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  • Guido Adler

    von Martina Bick
    Namen:
    Guido Adler
    Lebensdaten:
    geb. in Ivančice (Eibenschütz),
    gest. in Wien,
    Tätigkeitsfelder:
    Musikwissenschaftler, Musikhistoriker, Professor für Musikwissenschaft, Musikpublizist
    Charakterisierender Satz:

    „(…) Mangel an paedagogischer Bildung ist bei der größeren Mehrheit der Musiklehrer zu beobachten. Die in Oesterreich eingeführten musikalischen Staatsprüfungen haben bezüglich der Erfordernisse positiver Kentnisse u[nd] Fertigkeiten Rath zu schaffen gesucht, in paedagogisch-didactischer Beziehung sind sie belanglos. Hier ist ein weites [und] dankbares Terrain für Reformen [in] der Zukunft u[nd] ich hoffe u[nd] wünsche, daß die moderne Frauenbewegung sich auch dahin mit Erfolg richten wird, den Eintritt in die zu errichtenden Musiklehrerseminare zu ‚ergattern‘ – leider muß man heute noch diesen Ausdruck gebrauchen, wenn man von der möglichen Erreichung gerechter Forderungen unserer Frauen spricht. (…)“


    Guido Adler, „(Die) Musik als Mittel der Erziehung“, Vortrag, gehalten am … November 1896 im Verein für Frauenbildung in Prag“. Abgedruckt in: Volker Kalisch, Entwurf einer Wissenschaft von der Musik: Guido Adler (Diss.). Baden-Baden 1988, S. 309-320 (hier S. 318).


    Profil unter Genderaspekten

    Guido Adler war als Musikforscher, -wissenschaftler und Hochschullehrer einer der Urheber des akademischen Fachs Musikwissenschaft und Gründer des musikhistorischen Instituts der Universität Wien, das er fast dreißig Jahre lang leitete (1898-1927). In dieser Funktion war er – nach eigener Aussage (vgl. Adler, Wollen und Wirken, 1923) – ein „eifriger Vorkämpfer“ für die Zulassung von Frauen zum akademischen Studium und setzte sich dafür ein, dass sie als „ordentliche Hörerinnen“ der Wiener Fakultät zugelassen wurden. An seinem Institut studierten etwa zehn Prozent Frauen. Er promovierte Elsa Bienenfeld als erste Frau in Österreich im Hauptfach Musikwissenschaft. In seinem Lehrkonzept für einen allgemeinen Musikunterricht bezog er sich ausdrücklich auch auf die Schriften Lina Ramanns.

    Die von ihm etablierte Neuordnung der Musikgeschichte nach Stilperioden auf der Basis der vermeintlich exakten Methoden der Naturwissenschaften, die zu einer ausschließlich werkzentrierten Betrachtung von Musik führte, setzte allerdings die Ausgrenzung von Musikerinnen als vielfältig musikalisch Handelnde in der Musikgeschichtsschreibung fort.

    Orte und Länder

    Guido Adler wurde 1855 in Eibenschütz, Mähren, geboren und übersiedelte mit seiner Familie 1856 nach Iglau und 1864 nach Wien. 1885 wurde er als a.o. Professor nach Prag gerufen und von 1898 bis 1927 war er Professor für Musikwissenschaft an der Universität Wien. Er starb 1941 in Wien.

    Kurzbiografie unter Genderaspekten

    Eibenschütz, Iglau und Wien


    Guido Adler kam am 1. November 1855 als sechstes Kind des jüdischen Arztes Dr. Joachim Adler und der Kaufmannstochter Franziska geb. Eisenschitz in Eibenschütz (Ivančice) zur Welt. Nach dem frühen Tod des Vaters 1856 zog die Familie, zu der auch eine verwitwete Schwester der Mutter gehörte, in die etwa 80 Kilometer entfernte Provinzstadt Iglau (Jihlava), wo Franziska Adler trotz knapper Mittel dafür sorgte, dass alle Kinder Musikunterricht erhielten. 1864 zog die Familie nach Wien, wo Guido Adler auf das Akademische Gymnasium, damals eine Eliteschule, geschickt wurde. Ab 1868 erhielt er Klavier- und musiktheoretischen Unterricht am Wiener Konservatorium – anfangs „ohne eigenes direktes Verlangen“ (Adler, Wollen und Wirken 1923, S. 6), später wurde es dann seine Leidenschaft. Seiner – nach eigener Einschätzung – mangelnden Begabung für den Beruf des Komponisten zufolge entschloss er sich, nach der Matura ein Jurastudium an der Wiener Universität aufzunehmen. „Ich war und bin der Ansicht, daß, wer der Welt nichts Neues zu sagen hat, schweigen, eventuell nur für sich schreiben soll.“ (Adler 1923, S. 8) Gleichzeitig jedoch besuchte er die musikästhetischen Vorlesungen von Eduard Hanslick und widmete sich autodidaktisch der Erforschung der Musik des Mittelalters. Nach erfolgreichem Abschluss des Jurastudiums wandte er sich ganz der Musikgeschichte zu und promovierte 1880 bei Eduard Hanslick mit der Studie „Die historischen Grundclassen der christlich-abendländischen Musik bis 1600“. Auf seine Habilitationsschrift „Studie zur Geschichte der Harmonie“ (1881) hin befürwortete Hanslick 1882 die Ernennung Guido Adlers zum Privatdozenten.


    Prag


    1885 wurde Adler als außerordentlicher Professor an die deutsche Universität Prag berufen. Hier heiratete er 1887 Betti Berger, die er bereits als Gymnasiast in Wien kennengelernt und mehrere Jahre umworben hatte (Adler, Wollen und Wirken, S. 7). Das Ehepaar hatte einen Sohn, Hubert, und eine Tochter, Melanie Karoline, die beide Medizin studierten. Zu Melanie Adler s. unter „Beziehungen“.


    Denkmäler der Tonkunst


    In Prag entwickelte Adler zusammen mit Philipp Spitta und Friedrich Chrysander, mit denen er 1884 bis 1894 auch die Vierteljahrsschrift Musikwissenschaft herausgab, das Konzept der „Denkmäler der Tonkunst“. Es hatte die planmäßige Herausgabe älterer Kunstwerke aller Sparten und europäischen Länder als werkzentrierte Basis für die künftige Musikgeschichtsschreibung zum Ziel. Auf nachhaltiges Interesse stieß das Projekt nur in den deutschsprachigen Ländern. In Österreich konnte Adler über Jahre eine wenn auch geringe staatliche Finanzierung durch das Kultusministerium für diese Aufgabe durchsetzen, indem er sie als nationales Anliegen der Denkmalpflege einordnete (DTÖ = Denkmäler der Tonkunst in Österreich). Insgesamt erschienen in Österreich 87 Bände unter Leitung von Guido Adler, 16 Bände edierte er selbst.

    Die Musikwerke, die aus Handschriften und Codices entziffert und transkribiert oder aus Nachlässen zusammengesammelt wurden, konnten auf diese Weise der zeitgenössischen Musikpraxis zur Verfügung gestellt werden. Sie sollten außerdem die Basis bilden für eine Musikgeschichtsschreibung und Musikwissenschaft, die sich als systematische und exakte Wissenschaft verstand und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an den Universitäten von Wien, Prag und Berlin mit den ersten musikwissenschaftlichen Lehrstühlen auch institutionell verankerte. Elsa Bienenfeld, erste weibliche Promovendin von Guido Adler im Fach Musikwissenschaft, erläuterte Adlers Konzept anlässlich ihrer Festschrift zu seinem 70. Geburtstag: „Die frühere Arbeitsweise der Musikgeschichte reihte biographisches Material aneinander unter gefühlsmäßiger (ästhetischer) Betrachtung. Er [Guido Adler] aber errichtet auf dem Baugrund der exakten Musikwissenschaft den Aufriß einer entwicklungsgeschichtlichen Darstellung. Ihr Gipfel ist: die Stilkritik.“ (Bienenfeld 1925, S. 116).

    Für die jährliche Edition wurden Werke auch eher unbekannter Komponisten aus verschiedenen Jahrhunderten, Epochen und Ländern ausgewählt, denn es sollte die gesamte Bandbreite musikalischen Schaffens gezeigt werden: „‘Nicht nur die Heroen sind die Stilschaffenden,‘ erläutert Adler, ‚nicht sie sind die Väter einer Stilgattung, wie sich diese irrtümliche Behauptung immer fortschleppt, sondern in der Geschichte der Musik sind es gerade oft die kleineren Meister, deren Namen nicht fett gedruckt oder gar nicht verzeichnet sind, die die Bausteine für ein Stilgebäude zusammentrugen, während die großen Personen der Geschichte den Abschluß, die Krönung geben.‘“ (Bienenfeld 1925, S. 120)


    Wien


    Nach Hanslicks Emeritierung 1898 erfolgte der Ruf Adlers als dessen Nachfolger auf den musikhistorischen Lehrstuhl an die Universität Wien, wo er bis 1927 lehrte, das erste musikhistorische (später musikwissenschaftliche) Institut an einer deutschsprachigen Universität gründete und im Laufe der Jahre 135 Doktoranden und auch Doktorandinnen promovierte.


    Stilkritik


    In seinem wichtigsten Werk „Der Stil in der Musik“ (Leipzig: Breitkopf & Härtel 1911) leitete Adler aus der Kompositionsgeschichte „Stilprinzipien“ und „Stilarten“ ab, die die Grundlage einer Musikgeschichtsschreibung als „Stilgeschichte“ darstellen sollte. „Den Stil erkennen wir aus der einheitlichen Erfassung eines Kunstwerkes, ferner aus der Vergleichung mit Erzeugnissen seiner Zeit, der umgebenden Schulen und Richtungen in Gegenwart und Vorgängerschaft.“ Unter der Gesamtheit des Stils verstand Adler sowohl den Ausdruckscharakter eines Werks „im Zusammenhalt mit der Persönlichkeit des Künstlers und der Gemütsstimmung seiner Zeit“ und die „Bestimmung, für die ein Werk geschaffen ist“, als auch die „spezifisch künstlerischen Qualitäten der äußeren Erscheinung, die natürlich mit den inneren Eigenschaften aufs innigste zusammenhängen.“ (ebenda, S. 11-12.)


    Methoden der Musikgeschichte


    Adlers Anliegen war eine Musikgeschichte, die sich einreiht in die „Riesenperspektive der evolutionistischen Erkenntnis“ (Bienenfeld 1925, S. 117) unter Nutzung der neugewonnenen Erkenntnisse und Methoden der Naturwissenschaften, von der Darwinschen Entwicklungslehre bis hin zur Akustik und Psychologie, um das Ziel, die Erforschung der musikalischen Formen, ihr Entstehen, Wirken, sich Entwickeln und Vergehen zu realisieren. Über den Umgang mit den „exakten Methoden“ äußerte er sich ausführlich in seiner 1919 erschienenen Schrift „Methode der Musikgeschichte“.


    Musikgeschichtsschreibung

    1924 (und 1930 in zweiter, erweiterter Auflage) erschien Adlers „Handbuch der Musikgeschichte“, in dem auf rund eintausend Seiten, die „musikalische Entwicklung des Abendlandes“ in „Stilperioden“ dargestellt wurde.


    Guido Adler wurde 1927 emeritiert. Bis 1938 blieb er „Leiter der Publikationen“ der „Denkmäler der Tonkunst in Österreich“. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten 1938 erhielt er aufgrund seiner jüdischen Abstammung Publikationsverbot. Er starb, bis zu seinem Tod durch seine Tochter Melanie versorgt, 1941 in Wien.

    In Beziehung mit

    Melanie Karoline Adler (1888-1942):

    Die Biografie der Tochter Melanie Adler hat Renate Erhart 2008 für die Website der Universität Innsbruck erarbeitet, wo der nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland am 12. März 1938 aus „politischen“ und „rassischen“ Gründen – wie es im NS-Jargon hieß – von der Universität ausgeschlossen und vertrieben Mitglieder gedacht wird. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin wird ein Auszug aus dem Aufsatz hier dokumentiert:


    „(…) Wie den Aufzeichnungen von Melanies Neffen, Tom Adler, zu entnehmen ist, blieb sie [Melanie] für ihre Familie ein Rätsel („an enigma“). Sie hielt sich häufig in München und Graz auf oder besuchte Kurorte auf dem Lande. Melanies unabhängiger Lebensstil, ihre gelegentlichen Auftritte mit Herrenhut und Trenchcoat und ihre distanzierte Haltung gegenüber der jüdischen Kultur boten der Verwandtschaft reichlich Stoff für Gerüchte. Sie begann ein Medizinstudium in Wien. 1927 wechselte die bereits 39jährige im fünften Semester nach Innsbruck, das sie 1930 wieder verließ. Ihre Promotion legte sie am 20. November 1936 in Wien ab, hat jedoch nie als Ärztin gearbeitet und sich nirgends niedergelassen.

    Nach dem Tod der Mutter zog Melanie endgültig 1938 in den Haushalt des 83jährigen Vaters. Guido Adler wollte angesichts seines hohen Alters nicht mehr die Mühe und Ungewissheit der Flucht auf sich nehmen, obwohl sich durch Freunde im Ausland die Möglichkeit geboten hätte. Melanie Adler blieb daher mit ihrem pflegebedürftigen Vater in Wien. Von seiner Tochter von allen unangenehmen Nachrichten fürsorglich abgeschirmt, starb Guido Adler am 15.2.1941 eines natürlichen Todes. Sein Erbe umfasste neben dem Haus und Kunstgegenständen vor allem die musikwissenschaftliche Bibliothek, die neben seltenen wissenschaftlichen Werken auch Korrespondenzen mit Komponisten jener Zeit, unter anderem mit Brahms, Bruckner, Richard Strauss, Alma und Gustav Mahler enthielt.

    Guido Adlers Nachfolger, Erich Schenk, setzte sofort Maßnahmen [ingang], diesen Besitz für sein Institut sicherzustellen. Durch Melanie Adlers Versuche, ihr Erbe zu retten bzw. wenigstens als geschlossene Sammlung zu verkaufen, geriet sie zusehends in das Blickfeld der Gestapo, nicht zuletzt, da auch andere Wiener Einrichtungen Teile dieses jüdischen Besitzes beanspruchten und eine „Arisierung“ anstrebten. Mit Hilfe des Innsbruckers Rudolf von Ficker, einem Schüler ihres Vaters, führte sie Verkaufsverhandlungen mit der Stadtbibliothek München. Zugleich versuchte sie über ein Angebot an Winifried Wagner in Bayreuth, einen persönlichen Schutzbrief zu erhalten. Diese ergebnislosen Rettungsversuche dauerten bis Ende des Jahres, in den Weihnachtstagen 1941 verließ Melanie Adler die Dachwohnung in ihrem Haus und tauchte unter, wurde aber vermutlich im Mai 1942 entdeckt.

    1945 schilderte Rudolf von Ficker anläßlich der Nachbesetzung der Innsbrucker Lehrkanzel in einem Memorandum, wie er am 8. Mai 1942 im musikwissenschaftlichen Seminar in Wien zufällig Zeuge wurde, „wie dort gerade die Bibliothek Adlers samt allen persönlichen Dokumenten und Zubehör abgeladen und aufgestapelt wurde. Prof. Schenk, den ich vorher nicht kannte, teilte mir zur Aufklärung mit, Frl. Adler habe sich ‚saudumm‘ benommen, sie habe sich gegen das Gesetz vergangen, weil sie gegen die von ihm bei der Gestapo bewirkte Beschlagnahme der Bibliothek protestiert hätte. Sie sei jetzt geflüchtet, werde jedoch von der Gestapo schon gefunden werden und dann heiße es: ‚Marsch, nach Polen!‘“ Am 20. Mai 1942 wurde Melanie Adler nach Minsk deportiert und im Lager Maly Trostinec am 26. desselben Monates ermordet.

    Ihrem in die USA emigrierten Bruder, Hubert Joachim Adler, gelang es, das „arisierte“ Eigentum seines Vaters zum Teil wieder zurück zu bekommen. Er verkaufte den Nachlass an das Department of Music an der University of Georgia in den USA. Im Jahr 2000 bot der Sohn von Melanie Adlers Rechtsanwalt, der sie in der Erbsache nicht zu ihrem Vorteil vertreten hatte, dem Auktionshaus Sotheby’s eine bis dahin verschollen geglaubte handschriftliche Partitur Gustav Mahlers, die mit einer persönlichen Widmung an Guido Adler versehen war, zum Kauf an. Dies führte zu weiteren Restitutionsverhandlungen mit dem Enkel, Tom Adler, aber auch zu einer Aufarbeitung der Familiengeschichte.“ (Quelle: Aufsatz von Renate Erhart in:

    http://www.uibk.ac.at/ipoint/dossiers/archiv-1938-2008-vertriebene-wissenschaft/644062.html. Abgerufen im Juni 2015.)


    Eduard Hanslick (1825-1904):

    Lehrer, Doktorvater und Förderer von Adler, der schließlich sein Nachfolger im Professorenamt der Wiener Universität wurde. Hanslick förderte auch die Idee der Herausgabe der „Denkmäler“ und sorgte für die nötigen Kontakte, um staatliche Unterstützung zu erhalten. Er war ab 1893 Vorsitzender der ersten kunstpolitischen Kommission, die die Auswahl und Zusammenstellung sowie die Festlegung der Editionsrichtlinien der „Denkmäler“ vornahm.

    Über die Unterstützung Hanslicks schrieb Rudolf von Ficker in seinem Artikel über Adler in der ersten Auflage des Lexikons „Musik in Geschichte und Gegenwart“: „Bei seinem Studium wurde ihm seitens des Wiener Ordinarius Eduard Hanslick weniger entscheidende wissenschaftliche, als ermunternd persönliche Förderung zuteil.“ (MGG 1. Auflage, Bd. 1, Sp. 85). Im Adler-Artikel der 2. Auflage des Lexikons von Volker Kalisch fehlt dieser Hinweis (MGG, 2. Auflage, Bd. 1 Sp. 151-155).


    Philipp Spitta (1841-1894) und Friedrich Chrysander (1826-1901):

    gemeinsame Herausgabe der „Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft“ (1885-1894), anfangs gemeinsame Hrsg. der Denkmäler der Tonkunst (A und D).


    Gustav Mahler (1860-1911):

    Guido Adler und Gustav Mahler wuchsen zwar beide im mährischen Jihlava (Iglau) auf, lernten sich jedoch erst am Wiener Konservatorium kennen, als der fünf Jahre jüngere Mahler sich dort 1875 einschrieb. Ihre Freundschaft war sehr eng und dauerte bis zu Mahlers frühem Tod 1911. Adler förderte Mahler zeitlebens sowohl als Dirigent (Empfehlung für Stellenbesetzung) wie auch als Komponist (Gutachten und Kritiker seiner Werke, Veröffentlichung). Er betreute die ersten drei Doktorarbeiten über Mahler. Neben zahlreichen Aufsätzen erschien 1916 Guido Adlers Biographie: Gustav Mahler. Wien, Leipzig: Universal Edition 1916.


    Richard Wagner (1813-1883):

    Schon als Schüler des Akademischen Gymnasiums in Wien begeisterte sich Adler für das Opernschaffen Richard Wagners. Nachdem er dem Komponisten persönlich begegnet war, gründete er mit seinen Mitschülern Arthur Nikisch und Felix Mottl den „Akademischen Wagner-Verein“. Seinem Enthusiasmus folgend hielt er als Student Vorträge über Wagner, gab Werkeinführungen für seine Kommilitonen und besuchte den „Meister“ in Bayreuth. 1904 erschienen seine Wiener Vorlesungen über Richard Wagner als Buch: Richard Wagner. Leipzig: Breitkopf & Härtel 1904 (2. München 1923).


    Arnold Schönberg (1874-1951):

    Student Adlers, später Kollege als Kompositions- und Theorielehrer am Wiener Konservatorium. Teile ihrer Briefwechsel sind veröffentlicht in: E. M. Ennulat (Hrsg.). Arnold Schoenberg Correspondence: a Collection of Translated and Annotated Letters exchanged with Guido Adler, Pablo Casals, Emanuel Feuermann and Olin Downes. Metuchen, NJ, 1991.


    Elsa Bienenfeld (1877-1942):

    Studierte Musikwissenschaft bei Guido Adler und promovierte 1903 als erste österreichische Absolventin bei ihm mit einer Arbeit über Wolfgang Schmeltzl. Sie wirkte mit bei „Denkmäler der Tonkunst in Österreich“, arbeitete als Musikkritikerin, schrieb u.a. über Gustav Mahler und schloss sich dem Kreis um Arnold Schönberg an. Elsa Bienenfeld wurde wegen ihrer jüdischen Abstammung am 20. Mai 1942 – offenbar im selben Transport wie Adlers Tochter Melanie Karoline - nach Minsk deportiert und im Lager Maly Trostinec am 26. Mai 1942 ermordet.


    Johanna Müller-Herrmann (1868-1941):

    Studentin Adlers, Komponistin, später Professorin für Musiktheorie.


    Fürstin Pauline von Metternich (1836-1921):

    Initiatorin der internationalen „Musik- und Theaterausstellung“ in Wien 1892, für deren musikhistorische Abteilung Adler verantwortlich war. Fürstin Metternich war in Paris und Wien berühmt wegen ihrer Salons und gilt als Gegenspielerin der österreichischem Kaiserin Elisabeth.


    Elisabeth Sprague Coolidge (1864-1953): Amerikanische Pianistin und Musik-Mäzenin, förderte die Herausgabe der „Denkmäler der Tonkunst“ mit großzügigen Geldgaben in den Jahren des 1. Weltkriegs bzw. in den Folgejahren.


    Alexius Meinong (1853-1920)

    Während ihrer Studienzeit in Wien waren der spätere Philosoph und der Musikwissenschaftler miteinander befreundet. Ihren vollständigen Briefwechsel (soweit erhalten) gab Gabriele Johanna Eder 1995 heraus unter dem Titel: Alexius Meinong und Guido Adler: eine Freundschaft in Briefen. Amsterdam, Atlanta: Editions Rodopi 1995.

    Werk/Wirken unter Genderaspekten

    Schon als Student entwickelte Adler Reformgedanken im juristischen Bereich, er bezog Stellung für die Abschaffung der Todesstrafe und schrieb ein Jugend-Drama, in dem seine Heldin sich für Frauenrechte und die Gleichberechtigung in der Ehe einsetzte.


    Als Musikwissenschaftler forderte Adler sowohl durch seine Neuordnung der Musikgeschichte nach Stilperioden als auch durch sein Vorgehen, die Musikwissenschaft weniger auf hermeneutische oder ästhetische Methoden sondern vor allem auf die vermeintlich exakten Methoden der Naturwissenschaften zu stützen, eine ausschließlich werkzentrierte Betrachtung von Musik. Diese Betrachtungsweise setzte jedoch die Ausgrenzung von Musikerinnen fort, da das auf Musik bezogene Handeln von Frauen über Jahrhunderte weniger im Komponieren von Werken lag, sondern mehr in der Aufführung und Interpretation von Musik, im Unterrichten, Fördern auf ideeller wie auch materieller Ebene. Die heute bekannten Kompositionen von Frauen des 17., 18. oder 19. Jahrhunderts wurden posthum äußerst selten aufgeführt, meist nie gedruckt und oft privat gelagert bzw. überdauerten in unsortierten Nachlässen. Wo sie nicht noch gänzlich unzugänglich waren, blieben sie den Forschern vermutlich dennoch unbekannt, da Frauen als Musikerinnen oder Komponistinnen aufgrund der vorherrschenden Geschlechterrollen um 1900 generell nicht Gegenstand der Musikforschung waren (mit Ausnahme von Clara Schumann, die bereits 1905/06 von Richard Hohenemser in „Die Musik“ 5. S. 113-126 und 166-173 mit dem Aufsatz „Clara Wieck-Schumann als Komponistin“ gewürdigt wurde; was vorerst jedoch ihre Rezeption als Interpretin nicht veränderte). Die Werke der Komponistinnen lagen für die Stilanalysen also nicht vor. Obwohl Adlers Konzept der „Denkmäler der Tonkunst“ gerade das breite Feld weniger bekannter Meister der Tonkunst einer Epoche erfassen wollte, und nicht nur deren bekannte „Heroen“, die er als „Vollender“ bezeichnete (s.o.), sind doch in den 83 von ihm herausgegebenen oder verantworteten Bänden der „Denkmäler“ nur ein einziges Mal Werke von einer Frau aufgenommen worden: Band 54, „Das Wiener Lied von 1878 bis Mozarts Tod“, 1920 hrsg. von Margarete Ansion (Text) und Irene Schlaffenberg (Musik), enthält zwei Lieder von Maria Therese Paradis.


    Als Hochschullehrer bezeichnete Adler sich selbst als „eifrigen Vorkämpfer“ für die Zulassung von Frauen zum akademischen Studium (Adler, Wollen und Wirken, S. 119). Er setzte sich dafür ein, dass Frauen als „ordentliche Hörerinnen“ der Wiener Fakultät zugelassen wurden. Über sein universitäres Unterrichtskonzept – in Form von Vorträgen und Übungen – nach seiner Berufung als Ordinarius nach Wien schrieb er in seinen Memoiren: „Die Vorträge sollten nach meiner Absicht zweierlei Art sein: a) streng wissenschaftlich für Fachstudierende, b) allgemeinbildend für Hörer aller Fakultäten, auch für außerordentliche Hörer (ich füge hinzu: und Hörerinnen – ich trat in der Wiener Fakultät für ihre Zulassung auch als ordentliche Hörerinnen ein).“ (Adler, Wollen und Wirken, S. 34.)


    In der Musikpädagogik unterstützte er ausdrücklich die Ausbildung von Musikpädagoginnen. In einem Vortrag über „(Die) Musik als Mittel der Erziehung“, gehalten im November 1896 im Verein für Frauenbildung in Prag, nahm er wie folgt zu der Situation der Musiklehrerinnen in seiner Zeit Stellung:

    „(…) Mangel an paedagogischer Bildung ist bei der größeren Mehrheit der Musiklehrer zu beobachten. Die in Oesterreich eingeführten musikalischen Staatsprüfungen haben bezüglich der Erfordernisse positiver Kentnisse u[nd] Fertigkeiten Rath zu schaffen gesucht, in paedagogisch-didactischer Beziehung sind sie belanglos. Hier ist ein weites [und] dankbares Terrain für Reformen [in] der Zukunft u[nd] ich hoffe u[nd] wünsche, daß die moderne Frauenbewegung sich auch dahin mit Erfolg richten wird, den Eintritt in die zu errichtenden Musiklehrerseminar zu ‚ergattern‘ – leider muß man heute noch diesen Ausdruck gebrauchen, wenn man von der möglichen Erreichung gerechter Forderungen unserer Frauen spricht.“ (Der Vortrag ist abgedruckt in: Volker Kalisch, Entwurf einer Wissenschaft von der Musik: Guido Adler (Diss.). Baden-Baden 1988, S. 309-320, hier S. 318.) Im Weiteren zitiert Adler die musikpädagogische Schrift Lina Ramanns über die „Allgemeine musikalische Erzieh- u[nd] Unterrichtslehre der Jugend“ von 1873 und bezieht sich für sein Ideal einer allgemeinen Musikdidaktik ausführlich auf ihre Unterrichtspraxis.

    Quellen zu Genderaspekten

    E. M. Ennulat (Hrsg.). Arnold Schoenberg Correspondence: a Collection of Translated and Annotated Letters exchanged with Guido Adler, Pablo Casals, Emanuel Feuermann and Olin Downes. Metuchen. New York 1991.


    Gabriele Johanna. Alexius Meinong und Guido Adler: eine Freundschaft in Briefen. Amsterdam. Atlanta: Editions Rodopi 1995.


    Edward R. Reilly. Gustav Mahler und Guido Adler. Zur Geschichte einer Freundschaft, = Bibliothek der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft. Wien: Universal Edition 1978.


    Guido Adler. Wollen und Wirken. Aus dem Leben eines Musikhistorikers. Wien: Universal-Edition 1923 (Nachdruck Hamburg: Servus Verlag 2012).


    Bienenfeld, Elsa. Gudio Adler, = Köpfe im Profil XI. Die Musik XVIII, 1925. S. 113-124.


    Volker Kalisch. Entwurf einer Wissenschaft von der Musik: Guido Adler. (Diss.) Baden-Baden 1988.


    Links


    Biografie von Melanie Karoline Adler:

    http://www.uibk.ac.at/ipoint/dossiers/archiv-1938-2008-vertriebene-wissenschaft/644062.html. Abgerufen am 5.6.2015.


    Lexikalischer Artikel über Guido Adler von Volker Kalisch (2007, aktualisiert am 2. Dez. 2014)

    http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002535

    Forschungsbedarf zu Genderaspekten

    Auswahlverfahren, Kriterien und Forschungswege der „Denkmäler der Tonkunst“ zur Zeit Adlers und danach sollten untersucht werden, ebenso

    die Berufswege der Studentinnen und Promovendinnen aus Adlers Musikwissenschaftlichem Institut. Hier sind noch zahlreiche Frauen zu entdecken und ihre Biografien aufzuarbeiten.

    Die Briefwechsel Guido Adlers sollten auf Genderaspekte hin untersucht werden.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 73906806
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    Library of Congress (LCCN): n81071186
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 09.06.2016
    Zuletzt bearbeitet am 21.06.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Guido Adler“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 21.6.2017
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Guido_Adler