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  • Franz Brendel

    von Martina Bick
    Namen:
    Franz Brendel
    Lebensdaten:
    geb. in Stolberg/Hartz, Deutschland
    gest. in Leipzig, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Musikschriftsteller, Musikhistoriker, Musikkritiker, Musiklehrer und Redakteur
    Charakterisierender Satz:

    „Man muss zu der Einsicht gelangen, daß die Begabung beider Geschlechter – natürlich immer unter Voraussetzung der natürlichen Verschiedenheit der Organisationen – eine gleiche ist, daß die Frau zu derselben Höhe des Bewußtseins zu gelangen, zu geistiger Ebenbürtigkeit sich aufzuschwingen vermag, wenn auch auf andern Wegen, und so, daß andere Geisteskräfte als beim Mann in Thätigkeit sind.“


    („Gegenwart und Zukunft des weiblichen Geschlechts“, in: „Anregungen für Kunst, Leben und Wissenschaft“, Bd. II, 1857, S. 91.)


    Profil unter Genderaspekten

    Franz Brendel war zu Lebzeiten in Deutschland ein überaus bekannter Musikhistoriker und Musikschriftsteller. Von 1844 bis zu seinem Tod 1868 leitete er als Herausgeber und Redakteur die von Robert Schumann gegründete „Neue Zeitschrift für Musik“ (NZfM) und machte sie „zur führenden deutschen Musikzeitschrift Mitte des 19. Jhs“ (James Deaville, MGG2) und zum Sprachrohr der „neudeutschen Schule“.

    Vor dem Hintergrund seiner emanzipatorischen Überzeugungen bemühte er sich darum, Musikgeschichte und Musikästhetik an ein breites, bürgerliches Publikum zu vermitteln. Er verurteilte die Sklaverei und setzte sich in Deutschland für die Rechte der Frauen ein, so förderte und unterstützte u.a. die Musikschriftstellerinnen Marie Lipsius (genannt La Mara) und Lina Ramann, die er zum Schreiben ermutigte, sowie die Autorin und Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters, die zeitweise Redakteurin der „Neuen Zeitschrift für Musik“ war.

    Orte und Länder

    Franz Brendel wurde 1811 in Stolberg geboren und wuchs in Freiberg in Sachsen auf. Er studierte in Leipzig und Berlin und lebte ab 1844 wieder in Leipzig, wo er 1868 starb.

    Kurzbiografie unter Genderaspekten

    Franz Brendel wurde 1811 in Stolberg als Sohn eines Bergrats geboren und wuchs in Freiberg in Sachsen auf, wo er das Gymnasium besuchte und ersten Musikunterricht erhielt. Ab 1832 studierte er in Leipzig, zuerst Jura, dann Philosophie, Kunstgeschichte und Ästhetik. Er begann, sich intensiv mit den Schriften Georg Wilhelm Friedrich Hegels auseinander zu setzen und führte seine Studien aus diesem Grund zwei Jahre lang in Berlin weiter. Sein Anliegen war es, das Fortschrittsprinzip aus Hegels Geschichtsphilosophie auf die Kunst zu übertragen und der Musik mehr inhaltliche Bestimmtheit zu geben, sie als emanzipatorisches Element in den historischen Fortschrittsprozess einzubeziehen (vgl. den Aufsatz von Richard Sorg, „Zum Inhalt der Musik in Hegels Musikphilosophie und zu deren Kritik durch Eduard Krüger“, in: Musikgeschichten – Vermittlungsformen. Festschrift für Beatrix Borchard zum 60. Geburtstag, hg. von Bick, Heimerdinger, Warnke, Köln 2010, S. 295-313).

    Nachdem die Familie ihn nach Freiberg zurückgerufen hatte, schloss er 1840 sein Studium mit einer Dissertation mit dem Titel „Kritik der commissarischen Berichte und Protocolle über die ärztliche Beobachtung der Somnambule Christiane Höhne in Dresden“ ab. Zwischen 1842 und 1844 hielt er in Freiberg und Dresden an ein breites Publikum adressierte Vorlesungen über die Geschichte und Ästhetik der Musik. In Dresden lernte er auch seine Frau, die Pianistin Elisabeth („Lysinka“) Trautmann (1814-1866) kennen.

    1844 zog Brendel mit seiner Frau nach Leipzig, um nach längeren Verhandlungen die Leitung der von Robert Schumann gegründeten „Neuen Zeitschrift für Musik“ (NZfM) zu übernehmen, die er bis zu seinem Tod innehatte. Er hatte Robert Schumann während seiner Studienzeit in Leipzig kennengelernt, wo er ihm beim Klavierunterricht bei Friedrich Wieck begegnet war. Seine erste Musikkritik hatte Brendel über ein Konzert von Clara Schumann geschrieben. Eine Freundschaft oder nähere Bekanntschaft mit den Schumanns hatte sich jedoch nicht entwickelt.

    In Leipzig setzte Brendel neben den Redaktionsaufgaben seine Vorlesungen zur Musikgeschichte und Ästhetik am neugegründeten Konservatorium fort und publizierte neben zahlreichen Artikeln für die „Neuen Zeitschrift für Musik“ die Musikgeschichtswerke „Grundzüge der Geschichte der Musik“ (Leipzig 1848) und „Geschichte der Musik in Italien, Deutschland und Frankreich“ (Leipzig 1852), die sich an ein breites Publikum richteten und viele Auflagen erlebten. Außerdem verfasste er Aufsätze über Richard Wagner und Franz Liszt und druckte deren Schriften in seiner Zeitschrift ab, die mehr und mehr zum Sprachrohr der Neudeutschen Schule wurde - ein Begriff, der von Brendel geprägt wurde, da er den Fortschrittsgedanken in den Kompositionen Wagners und im Konzept der Symphonischen Dichtungen Liszts für musikalisch besonders gut umgesetzt hielt. Heftige Kritik brachte ihm 1850 der Abdruck von Wagners Schrift „Das Judentum in der Musik“ ein, u.a. durch eine öffentliche Petition von seinen Konservatoriumskollegen Julius Rietz, Moritz Hauptmann, Ferdinand David und Ignaz Moscheles. 1858 war Franz Brendel Gründungsmitglied des Allgemeinen Deutschen Musikvereins, den er bis zu seinem Tod 1868 als Präsident leitete.

    Zeitlebens den demokratischen Ideen der Vormärz-Zeit, einem stark ausgeprägten Nationalstaatsdenken sowie dem Hegelschen Entwicklungs- und Fortschrittsgedanken verpflichtet, setzte Brendel sich auf vielen Ebenen für liberale Ideen ein, als Historiker und Klavierpädagoge, durch seine Rolle bei der Interessenvertretung des Berufsstands der Tonkünstler wie auch publizistisch durch die Forderung nach Abschaffung der Sklaverei oder nach der Gleichstellung der Frauen (vgl. James Deaville, MGG).

    In Beziehung mit

    Verheiratet mit der Pianistin und Musikpädagogin Elisabeth (Lysinka) Brendel geb. Trautmann (1814-1866).

    Beide förderten die Musikschriftstellerinnen Marie Lipsius und Lina Ramann.

    Schüler von Friedrich Wieck, Bekanntschaft mit Robert Schumann, erste Konzertkritik über ein Konzert von Clara Schumann.

    Arbeitete in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ mit Luise Otto-Peters zusammen.

    Werk/Wirken unter Genderaspekten

    Angesichts der häufigen Erwähnung Franz Brendels als Mentor und Förderer von Frauen in seinem Umfeld soll hier sein 1857 publizierter Aufsatz „Gegenwart und Zukunft des weiblichen Geschlechts“ vorgestellt werden, der 1857 in der von Brendel von 1856 bis 1861 allein, ab 1857 zusammen mit Richard Pohl herausgegebenen Zeitschrift „Anregungen für Kunst, Leben und Wissenschaft“ (Bd. II, 1857, S. 86-95) erschien. Thema dieses Aufsatzes ist die Emanzipation der Frauen, die so Brendel, „bekanntlich eine Lebensfrage der Gegenwart“ darstelle.

    Die Zukunft, fordert Brendel, müsse die Stellung der Frau verändern, wofür die Bedingungen historisch bisher nicht gegeben gewesen seien. Die Wende der Stellung der Frau sei erst durch das Christentum eingeleitet worden. Bei Griechen und Römern seien sowohl die Sklaven als auch die Frauen den Männern untergeordnet gewesen, im Orient sei die Frau noch weitgehender von allen geistigen Tätigkeiten ausgeschlossen gewesen. Erst das Christentum habe die Gleichheit aller Menschen vor Gott proklamiert, dieses Prinzip sei jedoch bis heute noch nicht realisiert. Zur Wirkung sei es erst gelangt, „als das Christentum auf germanischen Boden verpflanzt wurde.“ (S. 87)

    Im Mittelalter seien die Frauen idealisiert worden, umschwärmt, aber auch grob sinnlich verletzt. Die Reformation habe dieser „Phantasterei“ ein Ende gesetzt, die Frauen zu einem gewissen Grad als Gleiche anerkannt. Hier sei das noch heute gültige „moderne deutsche Frauenideal“ entstanden: „naiv, bewußtlos, innig, gemüthvoll, etwas träumerisch vielleicht, häuslich, keusch und sittsam wünscht man die Frauen, bei im ganzen geringer Bildung. (…) Was das Wahre und Wirkliche betrifft, ich möchte sagen: die Aufnahme des weiblichen Geschlechts in den allgemeinen, vernünftigen Zusammenhang, so ist diese immer nur erst zum Theil erreicht, sie mangelt, sobald viele der höheren, über die Sphäre des Rechts hinausliegenden Forderungen zur Sprache kommen. Die Frauen sind noch nicht als geistig ebenbürtig anerkannt, und es zeigt sich dies auch darin, daß die Zulassung zu vielen Berufszweigen, die recht wohl der Natur derselben entsprechen würden, noch nicht erlangt ist, kaum als nothwendig empfunden wird.“ (S. 89)

    Mit Verweis auf Amerika zählt Brendel im Folgenden Beispiele für heuchlerische und fadenscheinige vorgebliche Unsittlichkeiten von Frauen auf - wie z.B. dass eine Frau nicht allein mit einem Mann Umgang haben dürfe -, die nur deshalb aufrechterhalten würden, um Frauen von bestimmten Tätigkeiten außer Haus, einem größeren Wirkungskreis und selbständigen Erwerbsmöglichkeiten auszuschließen. Auch die Demokratisierung habe daran nichts geändert. Für Frauen, die ihren eigenen Weg gingen, hörte man noch immer „Bezeichnungen, wie z.B. Blaustrumpf und andere dem alten Zopfthum angehörigen Absurditäten. (…) Wir haben ferner in dieser Sphäre noch ganz die alte Rohheit, den alten Egoismus der Männer, und es ist keine Zufälligkeit, nichts bloß Individuelles, wenn jene Demokraten häufig im Hause die ärgsten Tyrannen waren, wenn dieselben eines glücklich gestalteten Familienlebens entbehrten.“ (S. 90)

    Seine Zukunftsvision bezieht er vor allem aus der Idee, den Egoismus zu überwinden, die auch Beethovens 9. Symphonie zugrunde liege.

    Ferner wendet Brendel sich gegen die Gefühlsschwärmerei sowohl der Männer für ihre Frauen als auch der Frauen für ihre Männer, „analog jenem Kunstschaffen unserer Zeit, welches kritische Einsicht zur Voraussetzung hat, nicht, wie früher auf musikalischem Gebiet, dem Verstand jeden Augenblick ins Gesicht schlägt. Einem solchen Verhalten nun entspricht die nothwendig zu fordernde geistige Selbständigkeit und daraus resultierende Gleichstellung der Frauen. Die Frau soll nicht mehr ausschließlich nur in dem Mann aufgehen und ihren geistigen Mittelpunct in ihm haben, wie eine Somnambule nur in ihm leben, sie soll zugleich neben der Hingebung eine Seite der Selbständigkeit besitzen, die sie geistig – und ich füge sogleich hinzu: auch materiell – unabhängig neben den Mann stellt. Man muss zu der Einsicht gelangen, daß die Begabung beider Geschlechter – natürlich immer unter Voraussetzung der natürlichen Verschiedenheit der Organisationen – eine gleiche ist, daß die Frau zu derselben Höhe des Bewußtseins zu gelangen, zu geistiger Ebenbürtigkeit sich aufzuschwingen vermag, wenn auch auf andern Wegen, und so, daß andere Geisteskräfte als beim Mann in Thätigkeit sind.“ (S. 91)

    An praktischen Konsequenzen leitet er ab, dass der Mann folglich als Entscheidender in Ehe und Familie durch den Geist ersetzt werden solle, „die höhere Einsicht, der sich beide unterordnen lernen sollen“. Außerdem müsse die bürgerliche Selbständigkeit für die Frau gegeben sein, d.h. selbständige Erwerbsmöglichkeiten in größerem Umfang als bisher (beschränkt auf sorgende und pflegende Berufe). Sowohl in der Ehe als auch als Unverheiratete solle die erwerbstätige Frau anerkannt sein. Sein Vorbild für das Modell dieser Ehe waren Künstlerehen. Es gäbe Berufe, die Frauen wesentlich besser ausüben könnten als Männer, in denen Männer aber derzeit das Monopol besäßen, wie z.B. Damenschneider oder Frauenärzte. In Amerika gäbe es schon lange Organistinnen, ohne dass sich jemand darüber mokiere. Schließlich forderte Brendel generell eine „Umbildung“, wie sie gerade auch in der Kunst geschehe. „Nicht die Männer copieren sollen die Frauen, und diese verkehrte Ansicht ist gänzlich ferne zu halten, auch nicht über die Schranken ihrer Natur hinausgehen, es handelt sich nur um eine Steigerung innerhalb der eigenen Sphäre.“ (S. 94)

    Hier allerdings ist er dem biologistischen Denken seiner Zeit verhaftet, demgemäß Frauen – physisch bedingt – auch psychisch anders strukturiert seien als Männer. Abstraktes Denken liege ihnen nicht und sei allein Männersache. Allerdings kämen Frauen oft zu ähnlichen Ergebnissen, wenn auch auf anderem Wege. Wissenschaft blieb auch bei Brendel noch Männersache. In allen angewandten Künsten jedoch könnten Frauen durchaus reüssieren.

    Quellen zu Genderaspekten

    Franz Brendel. Gegenwart und Zukunft des weiblichen Geschlechts. In: Anregungen für Kunst, Leben und Wissenschaft. Bd. II. Leipzig, 1857. S. 91.

    Auch zu finden unter: http://books.google.de/books?id=ijc9AAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false


    Franz Brendel. Kritik der commissarischen Berichte und Protocolle über die ärztliche Beobachtung der Somnambule Christiane Höhne in Dresden, Freiberg 1840.


    Franz Brendel. Grundzüge der Geschichte der Musik. Leipzig 1848.


    Franz Brendel, Geschichte der Musik in Italien, Deutschland und Frankreich. Von den ersten christlichen Zeiten bis auf die Gegenwart. 22 Vorlesungen gehalten zu Leipzig 1850, ebd. 1852.


    James Deaville, Artikel „Franz Brendel“ in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Personenteil, Bd. 2, Zweite, neubearbeitete Ausgabe, hg. von Ludwig Finscher. 21 Bände. Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 1994ff., S. 834-840.


    Richard Sorg, „Zum Inhalt der Musik in Hegels Musikphilosophie und zu deren Kritik durch Eduard Krüger“, in: Bick, Heimerdinger, Warnke (Hg.), Musikgeschichten – Vermittlungsformen. Festschrift für Beatrix Borchard zum 60. Geburtstag, Köln 2010, S. 295-313.

    Forschungsbedarf zu Genderaspekten

    Wünschenswert wäre eine Untersuchung der musikgeschichtlichen Schriften Brendels in Hinsicht auf weitere Stellungnahmen zu Geschlechterfragen sowie die Rezeption seiner Positionen und ihre Auswirkungen auf musikbezogene Diskurse, Musikerinnen und Musiker.

    Interessant wäre auch eine Untersuchung seiner Dissertation auf Genderaspekte hin: „Kritik der commissarischen Berichte und Protocolle über die ärztliche Beobachtung der Somnambule Christiane Höhne in Dresden“, erschienen 1840 in Freiberg.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 54948806
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 119020742
    Library of Congress (LCCN): n92049163
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 27.02.2014


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Franz Brendel“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 27.2.2014.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Franz_Brendel