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    von Silke Wenzel
    Namen:
    Ida Becker
    Geburtsname: Ida Naumann
    Lebensdaten:
    geb. um in Bonn oder Berlin, Deutschland
    gest. in Berlin, Deutschland

    Tätigkeitsfelder:
    Sängerin, Komponistin
    Charakterisierender Satz:

    „Ihre Mittheilungen über die vorzüglichen Kunstleistungen der Frau [Ida] Becker haben mich im höchsten Grade interessirt. Von verschiedenen Seiten, die insgesammt des Lobes ihrer Musik voll waren, bin ich bereits auf die Dame aufmerksam gemacht worden. [...] Frau Becker soll sich nur von vornherein soviel als möglich auf eigene Füße stellen: was erlebt sein will, kann sich ja im Grunde genommen Jeder nur selbst erobern.“


    (Der Komponist Robert Franz an Arnold Senfft von Pilsach in einem Brief vom 29. März 1874, s. Franz, Robert/Senfft von Pilsach, Arnold. Ein Briefwechsel 1861-1888. Berlin 1907, S. 191f.)


    Profil

    Ida Becker, geb. Naumann, war eine Schwester des Komponisten und Musikschriftstellers Emil Naumann. Sie trat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Sängerin regelmäßig in privatem Rahmen auf und komponierte zahlreiche Lieder, die in renommierten Berliner Musikverlagen erschienen, u. a. bei Ries & Erler und bei Bote & Bock. Den meisten Zuspruch erhielten ihre Kinderlieder, die unter den Titeln „Lieder aus der Kinderwelt“ und „Lieder aus der Märchenwelt“ in mehreren Auflagen gedruckt wurden. In weiteren Liedersammlungen erschienen Vertonungen von Gedichten Ludwig Uhlands, Victor Scheffels und Julius Wolffs sowie einige wenige Klavierwerke. Im Jahr 1893 nahm die Musikschriftstellerin Anna Morsch Ida Becker in ihr Buch „Deutschlands Tonkünstlerinnen“ auf, dessen „biographische Skizzen“ für die Weltausstellung in Chicago entstanden waren (vgl. Morsch 1893).

    Orte und Länder

    Ida Becker wurde in Berlin oder Bonn geboren. Ihr älterer Bruder Emil Naumann wurde 1827 in Berlin geboren, wuchs jedoch zeitweise in Bonn auf, wo die Familie bis mindestens Anfang der 1850er Jahre lebte. Als Erwachsene ließ sich Ida Becker in Berlin nieder und wohnte dort im Jahr 1872 in der Matthäikirchstraße 29.

    Biografie

    Ida Becker, geb. Naumann, wurde 1832 in Bonn oder Berlin als Tochter des Medizinprofessors Moritz Ernst Adolph Naumann und seiner Frau geboren; zu ihren Geschwistern gehörte der spätere Komponist und Musikschriftsteller Emil Naumann.


    Ida Becker erhielt eine fundierte musikalische Ausbildung, über die bislang jedoch nichts Konkretes bekannt ist. Der Astronom Wilhelm Foerster, der ab 1850 in Bonn studierte, berichtete in seinen Lebenserinnerungen über die Familie Naumann und Ida Becker: „Das Jahr 1853 [...] brachte mir mit dem zunehmenden Einleben in die Geselligkeit von Bonn auch besondere Freuden im Reiche der tönenden Weltharmonik. [...] Ein [...] sehr musikalisches Haus war dasjenige des Professor Naumann, mit dessen Söhnen ich an der Universität bekannt gemacht worden war, und mit dessen Tochter Ida Naumann (spätere Frau Ida Becker) ich eine bis ans Lebensende dauernde innige Freundschaft schloß. Als Sängerin und Komponistin war sie eine wahre Muse und eine Seele von unvergeßlicher Treue und Tiefe.“ (Foerster 1911, S. 40) Als Erwachsene ließ sich Ida Becker in Berlin nieder, möglicherweise nach ihrer Heirat mit Wilhelm Becker.


    In Berlin konnte sich Ida Becker im weiteren Umfeld von Musikern und Literaten etablieren. So bat sie z. B. im Herbst 1861 die Schriftstellerin Fanny Lewald-Stahr um Vermittlung eines Aufsatzes ihres Bruders Emil Naumann an die „Nationalzeitung“ (vgl. Brief von Fanny Lewald an Ida Becker vom 8. November 1861, Staatsbibliothek Berlin, Handschriftenabteilung, Autogr. I/4310), und ein Brief vom 9. Januar 1872 von Ida Becker an Joseph Joachim enthält eine Einladung an ihn und seine Frau Amalie Joachim zu einem Mittagessen (Staatliches Institut für Musikforschung Berlin, Sign.: Doc. orig. Ida Becker 1). Anfang 1874 empfahl Freiherr Arnold Senfft von Pilsach Ida Beckers Kompositionen dem Komponisten Robert Franz. Dieser antwortete am 29. März 1874: „Ihre Mittheilungen über die vorzüglichen Kunstleistungen der Frau [Ida] Becker haben mich im höchsten Grade interessirt. Von verschiedenen Seiten, die insgesammt des Lobes ihrer Musik voll waren, bin ich bereits auf die Dame aufmerksam gemacht worden. [...] Frau Becker soll sich nur von vornherein soviel als möglich auf eigene Füße stellen: was erlebt sein will, kann sich ja im Grunde genommen Jeder nur selbst erobern.“ (Franz/Pilsach 1907, S. 191f.)


    Weiterführenden, privaten Kompositionsunterricht erhielt Ida Becker vermutlich ab Ende der 1870er oder Anfang der 1880er Jahre. Sie wurde zunächst von dem Berliner Komponisten Friedrich Kiel ausgebildet, der zu dieser Zeit Professor für Komposition an der Berliner Musikhochschule war, und setzte ihr Studium nach dessen Tod 1885 bei dem Kompositionslehrer des Scharwenka-Konservatoriums, Albert Becker, fort (vgl. Morsch 1893, S. 56). Ausgangspunkt ihres späten Kompositionsstudiums waren ihre überaus erfolgreichen Kinderlieder, die sie Friedrich Kiel vorgelegt hatte, darunter ihre „Lieder aus der Kinderwelt“ und die „Lieder aus der Märchenwelt“ (vgl. Morsch 1893, S. 56); die beiden Sammlungen erschienen 1881/82 bei Bote & Bock in Berlin und sind die ersten bekannten Drucke von Kompositionen Ida Beckers. Weitere Liedersammlungen für ein bis zwei Singstimmen und Klavier folgten, u. a. nach Texten von Ludwig Uhland, Victor Scheffel und Julius Wolff, die teils noch posthum verlegt bzw. nachgedruckt wurden.


    Aufführungen ihrer Werke sind nur rudimentär bekannt. So erklang z. B. ihre „Dörpertanzweise“ am 28. Oktober 1892 bei einem Liederabend des Sängerehepaares Maria Schmidt-Köhne und Felix Schmidt in Berlin (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 3. November 1892, S. 552), und die Weihnachtskantate „Die Heilige Nacht“ für Solostimmen und Chor wurde mehrfach aufgeführt, u. a. mit Schülern des Falk-Real-Gymnasiums in Berlin (vgl. Elson 1913, S. 172; Morsch 1893, S. 57).


    Ida Becker starb am 15. Mai 1897 in Berlin (vgl. „The Musical Times” vom 1. Juli 1897, S. 482). Mit ihrem Tod vermachte sie ihr gesamtes Vermögen und das ihres erblindeten Mannes Wilhelm Becker in Höhe von 750 000 Mark dem Magistrat der Stadt Berlin, mit der Maßgabe, hiervon ein Blindenheim einzurichten (vgl. „Der Klavierlehrer“ vom 15. Oktober 1897, S. 281). Es entstand die „Ida und Wilhelm Becker-Stiftung“, die noch in den 1950er Jahren Bestand hatte.

    Würdigung

    Die Tätigkeiten Ida Beckers können erst nach weiteren Forschungen angemessen gewürdigt werden.

    Rezeption

    Die Tätigkeiten Ida Beckers werden derzeit nicht rezipiert (zur zeitgenössischen Rezeption vgl. Biografie).

    Werkverzeichnis

    Kompositionen


    Das vorläufige Verzeichnis der Kompositionen Ida Beckers wurde nach der Datenbank Hofmeister XIX, Michaelis 1888, Morsch 1893 und Pazdírek 1904ff. sowie nach dem Katalog der Musiksammlung der Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz, erstellt.


    Lieder aus der Kinderwelt für eine Singstimme mit Klavier. Berlin: Bote & Bock, 1881.

    1. Weihnachtslied: „Kommt Kinder gross und klein“ – 2. Warnung: „Kleines Bübchen“ – 3. Das Kind in der Fremde: „Leise nur wehen Zweige im Wind“ – 4. Wiegenliedchen: „Kleine Mädchen wandern durch die Haide“ – 5. Der Spielwaarenhändler: „Kauft die schönen Sachen!“ – 6. Den armen Kindlein: „Weinet nicht, ihr armen Kindlein“ – 7. Bärentanz: „Heisasa, der Bär ist da!“ – 8. Kinder-Reigen: „Seht, dort im Mondenschein“ [weitere Lieder aus der Kinderwelt s. op. 7 und op. 10].


    Lieder aus der Märchenwelt für eine Singstimme mit Klavier. Berlin: Bote & Bock, 1882.

    1. Rothkäppchen singt: „O Morgenglocken lieb und traut“ – 2. Der Zwerge Klage um Schneewittchen: „Wie sollen froh auf Erden“ – 3. „Spieglein an der Wand“ – 4. Von dem grünen Bäumchen: „Ein Bäumchen wollte wandern geh’n“ – 5. Aschenputtel: „Ihr guten Täubchen“ – 6. Dornröschens Erwachen: „Dornröschen schlief wohl hundert Jahr“


    Drei Balladen für Bariton (oder Mezzosopran) mit Klavier nach Texten von Ludwig Uhland. Berlin: Bote & Bock, 1885.

    1. Das Schloss am Meere: „Hast du das Schloss gesehen“ – 2. Die versunkene Krone: „Da droben auf dem Hügel“ – 3. Ballade aus dem „Königssohn“: „Der König und die Königin“


    Die heilige Nacht: „Nacht decket die Erde“ für gemischten Chor, Solostimmen und Klavier, op. 4. Berlin: Ries & Erler, 1886; auch in deutsch-englischer Ausgabe: Die heilige Nacht. Gedichtet und für Chor, Solostimmen und Klavier componiert v. Ida Becker. Ins Engl. übers. v. Marie v. Bunsen. Berlin: Ries & Erler.


    Lugarin: „Im Rosengarten Zwergkönig sitzt“ für Sopran, Tenor und Klavier (Text: Julius Wolff), op. 5. Berlin: Ries & Erler, 1886.


    Kleine Bilder für eine Singstimme mit Klavier, op. 6. Mit deutschem und englischem Text. Berlin: Fürstner, 1887.

    1. Legende: „Vor dem Steinbild der Maria“ – 2. Gartenheim: „Drei kleine Schwesterchen schauen“ – 3. Klug’ Fischlein: „Am Bächlein in der blum’gen Au’“ – 4. Flugmüde: „Ueber den einsamen Wassern wölbt“ – 5. Der Kuss: „Bringe das Lamm dir“


    Lieder aus der Kinderwelt für eine Singstimme mit Klavier, op. 7. Berlin: Fürstner, 1889.

    1. Die Mutter spricht: „Sieh’ kleine liebe Tochter“ – 2. Uebermuth: „Ach, du böses Mädchen“ – 3. Grossmutter erzählt: „Grossmütterlein spinnet im traulichen Stübchen“


    Vier kleine Legenden für eine Singstimme mit Klavier, op. 8. Berlin: Bote & Bock, 1891.

    1. Am Jordanstrand: „In ferner Zeit, am Jordanstrand“ – 2. Ein Bildchen: „Es ruhet Maria, das Kindlein im Arm“ – 3. Rothkehlchen: „Die Wälder seltsam rauschen“ – 4. Am Rhein: „Der heil’ge Bonifacius“


    Dörpertanzweise: „Den Finken des Waldes die Nachtigall ruft“ (Text: Victor Scheffel), op. 9. Duett für Sopran und Bariton. Berlin: Bote & Bock, 1893.


    Lieder aus der Kinderwelt für eine Singstimme mit Klavier, op. 10. Berlin: Bote & Bock, 1893.

    Heft 2: 1. Das Kind singt: „Nun singe, liebe Nachtigall“ – 2. Schneckenliedchen: „Ei, Schnecke, kleine Klosterfrau“ – 3. Backfischstimmung: „Was soll ich denn nun singen“ – 4. Tanzliedchen: „Schön bin ich angethan“


    Drei Lieder für eine Singstimme mit Klavier, op. 11. Berlin: Bote & Bock, 1893.

    1. Herzeleid: „Engel, ach, wo seid ihr blieben?“ – 2. Streit u. Frieden: „Wie plaudern beim Spinnen die Mägdlein so froh“ – 3. Vom Tannenrauschen: „O Tannenrauschen wunderbar“


    Ostseelieder für eine Singstimme mit Klavier, op. 12 (Texte: Emanuel Geibel). Berlin: Bote & Bock, 1897.

    1. „Ich lieg’ in Träumen am Hünengrab“ – 2. „Ist das Spiel des Wassermanns“ – 3. „Sanft verglimmt des Tages Helle“ – 4. „In blauer Nacht, bei Vollmondschein“ – 5. „Es pfeift mit hohlem Klange“ – 6. „Es rauscht das Meer gelinde“ – 7. „Nun kommt der Sturm geflogen“


    Weihnachtslied: „Kommt, Kinder, gross und klein“ für eine Singstimme mit Klavier, o. op. Berlin, Bote & Bock, 1898.


    Flaggen-Marsch „Flagge heraus“ für Klavier. o. op. Leipzig: C. Glaser, 1916.


    Bolero für Violine und Klavier, o. op. Berlin: Raabe & Plothow, o. J.

    Quellen

    Dokumente


    Brief von Fanny Lewald an Ida Becker vom 8. November 1861, Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Autogr. I/4310.


    Brief von Ida Becker an Joseph Joachim vom 9. Januar 1872, Staatliches Institut für Musikforschung Berlin, Sign.: Doc. orig. Ida Becker 1.



    Literatur


    Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog 4 (1900). Totenliste für 1897.


    Brand, Bettina u. a. (Hg.): Komponistinnen in Berlin. Berlin: Musikfrauen e. V. Berlin, 1987.


    Foerster, Wilhelm. Lebenserinnerungen und Lebenshoffnungen (1832-1910). Berlin: Georg Reimer, 1911.


    Franz, Robert/Senfft von Pilsach, Arnold. Ein Briefwechsel 1861-1888. Berlin: Alexander Duncker, 1907.


    Morsch, Anna. Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biographische Skizzen aus der Gegenwart. Berlin: Stern & Ollendorff, 1893.


    Elson, Arthur. Women’s Work in Music. Boston: L. C. Page & Company, 1903.


    Michaelis, Alfred. Frauen als schaffende Tonkünstler. Ein biographisches Lexikon. Leipzig: A. Michaelis, 1888.


    Pazdírek, Franz (Hg.). Universalhandbuch der Musikliteratur aller Zeiten und Völker, Wien: Pazdírek & Co, 1904-1910.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Der Klavierlehrer vom 15. Oktober 1897, S. 281.


    Musikalisches Wochenblatt vom 3. November 1892, S. 552.


    The Musical Times vom 1. Juli 1897, S. 482.



    Links


    http://www.kalliope-portal.de/

    Das Verbundsystem Autographe und Nachlässe Kalliope-Portal enthält den Verweis auf mehrere Briefe von und an Ida Becker bzw. Ida Naumann.


    http://www.hofmeister.rhul.ac.uk

    Die Datenbank Hofmeister XIX, in der die Hofmeisterschen Musikalienkataloge des 19. Jahrhunderts erfasst sind, verzeichnet mehrere Drucke von Kompositionen Ida Beckers.

    Forschung

    Zahlreiche Drucke von Kompositionen Ida Beckers sind in der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, erhalten.


    Ebenfalls in der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, befinden sich die Tagebücher Emil Naumanns, die möglicherweise weiteren Aufschluss über die Biografie Ida Beckers und ihre künstlerischen Tätigkeiten geben könnten (enthalten in: N.Mus.Nachl. 52a – Nachlass Johann Gottlieb Naumann).

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Ida Becker umfasst ihre Biografie sowie alle ihre Tätigkeiten. Ihre Kompositionen wären vermutlich auch für eine Geschichte der elementaren Musikpädagogik interessant.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 22926835
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 117741825

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 23. November 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 03.12.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Ida Becker“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 3.12.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Ida_Becker