in Berlin nieder. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Elisabeth Saenger (geb. 1. Mai 1898) und Magdalene Saenger (geb. 26. August 1907) (vgl. auch Forschungsinformationen).


    Irma Saenger-Sethe setzte ihre künstlerische Laufbahn in Berlin fort. Sie debütierte am 24. November 1898 mit dem Berliner Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Josef Rebiček mit einem der Violinkonzerte von Henri Vieuxtemps, Ludwig van Beethovens Violinromanze F-Dur (op. 50) und Max Bruchs „Schottischer Fantasie“ (op. 46) in der Berliner Singakademie (vgl. Muck 1982, S. 72) und wurde von einem Rezensenten der „Neuen Zeitschrift für Musik“ in Anlehnung an die Pianistin Teresa Carreño als eine „‚in’s Geigenhafte‘ übersetzte Carreno“ bezeichnet (vgl. „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 7. Dezember 1898, S. 512). Bei weiteren Auftritten mit dem Berliner Philharmonischen Orchester spielte Irma Saenger-Sethe am 3. Februar 1900 unter der Leitung von Bernhard Breuer Violinkonzerte von Johannes Brahms (D-Dur, op. 77) und Max Bruch (g-Moll, op. 26) sowie die Violinromanze G-Dur (op. 40) von Ludwig van Beethoven, und konzertierte dort am 1. November 1902 unter der Leitung von Josef Rebiček mit dem Violinkonzert h-Moll (op. 61) von Camille Saint-Saëns, dem Violinkonzert d-Moll (op. 31) von Henri Vieuxtemps sowie dem „Poème“ für Violine und Orchester (op. 25) von Ernest Chausson (vgl. Muck 1982, S. 78; S. 88). Ein Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ schrieb über die Solistin: „Auf einer sehr hohen künstlerischen Stufe steht die Geigerin Frau Irma Sänger-Sethe. Seit ich sie nicht hörte, hat sie besonders in Auffassung und Klarheit der Wiedergabe enorme Fortschritte gemacht. Im Vortrag der Violinconcerte Hmoll von Saint-Saëns und Dmoll von Vieuxtemps leistete sie sowohl in Bezug auf energischen Strich als modulationsfähigen Ton Vortreffliches“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 26. November 1902, S. 643) Im Januar 1904 spielte Irma Saenger-Sethe – wiederum mit dem Berliner Philharmonischen Orchester – Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert Es-Dur (KV 268, Zuschreibung heute zweifelhaft), nochmals beide Violinromanzen von Ludwig van Beethoven und das Violinkonzert D-Dur von Johannes Brahms: „Würdig schloss sich ihren genannten männlichen Kollegen [Aldo Antonietti und Valerio Franchetti] am Sonnabend Frau Irma Saenger-Sethe an, wenn ich nach mir über ihre Wiedergabe von Mozarts Es dur- und Brahms’ D dur-Konzert, sowie der beiden Beethovenschen Romanzen zugegangenen Berichten urteilen darf. Vor allem soll das Brahmssche Werk eine durch souveräne Beherrschung der Technik, Temperament und Grosszügigkeit der Auffassung bemerkenswerte Reproduktion erfahren haben.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 20. Januar 1904, S. 59) Auch in der Saison 1909/10 trat Irma Saenger-Sethe nochmals mit dem Violinkonzert D-Dur von Johannes Brahms mit dem Berliner Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Ernst Kunwald auf (vgl. „Die Musik“ 9 [1909/10], Bd. 2, S. 119).


    In den 1900er Jahren war Irma Saenger-Sethe im deutschen Musikleben auch andernorts präsent und trat z. B. regelmäßig in verschiedenen Kammermusikformationen auf. So gab sie im Frühjahr 1903 in Berlin einen Duo-Abend gemeinsam mit dem Pianisten Waldemar Lütschg (vgl. „Zeitschrift der internationalen Musikgesellschaft“ 4 [1902/03], S. 401), spielte am 7. Dezember 1904 im Berliner Beethoven-Saal in einem Abonnementkonzert gemeinsam mit dem Pianisten Moritz Mayer-Mahr (vgl. Concert programmes database) und trat im Januar 1911 gemeinsam mit der Pianistin Erna Klein in Berlin u. a. mit Ludwig van Beethovens Violinsonate G-Dur (op. 30 Nr. 3) auf („Signale für die musikalische Welt“ vom 25. Januar 1911, S. 137). Zudem spielte Irma Saenger-Sethe ab ca. 1909 gemeinsam mit dem Pianisten Walther Lampe und dem Violoncellisten Otto Urack im so genannten „Berliner Kammerspieltrio“ und trat dabei auch im Duo mit dem Pianisten auf. So schrieb z. B. die Zeitschrift „Die Musik“ über das zweite Konzert des Ensembles in Berlin: „Einen schönen und anregenden Verlauf nahm das zweite Konzert des Kammerspiel-Trios [...], das nach je einem Trio von Beethoven und Mozart noch die d-Moll Sonate von Brahms op. 108 in besonders eindrucksvoller Weise brachte.“ (vgl. „Die Musik“ 9 [1909/10], Bd. 2, S. 380) Über ein Konzert in Weimar hieß es: „Das bekannte Berliner Kammerspieltrio von W. Lampe, Irma Saenger-Sethe und O. Urack bewies aufs neue, auf welch hoher Stufe diese von echt künstlerischem Geiste geleitete Vereinigung steht.“ („Die Musik“ 10 [1910/11], Bd. 1, S. 319)

    Auch außerhalb Deutschlands konzertierte Irma Saenger-Sethe weiterhin. So gab sie z. B. Februar 1906 ein eigenes Konzert in der Londoner Bechstein Hall (Ankündigung „The Times London“ vom 21. Februar 1906, S. 10).


    Vermutlich zog sich Irma Saenger-Sethe in den 1910er Jahren aus dem öffentlichen Musikleben zurück. Im „Kurzgefaßten Tonkünstlerlexikon“ heißt es in den Auflagen 1926 und 1936, Irma Saenger-Sethe lebe in Berlin, trete jedoch seit vielen Jahren nicht mehr öffentlich auf (vgl. Frank/Altmann 1926 und 1936). Ihr weiterer Lebensweg ist bislang leider nur bruchstückhaft bekannt und lässt sich überwiegend nur anhand der Biografie ihres Mannes Samuel Saenger rekonstruieren.


    Samuel Saenger wurde ab 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft und vermutlich auch aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit verfolgt. Er floh 1938/39 nach Frankreich und von dort aus 1941 gemeinsam mit seiner Familie weiter in die USA. Am 9. Juni 1941 wurde er aus dem NS-Staat ausgebürgert, d. h. ihm wurde die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen, zwei Jahre später, am 11. Juni 1943, wurde auch Irma Saenger-Sethe ausgebürgert (jeweils veröffentlicht im „Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger“ vom 14. Juni 1941 und vom 11. Juni 1943, vgl. Hepp 1985, Bd. 1, S. 520 und 633). Wie es scheint, ließ sich die Familie zunächst in Los Angeles nieder, wo Samuel Saenger 1944 starb. Thomas Mann schrieb nach der Befreiung Deutschlands am 27. November 1945 einen Brief an Irma Saenger-Sethe, der bislang nur als Regest veröffentlicht ist. Der Inhalt des Briefes lautet in Zusammenfassung: Irma Saenger-Sethe „möge nicht überrascht sein, wenn sie diesen Brief von ihm [Thomas Mann] bekomme. Möchte ihr, der Witwe von Samuel Saenger, des Herausgebers der Neuen Rundschau gerne einen Gefallen erweisen; und da er wisse, daß sie eine Bestätigung brauche, daß ihr Mann Jude war und vor den Nazis flüchten mußte, möchte er dies mit diesem Schreiben bestätigen“ (vgl. Bürgin/Mayer 1977ff., Bd. 3, S. 212f.). Während die eine Tochter, Magdalene Saenger als Lala Sorell in Los Angeles blieb und 1944 im Music Departement einer Filmgesellschaft in Hollywood als Pianistin arbeitete (vgl. Osborn 1944), zog die zweite Tochter Elisabeth Saenger als Elisabeth Spiro, spätere Elisabeth Chapiro, nach New York. Wie aus einem Brief von Albrecht Joseph an Carl Zuckmayer vom 24. Feburar 1958 hervorgeht, lebte auch Irma Saenger-Sethe 1958 in New York (vgl. Joseph/Zuckmayer 2007, S. 650).


    Über den weiteren Lebensweg von Irma Saenger-Sethe ist nichts bekannt.

    Würdigung

    Eine angemessene Würdigung der Tätigkeiten Irma Saenger-Sethes ist erst nach weiteren Forschungen möglich.

    Rezeption

    Der belgische Maler Theo van Rysselberghe erstellte 1894 das „Porträt von Irma Sethe mit Geige“ (s. Links).


    Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus hat Irma Saenger-Sethe und ihre Familie literarisch verarbeitet. In einer Glosse über die österreichische Illustrierte „Der Weltspiegel“ prangerte Karl Kraus das Nebeneinander von Krieg und Kunst an und verarbeitete dabei auch einen Artikel über die Familie Saenger-Sethe: „Solche Aufnahmen, zumeist dem Reich der Kunst angehörender Individualitäten, dienen dann nicht nur einem längst gefühlten Bedürfnis, sondern bieten auch durch ihren idyllischen Charakter eine erfreuliche Abwechslung zwischen den Familienbildern der Munitionserzeugung. Da heißt es plötzlich: ‚Ein interessantes Paar‘, aber nicht Hindenburg und Ludendorff sind es, sondern der bekannte Maler Eugen Spiro und seine Gattin Elisabeth Saenger-Sethe, die Tochter der ausgezeichneten Geigerin Irma Saenger-Sethe und des hervorragenden Publizisten Prof. Dr. S. Saenger, woraus vor allem die Erkenntnis hervorgeht, daß sie Spiro-Saenger-Sethe heißt.“ (Karl Kraus: „Der Weltspiegel“, in: Die Fackel, 23. Mai 1918, veröffentlicht in: Karl Kraus: Kriegsaufsätze, 2 Bde., 1919, online-Ausgabe o. P. unter: http://www.textlog.de/kraus-weltgericht.html, Stand: 28. Februar 2009)

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Irma Saenger-Sethe kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Die folgenden Werke zählten zu ihrem Repertoire:


    Bach, Johann Sebastian. Partita für Violine solo d-Moll, BWV 1004

    Bach, Johann Sebastian. Partita für Violine solo h-Moll, BWV 1002


    Beethoven, Ludwig van. Klaviertrio B-Dur, op. 97

    Beethoven, Ludwig van. Romanze für Violine und Orchester F-Dur, op. 50

    Beethoven, Ludwig van. Romanze für Violine und Orchester G-Dur, op. 40

    Beethoven, Ludwig van. Sonate für Violine und Klavier F-Dur, op. 24

    Beethoven, Ludwig van. Sonate für Violine und Klavier G-Dur, op. 30 Nr. 3

    Beethoven, Ludwig van. Klaviertrio (keine Präzisierung möglich)


    Bériot, Charles-Auguste de. Konzert für Violine und Orchester (keine Präzisierung möglich)


    Brahms, Johannes. Konzert für Violine und Orchester D-Dur, op. 77

    Brahms, Johannes. Sonate für Violine und Klavier d-Moll, op. 108.


    Bruch, Max. Konzert für Violine und Orchester g-Moll, op. 26

    Bruch, Max. Schottische Fantasie, op. 46


    Chausson, Ernest. Poème für Violine und Orchester, op. 25


    Franck, César. Sonate für Violine und Klavier, A-Dur, FWV 8


    Grieg, Edward. Sonate für Violine und Klavier F-Dur, op. 8


    Guiraud, Ernest. Caprice (keine Präzisierung möglich)


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Konzert für Violine und Orchester e-moll, op. 64


    Mozart, Wolfgang Amadeus. Konzert für Violine und Orchester Es-Dur, KV 268 (Zuschreibung heute zweifelhaft)

    Mozart, Wolfgang Amadeus. Klaviertrio (keine Präzisierung möglich)


    Raff, Joachim. Klaviertrio G-Dur, op. 112


    Saint-Saëns, Camille. Introduction et Rondo capriccioso, op. 28

    Saint-Saëns, Camille. Konzert für Violine und Orchester h-Moll, op. 61


    Tschaikowsky, Peter I. Sérénade mélancolique b-Moll, op. 26


    Vieuxtemps, Henri. Konzert für Violine und Orchester d-Moll, op. 31


    Wieniawski, Henri. Légende für Violine und Orchester, op. 17

    Wieniawski, Henri. Première polonaise de concert D-Dur, op. 4

    Quellen

    Dokumente


    Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a. M., Signatur: Mus. Autogr. Irma Saenger-Sethe A 1. Brief an Unbekannt, o. D. (enthält Bitte um Zusendung von Edouard Lalos „Symphonie espagnole“)



    Literatur


    Artikel „Saenger-Sethe, Irma“. In: Das goldene Buch der Musik. W. Speeman (Hg.). Berlin, Stuttgart: Verlag von W. Speemann, 1900.


    Artikel „Saenger, Samuel“. In: Wer ist’s. Zeitgenossenlexikon, enthaltend Biographien und Bibliographien. Hermann August Ludwig Degener. Berlin. Degener, 1914 (Band 7).


    Artikel „Saenger-Sethe, Irma“. In: Kurzgefaßtes Tonkünstlerlexikon für Musiker und Freunde der Tonkunst. Paul Frank, Wilhelm Altmann (Hg.). 12. Aufl. Leipzig: Merseburger, 1926 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Saenger-Sethe, Irma“. In: Kurzgefaßtes Tonkünstlerlexikon für Musiker und Freunde der Tonkunst. Paul Frank, Wilhelm Altmann (Hg.). 14., stark erw. Aufl. Regensburg: Bosse, 1936.


    Artikel „Saenger-Sethe, Irma“. In: Lexikon der Frau. Zürich: Encyclios Verlag AG, 1954, Bd. 2, Sp. 1140.


    Artikel „Saenger, Samuel“. In: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. International biographical dictionary of Central European emigrés 1933-1945, 4 Bde. Werner Röder, Herbert A. Strauss, Institut für Zeitgeschichte München (Hg.). München u. a.: Saur, 1983.


    Bouckaert, Thierry. Le rêve d’Elisabeth: 50 ans de concours reine Elisabeth. Bruxelles: Editions Complexe, 2001.


    Bürgin, Hans; Mayer, Hans-Otto. Die Briefe Thomas Manns. Register und Regesten. Frankfurt a. M.: Fischer, 5 Bde., 1977-1987.


    Hepp, Michael (Hg.). Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933-45 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen. Bd. 1: Listen in chronologischer Reihenfolge, Bd. 2: Namensregister, Bd. 3: Register der Geburtsorte und der letzten Wohnorte. München u. a.: Saur, 1985, 1988.


    Joseph, Albrecht/Zuckmayer, Carl. Briefwechsel 1922-1972. Gunther Nickel (Hg.). Göttingen: Wallstein-Verlag, 2007.


    Kraus, Karl. Der Weltspiegel, in: Die Fackel vom 23. Mai 1918, veröffentlicht in: Karl Kraus: Kriegsaufsätze, 2 Bde., 1919, online-Ausgabe o. P. unter: http://www.textlog.de/kraus-weltgericht.html, Stand: 28. Februar 2009


    Lahee, Henry C. Famous Violinists of To-day and Yesterday. Boston: The Page Company Publishers, 1899, 10. Auflage 1916.


    Muck, Peter. Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester: Darstellung in Dokumenten. Band 3: Die Mitglieder des Orchesters, die Programme, die Konzertreisen, Ur- und Erstaufführungen. Tutzing: Schneider, 1982.


    Osborn, Max. Samuel Saenger 80 Jahre. In: Der Aufbau 19 (1944), Ausgabe vom 10. März 1944, S. 7.


    Shaffer, Karen A./Greenwood, Neva Garner. Maud Powell. Pioneer American Violinist. Ames (Iowa): Iowa State University Press, 1988.


    Straeten, Edmond van der. The History of the Violin. Its ancestors and Collateral Instruments From Earliest Times. Vol. II. London 1933. Reprint: New York: Da Capo Press 1968.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Die Musik 9 (1909/10), Bd. 2, S. 119 und S. 380.

    Die Musik 10 (1910/11), Bd. 1, S. 319.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 7. Dezember 1898, S. 512.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 26. November 1902, S. 643.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 20. Januar 1904, S. 59.


    Signale für die musikalische Welt vom 25. Januar 1911, S. 137.


    The Musical Times vom 1. Januar 1896, S. 24.


    The Times London vom 4. Mai 1891, S. 1.

    The Times London vom 8. Mai 1891, S. 1.

    The Times London vom 21. November 1895, S. 4.

    The Times London vom 30. November 1895, S. 9.

    The Times London vom 6. Dezember 1895, S. 10.

    The Times London vom 7. Dezember 1895, S. 4.

    The Times London vom 23. März 1896, S. 9.;

    The Times London vom 27. März 1896, S. 10.

    The Times London vom 15. Februar 1897, S. 3.

    The Times London vom 13. März 1897, S. 11.

    The Times London vom 27. Mai 1897, S. 4.

    The Times London vom 21. Februar 1906, S. 10.


    Zeitschrift der internationalen Musikgesellschaft 4 (1902/03), S. 401.



    Links


    http://www.museumsyndicate.com/item.php?item=13733 (Stand: 3. März 2009)

    Die Internetseite „MuseumsSyndicate“ stellt das „Porträt von Irma Sethe mit Geige“ des belgischen Malers Theo van Rysselberghe online zur Verfügung.


    http://www.concertprogrammes.org.uk

    Die britische Concert Programmes Database verzeichnet mehrere Konzerte von Irma Sethe.

    Forschung

    Irma Sethe stammte aus der Familie von Christian Sethe, einem engen Freund Heinrich Heines. Aus der Ehe mit Samuel Saenger gingen zwei Töchter hervor: Elisabeth Saenger heiratete den Schriftsteller Joseph Spiro, mit dem sie 1944 in New York lebte. Ihre jüngere Schwester Magdalene (Lela) Saenger, verh. Lala Sorell, arbeitete 1944 im Music Departement einer Filmgesellschaft in Hollywood (vgl. zu den Familienverhältnissen: Osborn 1944)


    Zu Irma Saenger-Sethe liegen derzeit (März 2009) keine weiteren Forschungsergebnisse vor.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Irma Saenger-Sethe umfasst sowohl ihre Biografie als auch alle ihre Tätigkeitsbereiche.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 19. August 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 21.08.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Irma Saenger-Sethe“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 21.8.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Irma_Saenger-Sethe