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  • Helene Ferchland

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Helene Ferchland
    Ehename: Helene Bornemann
    Varianten: Helene Bornemann-Ferchland, Helene Ferchland-Bornemann
    Lebensdaten:
    geb. in Magdeburg, Deutschland
    gest. unbekannt

    Das Geburtsjahr von Helene Ferchland wird teils mit 1879, teils mit 1880 angegeben. Ihre Sterbedaten sind derzeit nicht bekannt.
    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin
    Charakterisierender Satz:

    „Sehr sicheres, gewandtes Spiel. Musikalisch intelligent. Ungewöhnlich talentvolle Gabe zu gestalten.“


    (Joseph Joachim über Helene Ferchland. Archiv der Universität der Künste Berlin. Bestand 1 Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung, Specialia Nr. 5159 [1905], zit. n. Prante 1999, S. 43).


    Profil

    Helene Ferchland studierte bei Joseph Joachim in Berlin und bei Jacques Thibaud in Paris und erhielt im Jahr 1905 in Berlin das mit 1500 Mark dotierte Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Staatstipendium. Ab ca. 1901 konnte sie sich im Berliner Musikleben als Solistin und Kammermusikerin etablieren. Sie spielte dort u. a. mit dem Berliner Philharmonischen Orchester, gab eigene Konzerte und trat mit Musikerinnen und Musikern wie der Geigerin Helene Fürst, dem Pianisten Fritz Kauffmann und dem Komponisten Robert Kahn auf. Im Jahr 1912 wurde Helene Ferchland Mitglied im Damenstreichquartett der Joseph Joachim-Schülerin Gabriele Wietrowetz , dem sie bis zu dessen Auflösung 1917 angehörte.

    Orte und Länder

    Helene Ferchland wurde in Magdeburg geboren. Sie studierte in Berlin und Paris Violine und konzertierte anschließend vorwiegend in Berlin. Ab 1912 unternahm Helene Ferchland als Mitglied des Gabriele-Wietrowetz-Streichquartetts vermutlich mehrere Konzertreisen, u. a. nach England.

    Biografie

    Helene Ferchland wurde am 5. August 1879 (1880) in Magdeburg geboren. Über ihre Herkunft und ihre erste musikalische Ausbildung ist nichts Näheres bekannt. Ab Oktober 1896 studierte Helene Ferchland Violine an der Berliner Musikhochschule. Sie wurde zunächst von Heinrich Jacobsen unterrichtet, konnte jedoch bereits 1897 in die Klasse von Joseph Joachim wechseln und studierte bei ihm bis zu ihrem Abgang von der Hochschule 1901. Parallel erhielt sie auch Violinunterricht von Heinrich Jacobsen (1896-1899), Carl Halir (1898-1901) und Karl Markees (1901) (vgl. Prante 1999, S. 4). Das Violinstudium an der Berliner Musikhochschule ergänzte Helene Ferchland durch ein bislang nicht zu datierendes Studium bei dem Violinisten Jacques Thibaud am Pariser Konservatorium (vgl. Jansa 1911).


    In den Jahren 1900 und 1901 bewarb sich Helene Ferchland um das Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Staatstipendium und erhielt jeweils eine „lobende Erwähnung“. Bei ihrer ersten Bewerbung spielte sie Johann Sebastian Bachs Chaconne d-Moll (aus BWV 1004) sowie das Adagio aus Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur (op. 61). Joseph Joachim bemerkte hierzu: „Offenbar sehr begabt. Spielt schon sehr fertig und ist gut musikalisch veranlagt. Beethoven, Adagio aus dem Violin-Concert: Mit schönem Ton“ (Archiv der Universität der Künste Berlin. Bestand 1 Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung, Specialia Nr. 5154 [1900], zit. n. Prante 1999, S. 42). Ein Jahr später bewarb sich Helene Ferchland mit Max Bruchs Violinkonzert d-Moll (op. 58), und Joseph Joachim notierte: „sehr gute Eigenschaften, musikalisches Wesen“ (Archiv der Universität der Künste Berlin. Bestand 1 Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung, Specialia Nr. 5155 [1901], zit. n. Prante 1999, S. 42). Im Jahr 1905 kandidierte Helene Ferchland ein weiteres Mal für das Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Staatstipendium und erhielt diesmal den mit 1500 Mark dotierten Preis. Joseph Joachim kommentierte ihr Spiel von Edouard Lalos „Symphonie espagnole“ d-Moll (op. 21) mit den Worten: „Sehr sicheres, gewandtes Spiel. Musikalisch intelligent. Ungewöhnlich talentvolle Gabe zu gestalten.“ (Archiv der Universität der Künste Berlin. Bestand 1 Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung, Specialia Nr. 5159 [1905], zit. n. Prante 1999, S. 43).


    Nach Abschluss ihres Studiums an der Berliner Musikhochschule 1901 konnte sich Helene Ferchland als Violinistin im Berliner Musikleben etablieren. Sie gab am 30. Oktober 1901 ein eigenes Konzert im Berliner Bechstein-Saal, das von der renommierten Berliner Konzertagentur Hermann Wolff organisiert wurde. Begleitet wurde sie am Klavier von dem Magdeburger Musikdirektor und Komponisten Fritz Kauffmann, mit dem sie auch in den folgenden Jahren regelmäßig auftrat. Auf dem Programm standen die „Teufelstriller-Sonate“ für Violine und Klavier g-Moll von Giuseppe Tartini, die Chaconne für Violine solo von Johann Sebastian Bach, Eduard Lalos „Symphonie espagnole“ sowie Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll (op. 64). Die Resonanz der Berliner Musikkritik war überaus positiv. So schrieb die „Vossische Zeitung“ am 2. November 1901: „wenn die jugendliche Konzertgeberin das hält, was sie verspricht, wird sich die musikalische Welt einmal sehr ernstlich mit ihr zu beschäftigen haben.“ („Vossische Zeitung“ vom 2. November 1901, zit. n. Prante 1999, S. 43) Zwei Jahre später, am 15. Oktober 1903, debütierte Helene Ferchland mit dem Berliner Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Josef Rebiček im Berliner Beethovensaal. Dabei spielte sie die Violinkonzerte F-Dur (op. 20) von Edouard Lalo, Es-Dur (KV 268) von Wolfgang Amadeus Mozart (Zuschreibung heute zweifelhaft) sowie h-Moll (op. 61) von Camille Saint-Saëns (vgl. Muck 1982, S. 92). Der Musikkritiker der „Vossischen Zeitung“ war auch diesmal begeistert von ihrem Spiel: „Man spürte es mit dem ersten Bogenstrich: sie ist eine berufene Geigerin; sie dient ihrer Kunst unter dem innerlichen Zwange einer starken Veranlagung, nicht weil ein äußerliches, ein willkürlicher Entschluß, eine Laune des Schicksals sie dazu getrieben hat.“ („Vossische Zeitung“ vom 17. Oktober 1903, zit. n. Prante 1999, S. 43) Im Januar 1905 gab Helene Ferchland ein eigenes Konzert im Berliner Bechstein-Saal, begleitet von dem Berliner Komponisten und Pianisten Robert Kahn. Auf dem Programm standen die Violinsonate Es-Dur (op. 18) von Richard Strauss, Robert Kahns „Vier Tonbilder“ (op. 36), Johann Sebastian Bachs Sonate für Violine solo g-Moll (BWV 1001) sowie drei „Ungarische Tänze“ von Johannes Brahms in der Bearbeitung von Joseph Joachim: „Die junge Künstlerin hat mit Erfolg an der Vervollkommnung ihres Könnens gearbeitet. Ihr Ton ist grösser und voller geworden, ihre Technik zuverlässiger, ihr Vortrag innerlicher, lebendiger. Die vier Tonbilder von R. Kahn wurden zum ersten Male hier öffentlich gespielt; es sind nicht besonders originelle, aber vornehm und sicher gestaltete Musikstücke. Sie fanden in der sorgfältigen Wiedergabe, die ihnen zu teil wurde, beim Publikum sehr freundliche Aufnahme.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 26. Januar 1905, S. 83; vgl. auch „Die Musik“, Jg. 4, Bd. 2, S. 286)


    Gemeinsam mit der Violinistin Helene Fürst unternahm Helene Ferchland Anfang 1906 eine Konzertreise durch Deutschland, bei der die beiden Musikerinnen Originalkompositionen für zwei Violinen, teils mit Klavier, interpretierten. Dabei standen auch mehrere zeitgenössische Kompositionen auf den Programmen. So spielten sie z. B. am 19. Januar 1906 bei einem Konzert in Leipzig neben Wolfgang Amadeus Mozarts Violinduo C-Dur (nicht präzisierbar) und Johann Sebastian Bachs Sonate C-Dur für zwei Violinen und Basso continuo (BWV 1037, Zuschreibung heute zweifelhaft), auch Christian Sindings Serenade (op. 56) und Paul Juons „Trois Silhouettes“ (op. 9). Das „Musikalische Wochenblatt“ schrieb über das Konzert: „Recht interessant gestaltete sich das Konzert von Helene Ferchland und Frl. Helene Fürst am 19. Januar. Die beiden jugendlichen Violinistinnen spielten nur Originalkompositionen für zwei Violinen allein und mit Begleitung des Klaviers. Darunter waren zwei Neuheiten. Von Christian Sinding eine gefühlsinnige Serenade, Op. 59 [rec. 56], und von Paul Juon ‚Trois Silhouettes‘, Op. 9: Idylle, Douleur und Bizarreries. Dadurch, dass das Programm von Bach’s Sonata in C-Dur ausging und über das Adagio von L. Spohr und Duo in C-Dur von Mozart zu den modernen ausländischen Komponisten fortschritt, wurde ein kleiner aber doch bedeutender Einblick in die Literatur dieser Kunstgattung geboten. Das Zusammenspiel der beiden jungen Künstlerinnen war ebenso vollkommen als ihre Intonationsreinheit und technische Sicherheit. Es war eine Freude, ihnen zuzuhören“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 25. Januar 1906, S. 78; vgl. auch „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 24. Januar 1906, S. 104). Wenige Wochen später berichtete das „Musikalische Wochenblatt“ aus München: „Schliesslich sind zwei bisher ganz unbekannte Violinvirtuosinnen, Helene Fürst und Helene Ferchland, zu erwähnen, die sich zu einem gemeinschaftlichen Konzertabend zusammentaten, in welchem nur Originalwerke für zwei Violinen mit Klavierbegleitung zur Aufführung kamen. Es war eine Freude zu sehen, dass beide Künstlerinnen über ein gediegenes Können verfügen, und die Gemeinschaftlichkeit somit nicht etwa ein Gebot der Notwendigkeit war.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 1. März 1906, S. 178)


    Helene Ferchland heiratete vermutlich 1906 und nannte sich von da an Helene Ferchland-Bornemann (vgl. Prante 1999, S. 43). Sie blieb jedoch auch in den folgenden Jahren im Berliner Musikleben als Geigerin präsent. So hieß es z. B. in einer Rezension der Zeitschrift „Die Musik“ im Sommer 1906 aus Berlin: „Für die künstlerische Bedeutung der Geigerin Helene Ferchland-Bornemann spricht entschieden die Tatsache, dass ein Musiker wie Fritz Kauffmann sie begleitete. Sehr erfolgreich brachte die Künstlerin auch das empfehlenswerte Rondo op. 28 No. 4 von Juon zum Vortrag.“ („Die Musik“, Jg. 6 [1906/07], Bd. 1, S. 248) Im Jahr 1911 lebte Helene Ferchland-Bornemann als Geigerin in der Hohenstaufenstr. 33 in Berlin (vgl. Jansa 1911) und wurde im Herbst 1912 als zweite Geigerin und als Bratscherin Mitglied des Wietrowetz-Quartetts, das die Violinistin und Joseph Joachim-Schülerin Gabriele Wietrowetz begründet hatte. Weitere Mitglieder waren Gertrud Schuster-Woldan (2. Violine) und Eugenie Stoltz-Premyslav (Violoncello) (vgl. Prante 1999, S. 127). Vermutlich konzertierte das Quartett bis 1917, u. a. auch in England (vgl. Artikel „Wietrowetz, Gabriele“ 1915 und 1919). Allerdings zeigen Kritiken aus Deutschland, dass Helene Ferchland verhältnismäßig häufig von anderen Geigerinnen und Geigern vertreten wurde (vgl . Prante 1999, S. 44).


    Über den weiteren Lebensweg von Helene Ferchland ist bislang nichts bekannt.

    Würdigung

    Die Tätigkeiten Helene Ferchlands können erst nach weiteren Forschungen angemessen gewürdigt werden.

    Rezeption

    Die Tätigkeiten Helene Ferchlands werden derzeit (Februar 2009) nicht rezipiert (zur zeitgenössischen Rezeption vgl. Biografie).

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Helene Ferchland kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Zu ihrem Repertoire gehörten die folgenden Werke:


    Bach, Johann Sebastian. Chaconne d-Moll für Violine solo, aus BWV 1004

    Bach, Johann Sebastian. Sonate für Violine solo g-Moll, BWV 1001

    Bach, Johann Sebastain. Sonate C-Dur für zwei Violinen und Basso continuo, BWV 1037 (Zuschreibung heute zweifelhaft)

    Beethoven, Ludwig van. Violinkonzert D-Dur, op. 61

    Brahms, Johannes/Joachim, Joseph. Ungarische Tänze

    Bruch, Max. Violinkonzert Nr. 3 d-Moll, op. 58

    Juon, Paul. Rondo op. 28 Nr. 4

    Juon, Paul. Trois Silhouettes op. 9

    Kahn, Robert. Vier Tonbilder op. 36

    Lalo, Edouard. Symphonie espagnole d-Moll für Violine und Orchester, op. 21

    Lalo, Edouard. Violinkonzert F-Dur, op. 20

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Violinkonzert e-Moll, op. 64

    Mozart, Wolfgang Amadeus. Duo für zwei Violinen C-Dur (nicht präzisierbar)

    Mozart, Wolfgang Amadeus. Violinkonzert Es-Dur, KV 268 (Zuschreibung heute zweifelhaft)

    Saint-Saëns, Camille. Violinkonzert h-Moll, op. 61

    Sinding, Christian. Serenade für 2 Violinen und Klavier, op. 56

    Spohr, Louis. Adagio für zwei Violinen (keine Präzisierung möglich)

    Strauss, Richard. Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 18

    Tartini, Giuseppe. Sonate für Violine und Klavier g-Moll („Teufelstriller-Sonate“)

    Quellen

    Dokumente


    Archiv der Universität der Künste Berlin. Bestand 1 Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung, Specialia Nr. 5154 (1900), Nr. 5155 (1901) und Nr. 5159 (1905).



    Literatur


    Artikel „Wietrowetz, Gabriele“. In: Who‘s who in Music. Henry Saxe Wyndham, Geoffrey l’Epine (Hg.). London: Pitman & Sons, 1915.


    Artikel „Wietrowetz, Gabriele“. In: Baker’s Biographical Dictionary of Musicians. Theodore Baker, Alfred Remy (Hg.). London: G. Schirmer, 1919.


    Artikel „Bornemann-Ferchland, Helene“. In: Deutsche Tonkünstler in Wort und Bild. Friedrich Jansa (Hg.). 2. Aufl. 1911 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Prante, Inka. Die Schülerinnen Joseph Joachims. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers, Berlin. Unveröffentlichtes Typoskript, 1999.


    Stern, Richard. Was muß der Musikstudierende von Berlin wissen. 1. Jg. (1909); 6. Jg. (1914).



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Allgemeine Musik-Zeitung vom 8. November 1901, S. 726.

    Allgemeine Musikalische Zeitung vom 5. November 1909, S. 873.

    Allgemeine Musikalische Zeitung vom 27. Januar 1911, S. 111.

    Der Klavierlehrer, Jg. 27/28 (1904/05), S. 315.

    Die Musik, Jg. 4 (1903/04), Bd. 2, S. 286.

    Die Musik, Jg. 6 (1905/06), Bd. 1, S. 248.

    Musikalisches Wochenblatt, Jg. 31 (1900), S. 491.

    Musikalisches Wochenblatt vom 26. Januar 1905, S. 83.

    Musikalisches Wochenblatt vom 1. März 1906, S. 178.

    Musikalisches Wochenblatt vom 25. Januar 1906, S. 78.

    Neue Zeitschrift für Musik 1902, S. 345.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 24. Januar 1906, S. 104.

    Vossische Zeitung vom 2. November 1901.

    Vossische Zeitung vom 17. Oktober 1903.

    Forschung

    Zu Helene Ferchland liegen derzeit (Februar 2009) keine weiteren Forschungsinformationen vor.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Helene Ferchland umfasst sowohl ihre Biografie als auch alle ihre Tätigkeitsbereiche.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 6. Juni 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 12.06.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Helene Ferchland“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 12.6.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Helene_Ferchland