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  • Helene Croner

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Helene Croner
    Varianten: Helene Kroner, Helena Croner, Helena Kroner
    Lebensdaten:
    geb. in Berlin, Deutschland
    gest. nach in Auschwitz,

    Helene Croner wurde am 28. Juni 1943 von Berlin in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt umkam.
    Tätigkeitsfelder:
    Geigerin, Violinpädagogin, Bratscherin

    Profil

    Helene Croner studierte von 1902 bis 1906 an der Hochschule für Musik in Berlin Violine bei Karl Markees und Joseph Joachim. Sie konnte sich anschließend als Kammermusikerin und vermutlich auch als Violinpädagogin in Berlin etablieren. Mit Beginn der NS-Zeit 1933 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt und erhielt Berufsverbot. Bis 1941 konnte Helene Croner noch im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes auftreten, u. a. als Mitglied des Streichquartetts.

    Orte und Länder

    Helene Croner wurde in Berlin geboren und absolvierte dort an der Hochschule für Musik ein Violinstudium bei Joseph Joachim. Sie wirkte in Berlin als Violinistin, Bratscherin und Violinpädagogin, zuletzt während der NS-Zeit im Jüdischen Kulturbund. Im Juni 1943 wurde Helene Croner von Berlin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

    Biografie

    Helene Croner wurde am 27. Februar 1885 in Berlin geboren. Über ihre Herkunft und ihre erste Ausbildung ist bislang nichts bekannt.


    Von 1902 bis 1906 studierte Helene Croner als eingeschriebene Studentin an der Hochschule für Musik Berlin Violine und erhielt in den ersten drei Studienjahren Unterricht bei Karl Markees, im letzten Studienjahr bei Joseph Joachim. Über die folgenden 15 Jahre ist nichts bekannt. Möglicherweise arbeitete Helene Croner zunächst als Violinpädagogin in Berlin.


    Erst ab 1921 ist Helene Croner als Kammermusikerin, sowohl als Geigerin wie auch als Bratscherin, im Berliner Konzertleben präsent. Gemeinsam mit Therese Petzko-Schubert (1. Violine), Anita Ricardo Rocamora (Viola) und Sela Trau (Violoncello) gründete sie das Schubert-Quartett, das am 9. März 1921 in Berlin debütierte. Dabei stand u. a. das Streichquartett Es-Dur, op. 109, von Max Reger auf dem Programm. Die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ rezensierte den Abend eher kritisch: „Die Damen Therese Petzko-Schubert, Helene Croner, Anita Ricardo Rocamora und Sela Trau, die die Feuerprobe öffentlichen Musizierens bereits früher bestanden hatten und als tüchtige, sattelfeste Musikerinnen akkreditiert sind, haben sich zu einem ‚Schubertquartett‘ verbunden. Sie greifen zu Reger’s Streichquartett in Es-dur op. 109 und greifen damit zu weit. Denn dieses Quartett, das zu den wenigen wirklich inspirierten Regerwerken gehört, verlangt mehr, als die Spielerinnen bieten können.“ („Signale“ vom 9. März 1921, S. 291) Daraus geht hervor, dass Helene Croner zu dieser Zeit bereits als Geigerin etabliert war. Das Schubert-Quartett konnte sich über einige Jahre halten. Ein weiterer Auftritt des Ensembles ist im November 1922 nachweisbar, u. a. mit Anton Bruckners Streichquintett F-Dur, WAB 112, bei dem Helene Croner die zusätzliche Bratsche übernahm (vgl. „Signale für die musikalische Welt“ vom 29. November 1922, S. 1375). Helene Croner konzertierte zudem auch in anderen kammermusikalischen Besetzungen, meistens als Bratscherin, und blieb dabei dem Schülerkreis Joseph Joachims verbunden. Im April 1921 trat sie als Trio gemeinsam mit der Joseph Joachim-Schülerin Elisabeth Lesser-Cohn und Annie Luxemburg – u. a. mit Antonín Dvořáks Terzett für zwei Violinen und Viola C-Dur, op. 74, – auf und wirkte als Bratscherin im April 1922 sowie im Januar 1923 im Wietrowetz-Quartett mit, das die Joseph Joachim-Schülerin Gabriele Wietrowetz (Grundseite: http://mugi.hfmt-hamburg.de/grundseite/grundseite.php?id=wiet1866) leitete (vgl. „Signale“ vom 6. April 1921, S. 387; 5. April 1922, S. 465).


    Mit Beginn der NS-Zeit 1933 wurde Helene Croner – ebenso wie ihre Schwester, die Flötistin Charlotte Croner – aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Sie stellte zunächst einen Aufnahmeantrag bei der Reichsmusikkammer, der jedoch am 22. August 1935 von Peter Raabe abgelehnt wurde, verbunden mit einem Berufsverbot: „Durch diese Entscheidung verlieren Sie mit sofortiger Wirkung das Recht zur weiteren Berufsausübung auf jedem zur Zuständigkeit der Reichsmusikkammer gehörenden Gebiete.“ (Bundesarchiv Berlin, Bl. 2228) Auch ihr Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid vom 30. August 1935 wurde am 12. Juli 1937 abschlägig beschieden. Zu dieser Zeit wohnte Helene Croner gemeinsam mit ihrer Schwester in der Eisenacherstr. 119 in Berlin. Helene Croner wurde in beiden antisemitischen NS-Musiklexika verzeichnet, sowohl 1938 in dem von Hans Brückner und Christa Maria Rock herausgegebenen Lexikon „Judentum und Musik“ als auch im „Lexikon der Juden in der Musik“ von 1940 (hg. v. Theo Stengel und Herbert Gerigk).


    Bis zum Verbot des Jüdischen Kulturbundes im September 1941 übernahm Helene Croner regelmäßig den Part der zweiten Violine im Streichquartett des Jüdischen Kulturbundes, das mit Morduch Finkelstein (1. Violine), Alfred Schlesinger (Viola) und Walter Freund (Violoncello) besetzt war. Das Ensemble gab u. a. im Frühjahr 1940 drei Konzerte in Berlin (1. Februar, 28. März und 24. April 1940) mit Giuseppe Verdis Streichquartett e-Moll, einem Streichquartett A-Dur von Luigi Boccherini sowie dem Streichquartett Es-Dur, op. 12, von Felix Mendelssohn Bartholdy. In einem weiteren Konzert (Programmzettel o. D.) spielte das Quartett Bedřich Smetanas erstes Streichquartett e-Moll „Aus meinem Leben“, das Streichquartett A-Dur, op. 13, von Sergej J. Tanejew sowie Antonín Dvořáks Streichquartett Es-Dur, op. 51. Auch im Frühjahr 1941 stellte das Ensemble ein neues Konzertprogramm zusammen, diesmal mit Werken von Luigi Boccherini (d-Moll, op. 10 Nr. 2), Peter I. Tschaikowsky (es-Moll, op. 30) und Alexander Borodin (D-Dur), das u. a. am 18. Januar 1941 in Berlin aufgeführt wurde. Ferner wirkte das Streichquartett des Jüdischen Kulturbundes bei einer Aufführung von William Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit, für die Karl Wiener die Bühnenmusik zusammengestellt hatte (vgl. zu allen Programmen: Archiv der Akademie der Künste Berlin, Sammlung Fritz Wisten, Sign.: 74/86/211).


    Helene Croner wurde am 28. Juni 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt umkam. Am 21. Dezember 1956 füllte ein ehemaliger Schüler von ihr, Aleksander Volfgang Shoken, in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ein Gedenkblatt („Page of Testimony“) aus.

    Würdigung

    Eine angemessene Würdigung der Tätigkeiten von Helene Croner müsste auch ihre Arbeit als Musikpädagogin mit einschließen. Sie kann erst nach weiteren Forschungen erstellt werden.

    Rezeption

    Eine Rezeption der künstlerischen Tätigkeiten von Helene Croner findet bislang nicht statt. Innerhalb der Exilmusikforschung ist ihr Name bekannt.

    Werkverzeichnis

    Von Helene Croner sind keine Werke bekannt.

    Repertoire

    Eine Repertoire-Liste von Helene Croner lässt sich bislang aufgrund fehlender Quellen nicht erstellen. Bekannt sind Aufführungen folgender Werke:

    Boccherini, Luigi. Streichquartett A-Dur (keine Präzisierung möglich)

    Boccherini, Luigi. Streichquartett d-Moll, op. 10 Nr. 2

    Borodin, Alexander. Streichquartett Nr. 2 D-Dur

    Bruckner, Anton. Streichquintett F-Dur, WAB 112

    Dvořák, Antonín Streichquartett Es-Dur, op. 51.

    Dvořák, Antonín. Terzett für zwei Violinen und Viola C-Dur, op. 74

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Streichquartett Es-Dur, op. 12

    Reger, Max. Streichquartett Es-Dur, op. 109

    Smetana, Bedřich. Streichquartett Nr. 1 e-Moll „Aus meinem Leben“

    Tanejew, Sergej. Streichquartett A-Dur, op. 13

    Tschaikowsky, Peter I. Streichquartett es-Moll, op. 30

    Verdi, Giuseppe. Streichquartett e-Moll

    Wiener, Karl. Bühnenmusik zu William Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“.

    Quellen

    Dokumente


    Archiv der Akademie der Künste Berlin. Sammlung Fritz Wisten. Sign.: 74/86/211 [Sammlung von Konzertprogrammen des Jüdischen Kulturbundes]


    Bundesarchiv Berlin, ehem. BDC, RKR 5, Blatt 2222-2228, Helene Croner



    Literatur


    Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland: 1933-1945. 2 Bde. Bundesarchiv Koblenz. Internationaler Suchdienst Arolsen (Hg.). Koblenz: Bundesarchiv, 1986.

    Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Freie Universität Berlin, Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche Forschung (Hg.). Berlin: Edition Hentrich, 1995.


    Judentum und Musik – mit einem ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener. Hans Brückner, Christa Maria Rock (Hg.). 3. Aufl., München: Brückner, 1938 (1. Aufl. 1935, 2. Aufl. 1936, antisemitische Publikation).


    Lexikon der Juden in der Musik. Mit einem Titelverzeichnis jüdischer Werke. Theo Stengel, Herbert Gerigk (Hg.). Berlin: Bernhard Hahnefeld, 1941 (1. Aufl. 1940, antisemitische Publikation).


    Prante, Inka. Die Schülerinnen Joseph Joachims. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers, Berlin. Unveröffentlichtes Typoskript, 1999.



    Zeitungs- und Zeitschriftenartikel


    Signale für die musikalische Welt vom 6. April 1921, S. 387.

    Signale für die musikalische Welt vom 9. März 1921, S. 291.

    Signale für die musikalische Welt vom 6. April 1921, S. 387.

    Signale für die musikalische Welt vom 29. November 1922, S. 1375.

    Signale für die musikalische Welt vom 5. April 1922, S. 465.



    Links


    http://www.yadvashem.org/

    In der “Shoa Victims’ Database” der Gedenkstätte Yad Vashem wird Helene Croner mehrfach erwähnt.


    http://cmslib.rrz.uni-hamburg.de:6292/content/home.xml

    Das Lexikon verfolgter Musikerinnen und Musiker der NS-Zeit (LexM) enthält einen Kurzeintrag zu Helene Croner und ihrer Schwester Charlotte Croner.

    Forschung

    Verschiedene Hinweise deuten darauf hin, dass Helene Croner auch als Musikpädagogin gewirkt hat. Zu Helene Croner liegen keine weiteren Forschungsinformationen vor. In den gängigen Lexika der Zeit wird sie nicht erwähnt und auch das „world biographical information system“ enthält keinen Eintrag zu Helene Croner. Ein möglicher Nachlass ist nicht bekannt.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Helene Croner umfasst sowohl ihre Biografie als auch alle ihre Tätigkeiten. Bislang lassen sich lediglich vereinzelt Konzerte als Kammermusikerin, u. a. im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes, nachweisen.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 6. Mai 2008


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 14.05.2008


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Helene Croner“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 14.5.2008.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Helene_Croner