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  • Henriette Sontag

    von Amélie Pauli
    Henriette Sontag. Lithographie von Emma Mathieu.
    Namen:
    Henriette Sontag
    Ehename: Henriette Gertrude Rossi
    Varianten: Henriette Rossi, Henriette Sontag-Rossi, Henriette Gertrude Walpurga Sontag, Henriette Gertrude Walpurga Rossi, Henriette Gertrude Walpurga Sontag-Rossi
    Lebensdaten:
    geb. in Koblenz, Deutschland
    gest. in Mexiko Stadt, Nordamerika
    Tätigkeitsfelder:
    Opernsängerin, Sopranistin
    Charakterisierender Satz:

    „Wenn ich keine einzelne besondere Eigenschaft an ihr herauszuheben wüsste, so ist ihr ganzes Wesen eine erfreuliche Erscheinung auf den Brettern. Sie weiß ihre niedliche Person als dritte, vierte und fünfte usw. unter so vielem Ungewohnten auf einem größern Theater immer glücklich aufzustellen, und da sie vollkommen vokalisiert und artikuliert, leuchtet ihr Stimme auch unter den viel stärkern wie ein klares Gestirn herab. Ihr Gesicht geht gleichsam parallel mit der Melodie und so auch Arme und Hände, und das alles wiederholt sich nicht, es bleibt das Nämliche und ist doch neu.“


    (Friedrich Zelter, in: Heinrich Stümcke. Henriette Sontag. Ein Lebens- und Zeitbild, Berlin, Selbstverlag der Gesellschaft für Theatergeschichte, 1913, S. 84 f.)


    Profil

    Henriette Sontag wirkte bis zu ihrem 24. Lebensjahr an den großen Opernhäusern Europas. Ihr Bühnendebüt gab sie am Prager Nationaltheater, dem sich weitere Engagements in Wien, Berlin, Paris und London anschlossen. Die Sängerin war besonders berühmt als Darstellerin der Susanna aus Mozarts „Le Nozze di Figaro“ und sang vor allem Rollen des leichten, brillanten Fachs wie die Titelpartie aus Rossinis „Semiramide“ oder die Amina aus Bellinis „La Sonnambula“; sie gilt als bedeutendste Koloratursopranistin ihrer Epoche. Nach ihrer Heirat mit dem Diplomaten Graf Carlo Rossi, nahm sie Abschied von der Bühne und widmete sich nur mehr ihrem Mann und ihren Kindern. Erst in den Revolutionsjahren 1848/49, als sich die finanzielle Situation der Familie verschlechtert hatte, kehrte Henriette Sontag auf die Bühne zurück. Obwohl sie schon 43 Jahre alt war, konnte sie mühelos an ihre Karriere anknüpfen und feierte auch in Amerika große Erfolge.

    Orte und Länder

    Henriette Sontag wirkte bis 1830 an allen großen Bühnen Zentraleuropas. Ihre Karriere begann in Prag und setzte sich in Wien, Berlin, Paris und London fort. Nach ihrer Heirat mit dem Diplomaten Graf Carlo Rossi gab sie nur noch vereinzelt und in privatem Rahmen Konzerte. Die Familie Rossi lebte zunächst in Den Haag und Franfurt/Main. Aus beruflichen Gründen folgte der Umzug nach St. Petersburg und schließlich nach Berlin. Im Jahr 1849 nahm Henriette Sontag ihre Karriere wieder auf, sang in England und Schottland (Manchester, Birmingham, Southampton, Wright, Brighton, Liverpool, Edinburgh, Glasgow, York, Bristol, Exeter), trat in London und Paris auf und schloss eine Tournee durch die wichtigsten Städte Deutschlands an. Im August 1852 reiste sie nach Amerika. Dort sang sie in New York und gab Gastspiele in Philadelphia, Boston, Baltimore, Louisville, New Orleans, Cincinnati und Buffalo. Zuletzt lebte sie in Mexiko Stadt.

    Biografie

    Henriette Sontag war die Tochter des Schauspielerehepaares Franziska und Franz Sontag. Noch vor ihrer Gesangsausbildung am Prager Konservatorium von 1817 bis 1821 wirkte sie schon im Alter von fünf Jahren bei Theateraufführungen mit.

    Ihr Debüt als Opernsängerin erfolgte 1819 am Prager Ständetheater als Prinzessin von Navarra in François Adrien Boieldieus „Jean de Paris“. Ab 1822 folgten Gastspiele in Wien, zuerst im Theater an der Wien und dann im Hoftheater am Kärntnertor, wo Carl Maria von Weber auf sie aufmerksam wurde und ihr die Titelrolle seiner neuen Oper „Euryanthe“ zur Uraufführung anbot. 1825 verabschiedete sie sich, als mittlerweile arrivierte Gesangskünstlerin, von Wien und reiste über Leipzig nach Berlin, wo sie zunächst am Königstädter Theater und dann an der Hofoper für Furore sorgte und von den Berlinern vergöttert wurde („Sontag-Fieber“). 1826 holte Gioacchino Rossini sie nach Paris, wo er seit 1824 Direktor am Théâtre Italien war. 1828 stellte sie sich dem Londoner Publikum vor. Nach ihrer Vermählung mit dem sardischen Diplomaten Carlo Graf Rossi im Jahr 1827 gab sie ihre Karriere im Alter von 24 Jahren auf dem Höhepunkt ihres Erfolges zu Gunsten ihrer Ehe auf, die für ihren Mann, den Grafen Rossi, als nicht standesgemäß betrachtet wurde. Henriette Sontag trat sang auch weiterhin, jedoch vor allem in privaten Kreisen.

    Nach dem finanziellen Ruin ihres Mannes während der Märzrevolution 1848, nahm sie ihre Opernlaufbahn im Alter von 43 Jahren wieder auf. Sie konnte an ihre einstigen Erfolge anknüpfen und sie sogar noch ausbauen, wobei sie nun auch dramatische Partien wie Bellinis „Norma“ in ihr Repertoire aufnahm. Um die Familie finanziell abzusichern, begab sie sich 1852 auf eine Tournee durch Amerika, die sie schließlich auch nach Mexiko führte. Dort starb Henriette Sontag 1854 an der Cholera.

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    Henriette Sontag kam am 3. Januar 1806 in Koblenz zur Welt. Ihre Eltern waren die Schauspielerin Franziska Sontag, geborene Marckloff, und der Schauspieler und Sänger Franz Anton Sontag.

    Erste Erwähnung fand Henriettes Name auf einem Darmstädter Theaterzettel, wo sie schon als Fünfjährige in August von Kotzebues Einakter „Die Beichte“ mitspielte. Bald wurden dem Mädchen größere Rollen anvertraut. Nach der Trennung von ihrem Mann nahm Franziska Sontag ein Engagement in Prag an und zog mit ihren beiden Kindern Henriette und der jüngeren Anna, genannt Nina, in die böhmische Hauptstadt. Hier begann Henriette Sontags musikalische Ausbildung: Am 1. Juli 1817 trat sie in das Musikkonservatorium in Prag ein, als Schülerin der Altistin Anna Czegka-Aurhammer. Einen ersten großen Erfolge erzielte Henriette Sontag, als sie im Jahr 1819 am Nationaltheater in Prag als Prinzessin von Navarra in François Adrien Boieldieus Oper „Jean de Paris“ für eine erkrankte Sängerin einsprang. Bald wurden ihr am Prager Nationaltheater größere Rollen übertragen: Clorinde in Nicolas Isouards „Cendrillon“, Myrrha in Peter von Winters „Das unterbrochene Opferfest“, Marguerite in André-Ernest-Modeste Grétrys „Richard Coeur de Lion“, Sophie in Ferdinando Paers „Sargino“, Amenaide in Rossinis „Tancredi“, Rosina in Rossinis „Il barbiere di Siviglia“, Giulietta in Niccolò Antonio Zingarellis „Romeo e Giulietta“, Zerlina in Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“, Agathe in Webers „Der Freischütz“). Nun wurde man auch in Wien auf sie aufmerksam, und am 22. Juli 1822 gab sie ihr Debüt im Theater an der Wien als Prinzessin von Navarra. Auch als Agathe und im Hoftheater am Kärntnertor als Rosina begeisterte die Sechzehnjährige das Wiener Publikum. Eine großzügige Gage und das Mitengagement ihrer Mutter sollte den neuen Liebling der Wiener in der Stadt halten, und so trat sie am 4. April 1823 ihr Engagement mit der Rolle der Donna Anna aus Mozarts „Don Giovanni“ an. Da in Wien zu jener Zeit der so genannte „Opernkrieg“ zwischen den Anhängern der deutschen und der italienischen Musik herrschte, galt es nicht nur die deutschen Anhänger mit ihrer Donna Anna zu überzeugen, sondern auch sich im italienischen Fach zu beweisen. Der Triumph erfolgte im August 1823 in der Rolle der Elena aus Rossinis „La donna del Lago“, womit sie die italienische Partei auf ihre Seite zog und auch Carl Maria von Weber begeisterte, der sie gleich aufsuchte, um ihr persönlich seine neue Oper „Euryanthe“ vorzustellen und ihr die Hauptrolle anzubieten. „Euryanthe“ wurde dank Henriette Sontags Mitwirkung nach der Premiere noch 20 Mal gespielt, bevor sie vom Spielplan verschwand. Die großen Erfolge der jungen Sopranistin waren auch Ludwig van Beethoven bekannt geworden, der sie für den Sopranpart der Uraufführung seiner „Missa Solemnis“ und der Symphonie Nr. 9 am 7. Mai 1824 verpflichtete.

    Mit zunehmender Verschlechterung der finanziellen Lage der Wiener Oper, begann sich Franziska Sontag nach besseren Engagements für ihre Tochter Henriette umzusehen, immer unter der Bedingung, deren dreizehnjährige Schwester Nina und sich selbst mitzuengagieren. In Leipzig, wo die Sontags zur Erstaufführung von Webers „Euryanthe“ gastierten, wurden sie mit Angeboten von Berliner Theatern überschüttet. Nach langen Verhandlungen mit der Mutter Sontag wurde ein Vertrag für die drei Sontags mit dem Berliner Königstädter Theater unterzeichnet. Um Abwechslung zu den bisher herausgebrachten Lokalpossen, Vaudevilles und älteren Wiener Komödien zu schaffen, wollte man am neueröffneten Königstädter Theater mit der italienischen komischen Oper neues Publikum anlocken. Henriette Sontags erster Auftritt in Berlin fand am 3. August 1825, dem Geburtstag des Königs Friedrich Wilhelm III., in der Rolle der Isabella in Rossinis „L' Italiana in Algeri“ statt. Dieser Abend löste in und um Berlin das „Sontag-Fieber“ aus und legte den Grundstein zu ihrem internationalen Erfolg. Im Mai 1826 folgte die Auszeichnung zur königlich preußischen Kammersängerin durch König Friedrich Wilhelm III.


    Paris und London

    Ein lukrativer Gastvertrag, den ihr Gioacchino Rossini, damals Direktor des Théâtre Italien, angeboten hatte, führte Henriette Sontag nach Paris. Zuvor musste sie jedoch noch vom Berliner Publikum Abschied nehmen, das sie noch einmal feierte und danach in der „Sontag-Trauer“ versank. Ihr Gastspiel in Paris dauerte vom 15. Juni bis 23. Juli 1826; danach verließ sie Frankreich als Weltberühmtheit.

    Auf ihrem Rückweg nach Berlin machte Henriette Sontag am 4. September 1826 Halt in Weimar und gab dort ein Gastspiel. In Johann Wolfgang von Goethes Tagebuch war ihr Name bereits am 3. Juni 1826 zum ersten Mal aufgetaucht; seitdem hatte der Dichter großes Interesse am Wirken der Sängerin gezeigt und sich darum bemüht, sie für ein Gastspiel in Weimar zu gewinnen. Als sie nun Station in Weimar machte, sang sie im Hoftheater die Rosina in Rossinis „Barbier von Sevilla“ und traf sich anschließend mit Goethe (vgl. Kühner, Große Sängerinnen, S. 93).

    Zurück in Berlin brach nach ihrem ersten Auftritt am 11. September erneut der „Sontag-Wahn“ aus. Auch der König zeigte sich begeistert; er bot ihr ein Engagement an der Hofoper an und ließ ihr die Freiheit, sich ihre Rollen selbst auszusuchen. Dennoch nahm sie nur einen Gastvertrag für 15 Rollen an, den sie am 29. September als Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni“ antrat. Am 5. November nahm sie erneut von Berlin Abschied und begab sich über Weimar, Frankfurt/Main, Göttingen, Darmstadt und Den Haag wieder auf den Weg nach Paris, wo sie diesmal Bekanntschaft mit Eugène Scribe, Théophile Gautier und Daniel-François-Esprit Auber machte.

    Im April 1828 trat sie erstmals in London auf, wo sie ebenfalls große Erfolge verbuchen konnte und eine Privataudienz bei Königin Victoria erhielt. Die Rivalitäten zwischen den Primadonnen Maria Malibran und Henriette Sontag konnten während eines kleinen Konzertes in privatem Rahmen beendet werden, so dass die beiden Sängerinnen später sogar voll Verehrung füreinander gemeinsam auftraten.

    1830 wurde ihre bereits zwei Jahre zuvor heimlich geschlossene Ehe mit dem Grafen Carlo Rossi, einem sardischen Diplomaten, bekannt. Die Verbindung war geheim geblieben, um Rossis Stellung am sardischen Hof nicht zu gefährden, wo eine Ehe mit einer Theaterdame nicht gebilligt worden wäre. Bereits im Dezember 1828 hatte Henriette ihre Tochter Jettchen geboren, die jedoch schon bald darauf gestorben war. Damit Henriette Sontag der Stellung einer Diplomatenfrau gerecht werden konnte, forderte der Turiner Hof von ihr, die Bühne für immer zu verlassen. Es wurde ihr allerdings gestattet – wie vereinbart zwischen den Höfen von Berlin und Turin – noch 14 Mal aufzutreten. Mit Rossinis Oper „Semiramide“ feierte die Sängerin am 22. Mai 1830 ihren Abschied von der Bühne. Zur Besänftigung des sardischen Adels hob der Preußenkönig die vermählte Gräfin Rossi am 22. August in den Adelsstand unter dem Namen von Lauenstein. Bis dem Ehepaar gestattet wurde, die Verbindung publik zu machen, war es der Sängerin erlaubt in Konzerten aufzutreten. Diese Zeit nutzte sie für eine Konzertreise, die sie bis nach Russland führte.


    Gräfin Henriette Rossi

    Ab Oktober 1831 lebte Henriette Sontag als Frau des Gesandten Graf Rossi in Den Haag und kümmerte sich hauptsächlich um ihre Kinder Alexander, Camillo und Maria. Alexandrine und Luigi kamen später in St. Petersburg zur Welt und ein siebtes Kind in Berlin (vgl. Stümcke, Sontag, S. 164, 170 u. 172). Nach vier Jahren wurde ihr Mann als bevollmächtigter Minister in den Bundestag nach Frankfurt/Main berufen. Nach drei Jahren folgte die Versetzung nach St. Petersburg als sardinischer Botschafter. Zar Nikolaus I. ließ sofort nach Turin melden, dass er die berühmte Sängerin zu hören wünsche. Sie trat dann in der St. Petersburger Hofoper u.a. in „La Sonnambula“ von Vincenzo Bellini und in „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti auf. Auf Grund der hohen Lebenshaltungskosten schwanden die Ersparnisse der Rossis während der Petersburger Zeit. 1841 zog die Familie wieder nach Berlin. Hier eröffnete Henriette Sontag einen Salon der rasch zum Mittelpunkt der Musik und Kunst liebenden Gesellschaft wurde (vgl. Kühner, Große Sängerinnen, 123).

    Während all der Jahre hatte Henriette Sontag die Musik nie ganz aufgegeben und sang immer wieder in Konzerten oder zu wohltätigen Zwecken. Von den sieben Kindern, die die Gräfin im Laufe der Jahre geboren hatte, überlebten nur vier. Doch das Einkommen ihres Mannes reichte nicht für die Familie, und die Geldsorgen verschlimmerten sich stetig, zumal das Ehepaar während der Märzrevolution in Berlin 1848 hohe Verluste bei seinen Wertpapieren hinnehmen musste. Dazu kam noch, dass es in Italien zum Sturz König Karl Alberts, dem Freund und Förderer des Grafen Rossi, gekommen war, und somit die Stellung des Grafen Rossi ins Wanken geriet. Als ihm abermals die Trennung von seiner Frau nahegelegt wurde, quittierte er umgehend seinen Dienst und wurde in den Ruhestand versetzt.

    Um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sichern, entschloss sich Henriette Sontag, an die Bühne zurückzukehren. Benjamin Lumley, der frühere Impresario der Sängerin Jenny Lind, leitete jetzt in London Her Majesty's Theatre (das ehemalige King's Theatre) und ermöglichte Henriette Sontag die Rückkehr auf die Bühne (Pirchan, Sontag, S. 146). Am 28. Juni 1849 verließ die Sängerin Berlin und trat am 7. Juli ihr Engagement am Londoner Her Majesty’s Theatre in der Titelrolle von Donizettis „Linda von Chamounix“ an. Im Anschluss an die Londoner Saison unternahm sie eine Tournee durch Großbritannien und Schottland, gefolgt von einem Gastspiel von Her Majesty's Theatre 1851 in Paris. Trotz 20jähriger Bühnenpause überzeugte sie nach wie vor, schien sogar noch besser geworden zu sein. Die „Revue des deux mondes“ schrieb:

    „La voix de Mdme. Sontag est assez bien conservée. Si les cordes inférieures ont perdu de leur plénitude et se sont alourdies un peu sous la main du temps, comme cela arrive toujours aux voix soprano, les notes supérieures sont encore pleines de rondeur et de charme. Son talent est presque aussi exquis qu'il était il y a vingt ans, sa vocalisation n'a rien perdu de la merveilleuse flexibilité qui la caractérisait autrefois , et sans beaucoup d'efforts d'imagination, on retrouve aujourd'hui dans Mdme. Sontag le fini, le charme, l'expression temperée et sourdine, qui la distinguaient parmi les cantatrices éminentes qui ont émerveillé l'Europe depuis un demi-siècle.“ („Die Stimme der Mme. Sontag hat sich gut erhalten. Wenn die tieferen Töne auch an Fülle verloren haben und im Lauf der Jahre schwerer geworden sind, wie es bei Sopranistinnen immer geschieht, so sind die höheren Noten voll zauberhafter Abgerundetheit. Ihr Talent ist so ausgezeichnet, wie es vor zwanzig Jahren war, ihre Vokalisation hat nichts von ihrer wunderbaren, sie einst charakterisierenden Geschmeidigkeit verloren, und ohne die Einbildung sehr bemühen zu müssen, findet man heute in Mme. Sontag die Vollkommenheit, den Zauber, den maßvoll-gedämpften Ausdruck wieder, der sie unter die prominenten Sängerinnen einreiht, welche Europa seit einem halben Jahrhundert in Staunen setzen.“ Siehe Stümcke, Sontag, S. 211)

    Anschließend reiste Henriette Sontag zurück nach London, wo sie im Rahmen der Weltausstellung 1851 in Giulio Eugenio Abramo Alarys „Le tre nozze“ auftrat, löste sich jedoch danach von ihrem Agenten Lumley, mit dem es zu finanziellen Unstimmigkeiten gekommen war, und kehrte zurück nach Deutschland. Hier feierte sie große Erfolge auf Tourneen durch viele deutsche Städte.


    Amerika

    Um ihre Kinder finanziell abzusichern, entschied sie sich, dem Beispiel der Sängerin Jenny Lind zu folgen, die in Amerika ein Vermögen verdient hatte. Begleitet von ihrem Ehemann und einem kleinen Gefolge ging sie am 25. August 1852 in Liverpool an Bord. Die Kinder blieben in Europa zurück. Nach der 12tägigen Reise begann für Henriette Sontag in Amerika ein arbeitsreiches Leben. In New York gab sie zuerst 23 Konzerte und trat dann in der Oper auf. Sie hatte für New York drei neue Rollen in ihr Repertoire aufgenommen, und zwar aus Donizettis „L'elisir d'amore“, „Maria di Rohan“ und „Lucrezia Borgia“. Das begeisterte New Yorker Publikum verlieh ihr den Namen „Queen of Song“ (Pirchan, Sontag, S. 182). Aber nicht nur in New York trat sie auf, auch in Buffalo, Cleveland, St. Louis, Louisville, Cincinnati, Washington und New Orleans.

    Schließlich konnte sie mit dem Direktor des St. Anna-Theaters in Mexiko, dem Franzosen René Masson, einen Vertrag schließen, dessen Honorar alle bisherigen Angebote überstieg. Von New Orleans schiffte sie am 1. April 1854 nach Vera Cruz ein – die überfahrt dauerte vier Tage – und reiste von dort mit dem Postwagen weiter. Ihr Debüt am St. Anna-Theater gab Henriette Sontag am 21. April 1854 in Bellinis „La Sonnambula“ Das mexikanische Klima bekam ihr gut, und sowohl ihre Stimme als auch ihre Gesundheit profitierten von den gleichmäßigen Temperaturen. Trotz großer Triumphe plante Henriette Sontag schon bald ihre Rückkehr.

    Ihre plötzliche Cholera-Erkrankung am 11. Juni machten die Pläne jedoch zunichte. Henriette Sontag starb am 17. Juni 1854 in Mexiko. Zwei Tage später fanden ein feierlicher Trauerzug und eine provisorische Beisetzung in der Klosterkirche San Fernando statt. Die Überführung in die Heimat erfolgte erst nach der Regenzeit, am 28. November 1854. Am 3. Mai des darauffolgenden Jahres wurde sie im Kloster Marienthal in der Lausitz, in das Henriette Sontags Schwester Nina schließlich eingetreten war, beigesetzt.

    Würdigung

    Henriette Sontag feierte zu ihren Lebzeiten außergewöhnliche sängerische Erfolge. Zentrum ihres künstlerischen Schaffens bildete dabei hauptsächlich die Oper. In dieser Gattung galt sie als bedeutendste Gesangskünstlerin ihrer Epoche.

    Ihre glockenreine, in allen Lagen ausgeglichene, überaus bewegliche Stimme traf den Geschmack ihrer Zeit, und durch ihre mädchenhafte Gestalt konnte sie auch darstellerisch überzeugen (Stümcke, Sontag S. 42 f.).

    Henriette Sontags Erfolge waren denen einer Maria Malibran oder Giuditta Pasta ebenbürtig. Nach ihrer längeren sängerischen Schaffenspause erweiterte sie ihr Repertoire an Partien des leichten Fachs durch dramatische Rollen, u.a. mit Vincenzo Bellinis „Norma“.

    Rezeption

    Henriette Sontag wurde von ihren Anhängern enthusiastisch verehrt. Höhepunkt ihrer Karriere war ihre Verpflichtung in Berlin an der Hofoper 1825/26. Durch das Engagement der berühmten Sängerin versprach sich die Theaterleitung wieder steigende Besucherzahlen. Das große Interesse, das ihr daraufhin von den Berlinern entgegengebracht wurde, betraf nicht nur ihr künstlerisches Schaffen, sondern auch ihr Privatleben. Die besondere Verehrung, die ihr zu Teil wurde, bezeichnete man schon zu Zeiten ihres Berlinaufenthalts als „Sontag-Fieber“ (Stümcke, Sontag, S. 48-51) und schlug sich in zahlreichen Liedern, Gedichten und Artikeln – von genervten Sontag-Gegnern auch in satirischer oder parodistischer Form – nieder. Der Theologe und Theatergegner Gottgetreu Tholuck verfasste beispielsweise die Verse (nach Stümcke, Sontag, S. 87):

    „Wie preißt man sie nicht als der Oper Zierde,

    Und sie vergöttert mancher gute Christ.

    O, daß d e r Sonntag so gefeiert würde,

    Wie es d i e Sontag ist.“

    Heute wird die Sängerin Henriette Sontag kaum noch als ebenbürtig mit Maria Malibran oder Angelica Catalani erachtet. Möglicherweise traf Angelica Catalani mit ihrer Aussage über Henriette Sontag einen der Gründe: „Elle est la première dans son genre, mais son genre n'est pas le premier.“ („Sie ist die erste Sängerin ihres Fachs, aber ihr Fach ist nicht das erste.“ Vgl. Stümcke, Sontag, S. 89) Bei Recherchen zu Henriette Sontag fällt außerdem auf, dass amerikanische Bibliotheken mehr Sekundärliteratur über die Künstlerin bereithalten als deutsche. Es wäre zu untersuchen, ob Henriette Sontag in den USA einen höheren Bekanntheitsgrad genießt als in Deutschland.

    Repertoire

    Opernrollen

    (Komponist, Oper, Rolle)


    Domenico Cimarosa: „Il matrimonio segreto“, Carolina

    Niccolò Antonio Zingarelli: „Romeo e Giulietta”, Giulietta

    Peter von Winter: „Das unterbrochene Opferfest“, Myrrha

    Wolfgang Amadeus Mozart: „Le nozze di Figaro“, Susanna

    Wolfgang Amadeus Mozart: „Don Giovanni“, Zerlina, Donna Anna

    Ferdinando Paër: „Sargines“, Sophie

    Anton Fürst von Radziwill: „Faust“, Gretchen

    François Adrien Boieldieu: „Jean de Paris“, Prinzessin von Navarra

    Daniel-François-Esprit Auber: „La neige“, Berthe

    Daniel-François-Esprit Auber: „L' ambassadrice“, Gräfin Westerburg

    Daniel-François-Esprit Auber: „L' enfant prodigue“

    Carl Maria von Weber: „Der Freischütz“, Agathe

    Carl Maria von Weber: „Euryanthe“, Euryanthe

    Gioacchino Rossini: „L' Italiana in Algeri“, Isabella

    Gioacchino Rossini: „Tancredi“, Amenaide

    Gioacchino Rossini: „Il barbiere di Siviglia“, Rosina

    Gioacchino Rossini: „Otello“, Desdemona

    Gioacchino Rossini: „La Cenerentola“, Angelina

    Gioacchino Rossini: „La donna del Lago“, Elena

    Gaetano Donizetti: „L'Elisir d'amore“, Adina

    Gaetano Donizetti: „Lucrezia Borgia“, Lucrezia

    Gaetano Donizetti: „Lucia di Lammermoor“, Lucia

    Gaetano Donizetti: „La Fille du Régiment“, Marie

    Gaetano Donizetti: „Linda di Chamounix“, Linda

    Gaetano Donizetti: „Maria di Rohan“, Maria

    Jacques Fromental Halévy: „La Tempesta“, Miranda

    Vincenzo Bellini: „La Sonnambula“, Amina



    Konzerte

    (Auswahl)


    Giovanni Battista Pergolesi: „Stabat mater“

    Wolfgang Amadeus Mozart: „Magnificat“, KV 193

    Ludwig van Beethoven: Missa Solemnis, Symphonie Nr. 9

    Quellen

    Primärliteratur


    Gautier, Théophile. L' Ambassadrice. Biographie de la Comtesse Rossi, Paris 1850


    Gundling, Julius. Henriette Sontag. Künstlerlebens Anfänge in Federzeichnungen, Grunow, Leipzig, 1841


    Rellstab, Ludwig. Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage. (von Freimund Zuschauer), Herbig, Leipzig, 1826


    Sontag, Carl. Vom Nachtwächter zum türkischen Kaiser! Bühnenerlebnisse aus dem Tagebuch eines Uninteressanten, Hannover, Helwing, 1875



    Sekundärliteratur


    Becker, W.J. „Henriette Sontag“, in: für Heimatkunde des Regierungsbezirkes Coblenz und der angrenzenden Gebiete von Hessen-Nassau, Koblenz 1921, Heft Nr.14, S. 52-55


    Karrenbrock-Berger, Anneli. „ Henriette Sontag - eine europäische Nachtigall“, in: Karrenbrock-Berger, Anneli (Hg.), „Mutter-Beethoven-Haus, Höfische Kultur und gesellschaftliches Leben in Ehrenbreitstein“ (Mittelrhein-Museum Koblenz), Kleine Reihe Bd. 6, Görres Verlag, Koblenz, 2005, S. 60-64


    Kühner, Hans. „Große Sängerinnen der Klassik und Romantik. Ihre Kunst – ihre Größe – ihre Tragik“, Victoria Verlag Martha Körner, Stuttgart, 1954, S. 75-139


    Michaud, Cécile (Hg.). „Die göttliche Jette. Ein Weltstar aus Koblenz. Der Sängerin Henriette Sontag zum 200. Geburstag.“ Mittelrhein-Museum Koblenz, Kleine Reihe Bd. 8, M. Kramp, Koblenz, 2006


    Pirchan, Emil. „Henriette Sontag. Die Sängerin des Biedermeier“, Wien, Wilhelm Frick Verlag, 1946


    Russel, Frank. „Queen of Song. The life of Henrietta Sontag“, New York, Exposition Press, 1964


    Stümcke, Heinrich. „Henriette Sontag. Ein Lebens- und Zeitbild“, Berlin, Selbstverlag der Gesellschaft für Theatergeschichte, 1913

    Forschung

    Es gibt zahlreiche Quellen und Dokumente (hauptsächlich Briefe) bezüglich Henriette Sontag, die bislang kaum erforscht wurden und unveröffentlicht in verschiedenen Bibliotheken und Museen (z.B. in der Staatsbibliothek zu Berlin, in der Wiener Stadtbibliothek oder im Landesmuseum Prag) liegen. Auch zahlreiche Rezensionen und Zeitungsartikel über die Sängerin, die eine wichtige Forschungsgrundlage für eine Rezeptionsgeschichte bilden, sind bislang nicht hinreichend ausgewertet worden. Eine ausführliche bibliographische Auflistung (auch anonymer Zeitungsartikel) findet sich im Anhang bei Emil Pirchan (siehe Literatur).

    Bei der Stichwortsuche über den „Karlsruher Virtuellen Katalog“ (KVK) findet sich erstaunlicherweise mehr Sekundärliteratur in den USA (Library of Congress) als im europäischen Ausland.

    Forschungsbedarf

    Die aktuellsten und umfassendsten Publikationen über Henriette Sontag liegen bereits Jahrzehnte zurück, so dass Bedarf an einer neuen wissenschaftlichen Studie über die Sängerin besteht. Insbesondere die Forschung zu ihrem Opernrepertoire weist Lücken auf und müsste vervollständigt werden. Eine Untersuchung ihrer vielseitigen Konzerttätigkeit, gerade in den Jahren nach ihrer Heirat mit dem Grafen Rossi, steht ebenso noch aus. In diesem Zusammenhang wäre auch Henriette Sontags Berliner Salon näher zu betrachten. Darüber hinaus wäre eine Sammlung und kritische Edition ihrer Korrespondenz als wichtige Grundlage zur Opern-, Gesangs- und Genderforschung erstrebenswert.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 69198419
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 118797999
    Library of Congress (LCCN): n90600136
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Amélie Pauli, 26. November 2008

    Übersetzung: David Babcock


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 05.04.2009
    Zuletzt bearbeitet am 11.08.2014


    Empfohlene Zitierweise

    Amélie Pauli, Artikel „Henriette Sontag“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 11.8.2014
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Henriette_Sontag