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    von Martina Bick
    Esther Meyenell
    Namen:
    Esther Meynell
    Geburtsname: Esther Hallam Moorhouse
    Lebensdaten:
    geb. in Leeds / Yorkshire, Großbritanien
    gest. in Ditchling / Sussex, Großbritanien
    Tätigkeitsfelder:
    Autorin
    Charakterisierender Satz:

    „Wir sind neugierige und oft dumme Leute, aber ich denke, im Großen und Ganzen erkennen wir unsere großen Männer.“

    (Esther Meynell in einem Brief an Admiral John Arbuthnot Fisher, Lord of Kilverstone, am 20.5.1915)


    Profil

    Esther Meynell ist die Verfasserin des bekannten und in zahlreiche Sprachen übersetzten Buches „The little Chronicle of Magdalena Bach“. Es erschien zuerst 1925 in England im Verlag Chatto and Windus, London, sowie in den USA im Verlag Doubleday, Garden City und New York.

    Sowohl in der englischen als auch in der deutschen Erstausgabe von 1930 im Verlag Kochler und Amelang, Leipzig, wurde der Name der Autorin weggelassen, sodass der Eindruck entstand, es handele sich um eine originale Chronik von Anna Magdalena Bach. In der englischen Ausgabe befindet sich auf der letzten Buchseite der Hinweis: „Those familiar with the known and authenticated facts of Bach’s life will realise that certain episodes in this book are imaginary.“ Dieser Hinweise fehlte in den deutschen Ausgaben. Die Chronik erlebte ab 1935 in Deutschland besonders durch die Feierlichkeiten anlässlich des 250. Geburtstags von Johann Sebastian Bachs eine enorme Verbreitung und stellte „eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Jahre in Deutschland“ dar (Stirk, 1935). Sie wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und wird noch heute aufgelegt.

    Dem rein fiktiven Text, der sich sprachlich und stilistisch überzeugend in die historische Zeit einpasst, wird in Fachkreisen vorgeworfen, dass er auf keinerlei Quellenbasis fußt (Hübner, 2004). Er wird als „gut gemeinter Versuch, das Phänomen Johann Sebastian Bach mal aus dem Blickwinkel seiner zweiten Frau zu erfassen“, sowie als „rührselige Schilderung des Bachschen Familienlebens“ (Hans-Joachim Schulze, 2004) angesehen. Tatsächlich gibt es von Johann Sebastian Bachs zweiter Gattin nur sehr wenige originale Zeugnisse und Dokumente, dafür aber sehr zahlreiche von ihrer Hand kopierte Noten ihres Mannes (vgl. Hübner 2004, S. 137-140).

    Für die J.S. Bach-Rezeption wie auch für die Wahrnehmung der Sängerin und Musikerin Anna Magdalena Bach – unabhängig von ihrer Rolle als Gattin J. S. Bachs – spielte die „Chronik“ wegen ihrer internationalen Verbreitung eine wichtige Rolle. 1934 schrieb Esther Meynell eine weitere Bach-Biografie, in der sie eher traditionell aus neutraler Erzählperspektive das Leben J.S. Bachs erzählt.

    Des Weiteren verfasste sie ausschließlich Romane und biografische Erzählungen über nicht-musikalische Gegenstände. Unter dem Namen E. Hallam Moorhouse schrieb sie mehrere Werke über die englischen Seehelden Sir Francis Drake und Lord Nelson sowie über Lady Hamilton.

    Orte und Länder

    Esther Moorhouse wurde 1878 in Leeds, Großbritannien, geboren. 1909 heiratete sie den Verleger Gerard Meynell, mit dem sie zeitweise in London sowie in Brighton und in Ditchling, Sussex, lebte, wo sie 1955 starb.

    Biografie

    Esther Meynell wurde 1878 in die wohlhabende Quäkerfamilie des Samuel Moorhouse in Leeds, Yorkshire, hineingeboren. Als sie zehn Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie nach Brighton, Sussex. Aus gesundheitlichen Gründen wurde sie zuhause unterrichtet. Zum Zeitpunkt ihrer Heirat, 1909,war sie bereits eine bekannte Autorin. Unter ihrem Mädchennamen Moorhouse, den sie mit dem seltenen und eher für Jungen gebräuchlichen Vornamen Hallam versah, veröffentlichte sie 1907 den biografischen Roman „Nelson’s Lady Hamilton“. Nach der Herausgabe von Seefahrerbriefen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert begann sie, sich mit Sir Francis Drake zu beschäftigen („Drake and the Elizabethan Navy“, erschienen 1912), ehe sie 1913 eine Chronik über „Nelson in England“ verfasste.

    Mit ihrem Mann Gerard Meynell (1877-1943), Druckermeister, Buchdrucker und Verleger der Westminster Press in Patcham Church, Sussex, lebte Esther Meynell zunächst in London, wo auch ihre Töchter Joanna (Lebensdaten nicht bekannt) und Rosmary (1917-2003) geboren wurden. In den 1930er Jahren zog die Familie zurück nach Sussex, zuerst in den Ort Pulborough, wo eine Tante von Gerard Meynell lebte, die Dichterin Alice Meynell (1847-1922). Hier konvertierte Esther Meynell 1931 zum Katholizismus, vielleicht beeinflusst durch Alice Meynell, die der katholischen Kirche sehr nahe stand. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Esther Meynell sich gerade in dieser Zeit intensiv mit den protestantisch-lutherischen Überzeugungen Johann Sebastians Bachs auseinandersetzte – die „Chronik“ erschien 1925, ihr zweites Bach-Buch 1934.

    Später zog die Familie in den Ort Ditchling, wo sie zwei kleine Cottages bauen ließ, die Gegenstand von Esther Meynells Büchern „A Sussex Cottage“ (1936) und „Building a Cottage“ (1937) wurden. Meynell schrieb außerdem Heimatkundliches über Sussex und war langjähriges Mitglied und Unterstützerin der Sussex Archaeological Society. Sie starb 1955 in ihrem Haus in Ditchling.

    Würdigung

    Aus den Jahren 1911 bis 1920 sind zwölf Briefe von Esther Meynell an den britischen Marine-Admiral Sir John Arbuthnot Fisher, Lord of Kilverstone (1841-1920), erhalten, die Einblick geben in ihre Denk- und Arbeitsweisen (FISR 3 'Further official correspondence' in Churchill Archives Cambridge). Der Kapitänssohn Fisher, der 1909 wegen seiner Verdienste um die britische Marine geadelt wurde, entstammte einem bürgerlichen Milieu und war sowohl wegen seiner Herkunft, als auch wegen seiner Ansichten als Admiral und First Sea Lord (1904-1910 und 1914/1915, ranghöchste Dienststellung in der Royal Navy),sowie als Erneuerer und kritischer Reformer der britischen Flotte hoch geehrt, aber auch oft umstritten. Im Mai 1915 trat er aus Protest gegen die Pläne Churchills für die Schlacht von Gallipoli (Dardanellen‑Operation) von seinem Amt zurück, was zu Angriffen in der Öffentlichkeit und in der Presse führte. Nach Ansicht Esther Meynells wurde ihm die gebührende Anerkennung für seine Verdienste im Ersten Weltkrieg vorenthalten. Aus diesem Zeitraum stammt die erhaltene Korrespondenz zwischen Esther Meynell und dem Admiral, der offenbar eigene Texte in Gerard Meynells Verlag veröffentlichte. Außerdem verbanden ihn seine historischen Studien über Lord Nelson und Lady Hamilton mit Esther Meynell. Fisher bewahrte anscheinend auch Dokumente („relics“) von Nelson auf.

    Esther Meynell – wie auch ihr Mann Gerard - verehrten und bewunderten den zu Beginn des Briefwechsels bereits siebzig Jahre alten Admiral für sein Lebenswerk wie auch für den Mut und die Weitsicht, sich 1915 gegen Churchills Schlachtpläne zu stellen – tatsächlich wurde die Gallipoli‑Schlacht gegen die Türken für die Royal Navy und die Entente eine sehr verlustreiche Niederlage.

    Esther Meynell war während des Briefwechsels in ihren dreißiger Jahren, jung verheiratet, und wurde im Verlauf der Korrespondenz zweimal Mutter. Ihre schwärmerische Verehrung für den am Ende seines Lebens ihrer Ansicht nach missachteten Fisher folgt dem Muster der Heroenkonstruktion, wie es sich auch bei anderen Musikschriftstellerinnen – z.B. in den Lebensbeschreibungen Franz Liszts von Lina Ramann oder Ludwig van Beethovens von La Mara (d.i. Marie Lipsius) – finden lässt. Die typischen Komponenten einer solchen Heroenbiographie sind u.a. der soziale Aufstieg des Helden aus unteren Klassen durch herausragende Leistungen und daraus resultierend eine Konkurrenz mit dem Adel, die Konfrontation mit Auseinandersetzungen und Anfeindungen, aber auch ein Renommee als Neuerer und Reformer auf seinem Gebiet (bei Nelson der Entwurf von Großkampfschiffen). Hinzu kommt eine mangelnde Anerkennung der Lebensleistung durch die Herrschenden, was auf Seiten der Autorinnen zu starkem Mitempfinden und zur (auch öffentlichen) Verteidigung des Helden, sowie zu tiefer persönlicher Bewunderung führt, die von den Autorinnen dem Heroen als eine Art Kompensation für erlittenes Unrecht angeboten wird. So schreibt Meynell anlässlich von Nelsons Protest und bevorstehendem Rücktritt von seinem Amt an den Admiral:


    [“May 20.1915.

    Dear Lord Fisher, Nothing has frightened me this was except the idea that you might be leaving the Admiralty – but thank the Gods who guard Britain that that is passed. Of course the English people wouldn’t let you go – we would seek a Cabinet before that should happen! We are a curious & often stupid people, but I think on the whole we do know our great men.

    Your burden must be heavy, but when I think what your name will stand for in English history I can hardly believe I am privileged to know you. I wear the Admiral’s buttons you gave me daily over my heart! Your always admiring

    Esther Meynell.”]


    „20.5.1915

    Lieber Lord Fisher, nichts hat mir Angst gemacht, nur die Idee, dass Sie die Admiralität verlassen könnten – aber dank Gott, der die Briten beschützt, ist das vorüber gegangen. Natürlich würde das englische Volk Sie nicht gehen lassen – wir würden ein Kabinett suchen, ehe das geschehen könnte! Wir sind neugierige und oft dumme Leute, aber ich denke, im Großen und Ganzen erkennen wir unsere großen Männer.

    Ihre Bürde muss schwer sein, wenn ich daran denke, für was Ihr Name in der englischen Geschichte stehen wird, kann ich das Privileg kaum ermessen, Sie zu kennen. Ich trage den Admirals-Button, den Sie mir gaben, immer über dem Herzen!

    Sie immer bewundernd

    Esther Meynell“


    Und am folgenden Tag, 21.5.1915:


    [„Burnthis… Bemerkung oben nicht weiter lesbar]

    May 21. 1915

    Dear Lord Fisher,

    I cannot believe it, that they should “cash out” you - & I cannot bear it if they do. It would be the last word in infamy – you, you to whom we owe this bavy/bary[?], to whom we owe our lives & our freedom from awful infamies. Why, the whole womanhood of England must cry out against such a thing. I shall be in agony till I know you stay, so I hope & shall know soon.

    [Randbemerkung nicht lesbar]

    It is nice of you to say you want to see me – you can imagine my sentiments! Its [sic!] one of the things I’m living for. If ever you have half an hour I’ll come whenever & wherever want me.

    Is this rather a mad letter? But I feel mad! Yours always

    Esther Meynell.“]


    „Lieber Lord Fisher,

    ich kann es nicht glauben, dass man Sie ‚auszahlt‘ - & ich werde es nicht ertragen, wenn sie es tun. Es wäre die größte Niedertracht – Sie, Sie, dem wir diese Marine verdanken, dem wir unsere Leben verdanken und unsere Freiheit von schrecklicher Schande. Warum, alle Frauen von England müssten aufschreien gegen so eine Sache. Ich werde in Todesangst sein, bis ich weiß, wo Sie sind, darum hoffe ich, es bald zu erfahren.

    Es ist nett von Ihnen, zu sagen, dass Sie mich sehen möchten – Sie können sich meine Gefühle vorstellen! Es ist eines der Dinge, für die ich lebe. Wann jemals Sie eine halbe Stunde hätten, werde ich kommen, wann immer & wohin immer Sie es wünschen.

    Ist dies ein sehr verrückter Brief? Aber ich bin verrückt! Immer Ihre

    Esther Meynell“

    (Transkription Dr. Regina Back, Übersetzung M.B., weitere Briefe siehe „Materialsammlung“.)


    Einem ähnlichen Muster folgt die Konstruktion des Heroen Johann Sebastian Bach in Meynells „Kleiner Chronik der Anna Magdalena Bach“ (1925) sowie in der Biografie „Johann Sebastian Bach“ (1934). Tom Dufty vom Ditchling History Projekt führt in seinem privaten Manuskript für einen Diavortrag über Esther Meynell (der Autorin zur Verfügung gestellt im Oktober 2014) an, fußend auf Meynells teils autobiografischem Buch „A WomanTalking“ (Meynell, 1940), dass Meynell zwar keine Schule besucht, musikalisch jedoch an der Brighton School of Music Unterricht in Klavier und Gesang erhalten habe – und zwar so erfolgreich, dass sie sogar ein Stipendium erhielt: „there I spent many enchanted hours, and first encountered one of the major influences of my life – Johann Sebastian Bach.“ (ebd.)

    Während der Arbeit an ihrem Bach-Buch erlernte sie außerdem das Orgelspiel. Es folgten allerdings keine weiteren Werke über andere Musiker oder Musikerinnen.

    Ihre Absicht stellt Meynell in der Einleitung zur „Chronik“ explizit vor: „Das Werk will der unabsehbaren Schar derer Auskunft geben, die Bach und seine Musik, also d i e Musik, lieben und sich immer wieder gefragt haben, wie der Mann menschlich beschaffen war, der so Ausserordentliches hervorgebracht hat. (…) Wir lernen den M e n s c h e n Bach in seinem täglichen Leben kennen, den klassischen Typus des Künstlers als des schöpferischen Menschen, in dem sich Diesseitiges und Jenseitiges in gleich grosser Menge und Kraft zusammenfinden und vollkommen harmonisch durchdringen, so daß in seinem Dasein und Schaffen für menschliche Problematik kein Raum mehr bleibt. Darüber hinaus ist dies Werkchen noch so etwas wie eine allgemein gültige Monographie der gleichwertigen Lebensgefährtin des Genies. Wir sehen, wie die Frau beschaffen war und wohl immer sein muss, die einem schöpferischen Manne als Lebensgefährtin taugen kann.

    Und zum Schluß will uns scheinen, als habe die Verfasserin doch in einer Muschel das Meer zu fassen vermocht, da diese Muschel vollkommene Liebe, mithin auch ein unendliches war.“ (zit. nach: „Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach“, wieder aufgelegt A.D. 1944 v. Hase & Koehler, Leipzig, S. 6-7.) Besonders aus dieser letzten Bemerkung wird deutlich, dass mit „der Verfasserin“ Anna Magdalena Bach gemeint sein soll, während die Identität der angeblichen „Herausgeber“ nicht preisgegeben wird.

    Für die Form der Chronik, die hier als Erzählform für die biografische Schilderung des Lebens und Wirkens von Johann Sebastian Bach dient, schlüpft die Autorin in die Rolle der Ich-Erzählerin Anna Magdalena Bach, die sieben Jahre nach dem Tod ihres Gatten durch einen seiner Schüler auf den Gedanken gebracht wird, eine Chronik ihrer Ehejahre mit Bach zu verfassen. Diese Perspektive ermöglichte es der Autorin, nicht nur ihre Vorstellungen von der Rolle des Künstlers, sondern auch von der Ehefrau eines Künstlers – bzw. von der Ehe mit einem Künstler – darzustellen.

    Gleich die ersten beiden Begegnungen von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach schildert Meynell vermittelt durch Musik. Beide Protagonisten sind Berufsmusiker und entstammen Musikerfamilien. Dass Anna Magdalena jemals mit ihrem Vater in Hamburg war, ist zu bezweifeln, in der ‚Chronik‘ begegnet sie ihrem zukünftigen Mann jedoch zum ersten Mal dort, als er 1720 auf der Orgel der St. Katharinenkirche spielt: „Ich weiß nicht, wie lange ich dort in der leeren Kirche gestanden habe, nur ganz ein Z u h ö r e n, als hätte ich Wurzel in den Steinfliesen gefasst, und den Sinn für die Zeit hatte ich ganz verloren.“ („Chronik“, a.a.O., S. 13)

    Ein Jahr später begegnen die beiden sich zum zweiten Mal –wieder wird musiziert. Diesmal ist es Anna Magdalena, die von ihrem Vater gebeten wird, dem Köthener Kapellmeister vorzusingen. Dessen Begeisterung hält sich gemäß Meynell in Grenzen: „Herr Bach sah mich einen Augenblick unbeweglich an und sagte dann: ‚Du kannst singen und deine Stimme ist rein.‘“ („Chronik“, a.a.O., S. 21) Die Verhaltenheit diente vermutlich der Charakterisierung des reservierten Temperaments Johann Sebastian Bachs, aber das künstlerische Gefälle wird damit natürlich ebenfalls übermittelt.

    In der folgenden Lebensbeschreibung wird die Dichotomie des hochbegabten, ernsten Musikers sowie seinem heroischen Schaffen und der ihn anbetenden Ehefrau, die ganz hinter seinem Leben zurücktritt, systematisch ausgebaut. „Ich war aufgegangen und eingehüllt in ein Leben, das tiefer und breiter war, als meins je hätte sein können. Und wie ich so Jahr nach Jahr in tiefster Vertrautheit mit ihm lebte, verstand ich seine Größe immer mehr. Oft sah ich ihn so gewaltig über mir, daß ich fast erschrak, doch ich verstand ihn, weil ich ihn liebte. (…) So begann also mein Leben.“ („Chronik“, a.a.O., S. 29-31).


    Die Etablierung von Männerbildern wie das des Künstlers als Helden, an dessen Leben die Frau an seiner Seite nur untergeordnet teilhaben kann, ohne sich selbst künstlerisch zu entfalten, geschah im gesellschaftlichen und kulturellen Diskurs parallel zur Konstruktion von Frauenbildern als unberührte Jungfrau, kindliche Verführerin, femme fatale bis hin zum Negativbild der Hure. In beiden Fällen wurden – psychoanalytisch interpretiert – unerwünschte oder nicht lebbare Persönlichkeitsaspekte wie z.B. Sinnlichkeit und Begehren für den Mann, oder schaffendes Künstlertum und heldischer Kampfesmut für die Frau, im gegengeschlechtlichen Rollenbild stilisiert, um sich sodann davon abgrenzen zu können, ohne diese Aspekte aufgeben zu müssen. „In einem imaginären, als weiblich deklarierten und damit gleichzeitig scharf von der Welt des Mannes geschiedenen Raum deponiert der Mann seine Ängste, Wünsche, Sehnsüchte und Begierden – sein Nichtgelebtes, könnte man auch sagen, um es auf diese Weise erhalten und immer wieder aufsuchen zu können“, beschreibt Christa Rohde-Dachser diese 1965 von Wilfred Bion entworfene „Containerfunktion“ (Christa Rohde-Dachser, „Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse“. Berlin u.a. 1991, S. 100). Auch Frauen haben sich also offenkundig einen solchen gegengeschlechtlichen Raum geschaffen, um die Wünsche und Sehnsüchte, die das weibliche Rollenbild sprengten, abzuwehren und gleichzeitig aufzuheben und verfügbar zu halten: im Bild des rein männlich deklarierten Helden, des genialen Künstlers, des Heroen. Vielleicht ließe sich auch von „Männlichkeitsmythen“ sprechen, von Frauen entworfen, um sich ihrer eigenen Geschlechtsidentität zu versichern.


    In ihrem Buch „Johann Sebastian Bach“, erschienen 1934 bei Duckworth in London, handelt Meynell die Biografie Johann Sebastian Bachs noch einmal in Form eines Essays ab. Sie bezieht sich hier auf Quellen, die in erster Linie aus den Werken Charles Stanford Terrys bestehen, dem das „Bach“-Buch auch persönlich gewidmet ist. Einbezogen werden jedoch auch originale Quellen, die zum Teil schon in der „Chronik“ als Bildmaterial eingearbeitet wurden (zumindest in diedeutsche Ausgabe von 1944). Offenkundig hat Meynell in London zugängliche originale Musikhandschriften Bachs und Faksimile-Ausgaben eingesehen, um sie hinsichtlich ihres äußeren Eindrucks, ihrer Notenhandschrift, ihres Materialzustands etc., beschreiben zu können. Eine weitere Betrachtung der Quellen lag vermutlich weder in ihrer Absicht noch verfügte sie über die dafür nötigen Kenntnisse. Auch die wissenschaftliche Zitierweise verwendet sie nicht konsequent, sie gibt keine exakten Titel- und Seitenangaben an, weder im Text, noch in Fuß- oder Endnoten. Oft werden einzelne Sätze oder Aussagen im Text durch Anführungszeichen als Zitat gekennzeichnet, doch es fehlen die Nachweise.

    Das Buch erlebte in England zwei Auflagen (1834 und 1946) und in den USA drei (1947, 1949, 1962). Es wurde nicht übersetzt.

    Rezeption

    Die hohen Auflagen und die begeisterte Aufnahme der „Kleinen Chronik der Anna Magdalena Bach“ in Deutschland werden zum einen auf den geschickten Schachzug der Verlage, den Namen der Autorin wegzulassen, zurückgeführt, der – laut Samuel Dickinson Stirk – mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin vorgenommen wurde, wobei jener „nicht im Geringsten der Gedanke einer Täuschung“ dabei gekommen sei (Stirk 1935, S. 1266). Auch in der Einleitung der „Chronik“ in der deutschsprachigen Ausgabe sprechen namentlich nicht genannte „Herausgeber“ so über die „Verfasserin“, dass der Eindruck entsteht, es handele sich um eine originale Chronik von Anna Magdalena Bach. Bis heute noch täuschen sich Leserinnen und Leser über die Autorschaft der Chronik, obwohl in späteren Buchausgaben Esther Meynell stets als Autorin genannt ist.


    Der schon damals als „best=seller“ (Stirk 1935, S. 1265) bezeichnete Verkaufserfolg in Deutschland ist jedoch wohl vor allem auf die bereits auf dem Schutzumschlag versprochene Anpreisung des „hohen Lieds der deutschen Familie“ und der „deutschen Ehe“ (ebd.) zurückzuführen, die mit der Naziideologie konform ging und die Frauen zurück in die Familie beordern sollte. Dies war Grund genug dafür, dass das Buch „jahrelang auf dem Geburtstagstisch junger Mädchen zu finden war“ (Pleßke, Berlin 1960, S. 18). Dass die Verfasserin keine Deutsche, sondern eine Engländerin war, könnte – so mutmaßte Stirk 1935 – ebenfalls ein Grund dafür zu sein, dass der Verlag anfangs den Namen der Verfasserin und den Ursprung des Buches zu verschleiern versucht hatte.


    Der deutsche wie auch der weltweite Erfolg des Buches ist jedoch ebenso auf den Text selbst zurückzuführen, insbesondere auf den einfühlsamen und überzeugenden Tonfall, in dem Meynell Anna Magdalena Bach sprechen lässt, „eine anerkennenswerte Leistung, die der volkstümlichen Verbreitung Bachs nicht den schlechtesten Dienst erwies“ (Pleßke, ebd.).


    Trotz ihres schriftstellerischen Erfolgs fand Esther Meynell außer in das zeitgenössische „Who’s Who“ keine Aufnahme in die einschlägigen Literaturlexika, auch nicht in die „Encyclopedia of British women writers“ von Paul und June Schlueter (New Brunswick/New York/London 1998). Hier ist nur ihre Schwägerin Alice Meynell aufgeführt, die als Schriftstellerin ebenfalls in Sussex lebte, sowie deren Tochter Viola Meynell.


    In ihrem Film „Chronik der Anna Magdalena Bach“ (Deutschland und Italien 1968) übernahmen Jean-Marie Straub und Danièle Huillet nur den Titel von Esther Meynells Buch. Textbuch und narrative Struktur seien ansonsten quellenbasiert und parallel zu musikalischen Strukturen konstruiert, so Barton Byg in seinem Aufsatz „Traces of a life: Chronicle of Anna Magdalena Bach“ (Barton Byg, „Landscapes of Resistance. The German Films of Danièlle Huillet and Jean-Marie Straub”, University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London, 1995). Byg führt jedoch in seinem Aufsatz bereits zwei Szenen an, die auf Meynells „Chronik“ basieren (ebd., S. 59 und 63). Der genaue Bezug des Films auf das Buch müsste noch untersucht werden.

    Werkverzeichnis

    Arnold White, E. Hallam Moorhouse. Nelson and the Twentieth Century. 1905.

    E. Hallam Moorhouse. Nelson's Lady Hamilton. Methuen & Co., London 1907.

    E. Hallam Moorhouse (Hg.). Letters of the English seaman: 1587-1808. Chapman & Hall, London 1910.

    E. Hallam Moorhouse. The Story of Lady Hamilton. T. N. Foulis, London 1911.

    E. Hallam Moorhouse. Drake and the Elizabethan Navy. Westminster Press, London 1912.

    E. Hallam Moorhouse. Nelson in England. A Domestic Chronicle. Chapman & Hall, London 1913.

    E. Hallam Moorhouse gem. mit Irwin Bevan. Sea Magic. Chapman and Hall, London 1916.

    Esther Hallam Moorhouse. Samuel Pepys. Administrator, Observer, Gossip. Leonard Parsons, 1922.

    Esther Meynell. The little chronicle of Magdalena Bach. Chatto and Windus, London and Doubleday, Garden City and New York 1925.

    Esther Meynell. Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach. Kochler und Amelang, Leipzig 1930.

    Esther Meynell. Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach. Hase & Koehler, Leipzig 1944.

    Esther Meynell. Johann Sebastian Bach. Duckworth,London 1934.

    Esther Meynell. Sussex cottage. Chapman & Hall, London 1936.

    Esther Meynell. Building a cottage. Chapman & Hall, London 1937.

    Esther Meynell, A Woman Talking, Chapman & Hall, London 1940.

    Esther Meynell. Country ways. Chapman & Hall, London 1942.

    Esther Meynell. Grave Fairytale. A romantic novel. Chapman and Hall, London 1946.

    Esther Meynell. Cottage tale. Chapman & Hall, London 1946.

    Esther Meynell. Portrait of William Morris. Chapmann & Hall, London 1947.

    Esther Meynell. Sussex. Robert Hale, 1947.

    Esther Meynell. Small talk in Sussex. Robert Hale, 1954.


    Weitere Veröffentlichungen (Erscheinungsdaten unbekannt):


    The story of Hans Andersen.

    Quintet.

    Time's door.

    The young Lincoln.

    English spinster: a portrait.

    Lucy and Amades.

    Biografie von Wordsworth.

    Für alle Lebenslagen. Kleine Weisheiten.

    Quellen

    Zwölf Briefe zwischen Esther Meynell und Admiral Fisher, Lord of Kilverstone (1841-1920), aus den Jahren 1911-1920, FISR 3 'Further official correspondence' in The Churchill Archives Center – Churchill College in Cambridge, UK.


    Barton Byg, Landscapes of Resistance. The German Films of Danièlle Huillet and Jean-Marie Straub, University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London, 1995.


    Maria Hübner, Anna Magdalena Bach. Ein Leben in Dokumenten und Bildern, Leipzig 2004.


    Hans Joachim Schulze, Zumahln da meine itzige Frau gar einen sauberen Soprano singet …, in: Frauen in Leipzig, hrsg. von F. Bodeit, Leipzig. Hier zitiert nach der aktualisierten Fassung in: Maria Hübner, a.a.O., Leipzig 2004, S. 11-24.


    Who’s Who, 1935 und 1951-1960, Meynell, Esther Hallam (E. Hallam Moorhouse) Vol V. Hier eingesehen:

    http://www.archive.org/stream/whoswho1935001355mbp#page/n7/mode/2up (die entsprechende Seite fehlt leider!)


    Samuel Dickinson Stirk, Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach. Da hohe Lied der deutschen Familie. Von einer Engländerin geschrieben? Rezension in: Zeitschrift für Musikwissenschaft, hrsg. von Max Schneider, Leipzig 1935, Bd. II, S. 1265-1266.


    Hans-Martin Pleßke, Bach in der deutschen Dichtung. In: Bach Jahrbuch 46. Jahrgang 1959, hrsg. von Walter Dürr und Werner Neumann, Berlin 1960, S. 18.


    o. A., Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach. Rezension in: Zeitschrift für Hausmusik, 2. Jahrgang, Kassel 1933 (?), S. 111.


    Tom Dufty, DitchlingHistory Project, privates Manuskript für einen Diavortrag über „Esther Meynell“ mit zahlreichen Quellenangaben zu Rezensionen.


    Links


    http://www.ditchlinghistoryproject.org/page_2598869.html

    zuletzt aufgerufen am 17.10.2014.


    http://www.barron.co.uk/Macdonald+Gill/item1043, zuletzt aufgerufen am 11.9.2014.


    Email/Blog-Eintrag von McCann, Tim: https://groups.yahoo.com/neo/groups/sussexpast/conversations/topics/199, zuletzt aufgerufen am 11.9.2014.


    In der Bach-Bibliographie der Queen‘s University Belfast und dem Bach-Archiv Leipzig http://www.music.qub.ac.uk/tomita/bachbib/ werden zahlreiche Auflagen und Übersetzungen der „Chronik“ angeführt.

    Forschung

    Zwölf Briefe zwischen Esther Meynell und Admiral Fisher, Lord ofKilverstone (1841-1920), aus den Jahren 1911-1920 sind erhalten und werden im Churchill Archives Center in Cambridge aufbewahrt (Signatur: FISR 3 'Further official correspondence').


    Biografische Informationen über Esther Meynell sind bisher nur auf folgenden Webseiten im Internet zu finden:


    http://www.barron.co.uk/Macdonald+Gill/item1043, zuletzt aufgerufen am 11.9.2014.


    Email/Blog-Eintrag von McCann, Tim: https://groups.yahoo.com/neo/groups/sussexpast/conversations/topics/199, zuletzt aufgerufen am 11.9.2014.


    http://www.ditchlinghistoryproject.org/page_2598869.html

    zuletzt aufgerufen am 17.10.2014.

    Forschungsbedarf

    Die Biografie von Esther Meynell sollte erarbeitet werden, die literaturwissenschaftliche Erkundung und Einordnung ihrer Werkesteht ebenfalls noch aus.

    Es wäre eine genaue Untersuchung der Bezugnahme des Films von Straub/Huillet auf die „Chronik“ von Esther Meynellzu leisten.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 107595610
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 127748008
    Library of Congress (LCCN): nr88001633

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Anke Charton
    Zuerst eingegeben am 12.06.2015


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Esther Meynell“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 12.6.2015.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Esther_Meynell