Herzlich Willkommen bei MUGI

  • (PDF)
  • (95%)
  • Deutsch
  • Ilonka von Ravasz

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Ilonka von Ravasz
    Ehename: Ilona von Korbay
    Lebensdaten:
    geb. in Adony, Ungarn
    gest. in Preßburg, Tschechoslowakei (heute: Bratislava, Slowakei)

    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Klavierpädagogin, Klavierbegleiterin, Konzertveranstalterin
    Charakterisierender Satz:

    „I [...] wish the excellent artiste Ilona de Ravasz the greatest success there and everywhere.“


    (Franz Liszt an Ilonka von Ravasz, Brief o. D.; zit. n. Liszt/Prahács 1966, S. 437)


    Profil

    Ilonka von Ravasz zählte zum engeren Schülerkreis von Franz Liszt, der die Pianistin in Budapest und Weimar intensiv förderte. Nach Beendigung ihres Studiums begann sie eine Karriere als Pianistin in den USA, wandte sich nach ihrer Heirat jedoch verstärkt dem pädagogischen Bereich zu.

    Orte und Länder

    Ilonka von Ravasz wurde in Adony (Ungarn) geboren und erhielt bereits als Kind eine musikalische Ausbildung in Pest bzw. Budapest. Sie wurde dort u. a. von Franz Liszt unterrichtet und verbrachte die Sommermonate der Jahre 1878, 1880 und 1882 in Weimar. Nach Beendigung ihres Studiums ging sie nach New York, wo sie 1884 den ungarischen Sänger, Komponisten und Dirigenten Franz von Korbay heiratete. Als ihr Mann 1894 einen Ruf als Gesangslehrer an die Royal Academy of Music in London erhielt, folgte sie ihm nach England. Nach seinem Tod 1913 kehrte Ilonka von Ravasz nach Ungarn zurück und starb 1922 in Bratislava (heute Slowakei).

    Biografie

    Ilonka von Ravasz wurde 1851 in Adony als Tochter eines Gutsverwalters, Ignác Ravasz, geboren. Als junges Mädchen kam sie nach Budapest, um dort am privaten Konservatorium des Pianisten und Klavierpädagogen Antal Siposs (1839-1923) Klavier zu studieren.


    Mitte der 1870er Jahre wurde Ilonka von Ravasz an der Königlich-ungarischen Musik-Akademie Budapest aufgenommen und dort von Franz Liszt als eine seiner ersten Budapester Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Sie trat häufig in Konzerten der Akademie auf und erhielt in den Jahren 1877 bis 1879 das Stipendium, das die Stadt Budapest zur Förderung talentierter ungarischer Musiker Franz Liszt zur Verfügung stellte. An Kornél von Ábrányi, Generalsekretär der Musik-Akademie Budapest, schrieb Franz Liszt am 11. Dezember 1878: „An dem mich so beehrenden ‚Jubiläums Stipendium‘ der Stadt Budapest […] scheint es mir besser dieses Jahr keine Änderung zu treffen: folglich in 3 Theilen, jeder von 200 Gulden zu belassen. Meine Candidaten sind: Juhász Aladár, Almássy und Fräulein Ravasz Ilonka.“ (Liszt/Prahács 1966, S. 209). In den Sommermonaten der Jahre 1878, 1880 und 1882 folgte Ilonka Ravasz Franz Liszt nach Weimar und gehörte dort bald zum engeren Weimarer Kreis. Ernst von Wolzogen hat in seinem Musikerroman („Der Kraft-Mayr“) über den Liszt-Kreis in Weimar Ilonka von Ravasz in der Figur von Ilonka Badics literarisch portraitiert.


    Nach Beendigung ihres Weimarer Studiums bei Franz Liszt, begann Ilonka von Ravasz öffentlich zu konzertieren und fand dabei ebenfalls die Unterstützung ihres Lehrers: „I agree with you in your idea of giving concerts, especially in Paris, and wish the excellent artiste Ilona de Ravasz the greatest success there and everywhere.“ (Brief o. D., nur in engl. Übersetzung verfügbar; zit. n. Liszt/Prahács 1966, S. 437). Ilonka von Ravasz wandte sich jedoch nicht – wie zunächst offenbar geplant – Frankreich zu, sondern schiffte sich am 15. Mai 1882 in Liverpool nach New York ein (vgl. „The New York Times” vom 15. Mai 1882).

    mehr zu Biografie weniger zu Biografie

    Ab Januar 1883 stand sie bei einem Mr. Aronson unter Vertrag und trat mehrfach mit dessen Orchester im Rahmen der New Yorker „Casino-Concerts“ auf, u. a. am 14. Januar, 26. März, 15. April und am 11. Juni 1883. Am 29. Januar 1883 gab sie zudem in der New Yorker Chickering Hall gemeinsam mit Theodore Robin, John White und ihrem späteren Mann Franz von Korbay ein Konzert, bei dem sie neben dem „Danse macabre“ op. 40 von Camille Saint-Saëns und einer „Etude de Concert“ von Franz Liszt auch dessen h-Moll-Sonate spielte – letztere sehr zum Missfallen eines New Yorker Kritikers: „The lady made a mistake in selecting Liszt’s Sonata in B minor for the opining selection it being entirely too long, lasting nearly three quarters of an hour. As a tour der force of memory it was remarkable. Miss Ravasz appeared to better advantage when treating Saint-Saëns ,Danse macabre’ and in Liszt’s ,Etude de Concert’. She is a brillant performer has a thorough command of her instrument and was liberally applauded.” („Die Dame machte einen Fehler, indem sie Liszts Sonate h-Moll für die Eröffnung auswählte, die hierfür mit einer Dauer von fast einer dreiviertel Stunde viel zu lang ist. Als eine tour de force der Gedächtnisleistung war es bemerkenswert. Die Vorzüge von Miss Ravasz kamen in Saint-Saëns’ ‚Danse Macabre‘ und in Liszts ‚Etude de Concert‘ besser zur Geltung. Sie ist eine brilliante Interpretin, beherrscht ihr Instrument vollständig und erhielt reichlich Applaus.“; „The Musical Critic and Trade Review“. New York, 5. - 20. Februar 1883, zit. n. Liszt/Prahács 1966, S. 438) In einem weiteren Konzert, das ihr zukünftiger Mann Franz von Korbay am 2. Mai 1884 in der Chickering Hall in New York veranstaltete, spielte Ilonka von Ravasz Franz Liszts „Ungarische Phantasie“ und Camille Saint-Saëns Klavierkonzert g-Moll op. 22 unter der Leitung von Walter Damrosch (vgl. „The New York Times“ vom 3. Mai 1884).


    Im Juni 1884 heiratete Ilonka von Ravasz den ungarischen Sänger, Komponisten und Dirigenten Franz von Korbay (1846-1913), der ein Patenkind von Franz Liszt war. Unter dem Titel „Marriage of Two Musicians“ berichtete die „New York Times“ vergleichsweise ausführlich über die Hochzeit (vgl. „The New York Times“ vom 29. Juni 1884), was vermuten lässt, dass beide Ehepartner zu diesem Zeitpunkt in New York bereits bekannt waren. Ilonka von Ravasz nahm den Namen ihres Mannes an. Seinem Patenkind Franz von Korbay gratulierte Franz Liszt am 14. September 1884 aus Weimar: „Meine herzlichen Glückwünsche zu ihrer Vermählung mit Ilona Ravasz. Sie weiss, dass ich ihr immer sehr gewogen war – und verbleibe. Hoffentlich sehe ich Sie und ihre Frau wieder, nächstes Jahr.“ (Brief von Franz Liszt an Franz von Korbay vom 14. September 1884, in: Liszt/Prahács 1966, S. 273)


    Das Ehepaar gründete in New York eine Musikschule (vgl. Liszt/Prahács 1966, S. 438) und Ilonka von Ravasz (von Korbay) trat weiterhin öffentlich auf. Im Dezember 1889 veranstalten sie und ihr Mann ein „historical song and piano recital“ in der Chickering Hall, das als Auftakt für eine Konzertreihe mit historischer Musik gedacht war: „The first of Mr. and Mrs. Francis Korbay’s historical song and piano recitals, which was given at Chickering Hall last evening, was an interesting an instructive entertainment. The programme contained a number of compositions which belong to the curiosities of music. Among these were the ,Chant des Croisés’, which dates from 1095, a song of the unhappy French troubadour De Coucy, 1192; a song of William of Machault […], 1340, and ,La Romanesca’, a Roman dance of the sixteenth century. […] The piano numbers were the familiar pastoral sonatina of Domenico Scarlatti, his ,Sonatone Capriccio’ and his sonata in A, which introduces the crossed-hands performance now so familiar to pianists, a very interesting sonata by Balthazar Galuppi (1706-1785,) and three compositions by the celebrated French opera writer and theorist Jean Phillipe Rameau”. („Das erste von Mr. und Mrs. Francis Korbays historical song and piano recitals, das gestern Abend in der Chickering Hall stattfand, war interessant, lehrreich und unterhaltsam. Das Programm bestand aus einer Anzahl an Kompositionen, die zu den Kuriositäten der Musik zählen. Unter ihnen war der ‚Gesang der Kreuzritter‘ aus dem Jahr 1095, ein Lied eines unglücklichen französischen Troubadours de Coucy von 1192, ein Lied von Guillaume de Machault […], 1340, und ‚La Romanesca‘, ein römischer Tanz aus dem 16. Jahrhundert. […] Unter den Klavierstücken waren die bekannte Pastoral-Sonatine von Domenico Scarlatti, seine ‚Sonatone Capriccio‘ und seine Sonate A-Dur, in der erstmals die heute für Pianisten selbstverständliche Technik des Überkreuzens von Händen angewandt wurde, eine sehr interessante Sonate von Baldassare Galuppi (1706-1785) und drei Kompositionen des berühmten französischen Opernkomponisten und Musiktheoretiker Jean Phillipe Rameau“.; „The New York Times“ vom 4. Dezember 1889)


    Im Jahr 1894 erhielt Franz von Korbay eine Stelle als Gesangslehrer an der Royal Academy of Music in London. Nach einer großen Verabschiedungszeremonie in New York übersiedelte das Ehepaar nach England (vgl. „The New York Times“ vom 20. April 1894). Ilonka von Ravasz trat ab diesem Zeitpunkt vermutlich nicht mehr öffentlich auf. Über ihr weiteres Leben und ihre Tätigkeiten ist bislang nahezu nichts bekannt.


    Nach dem Tod ihres Mannes 1913 zog Ilonka von Ravasz aus unbekannten Gründen zurück nach Ungarn. Sie starb 1922 in geistiger Umnachtung in einer Heilanstalt in Bratislava (vgl. Liszt/Prahács 1966, S. 438).

    Würdigung

    Eine angemessene Würdigung der Tätigkeiten von Ilonka von Ravasz lässt sich erst nach weiteren Forschungen erstellen.

    Rezeption

    Ernst von Wolzogen hat in seinem Musikerroman über den Liszt-Kreis in Weimar („Der Kraft-Mayr“) Ilonka von Ravasz in der Figur von Ilonka Badics literarisch portraitiert (siehe Links).

    Eine heutige Rezeption der Tätigkeiten von Ilonka von Ravasz findet bislang nicht statt.

    Werkverzeichnis

    Von Ilonka von Ravasz sind keine Werke bekannt.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Ilonka von Ravasz lässt sich nach derzeitigem Forschungsstand nicht erstellen. Nachgewiesen sind Interpretationen von Werken Franz Liszts (eine der „Etudes de Concert“, die Klaviersonate h-Moll sowie die „Ungarische Phantasie für Klavier und Orchester“) und Camille Saint-Saëns’ (Klavierkonzert g-Moll op. 22 und „Danse macabre“ op. 40). Im Rahmen der vor ihr und ihrem Mann veranstalteten historischen Konzerte spielte sie Klavierwerke von Baldassare Galuppi, Jean-Phillipe Rameau und Domenico Scarlatti.

    Quellen

    Literatur:


    Liszt, Franz. Franz Liszt. Briefe aus ungarischen Sammlungen 1835-1886. Margit Prahács (Hg.). Kassel: Bärenreiter, 1966.


    Wolzogen, Ernst von. Der Kraft-Mayr. Ein humoristischer Musikantenroman. Stuttgart: Engelhorn, 1897.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel:


    The New York Times vom 14. Januar 1883

    The New York Times vom 12. März 1883.

    The New York Times vom 26. März 1883.

    The New York Times vom 15. April 1883.

    The New York Times vom 11. Juni 1883.

    The New York Times vom 3. Mai 1884.

    The New York Times vom 29. Juni 1884.

    The New York Times vom 4. Dezember 1889.

    The New York Times vom 20. April 1894.


    The Times London vom 11. März 1913, S. 11 (Nachruf auf Franz von Korbay).



    Links:


    www.nytimes.com

    Die Konzertkritiken und Zeitungsartikel zu Ilonka von Ravasz sind online verfügbar.


    http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=3160&kapitel=1#gb_found

    Der Roman „Der Kraft-Mayr“ von Ernst von Wolzogen ist im „Projekt Gutenberg-De“ als Volltext verfügbar.

    Forschung

    Ilonka von Ravasz ist heute kaum bekannt. Lediglich Margit Prahács hat in ihrer sorgfältigen Kommentierung der Briefe aus ungarischen Sammlungen von Franz Liszt auf die Musikerin hingewiesen (Liszt 1966). Von ihr stammt die Information, dass Ilonka von Ravasz nach dem Tod ihres Mannes 1913 zurück nach Ungarn gezogen und 1922 verstorben sei. Den Berichten der „New York Times“ nach zu urteilen, ist es sehr wahrscheinlich, dass Ilonka von Ravasz ihren Mann nach England begleitet hat. Dennoch bleibt es erstaunlich, dass sie in den Berichten über Franz von Korbay in der „Times London“ kein einziges Mal erwähnt wird, auch nicht im ausführlichen Nachruf auf ihn, der 1913 erschien (vgl. „The Times London“ vom 11. März 1913, S. 11).

    Franz von Korbay hat in der Regel seinen Namen der Sprache des jeweiligen Landes angeglichen. Im anglo-amerikanischen Raum nannte er sich daher häufig Francis Korbay, im ungarischen Raum Ferenc de Korbay.


    Es wäre zu vermuten, dass ein wissenschaftlicher Zugang von Ungarn aus weitere Aufschlüsse über die Tätigkeiten von Ilonka von Ravasz geben könnte.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Ilonka von Ravasz umfasst sowohl ihre Biografie als auch alle ihre künstlerisch-pädagogischen Tätigkeiten. Die Ergebnisse könnten auch weiteren Aufschluss geben über die berufliche Entwicklung der ungarischen Schülerinnen von Franz Liszt.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 25. Februar 2008


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 14.04.2008


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Ilonka von Ravasz“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 14.4.2008.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Ilonka_von_Ravasz