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    von Silke Wenzel
    Namen:
    Gisela Göllerich
    Geburtsname: Gisela Voigt von Leitersberg
    Ehename: Gisela von Pászthory
    Lebensdaten:
    geb. in Wien,
    gest.

    Sterbedatum und Sterbeort von Gisela Göllerich sind bislang unbekannt.

    Gisela Göllerich wurde als Gisela Voigt von Leitersberg geboren. Nach ihrer ersten Heirat 1881 nannte sie sich Gisela von Pászthory, nach ihrer zweiten Heirat 1893 Gisela Göllerich.
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Musikpädagogin, Musikschulleiterin, Herausgeberin, Professorin

    Profil

    Gisela Göllerich studierte in Budapest und Weimar Klavier bei Ferenc Erkel und Franz Liszt. Sie konnte sich anschließend im internationalen Musikleben etablieren und konzertierte als Solistin wie als Kammermusikerin u. a. in Budapest, Berlin und Wien. Von 1896 bis 1902 leitete sie die Volkmannsche Musikschule in Nürnberg und wirkte ab 1902 als Klavierpädagogin in Linz an der Donau. Während der NS-Zeit lebte Gisela Göllerich in Linz und ließ sich für den Nazismus vereinnahmen.

    Orte und Länder

    Gisela Göllerich, geb. Voigt von Leitersberg, wurde in Wien geboren. Sie wuchs in Budapest auf und begann dort 1874 ein Klavierstudium an der ungarischen Musikakademie in Budapest, wo sie bis 1886 lebte. Im Sommer 1885 verbrachte sie einige Monate in Weimar bei Franz Liszt und ließ sich ab 1886 in Wien nieder. Nach ihrer zweiten Heirat mit August Göllerich 1893 zog sie zu ihrem Mann nach Nürnberg und übernahm 1896 von ihm die Leitung einer Musikschule in Nürnberg. Bis 1902 lebte sie vermutlich sowohl in Nürnberg als auch in Linz an der Donau und ließ sich anschließend endgültig in Linz nieder.

    Biografie

    Gisela Göllerich, geb. Voigt von Leitersberg, wurde am 16. Juni 1858 als zweite Tochter eines Beamten der ungarischen Hofkanzlei, Alfred Voigt von Leitersberg, und seiner Frau Marie Voigt (geb. Jureties) in Wien geboren. Sie wuchs in Budapest auf, wo sie die Höhere Töchterschule besuchte. Ihre erste musikalische Ausbildung erhielt Gisela Göllerich von ihrer Mutter und wurde anschließend von dem Budapester Maler und Musikpädagogen Franz Innocent in Klavier unterrichtet.


    Im Alter von 18 Jahren bestand Gisela Göllerich die Aufnahmeprüfung an der ungarischen Musikakademie in Budapest und studierte dort von 1876 bis 1881 Klavier bei Ferenc Erkel, zu dieser Zeit Direktor der Akademie, Musiktheorie und Komposition bei Robert Volkmann und Musikgeschichte bei Cornel Abrányi. Ab 1876 gehörte Gisela Göllerich überdies zu den Budapester Schülerinnen Franz Liszts. Bei ihm setzte sie auch nach ihrem Abschluss an der Akademie ihr Studium fort (vgl. Göllerich 1936, S. 662). Während ihres Studiums erhielt sie zwei Mal das Franz-Liszt-Stipendium der Akademie.

    Im Jahr 1881 heiratete Gisela Göllerich den Notar und Großgrundbesitzer Johann von Pászthory-Rosza. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: die spätere Pianistin Gisela von Pászthory (geb. ca. 1882), die spätere Geigerin und Joseph Joachim-Schülerin Pálma von Pászthory (geb. 1884) und der spätere Komponist Casimir von Pászthory (geb. 1886).


    Im Sommer 1885 nahm Gisela Göllerich an den Weimarer Sommerkursen Franz Liszts teil. Dort arbeitete sie mit ihm u. a. an seinem „Großen Konzertsolo“, an seinen Klavierkonzerten Es-Dur und A-Dur, an seiner Bearbeitung von Richard Wagners „Am stillen Herd“ sowie an weiteren Werken von Franz Liszt und Robert Schumann. Über das Studienprogramm dieser vier Wochen berichtete sie selbst rückblickend in den Erinnerungen „Meine Studien bei Franz Liszt“: „Ich spielte viel. In der ersten Stunde das Es-Dur-Konzert [...]. In der zweiten Stunde das große Konzertsolo für Klavier allein, die Etudes symphoniques von Schumann mit der Berliner Schülerin des Meisters, Martha Remmert , auf zwei Klavieren unisono, weiters in den folgenden Stunden die Liebesträume, zwei Petrarca-Sonette, Liszts herrliche Variationen über den Basso continuo seiner Kantate ‚Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen‘ und des ‚Cruzifixus‘ aus der h-moll-Messe von Bach, einige Liszt-Etuden, das A-dur-Konzert und das B-a-c-h-Praeludium und Fuge des Meisters. Also ein starkes Programm für einen Zeitraum von vier Wochen. Denn nach dieser Zeit mußte ich nach Hause.“ (Göllerich 1936, S. 665; zu ihrem Weimarer Aufenthalt vgl. auch Jerger 1975, S. 91-95)


    Im Jahr 1886 trennte sich Gisela Göllerich von ihrem Mann und ließ sich mit ihrer Mutter und ihren Kindern in Wien nieder. Dort wirkte sie als Pianistin und Musikpädagogin und war u. a. Mitglied im „Wiener Volksquartett für classische Musik“ (vgl. Eisenberg 1893). Am 7. Oktober 1893 heiratete sie in zweiter Ehe den Pianisten, Musikwissenschaftler und Musikschulleiter August Göllerich (1859-1923), den sie während ihres Weimarer Aufenthaltes bei Franz Liszt kennengelernt hatte. Das Ehepaar ließ sich in Nürnberg nieder, wo August Göllerich seit 1890 die Volkmannsche Musikschule leitete. Aus der Ehe gingen zwei weitere Kinder hervor: Erika und August Göllerich. Als August Göllerich sen. 1896 einen Ruf als Musikdirektor nach Linz an der Donau erhielt, übertrug er Gisela Göllerich die Leitung der Volkmannschen Musikschule in Nürnberg, der sie bis 1902 vorstand (vgl. Artikel 1906, Artikel 1929).


    Ab 1902 lebte Gisela Göllerich mit ihrem Mann in Linz. Nach dessen Tod 1923 setzte sie sich intensiv für die Verbreitung seiner musikwissenschaftlichen Schriften ein, trat weiterhin als Pianistin auf und wirkte in Linz als Musikpädagogin; 1927 wurde sie zur Professorin ernannt (vgl. Müller 1929). Sie war Mitglied des von Franz Liszt gegründeten Allgemeinen Deutschen Musikvereins, des Akademischen Richard-Wagner-Vereins, des österreichischen Künstlervereins und des Musikpädagogischen Verbandes; im Jahr 1929 lebte sie in der Walterstr. 24 in Linz (vgl. Müller 1929). In den 1930er Jahren trat Gisela Göllerich nach wie vor sowohl in öffentlichen Konzerten als auch in Rundfunkkonzerten auf, wie Paul Günzel in einem Artikel zu ihrem 80. Geburtstag berichtete: „Daß Gisela Göllerich trotz ihres hohen Alters heute noch in öffentlichen und Sendekonzerten für die Kunst ihres Meisters [Franz Liszt] wirbt und ein Publikum von Berlin bis Wien und Budapest begeistert, ist ein Geschenk höherer Macht.“ (Günzel 1938, S. 631) Auch Hans Erhard Lauer bezeichnete sie in einem Artikel von 1962 rückblickend als eine „noch mit 85 Jahren gefeierte Künstlerin“ (Lauer 1962, S. 60).


    Als Vorzeigepianistin und Witwe des Anton-Bruckner-Biografen August Göllerich war Gisela Göllerich umfassend in das NS-System eingebunden und sympathisierte aller Wahrscheinlichkeit nach mit Adolf Hitler. So war sie z. B. zur Aufstellung der Anton-Bruckner-Büste am 6. Juni 1937 in Walhalla geladen – also noch vor dem so genannten „Anschluss“ Österreichs – und unterschrieb das Dankesschreiben mit dem Hitler-Gruß (vgl. Riethmüller 2002, S. 304). Als sie im Juni 1938 ihren 80. Geburtstag im Festsaal des Kaufmännischen Vereinshauses in Linz feierte, erhielt sie dazu eine persönliche „Glückwunschdepesche des Führers“, die am Abend verlesen wurde (vgl. „Völkischer Beobachter“ vom 21. Juni 1938), und noch 1942 wurde sie in Briefwechseln von Linzer NS-Kulturstellen als „unsere Gisela Göllerich“ bezeichnet.


    Gisela Göllerich starb 1946 in Linz.

    Würdigung

    Gisela Göllerich war ab 1885 im ungarischen, österreichischen und deutschen Musikleben präsent. Sie konzertierte u. a. in Wien und Budapest und leitete in Nürnberg die Volkmannsche Musikschule. Dennoch ist über ihre Tätigkeiten als Pianistin, Musikpädagogin und Musikschulleiterin bislang kaum Konkretes bekannt; sie können daher erst nach weiteren Forschungen angemessen gewürdigt werden.

    Rezeption

    Eine Rezeption der Tätigkeiten von Gisela Göllerich findet bislang nicht statt.

    Werkverzeichnis

    Schriften


    Göllerich, Gisela. Meine Studien bei Franz Liszt (1876-1886). Erinnerungen. In: Zeitschrift für Musik vom Juni 1936, S. 662-666.



    Herausgeberschaft


    Göllerich, Gisela (Hg.). In memoriam August Göllerich. Linz: F. Kling 1928

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Gisela Göllerich lässt sich aufgrund fehlender Forschungen bislang nicht erstellen. Ihr Studienprogramm bei Franz Liszt umfasste u. a.:


    Liszt, Franz. Konzert für Klavier und Orchester Es-Dur.

    Liszt, Franz. Konzert für Klavier und Orchester A-Dur

    Liszt, Franz. Liebesträume. Drei Notturnos

    Liszt, Franz. Petrarca-Sonette

    Liszt, Franz. Variationen über Johann Sebastian Bachs Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“.

    Liszt, Franz. Etüden (keine Präzisierung möglich)

    Liszt, Franz. Präludium und Fuge B-a-c-h

    Liszt, Franz. Transkription von Richard Wagners „Am stillen Herd“


    Schumann, Robert. Symphonische Etüden op. 13

    Quellen

    Dokumente


    Göllerich, Gisela. Meine Studien bei Franz Liszt (1876-1886). Erinnerungen. In: Zeitschrift für Musik vom Juni 1936, S. 662-666.



    Literatur


    Artikel „Pászthory-Voigt, Gisela von“. In: Das geistige Wien. Ludwig Eisenberg (Hg.). Bd. 1. 1893 [verfügbar in wbis – world biographical information system].


    Artikel „Paszthory-Göllerich, Gisela von“. In: Deutsch-Österreichisches Künstler- und Schriftsteller-Lexikon. Bd. 2. 1906 [verfügbar in wbis – world biographical information system].


    Artikel „Göllerich, Gisela“. In: Deutsches Musiker-Lexikon. Erich Hermann Müller (Hg.). Dresden: Limpert, 1929.


    Artikel „Göllerich, August“. In: Österreichisches Musiklexikon. Rudolf Flotzinger (Hg.). Bd. 2. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2003.


    Göllerich, August. Franz Liszt. Berlin: Marquardt & Co., 1908.


    Günzel, Paul. Frau Professor Gisela Göllerich zum 80. Geburtstag. In: Zeitschrift für Musik vom Juni 1938, S. 630f.


    Jerger, Wilhelm. Franz Liszts Klavierunterricht von 1884-1886. Dargestellt an den Tagebuchaufzeichnungen von August Göllerich. Regensburg: Gustav Bosse, 1975.


    Lauer, Hans Erhard. Palma von Pasthory. In: Mitteilungen des Max Reger-Instituts Bonn. 13. Heft (1962), S. 60f.


    Riethmüller, Albrecht. „Is That Not Something for Simplicissimus?!“ The Belief in Musical Superiority. In: Music & German National Identity. Celia Applegate, Pamela Potter (Hg.). Chicago: University of Chicago Press, 2002.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Tages-Post (Linz) 1938, Nr. 137.


    Völkischer Beobachter vom 21. Juni 1938.

    Forschung

    Aus der Ehe von Gisela Göllerich mit Johann von Pászthory-Rosza gingen drei Kinder hervor: die spätere Pianistin Gisela von Pászthory (geb. ca. 1882), die spätere Geigerin und Joseph Joachim-Schülerin Pálma von Pászthory (geb. 1884) und der spätere Komponist Casimir von Pászthory (geb. 1886). Sowohl Gisela Göllerich als auch ihre Tochter Gisela von Pászthory konzertierten zeitweise unter dem Namen Gisela von Pászthory.


    Frau Dr. Regina Thumser (Johannes Kepler Universität Linz) verdanke ich entscheidene Hinweise auf Verbindungen Gisela Göllerichs zum NS-System. Ihren Angaben zufolge befinden sich weitere Bestände zu Gisela Göllerich im Archiv der Stadt Linz (Altes Archiv und Kulturarchiv) sowie in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (vgl. e-mail von Dr. Regina Thumser an die Redaktion vom 8. Juli 2008).


    Weitere Hinweise auf Biografie und Tätigkeiten von Gisela Göllerich lassen sich vermutlich den Teilnachlässen von August Göllerich entnehmen, die an der „Anton-Bruckner-Universität“ in Linz sowie in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien aufbewahrt werden. So befinden sich in Linz z. B. 14 Tagebücher von August Göllerich (vgl. Jerger 1975, S. 7). Auch das Stadtarchiv Nürnberg könnte für weitere Forschungen ergiebig sein und über ihre Tätigkeit als Musikschulleiterin Aufschluss geben.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Gisela Göllerich umfasst sowohl ihre Biografie als auch alle künstlerischen und pädagogischen Tätigkeiten. Über ihre Schülerinnen und Schüler ist ebenso wenig bekannt wie über ihre Leitung der Volkmannschen Musikschule in Nürnberg. Ebenso fehlen jegliche Angaben zu ihrer Konzerttätigkeit in Budapest, Wien und Nürnberg. Auch über ihre künstlerischen Kontakte innerhalb des Kreises um Franz Liszt liegen bislang kaum Informationen vor.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 15818675
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 128303417

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 17. April 2008 / 6. Juli 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 11.07.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Gisela Göllerich“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 11.7.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Gisela_Göllerich