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  • Henriette Dreifus

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Henriette Dreifus
    Geburtsname: Henriette Benedict
    Varianten: Henriette Dreifuß, Henriette Dreifuss, Henriette Dreyfuß
    Lebensdaten:
    geb. in Stuttgart,
    gest. in Stuttgart,
    Tätigkeitsfelder:
    Komponistin, Sängerin

    Profil

    Die Komponistin Henriette Dreifus wuchs in einer jüdischen Bankiers-Familie in Stuttgart auf. Sie war die Schwester des Komponisten und Dirigenten Julius Benedict und erhielt vermutlich ebenso wie ihr Bruder eine fundierte musikalische Ausbildung. Spätestens im Alter von zwanzig Jahren heiratete sie den Arzt Samuel Dreifus. Gemeinsam mit ihrem Mann veranstaltete sie regelmäßig Soiréen, die sowohl Musik als auch bildender Kunst gewidmet waren. Zwischen 1846 und 1877 erschienen insgesamt vier Liedersammlungen von Henriette Dreifus in renommierten Stuttgarter, Wiener und Hamburger Musikverlagen.

    Orte und Länder

    Henriette Dreifus wurde in Stuttgart geboren und verbrachte dort ihr Leben.

    Biografie

    Henriette Dreifus, geb. Benedict, wurde am 20. September 1810 in Stuttgart als Tochter von Moses Benedict (1772-1852) und seiner Frau Flora (Blümchen), geb. von Geldern, geboren (vgl. Hahn u. a. 1988, S. 39). Sie wuchs in einem jüdischen, von Musik, bildender Kunst und Literatur geprägten Elternhaus auf. Ihr Vater war Miniaturmaler und Bildhauer und hatte Ende des 18. Jahrhunderts das Stuttgarter Bankhaus Benedict gegründet, das in der Königsstraße 25 ansässig war. Über die musikalische Ausbildung von Henriette Dreifus ist nichts bekannt. Anhand ihres späteren Lebensweges ist jedoch zu vermuten, dass sie – wie alle Kinder der Familie – eine fundierte musikalische Ausbildung erhielt, u. a. in Komposition und vermutlich auch in Klavier und Gesang; zu ihren Geschwistern gehörte der spätere Dirigent und Komponist Julius Benedict (1804-1885).


    Spätestens ab 1830 war Henriette Dreifus mit dem Arzt Dr. med. Samuel Dreifus (1804-1855) verheiratet, der mehr als zwanzig Jahre lang dem Esslinger israelitischen Waisenhaus vorstand; aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor, u. a. die Töchter Bertha Dreifus (geb. 1830, verh. Haas) und Julie Emilie Dreifus (1834-1880). Das Ehepaar veranstaltete regelmäßig Soiréen mit bildender Kunst und Musik, in denen Henriette Dreifus u. a. als Sängerin auftrat. In einem Nachruf hieß es 1882, Henriette Dreifus sei „musikalisch vortrefflich begabt [gewesen], sie hatte einst eine schöne Sopranstimme und hat selbst ansprechende Lieder komponirt; in früheren Jahren vereinigte ihr Haus einen auserwählten musikalischen Kreis.“ (zit. n. Hahn 1988, S. 40)


    An die Öffentlichkeit trat Henriette Dreifus – sofern bislang bekannt – mit vier Liedersammlungen, von denen zwei in den Jahren 1846/47 erschienen, zwei weitere dreißig Jahre später, 1876/77. Zu vermuten bleibt, dass das kompositorische Gesamtwerk weitaus umfangreicher ist und vorrangig für den privaten Gebrauch gedacht war. Alle vier Liedersammlungen wurden in den beiden großen Musikzeitschriften, der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ und der „Neuen Zeitschrift für Musik“, zur Kenntnis genommen, allerdings verwiesen die Rezensenten die Komponistin nahezu ausnahmslos in den Bereich der „Dilettantin“.


    Henriette Dreifus’ erste Liedersammlung op. 1 wurde 1846 in Stuttgart in der Zumsteeg’schen Musikalienhandlung, die von Louise Zumsteeg – der Mutter von Emilie Zumsteeg – gegründet worden war, veröffentlicht. Die „Acht Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte, componirt von Henriette Dreifus“ wurden „zum Besten einer Wohlthätigkeits-Anstalt“ verkauft. Ein Rezensent der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ reagierte allerdings eher verhalten: „Wenn Männer und Frauen anerkannten Kunstrufes für ,Wohlthätigkeitsanstalten’ etwas thun, so ist das ehrenwerth und in der Regel auch erfolgreich. Allein das ist nicht so, wenn ein erstes Debüt sich in solcher Beziehung geltend machen will. – Der Verfasserin fehlt es zwar nicht an melodischer Erfindung, allein sogleich im ersten Liede: ,Wunsch’ macht sich ein Mangel an sicherem, wohlgegliedertem, geschmackvollem Ausgusse derselben bemerklich, welchen die Verfasserin, wenn sie diesen Versuch vielleicht nach einigen Jahren wieder ansieht und aufmerksam zergliedert, sicherlich selbst erkennen wird. Auch war hier die Wahl des Gedichtes keineswegs eine glückliche – und für die Musik leichte. Am Meisten in dem Hefte haben uns die Lieder Nr. 2: ,Zwei Rosen“, Nr. 6: ,Liebesfrühling’ und Nr. 7: ‚Mittag’ angesprochen, welche die beste Abrundung zeigen und ein melodisches Talent beurkunden, dem es nicht an Frische fehlt.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 18. November 1846, S. 761). Ein Jahr später publizierte Henriette Dreifus in der Hallberger’schen Verlagshandlung „Sechs Lieder“ op. 2, u. a. nach Texten von Franz Dingelstedt und K. J. Ph. Spitta, und ein Stuttgarter Korrespondent der „Wiener Allgemeine Musikzeitung“ verwies vor allem auf die biografischen Hintergründe der Komponistin: „Im Verlage der hiesigen Hallberger’schen Verlagshandlung sind sechs Lieder für Pianoforte, komponirt von Henriette Dreyfus, geb. Benedict, erschienen. Die Komponistin ist die Schwester des berühmten Kompositeurs Benedict und die Gattin des durch seine Humanität und Freundlichkeit allgemein bekannten und geachteten Herrn Dr. Dreyfus, der in seinem Hause oft die Notabilitäten der hiesigen Kunstwelt versammelt und auf diese Weise der Kunst auch im geselligen Kreise eine gastliche Stätte öffnet. Was die Komposition der Lieder betrifft, so ist diese eine leichte und gefällige und von echter musikalischer Befähigung zeugend.“ („Wiener Allgemeine Musikzeitung“ vom 30. Oktober 1847, S. 523) Im Februar 1849 wurde im Stuttgarter Hoftheater Henriette Dreifus’ Lied „Le bouquet de bal“ als Zwischenaktmusik in August M. Canthals „Posse mit Musik“ „Der Weltumsegler wider Willen“ aufgeführt, neben den Liedern „The Dream“ von Michael Balfe und „Ave Maria“ von Friedrich Wilhelm Kücken (vgl. Gottwald 2004, S. 417).


    Erst dreißig Jahre später erschien als op. 3 eine weitere Liedersammlung von Henriette Dreifus mit „Sechs Liedern in schwäbischer Mundart für eine Singstimme mit Clavierbegleitung“ bei Ebner in Stuttgart. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ notierte: „Das liebe gemüthliche Schwabenland hat schon so manchens treuherzige Lied erzeugt, das Gemeingut, Lieblingslied des ganzen deutschen Volkes geworden. Auch das vorliegende Heft enthält schöne lyrische Tonblüthen. Einfach im Volkston gehalten mit leicht ausführbarer Begleitung, werden sie im häuslichen Kreise eine willkommene Gabe sein. Als die gelungensten darf man Nr. 1, 4, 5 und 6 bezeichnen.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 18. August 1876, S. 336) Über ihre „Fünf Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte op. 4“, die ein Jahr später in Hamburg und Wien verlegt wurden, schrieb ein Rezensent der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ schließlich: „Zu den freundlichen Productionen der vorerwähnten Art gehören auch diese fünf Lieder. Sie zeugen von musikalischer Solidität der Verfasserin, schlagen einen einfachen natürlichen Ton an und treten bescheiden auf. Das Alles ist geeignet, ihnen Sympathien zu erwerben.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 21. Februar 1877, Sp. 123)


    Im Jahr 1871 lebte Henriette Dreifus – seit 1855 verwitwet – im Haus ihrer Eltern in der Königsstraße 25 in Stuttgart (vgl. Adreß- und Geschäftshandbuch Stuttgart 1871, 1. Teil, S. 124). Sie starb am 19. Januar 1882 in Stuttgart und wurde im israelitischen Teil des Hoppenlau-Friedhofs beigesetzt (vgl. Hahn 1988, S. 39f.).

    Werkverzeichnis

    Kompositionen


    Acht Lieder op. 1. Stuttgart: Zumsteeg, Juni 1846.

    Wunsch („Dürft’ einen Wunsch“) – Zwei Rosen („Von meinem Lieb’ verwahr ich“) – Am See („Langsam zieht der stille Schwan“) – Wolken („Die Wolken kommen“) – Flüchtige Begegnung („Ich kann’s nicht ertragen“) – Liebesfrühling („Ich wollt’, ich wär ein Vogel“) – Mittag („Friedliche Stelle“) – Die Betende („Sie kniete am Altar“).


    Sechs Lieder op. 2. Stuttgart: Hallberger, 1847.

    Gondoliera – Weine nicht – Von den Sternen will ich lernen (Franz Dingelstedt) – Es zieht ein stiller Engel (K. J. Ph. Spitta) – Liebesfrühling – Serenade.


    Le Bouquet de Bal (Druck nicht nachweisbar).


    Sechs Lieder in schwäbischer Mundart für eine Singstimme mit Klavier. Stuttgart: Ebner, 1877.

    Komm zur Ruh’ („Ruhelos Herz, bald so bald so“) – Winter im Frühling („O Lerchle, was hilft mi dei luschtiger Schlag“) – Abschied („Jetz b’hüet di Gott“) – An der Mueder Grab („Gelt Mueder dir scht’s wohl do drunte“) – Sonscht und Jetzt („Am Bach bei de Rösle dort“) – Uf a welk’ Rösle („D’Blümle schläfert’s“).


    Russisches Volkslied. Stuttgart: Aibl, o. J.


    Fünf Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte, op. 4, Wien: Friedrich Schreiber, Hamburg: August Cranz, 1877.

    Repertoire

    Über das Repertoire von Henriette Dreius ist nichts bekannt, außer dass sie in privatem Rahmen mit einer „schönen Sopranstimme“ auftrat (vgl. Hahn 1988, S. 40).

    Quellen

    Literatur


    Adreß- und Geschäftshandbuch der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Stuttgart für das Jahr 1871, 1. Teil.


    Elson, Arthur. Women’s Work in Music. Boston: L. C. Page & Company, 1903.


    Gottwald, Clytus: Die Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, Reihe 2: Die Handschriften der ehemaligen Hofbibliothek Stuttgart, Bd. 6: Codices musici, Teil 3. Wiesbaden: Harrassowitz. 2004.


    Michaelis, Alfred. Frauen als schaffende Tonkünstler. Ein biographisches Lexikon. Leipzig: A. Michaelis, 1888.


    Hahn, Joachim. Friedhöfe in Stuttgart, Bd. 2: Hoppenlau-Friedhof, Israelitischer Teil, Stuttgart: Klett-Cotta, 1988.



    Zeitungsartikel und –rezensionen


    Allgemeine musikalische Zeitung vom 18. November 1846, S. 761.

    Allgemeine musikalische Zeitung vom 21. Februar 1877, Sp. 123.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 18. August 1876, S. 336


    Wiener Allgemeine Musikzeitung vom 30. Oktober 1847, S. 523.



    Links


    http://www.hofmeister.rhul.ac.uk/2008/index.html (Stand: 10. Februar 2013)

    Die Datenbank „Hofmeister XIX“, in der die Hofmeister’schen Musikalienkataloge des 19. Jahrhunderts aufbereitet sind, enthält auch mehrere Einträge zu Henriette Dreifus.


    http://www.recmusic.org/lieder/d/dreifus_opcat.html (Stand: 10. Februar 2013)

    Die Internetseite „The Lied, Art Song, and Choral Texts Archive“ verweist auf Henriette Dreifus’ Liedersammlung op. 3.

    Forschung

    Zu Henriette Dreifus liegen keine weiteren Forschungsinformationen vor.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Henriette Dreifus umfasst ihre Biografie, ihre Kompositionen und Tätigkeiten sowie ihre Kontakte sowohl im Stuttgarter (Musik-)Leben als auch im Umfeld ihres Bruders Julius Benedict.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 27815843
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 116213523

    Autor/innen

    Silke Wenzel


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Henriette Dreifus“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom ...
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Henriette_Dreifus