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    von Katrin Losleben
    Namen:
    Elsa Stenhammar
    Lebensdaten:
    geb. in Stockholm, Schweden
    gest.

    Das Sterbedatum folgt den Angaben in der Statens musikbiblioteket Stockholm, zit. nach Öhrström 1999, der Sterbeort Elsa Stenhammars ist nicht bekannt.
    Tätigkeitsfelder:
    Pädagogin, Chorleiterin, Sängerin, Schauspielerin, Organistin, Korrepetitorin, Konzertorganisatorin, Herausgeberin
    Charakterisierender Satz:

    „Elso är den bästa af eleverna men är åtskilligt som ligger henne emot, neml. hon är för högtiglig och styf.“

    („Elsa ist die beste Schülerin, aber sie hat ein Problem: sie ist zu ernst und steif.“)


    Ulla Cramér, die Schauspiellehrerin Elsa Stenhammars, Brief vom 23. Oktober 1886 an Elfrida Andrée, zit. nach Öhrström 1999, S. 209.


    Profil

    Elsa Stenhammar war eine zentrale Figur des Göteborger Chorlebens um die Wende zum 20. Jahrhundert; gemeinsam mit Elfrida Andrée organisierte sie ab 1902 ca. 800 Volkskonzerte im Auftrag des Arbeiterinstitutes zur Bildung und Erbauung der Arbeiter. Sie gründete gemeinsam mit ihrem Cousin Wilhelm Stenhammar den Göteborger Konzerthaus-Chor („Göteborgs Sinfoniska Kör“), der bis heute konzertiert. Über ihre musikalische Führungsrolle hinaus war sie grundlegend beteiligt an der Archivierung und Nutzbarmachung von historiographisch relevanten Materialien, durch die Elfrida Andrée und Fredrika Stenhammar ein Ort im Gedächtnis der schwedischen und europäischen Kultur bzw. im Konzertrepertoire möglich gemacht wurde.

    Orte und Länder

    Elsa Stenhammar lebte nach dem Tod ihrer Mutter Fredrika Stenhammar bei ihrer Tante Elfrida Andrée in Göteborg, mit der sie auch zusammenarbeitete. Später leitete sie einen Chor in der Fogelstad-Schule bei Katrineholm an der Ostküste Schwedens.

    Biografie

    Elsa Stenhammar ist die Tochter der Opernsängerin Fredrika Stenhammar und des Sängers und Zollbeamten Oscar Fredrik Stenhammar (1834-1884). Erste musikalische Unterweisung erhielt sie gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Sigfrid vom Großvater Andreas Andrée im Alter von vier Jahren sowie, während der Sommeraufenthalte in Göteborg, von ihrer Tante Elfrida Andrée. Nach dem Tod der Mutter übersiedelte sie im Alter von 14 Jahren gänzlich zu Elfrida Andrée und setzte bei ihr den Unterricht in Gesang, Orgel und Harmonielehre verstärkt fort. Fünf Jahre später, 1885, legte sie am „Musikaliska Akademiens Konservatorium“ (Vorläufer der „Musikhögskola“) in Stockholm das Orgelexamen ab. Sie nahm an der „Musikaliska Akademiens elevskola“ professionellen Schauspielunterricht und versuchte, sich als Schauspielerin zu etablieren. 1888 debütierte sie am „Dramatiska Teatern“ in Stockholm und wurde in der folgenden Saison sowie 1890/91 am „Stora Teatern“ in Göteborg engagiert. Sie erhielt jedoch nur kleine Rollen. Daran änderte auch ein dazwischen liegender Studienaufenthalt in Paris nichts (1889/90); schließlich gab sie die Schauspielerei auf und legte im selben Jahr (1891) in Stockholm ihr Kirchenmusikexamen ab.

    In den folgenden Jahren unterrichtete sie Klavier, Orgel, Musiktheorie, Gesang und Sprecherziehung in Göteborg. Sie trat nun auch als Sängerin und Rezitatorin auf.

    Besonders herausragende Verdienste jedoch leistete sie mit ihrer Tätigkeit als Chorleiterin: Noch vor der Jahrhundertwende gründete sie einen Frauenchor, der dann als „Elsa Stenhammar-Kör“ zum gemischten Chor und weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt wurde. Aus dem „Elsa Stenhammar-Kör“ entstand wiederum, in Zusammenarbeit mit ihrem Cousin, dem Geiger Wilhelm Stenhammar, der „Göteborgs Symfoniska Kör“, der symphonische Chor des Konzerthauses Göteborg, der (seit 1917) bis heute konzertiert. Er besteht heute aus semiprofessionellen Sängerinnen und Sängern und bildet – personell wie musikalisch – eine Schnittstelle zwischen dem Konzerthaus Göteborg und dem Symphonischen Orchester der Stadt. Der Chor tritt aber auch mit selbständigen Konzertprogrammen im In- und Ausland auf. Die Annahme, dass die Struktur des Chores als semiprofessioneller Chor zur Zeit seiner Entstehung ähnlich oder gleich war, liegt nahe. Elsa Stenhammar leitete den Chor bis 1935 und besetzte damit eine herausragende Position im Göteborger Konzertleben, die, soweit bekannt, bis dato einzigartig für eine Frau war: Sie führte die Vorreiterrolle fort, die ihre Tante Elfrida Andrée im Bereich der Dirigentenszene innehatte.

    Stenhammar unterstützte Elfrida Andrée darüber hinaus in der Organisation von ca. 800 „Folkskonserter“. Sie erhielt in der Saison 1929/30 700 Kronen (das entspricht zwei durchschnittlichen Monatslöhnen) für die Leitung und weitere 240 Kronen für die Mitwirkung in sechs der Konzerte (nach Edström 1996, S. 551). Nach deren Tod führte sie diese Tradition, die als Mittel zur Suchtprävention bei Arbeitern ins Leben gerufen worden war, bis 1935 fort. Nach vierzig Jahren als „Folkskonsert“-Organisatorin und zahlreichen Konflikten mit dem Musikpädagogen, -kritiker und Komponisten Torsten Ahlgren, der einen Generationenwechsel in der Programmorganisation forderte, zog sie sich aus dem Göteborger Konzertleben zurück und ließ sich an der Ostküste Schwedens nieder. Der genaue Ort ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass sie in Verbindung mit der „Fogelstad Bürgerschule für Frauen“ bei Katrineholm stand, die zum Ziel hatte, Frauen politische Kompetenzen zu vermitteln. Auch dort war sie als Chorleiterin tätig.

    1930 wurde sie in die „Musikaliska Akademien“ aufgenommen und damit als eine von wenigen schwedischen Musikerinnen mit dieser Auszeichnung geehrt.

    Bereits zu Lebzeiten Elfrida Andrées wie auch nah deren Tod bemühte sie sich, deren Werke im Konzertrepertoire zu etablieren, ebenso veranlasste sie die Herausgabe der Briefe ihrer Mutter Fredrika Stenhammar .

    Würdigung

    Elsa Stenhammar, deren Lebenszeit sich fast über ein ganzes Jahrhundert erstreckte, wuchs an der Seite ihrer couragierten Tante Elfrida Andrée zu einer kompetenten Chorleiterin heran. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, ihre Arbeit und ihr Wirken in deren Schatten zu stellen.

    Zwar stellte sie ihr Engagement sowohl zu Lebzeiten als auch nach dem Tod Elfrida Andrées in den Dienst von deren musikalischen Schaffen. Ebenso bemühte sie sich durch die Herausgabe von Briefen der Mutter Fredrika Stenhammar das Andenken an die Stockholmer Primadonna lebendig zu halten.

    Wie Elfrida Andrée war Elsa Stenhammar mit vielen musischen Talenten gesegnet, setzte diese aber erst relativ spät zielgerichtet ein. Dies darf nicht darüber hinweg täuschen, dass Elsa Stenhammar als eine kompetente und menschlich engagierte Chorleiterin das Konzertleben Göteborgs maßgeblich bestimmte. Die Anzahl von 800 Volkskonzerten mit teils populären, teils anspruchsvollen Programmen und pädagogischem Impetus verdankt sich nicht zuletzt einem qualitativ herausragenden, landesweit aktiven und geschätzten Konzertchor. Die Gründung dieses Chores wirkt insofern weiter fort, als er bis heute als „Göteborgs Symfoniska Kör“ existiert.

    Ihre späte Tätigkeit an der „Fogelstad Bürgerschule“ um Elisabeth Tamm lässt darauf schließen, dass ihr Tun ebenso wie das ihrer Tante sozialpolitisch begründet war.

    Rezeption

    Elsa Stenhammar war mit großer Sicherheit auf lokaler Ebene eine bekannte und einflussreiche Persönlichkeit. Darüber hinaus scheint ihr Name – abgesehen von politisch engagierten Frauenkreisen – eher wenig bekannt gewesen zu sein, wobei auch kein Engagement ihrerseits hinsichtlich einer nationalen oder internationalen Karriere nachweisbar ist.

    Aufgrund dessen, was man über Elsa Stenhammar weiß, kann man davon ausgehen, dass die Verbindung historischer wie aktueller Umstände zu einem historiographischen Verschwinden dieser bedeutenden Chorleiterin geführt hat. Dazu zählt das ungünstige Ende ihrer Karriere, das mit Intrigen einherging: Elsa Stenhammar hatte die „Folkskonserter“ 40 Jahre lang geleitet; dann trennte sich das Programmkomitee von Elsa Stenhammar zugunsten des jungen Torsten Ahlgren, der sie im Vorfeld der Rückständigkeit bezichtigt hatte und nun selbst Teil des Komitees war. Und nach ihrem Tod trug eine lang fortdauernde werkzentrierte Geschichtsschreibung dazu bei, dass sie in Vergessenheit geriet. Mit der Erschließung anderer Perspektiven rückt jedoch auch die Geschichte von Pädagoginnen, Chorleiterinnen oder Konzertorganisatorinnen in den Fokus der Aufmerksamkeit. Entscheidend zur Wiederentdeckung Elsa Stenhammars hat Eva Öhrström beigetragen, die in ihrer Monografie über Elfrida Andrée dem Umfeld und Wirken der Organistin Elsa Stenhammar angemessene Aufmerksamkeit schenkt.

    Genaueren Aufschluss über ihren Rang und Namen können Untersuchungen von Rezensionen in den Göteborger Zeitungen („Göteborgs Sjöfarts- och Handelstidning“, „Göteborgs Posten“, „Göteborgs Morgonpost“, „Göteborgs Tidning“) der „Nutidens Musikliv“, „Ny Tid“, u.a. im Göteborger Stadtarchiv und im Archiv des Symphonischen Chores Göteborg, oder Protokolle des Göteborger Stadtrats ergeben, die jedoch vor Ort eingesehen werden müssen. Als Beispiel kann eine der jährlichen Programmübersichten dienen, die der Stadtrat verfasste und die Auskunft über Mitwirkende und Programmpunkte der Saison 1934/35 gibt:

    „Vid de flesta konserterna ha programmen upptagit solosång och duetter med pianoaccompagnement, vid en violinsolo med piano. Därjämte ha anordnats opera- och operettaftnar.Vid en konsert utfördes partier av Glucks opera Ifigenia på Tauris och vid tvenne konserter Mozarts komiska opera Cosi fan tutti, soli ensembler och körer, samt Eine kleine Nachtmusik, serenad för stråkorkester, spelad av elever vid Göteborgs orkesterskola. (…) Gerda Lundequist har haft en uppläsningsafton och reciterare därvid bl.a. Frödings dikt Saul och David med musik av Elfrida Andrée, utförd av Elsa Stenhammar. (…) Den musikaliska ledningen har fröken Elsa Stenhammar utövat både under höst- och vårterminen.“ („In den meisten Konzerten beinhaltete das Programm Sologesang und Duette mit Klavierbegleitung neben einem Stück für Violine und Klavier. Außerdem wurden Opern- und Operettenabende angeordnet. Bei einem Konzert wurden Ausschnitte aus Glucks ,Iphigenie auf Tauris‘ und bei zwei Konzerten Mozarts komische Oper ,Cosi fan tutte‘, Soli, Ensembles und Chor, sowie ,Eine kleine Nachtmusik‘, Serenade für Streichorchester, von Schülern der Göteborger Orchesterschule gespielt. (…) Gerda Lundequist gab einen Rezitativabend, an dem sie u.a. Frödings Gedicht ,Saul und David‘ zur Musik von Elfrida Andrée, gespielt von Elsa Stenhammar, vortrug. (…) Die musikalische Leitung hatte Fräulein Elsa Stenhammar sowohl im Herbst als auch im Winter inne.“ Göteborgs Stadsfullmäktiges handlingar/Göteborger Stadtarchiv, Abteilung „Arbetareinstitut/Folkskonserter“, III. 10:2, zit. nach Edström 1996, S. 551)

    Werkverzeichnis

    Edition


    Fredrika Stenhammar. Brev (Briefe). Herausgegeben von Elsa Stenhammar, Stockholm: Almqvist & Wiksell/Geber, 1958. (Uppsala: Nya AB tidn.)

    Repertoire

    Das Repertoire von Elsa Stenhammar ist nicht vollständig erschlossen. In der Statens Musikbibliotek in Stockholm sind u.a. drei Ordner („Kapsel“) mit Konzertprogrammen der „Folkskonserter“ vorhanden. Ergänzend gibt das Material des Göteborger Stadtarchivs/Abteilung „Arbetareinstitut/Folkskonserter“ Aufschluss.

    Quellen

    Primärquellen


    In der Abteilung „Raritetssamlingara“ der Bibliothek der „Kungliga Musikaliska Akademien“ Stockholm befindet sich das „Andrée-Stenhammar-Arkiv“, in dem zahlreiche Briefe an und von Elsa Stenhammar aufbewahrt sind, darunter allein über 200 von Elfrida Andrée an Elsa Stenhammar: http://www.muslib.se/hand/fort/andree.html.


    Olle Edström gibt unter seinen Quellen Dokumente des Göteborger Stadtrats mit Programmen der „Folkskonserter“ und Angaben über die Künstler sowie das Göteborger Stadtarchiv/Abteilung „Arbetareinstitut/Folkskonserter“ an (vgl. Edström 1996, S. 551 und S. 682).


    Sekundärliteratur


    Edström, Olle. Göteborgs Rika Musikliv. En översikt mellan världskrigen. (= Skrifter från Musikvetenskapliga avdelningen, MH, Göteborgs universitet nr.42), Göteborg 1996.


    Svensk Uppslagsbok, 2. Auflage, Malmö: Förlagshuset Norden AB 1957.


    Öhrström, Eva. Elfrida Andrée. Ett Levnadsöde. Stockholm: Prisma 1999.



    Links


    http://www.fogelstad.nu/mainty.htm


    http://www.muslib.se/hand/fort/andree.html

    Forschung

    Eva Öhrström hat sich bereits in der Biografie Elfrida Andrées mit dem Phänomen der „Folkskonserter“ auseinander gesetzt und im Jahr 2005 einen nicht veröffentlichten Vortrag darüber im Musikmuseet Stockholm gehalten.

    Auch Olle Edström widmet den Arbeiterkonzerten ein Kapitel seiner Untersuchung des Göteborger Musiklebens zwischen den Weltkriegen. Elsa Stenhammar wird in der Biografie Öhrströms ihrer Rolle für das Leben Andrées entsprechend gewürdigt.

    Forschungsbedarf

    „Folkskonserter“, Arbeiterkonzerte, Volkskonzerte etc. sind ein noch wenig untersuchter Bereich musikalischen Handelns. Im Rahmen einer solchen Forschungsarbeit wäre Elsa Stenhammar mit Sicherheit eine aufschlussreiche Persönlichkeit, über die bis jetzt nur wenige detaillierte Informationen vorliegen.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 78753201

    Autor/innen

    Katrin Losleben, 4. Januar 2010


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 04.02.2010


    Empfohlene Zitierweise

    Katrin Losleben, Artikel „Elsa Stenhammar“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 4.2.2010.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Elsa_Stenhammar