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  • Flora Scherres-Friedenthal

    von Silke Wenzel
    Die Pianistin Flora Scherres-Friedenthal. Fotografie von F. C. Schaarwächter, Berlin 1882.
    Namen:
    Flora Scherres-Friedenthal
    Geburtsname: Florentine Friedenthal
    Varianten: Flora Friedenthal, Flora Scherres, Flora Florentine Scherres-Friedenthal, Flora Florentine Friedenthal, Flora Florentine Scherres
    Lebensdaten:
    geb. in Warschau, Polen
    gest. nach

    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Musikpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „Sie imponierte als junge Debütantin durch den Glanz und die Kraft ihrer Technik, hat sich aber später auch zu einer musikalisch vielseitigen Künstlerin entwickelt.“


    (Wilhelm Speemann, Das goldene Buch der Musik/Tonkünstler der Gegenwart, Stuttgart 1900)


    Profil

    Die Pianistin Flora Scherres-Friedenthal wurde von 1875 bis 1879 von Nikolai Rubinstein am Moskauer Musikkonservatorium ausgebildet und konnte sich in den folgenden Jahren international als Solistin und Kammermusikerin behaupten. Sie konzertierte in der Berliner Singakademie, dem Münchner Museumssaal, der Moskauer kaiserlich-russischen Musikgesellschaft, der Stuttgarter Liederhalle und den Darmstädter Hofkonzerten und debütierte mit dem Berliner Philharmonischen Orchester in dessen erster Saison nach seiner Gründung.

    Nach ihrer Heirat mit dem Maler und Hochschulprofessor Carl Scherres 1887 zog sich Flora Scherres-Friedenthal aus dem internationalen Musikleben zurück. Sie lebte mit ihrem Mann in Berlin, unterrichtete mehrere Jahre lang am dortigen Konservatorium des Pianisten Alexis Holländer und gab bis mindestens 1914 einmal jährlich, meist in der Singakademie, ein eigenes Konzert.


    Ab 1933 wurde Flora Scherres-Friedenthal aufgrund ihrer jüdischen Herkunft in Deutschland verfolgt; ihr Lebensweg nach 1939 ist bislang nicht bekannt.

    Orte und Länder

    Flora Scherres-Friedenthal wurde in Warschau geboren. Von 1875 bis 1879 studierte sie Klavier am kaiserlich-russischen Konservatorium in Moskau. Anschließend kehrte sie nach Warschau zurück, lebte jedoch mehrere Jahre lang vorwiegend als reisende Musikerin. Im Jahr 1883 ließ sie sich in Berlin nieder, wo sie 1887 heiratete. Sie blieb bis 1939 in Berlin, obwohl sie ab 1933 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft zu den NS-Verfolgten gehörte. Ihr weiterer Verbleib ist bislang nicht bekannt.


    Konzertreisen führten Flora Scherres-Friedenthal durch Rußland, Polen, Österreich-Ungarn, die Schweiz, Deutschland, Belgien und Holland.

    Biografie

    Flora Scherres-Friedenthal wurde am 1. April 1862 in Warschau als Florentine Friedenthal in eine deutsche Kaufmannsfamilie geboren. Ihr Vater war J. Friedenthal, ihre Mutter hieß Barbara Goldberg. Ihre erste musikalische Ausbildung erhielt Flora Scherres-Friedenthal am Klavier bei den Warschauer Pianisten und Musikpädagogen Ignacy Kryzanowski, Schözer (Vorname unbekannt) und Alexander Zarzycki; im Alter von neun Jahren trat sie erstmals öffentlich auf. Von 1875 bis 1879 studierte Flora Scherres-Friedenthal Klavier bei Nikolai Rubinstein am kaiserlich-russischen Konservatorium der Musik in Moskau und erhielt zudem Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt bei Peter I. Tschaikowsky und Nikolai Hubert. Im Jahr 1879 schloss sie mit der Interpretation von Ludwig van Beethovens Klaviersonate B-Dur (op. 106) ihr Studium mit einem Diplom sowie der silbernen Medaille des Konservatoriums ab. Dem Liszt-Schüler Carl Lachmund zufolge gehörte Flora Scherres-Friedenthal zudem zum späten Schülerkreis Franz Liszts, d.h. sie setzte zwischen 1878 und 1885 ihr Studium zeitweise in Weimar fort (vgl. Lachmund 1970, S. 300).


    Nach Beendigung ihres Moskauer Studiums kehrte Flora Scherres-Friedenthal zunächst nach Warschau zurück, lebte in den folgenden Jahren jedoch vorwiegend als reisende Musikerin. Sie unternahm mehrere Konzertreisen durch Russland, Polen, Österreich-Ungarn, die Schweiz, Deutschland, Belgien und Holland (vgl. Jansa 1911), konzertierte in zahlreichen europäischen Metropolen und konnte sich auf diese Weise innerhalb kürzester Zeit international als Pianistin etablieren. Im Jahr 1883 ließ sich Flora Scherres-Friedenthal mit festem Wohnsitz in Berlin nieder (vgl. „Musicalisches Centralblatt“ 3 [1883], S. 173).


    Flora Scherres-Friedenthal debütierte am 24. Januar 1880 in der Berliner Singakademie mit einem neueren Werk, dem 1873 komponierten Klavierkonzert fis-Moll (op. 10) von Hans von Bronsart. Von Beginn an begeisterte sie Publikum und Presse: „Frl. Friedenthal debütirte in glänzender Weise mit dem für uns neuen fis-moll Konzert von H. v. Bronsart. Dies ist ein sehr bedeutendes Stück und kann wohl als eine der schönsten und interessantesten Erscheinungen, welche die Neuzeit auf diesem Gebiete hervorgebracht hat, hingestellt werden. [...] Aber Frl. Friedenthal war auch eine der Trefflichkeit des Konzertes entsprechende Interpretin. Feuer und Kraft sind die hervortretenden Eigenschaften der jungen Künstlerin, welche zu grossen Hoffnungen berechtigt; eine vorzügliche Technik, vor Allem ein wundervolles Stakkato, durch welches über ihr ganzes Spiel ein blendender Schimmer gegossen wird, treten dazu.“ („Der Klavierlehrer“ vom 1. Februar 1880, S. 31) Ein Jahr später, am 10. Januar 1881, gab Flora Scherres-Friedenthal wiederum ein eigenes Konzert in der Berliner Singakademie, diesmal jedoch gemeinsam mit dem Komponisten und Pianisten Moritz Moszkowski und dem Violoncellisten Robert Hausmann. Das Programm des Abends umfasste Ludwig van Beethovens Klaviersonate c-Moll (op. 111), Robert Schumanns „Symphonische Etüden“ (op. 13), Anton Rubinsteins Sonate für Violoncello und Klavier D-Dur (op. 18) sowie, gemeinsam mit dem Komponisten, Moritz Moszkowskis „Deutsche Reigen“ für Klavier zu vier Händen (op. 25) (vgl. „Der Klavierlehrer“ vom 1. Februar 1881, S. 32). Im gleichen Jahr trat sie mit Frédéric Chopins Klavierkonzert e-Moll sowie mit Robert Schumanns „Symphonischen Etüden“ in Wien auf (vgl. Hanslick 1886, S. 320) und konzertierte Ende des Jahres 1881und Anfang 1882 u. a. in Königsberg, Danzig und Breslau. Sie gab am 15. November 1881 ein eigenes Konzert in Königsberg, bei dem sie Ludwig van Beethovens Klaviersonate c-Moll (op. 111), zwei Stücke aus Adolf Jensens „Erotikon“ (op. 44), Frédéric Chopins Klaviersonate b-Moll (op. 35) sowie Franz Liszts Paraphrase über Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“ spielte (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 17. August 1882, S. 398), und trat am 18. November 1881 in Danzig auf. Der Danziger Korrespondent des „Musikalischen Wochenblatts“ urteilte über das Konzert: „Am 18. November hörten wir Frl. Flora Friedenthal aus Warschau, eine Schülerin des verstorbenen Nic. Rubinstein, in dem nur spärlich gefüllten Apollosaale; zarte Auffassung und saubere Technik machen ihr Spiel zu einem reizvollen, wenn die Künstlerin auch noch nicht die Hörer fortzureissen versteht. Ihre Leistungen wurden mit warmem Beifall aufgenommen.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 29. Dezember 1881, S. 7) Über ihr Konzert in Breslau hieß es: „[...] in Frl. Flora Friedenthal [lernten wir] eine zu grossen Hoffnungen berechtigende Spielerin kennen, die jetzt schon einen Vergleich mit den Besten ihrer Colleginnen nicht zu scheuen hat. Sie spielte u. a. Beethoven’s Op. 111 und die Chopin’sche B moll-Sonate mit männlicher Kraft und Energie, dabei höchst musikalisch. Die Liszt’sche ‚Sommernachtstraum‘-Paraphrase gab Gelegenheit zur Entfaltung glänzender Virtuosität.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 29. Juni 1882, S. 316)


    In den ersten Monaten des Jahres 1882 konzertierte Flora Scherres-Friedenthal im süddeutschen Raum und konnte auch hier Musikkritik und Publikum für sich einnehmen. Sie spielte am 7. März 1882 im Münchner Museumssaal und ergänzte das bereits bekannte Repertoire um Joachim Raffs Menuett und Rigaudon und um das Capriccio h-Moll (op. 76 Nr. 2) von Johannes Brahms: „Ein Fräul. Flora Friedenthal aus Warschau unternahm es gestern, im Museumssaale mit einer […] aus lauter Clavierstücken bestehenden Soirée vor das claviermusiklustige Publikum zu treten. […] Wenn auch nur Clavierstücke geboten wurden, so war das Programm doch interessant zusammengestellt und enthielt Stücke ersten Ranges, wie die C moll-Sonate Op. 111 von Beethoven und die B moll-Sonate Op. 72 [rec. op. 35] von Chopin, welche letztere die Künstlerin mit besonderer Meisterschaft spielte […]. Uebrigens liessen alle ihre Vorträge eine Pianistin von ausserordentlicher Begabung erkennen, mit deren Auffassung man zwar in manchem Punkte nicht einverstanden sein kann, die aber über eine sehr bedeutende Technik verfügt und durch das Energische ihres Spiels imponirt.“ („Allgemeine Musikalische Zeitung“ vom 3. Mai 1882, Sp. 281f.) Einen Tag später, am 8. März 1882, gab Flora Scherres-Friedenthal ein eigenes Konzert in der Stuttgarter Liederhalle, und der Korrespondent der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ rezensierte: „Freitag, den 8. März, gab die Pianistin Flora Friedenthal aus Warschau im Concertsaal der Liederhalle ein Concert. Leider war der Besuch ein sehr schwacher, und die ganz vortrefflichen Leistungen der Dame hätten wahrlich einen volleren Saal verdient. Wir stehen nicht an, die junge Künstlerin für eine der bedeutendsten Pianistinnen der Gegenwart zu erklären; sie verbindet eine enorme, tüchtig und solide ausgebildete Technik mit einer selbständigen musikalischen Auffassung; da ist nichts Eingelerntes, überall tritt uns die denkende Künstlerin entgegen, in ihrem Spiel ist Individualität. Sie begann mit dem Vortrag der Sonate in C-moll op. 111 von Beethoven, welcher sie Piècen von Brahms, Raff, Chopin, Moszkowski, Silas und Scarlatti folgen liess. Den Schluss bildete der ganz brillant gespielte ‚Hochzeitsmarsch und Elfenreigen’ aus dem Sommernachtstraum von Mendelssohn-Liszt.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 19. April 1882, Sp. 250) Ebenfalls in Stuttgart trat Flora Scherres-Friedenthal am 2. April 1882 als Solistin mit der königlichen Hofkapelle auf und spielte dabei das Klavierkonzert g-Moll (op. 22) von Camille Saint-Saëns: „Als Gast hatten wir die treffliche Pianistin Fräul. Flora Friedenthal zu begrüssen […]. Eine brillante und wohlausgebildete Technik verbindet sie mit einem wunderschönen, nüancenreichen Anschlag und einer musikalischen Feinfühligkeit, wie wir sie in solcher Vollkommenheit bei Pianistinnen nur sehr selten gehört haben.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 10. Mai 1882, Sp. 299) Zum Abschluss der Konzertreise gab sie im April 1882 ein eigenes Konzert in Berlin, u. a. mit Frédéric Chopins Klaviersonate b-Moll (op. 35) und einem Allegro vivacissimo A-Dur von Domenico Scarlatti. Die Rezension in der Zeitschrift „Der Klavierlehrer“ brachte auch zum Ausdruck, dass Flora Scherres-Friedenthal mittlerweile überregional bekannt war: „Trotz der vorgerückten Jahreszeit war das vielfach verschobene Konzert von Frl. Flora Friedenthal recht gut besucht. Ihr Name hat seit ihrem ersten Auftreten hier vor zwei Jahren bereits in der musikalischen Welt einen guten Klang. Die Künstlerin verfügt über eine umfassende, ausgefeilte Technik und einen weichen, modulationsreichen Anschlag und verbindet mit diesen Vorzügen noch eine warme, lebendige, echt musikalische Auffassung, die oft durch kleine, einen feinen Esprit verrathende Nüancen überrascht.“ („Der Klavierlehrer“ vom 1. Mai 1882, S. 102f.)


    Ein Jahr später, im April 1883, trat Flora Scherres-Friedenthal mit neuem Repertoire an die Öffentlichkeit, das u. a. das Klavierkonzert g-Moll von Camille Saint-Saëns (op. 22), Ludwig van Beethovens Klavierkonzert G-Dur (op. 58) und Felix Mendelssohn Bartholdys „Variations sérieuses“ d-Moll (op. 54) enhielt. Sie debütierte am 5. April unter der Leitung von Karl Klindworth mit dem Berliner Philharmonischen Orchester in dessen erster Saison nach seiner Gründung und spielte neben den Klavierkonzerten von Camille Saint-Saëns und Ludwig van Beethoven mehrere Klaviersoli von Frédéric Chopin und Franz Liszt (vgl. Muck 1982, S. 5). Wenige Tage später konzertierte sie in den Erfurter Abonnementkonzerten gemeinsam mit dem Tenor Emil Götze. Das „Musikalische Wochenblatt“ rezensierte: „Fremd und unbekannt zogen im 3. Concert ein Sänger und eine Clavierspielerin bei uns ein, aber im Sturm die Herzen ihrer Zuhörer erobernd […]. Dem Sänger würdig zur Seite stand Frl. Friedenthal, die eminente technische Fertigkeiten besitzt und Kopf und Herz für guten musikalischen Vortrag auf dem rechten Flecke hat. Sie spielte das Gmoll-Clavierconcert von Saint-Saëns, Variations sérieuses von Mendelssohn, Allegro von Scarlatti und Campanella von Liszt. […] Mit musikalischem Verständniss und warmer Empfindung wusste Frl. Friedenthal all die feinen Züge dieser Composition [des Saint-Saëns’schen Konzertes], sowie auch die Variationen von Mendelssohn zur Darstellung zu bringen, alle technischen Schwierigkeiten wurden mit Leichtigkeit überwunden, auch die bekannten tollen Scarlatti’schen Sprünge mit unfehlbarer Sicherheit ausgeführt, kurz, auch Frl. Friedenthal documentirte durch ihr Spiel, dass sie den besten Virtuosinnen im Clavierspiel beizuzählen ist, und empfing demgemäss den lebhaftesten Beifall des Publicums.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 12. April 1883, S. 200f.) Im Herbst 1883 trat Flora Scherres-Friedenthal wiederum mit dem Klavierkonzert g-Moll von Camille Saint-Saëns im 1. Symphonischen Konzert der kaiserlich-russischen Musikgesellschaft in Moskau unter der Leitung von Max von Erdmannsdörfer auf (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 25. Oktober 1883, S. 545) und gab dort wenige Tage später bei einem Quartettabend gemeinsam mit dem Geiger Vojtech Hrimaly Ludwig van Beethovens Violinsonate A-Dur (op. 47, „Kreutzersonate“) (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 14. Februar 1884, S. 98). Auch im darauf folgenden Jahr konzertierte Flora Scherres-Friedenthal regelmäßig und trat dabei u. a. wiederum in den Stuttgarter Abonnementkonzerten (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 20. November 1884, S. 596) und im Rahmen der Darmstädter Großherzoglichen Hofmusik auf. Dort spielte sie Frédéric Chopins Klavierkonzert e-Moll (op. 11) und wurde von der „Musical Times” mit der Pianistin Annette Essipoff verglichen: „Music in Darmstadt: In the fourth Concert of the Grossherzoglich Hofmusik, we made the acquaintance of that admirable pianist, Frl. Flora Friedenthal, of Warsaw, who played Chopin’s Concerto in E minor, and acquitted herself of her task in a highly creditable manner, the brilliancy of her execution, and the sensitiveness of her touch, reminding us forcibly of her celebrated countrywoman, Annette Essipoff.” („Musik in Darmstadt: im vierten Konzert der Großherzoglichen Hofmusik lernten wir die wunderbare Pianistin Frl. Flora Friedenthal aus Warschau kennen, die das e-Moll-Konzert von Chopin spielte. Sie erledigte ihre Aufgabe auf höchst anerkennenswerte Weise und erinnerte uns in der Brillanz ihrer Ausführung und der Empfindsamkeit ihres Anschlages stark an ihre gefeierte Landsmännin Annette Essipoff.“; „The Musical Times“ vom 1. April 1885, S. 220)


    Im Jahr 1887 heiratete Flora Scherres-Friedenthal den Maler und Hochschulprofessor Carl Scherres (1833-1927). Sie zog sich weitgehend aus dem internationalen Konzertleben zurück und widmete sich vorrangig der Musikpädagogik; 1893 leitete sie die höheren Klavierklassen am Berliner Konservatorium des Pianisten Alexis Holländer (vgl. Morsch 1893, S. 171). Über ihre musikpädagogische Tätigkeit, ihre weitere institutionelle Einbindung als Lehrende sowie über ihre Schülerinnen und Schüler ist bislang jedoch nichts Näheres bekannt.


    Trotz ihres Rückzugs aus dem internationalen Musikleben gab Flora Scherres-Friedenthal bis mindestens 1911 weiterhin jährlich ein eigenes Konzert in Berlin. Dabei konnte sie sich über viele Jahre den Respekt ihrer Kolleginnen und Kollegen ebenso erhalten wie die Zustimmung von Musikkritik und Publikum. Im populären „Goldenen Buch der Musik“ von Wilhelm Spemann hieß es 1900 über Flora Scherres-Friedenthal: „Sie imponierte als junge Debütantin durch den Glanz und die Kraft ihrer Technik, hat sich aber später auch zu einer musikalisch vielseitigen Künstlerin entwickelt.“ (Speemanns goldenes Buch 1900/Tonkünstler der Gegenwart) Tatsächlich nahm Flora Scherres-Friedenthal neben dem klassisch-romantischen Repertoire auch ältere Musik und aktuelle Werke in ihre Konzertprogramme auf, wobei die von ihr gespielten neuen Kompositionen – darunter Werke von Alexis Hollaender, Hugo Kaun, Friedrich Gernsheim und Ernst Eduard Taubert – zugleich ihre Einbindung in das Berliner Musikleben belegen. Die meisten ihrer jährlichen Konzerte fanden in der Berliner Singakademie statt, sind jedoch bislang nur bruchstückhaft zu belegen. Bei ihrem Konzert am 9. Februar 1904 standen Kompositionen von Robert Schumann, Jean-Philippe Rameau und Domenico Scarlatti auf dem Programm, und die „Neue Zeitschrift für Musik“ kommentierte: „Zu gleicher Zeit [am 9. Februar 1904] gab in der Singakademie Frau Flora Scherres-Friedenthal ihren alljährlichen Klavierabend. Über das Spiel der Künstlerin, das gutes technisches und musikalisches Können vereinigt, ist Neues nicht mehr zu sagen. Mit Werken von Schumann, Rameau, Scarlatti u. a. errang sie die gewohnte freundliche Zustimmung ihres zahlreichen Publikums.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 17. Februar 1904, S. 135) Ähnlich äußerte sich das „Musikalische Wochenblatt“ über ihr Jahreskonzert am 28. Januar 1908 in der Singakademie: „Frau Flora Scherres-Friedenthal gab am 28. Jan. einen Klavierabend in der Singakademie. Sie ist uns eine alte Bekannte; wir schätzen sie längst als tüchtige, überlegsame Künstlerin. Sie stellt sich keine allzu grossen Aufgaben, aber was sie bietet, ist in seiner Art vollkommen. Ausser bekannten älteren Werken von Mozart, Beethoven (As-dur-Sonate op. 110), spielte die Künstlerin diesmal auch einige neuere, sechs Tondichtungen [...] nach goetheschen Worten von E. E. Taubert, Tonbilder, die durch feinsinnigen Stimmungsgehalt und gediegene Arbeit interessierten, und eine Ländlerfolge für zwei Klaviere op. 64 von Alexis Hollaender, gefällige, fliessend geschriebene Tonstücke, bei deren Wiedergabe der Komponist die Konzertgeberin am zweiten Klavier erfolgreich unterstützte.“ (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 6. Februar 1908, S. 142) Im Jahr 1911 schrieben die „Signale für die musikalische Welt“ über die Pianistin: „Frau Flora Scherres-Friedenthal fesselt nicht so sehr durch Glanz der Virtuosität als durch gereiften Geschmack und musikalische Ausgeglichenheit ihrer Vorträge. Ihr Klavierabend am 25. Januar brachte neben Werken von Bach, Haydn, Brahms, Chopin, Liszt eine Anzahl neuerer Klavierstücke meistens kleineren Umfanges von Alexis Hollaender, Hugo Kaun, Friedrich Gernsheim.“ („Signale für die musikalische Welt“ vom 1. Februar 1911, S. 174) Noch 1914 inserierte Flora Scherres-Friedenthal in den „Musikpädagogischen Blättern“ als Musikpädagogin (vgl. z. B. „Musikpädagogische Blätter“ vom 1. Januar 1914, S. 22) Dem „Kurzgefaßten Tonkünstlerlexikon“ von 1936 zufolge widmete sich Flora Scherres-Friedenthal ab 1915 ausschließlich ihrer musikpädagogischen Tätigkeit (vgl. Frank/Altmann 1936).


    Flora Scherres-Friedenthal lebte bis 1939 in Berlin: Sie wohnte 1905 in der Kantstr. 150 a in Charlottenburg und von 1909 bis 1939 in der Martin-Luther-Str. 17 (vgl. Berliner Adressbücher). Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde Flora Scherres-Friedenthal jedoch ab 1933 in Deutschland verfolgt und u. a. 1940 in das antisemitischen NS-Publikation „Lexikon der Juden in der Musik“ aufgenommen (Stengel/Gerigk 1940). Über ihren Verbleib nach 1939 ist bislang nichts bekannt.

    Würdigung

    Flora Scherres-Friedenthal galt über viele Jahrzehnte als herausragende Pianistin. So schrieb z. B. der Münchner Dirigent Hermann Levi am 26. November 1882 aus München an seinen Vater Benedikt Levi: „nächsten Mittwoch wieder ein Concert unter Mitwirkung von Frl. Flora Friedenthal aus Warschau, einer der allerbesten heutzutagigen [...] Klavierspielerinnen, welche ich dem Giessener Concertverein angelegentlichst empfohlen haben möchte“ (zit. n. Haas 1995, S. 381). Dabei umfasste ihr Repertoire nicht nur klassisch-romantische Werke, sondern auch ältere und aktuelle Kompositionen: Ihre Berliner Konzertprogramme enthielten häufig mehrere neue Werke zeitgenössischer Komponisten, zu deren Verbreitung sie auf diese Weise beitrug.

    Eine angemessene Würdigung ihrer Tätigkeiten, die auch den musikpädagogischen Bereich zu berücksichtigen hätte, ist jedoch erst nach weiteren Forschungen möglich.

    Rezeption

    Eine Rezeption der Tätigkeiten von Flora Scherres-Friedenthal findet derzeit (Februar 2009) nicht statt (zur zeitgenössischen Rezeption vgl. Biografie).

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Flora Scherres-Friedenthal kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Die folgenden Werke zählten zu ihrem Repertoire:


    Beethoven, Ludwig van. Klaviersonate As-Dur, op. 110

    Beethoven, Ludwig van. Klaviersonate B-Dur, op. 106

    Beethoven, Ludwig van. Klaviersonate c-Moll, op. 111

    Beethoven, Ludwig van. Konzert für Klavier und Orchester G-Dur, op. 58

    Beethoven, Ludwig van. Sonate für Violine und Klavier A-Dur, op. 47 („Kreutzer-Sonate“)


    Brahms, Johannes. Capriccio h-Moll, op. 76 Nr. 2


    Bronsart, Hans von. Konzert für Klavier und Orchester fis-Moll, op. 10


    Chopin, Frédéric. Klaviersonate b-Moll, op. 35

    Chopin, Frédéric. Konzert für Klavier und Orchester e-Moll, op. 11


    Hollaender, Alexis. Ländlerfolge für zwei Klaviere, op. 64


    Jensen, Adolf. Erotikon op. 44


    Liszt, Franz. Paraphrase über Felix Mendelssohn Bartholdys Sommernachtstraum


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Variations sérieuses d-Moll, op. 54


    Moszkowski, Moritz. Deutsche Reigen für Klavier zu vier Händen, op. 25


    Raff, Joachim. Menuett und Rigaudon


    Rubinstein, Anton. Sonate für Violoncello und Klavier D-Dur, op. 18


    Saint-Saëns, Camille. Konzert für Klavier und Orchester g-Moll, op. 22


    Scarlatti, Domenico. Allegro vivacissimo A-Dur


    Schumann, Robert. Symphonische Etüden op. 13


    Taubert, Ernst Eduard. Sechs Tondichtungen nach goetheschen Worten (= Suite Nr. 2)


    Auf ihren Konzertprogrammen standen – über die genannten Komponisten hinaus – nicht näher zu bestimmende Stücke von Johann Sebastian Bach, Jean-Philippe Rameau, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Alexander Silas, Hugo Kaun, Friedrich Gernsheim u. a. m.

    Quellen

    Literatur


    Artikel „Scherres-Friedenthal, Flora“. In: Das goldene Buch der Musik. Wilhelm Speeman (Hg.). Berlin, Stuttgart: Verlag von W. Speemann, 1900.


    Artikel „Musikerinnen“. In: Illustriertes Konversations-Lexikon der Frau. (o. Hg.) 2 Bde. Berlin: Verlag von Martin Oldenburg, 1900, Bd. 2, S. 179.


    Artikel „Scherres-Friedenthal, Flora“. In: Deutsches Zeitgenossen-Lexikon. Franz Neubert (Hg.). 1905 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Scherres-Friedenthal, Flora“. In: Wer ist’s? Unsere Zeitgenossen. Hermann A. L. Degener (Hg.). 1909 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Scherres-Friedenthal, Flora“. In: Deutsche Tonkünstler in Wort und Bild. Friedrich Jansa (Hg.). 2. Ausg. 1911 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Scherres-Friedenthal, Flora“. In: Deutsches Musiker-Lexikon. Erich H. Müller (Hg.). 1929 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Scherres-Friedenthal, Flora“. In: Kurzgefaßtes Tonkünstlerlexikon für Musiker und Freunde der Tonkunst. Paul Frank, Wilhelm Altmann (Hg.). 14., stark erw. Aufl. Regensburg: Bosse, 1936.


    Artikel „Scherres-Friedenthal, Flora“. In: Lexikon der Frau. Zürich: Encyclios-Verlag, 1954.


    Berliner Adressbücher 1799-1943. Digital verfügbar unter: http://adressbuch.zlb.de (Stand: 3. Februar 2009).


    Haas, Frithjof. Zwischen Brahms und Wagner. Der Dirigent Hermann Levi. Zürich, Mainz: Atlantis, 1995.


    Hanslick, Eduard. Concerte, Componisten und Virtuosen der letzten fünfzehn Jahre. 1870-1885. Kritiken. 2. Aufl. Berlin: Allgemeiner Verein für Deutsche Literatur, 1886.


    Lachmund, Carl von. Mein Leben mit Franz Liszt. Aus dem Tagebuch eines Liszt-Schülers. Eschwege: G. E. Schroeder-Verlag, 1970.


    Morsch, Anna. Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biographische Skizzen aus der Gegenwart. Berlin: Stern & Ollendorff, 1893.


    Muck, Peter. Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester: Darstellung in Dokumenten. Band 3: Die Mitglieder des Orchesters, die Programme, die Konzertreisen, Ur- und Erstaufführungen. Tutzing: Schneider, 1982.


    Stengel, Theo/Gerigk, Herbert. Lexikon der Juden in der Musik. Mit einem Titelverzeichnis jüdischer Werke, zusammengest. und bearb. v. Theo Stengel und Herbert Gerigk, Berlin 1940 (antisemitische NS-Publikation).



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Allgemeine Musikalische Zeitung vom 19. April 1882, Sp. 250.

    Allgemeine Musikalische Zeitung vom 3. Mai 1882, Sp. 281f.

    Allgemeine Musikalische Zeitung vom 10. Mai 1882, Sp. 299.


    Der Klavierlehrer vom 1. Februar 1880, S. 31.

    Der Klavierlehrer vom 1. Februar 1881, S. 32.

    Der Klavierlehrer vom 1. Mai 1882, S. 102f.


    Musicalisches Centralblatt, Jg. 3 (1883), S. 173.


    Musikalisches Wochenblatt vom 29. Dezember 1881, S. 7.

    Musikalisches Wochenblatt vom 29. Juni 1882, S. 316.

    Musikalisches Wochenblatt vom 17. August 1882, S. 398.

    Musikalisches Wochenblatt vom 12. April 1883, S. 200f.

    Musikalisches Wochenblatt vom 25. Oktober 1883, S. 545.

    Musikalisches Wochenblatt vom 14. Februar 1884, S. 98.

    Musikalisches Wochenblatt vom 20. November 1884, S. 596.

    Musikalisches Wochenblatt vom 18. Dezember 1890, S. 659

    Musikalisches Wochenblatt vom 6. Februar 1908, S. 142.


    Musikpädagogische Blätter vom 1. Januar 1914, S. 22.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 17. Februar 1904, S. 135.


    Signale für die musikalische Welt vom 1. Februar 1911, S. 174.


    The Musical Times vom 1. April 1885, S. 220.



    Links


    http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Scherres (Stand: 25. Februar 2009)

    Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia Deutschland enthält einen kurzen Artikel über den Maler und Hochschulprofessor Carl Scherres, den Ehemann von Flora Scherres-Friedenthal.

    Forschung

    Zu Flora Scherres-Friedenthal liegen derzeit keine weiteren Forschungsinformationen vor.


    Eine Verwandschaft mit dem Pianistin und Musikpädagogen Albert Friedenthal (1862-1921), der zeitweise ebenfalls in Berlin lebte, ist bislang nicht nachzuweisen.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Flora Scherres-Friedenthal umfasst ihre Biografie und alle ihre Tätigkeiten. Es ist zu vermuten, dass Recherchen im Umfeld von Berliner Komponisten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, wie z. B. Hugo Kaun, Friedrich Gernsheim, Alexis Hollaender und Ernst Eduard Taubert, ergiebig sind und die Einbindung Flora Scherres-Friedenthals in das Berliner Musikleben der Zeit konkretisieren könnten.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 54920488
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 117221953

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 13. August 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 20.08.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Flora Scherres-Friedenthal“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 20.8.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Flora_Scherres-Friedenthal