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  • Elly Ney

    von Beate Angelika Kraus
    Elly Ney, Portrait-Fotografie aus dem Jahr 1925
    Namen:
    Elly Ney
    Lebensdaten:
    geb. in Düsseldorf, Deutschland
    gest. in Tutzing, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Beethoven-Interpretin, Klavierpädagogin

    Profil

    Die Beethoven-Rezeption hat vor allem im deutschsprachigen Raum das Bild eines männlichen, kraftvollen Titanen entworfen, dessen Werke kaum durch Frauen interpretiert werden (können?). Elly Ney war die große Ausnahme, galt als die Beethoven-Interpretin schlechthin.

    Orte und Länder

    Deutschland, aber zugleich internationale Karriere (ab 1921 in den USA).

    Biografie

    Als Tochter eines Vaters, der militärischen Drill liebt und seine Kinder früh 'abhärtet', indem er sie morgens um fünf Uhr weckt, damit sie noch vor der Schule im Rhein schwimmen oder eine Wanderung machen, verbringt Elly Ney den Großteil ihrer Kindheit in Bonn. Nach erster Förderung durch den dortigen Universitäts-Musikdirektor Leonhardt Wolff (1848-1934) erhält sie binnen neun Jahren eine solide pianistische Ausbildung bei Isidor Seiß (1840-1905) am Kölner Konservatorium. Ihre Begabung fällt auf, sie findet Förderer, gewinnt bereits 1900 in Berlin den Mendelssohn-Preis. Ohne Wissen des Vaters, aber mit Einverständnis der Mutter fährt sie 1903 heimlich nach Wien. Dort studiert sie zunächst kurz bei Theodor Leschetitzky und beendet schließlich ihr Studium als Meisterschülerin Emil von Sauers. Der Weg zur Virtuosin wird von ihr mit viel Energie verfolgt; sie ist so erfolgreich, dass sie schon nach wenigen Jahren ihre 1906 begonnene Unterrichtstätigkeit am Kölner Konservatorium zugunsten einer Weltkarriere als Pianistin aufgibt. Sie wird gleichermaßen bejubelt in Soloabenden, bei der Interpretation von Kammermusik und als Solistin bei Orchesterkonzerten und konzertiert in den zwanziger Jahren regelmäßig in USA. Elly Ney, die frühzeitig Beethoven zu ihrer Identifikationsfigur wählt, führt "ein Leben für die Kunst", ihre private Korrespondenz zeugt hingegen von einer weniger glanzvollen Biografie (zwei gescheiterte Ehen, problematische Haltung angesichts der politischen Verhältnisse). Die Pianistin, die noch als 85jährige praktisch bis zu ihrem Tode auftritt, widmet sich zunehmend allein dem Werk Beethovens. Dabei beschränkt sie sich nicht auf die Musik, sondern interpretiert alles, beantwortet sogar ihre Post mit Zitaten aus Beethovens Briefen. Besonders gerne rezitiert sie zu Konzertbeginn das "Heiligenstädter Testament".

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    Man kann nicht über Elly Ney sprechen, ohne den politischen Aspekt ihrer Karriere zu erwähnen. Schließlich gilt die Pianistin heute für viele geradezu als die prototypische NS-Musikerin. Es besteht jedoch Einigkeit darüber, dass Elly Neys Erfolg keineswegs allein durch ihr Verhalten im NS-Staat begründet ist, denn schon während der Weimarer Republik hatte sie ihre pianistischen Fähigkeiten hinreichend unter Beweis gestellt, auch mit dem ausgezeichneten Trio, das sie mit dem Cellisten Ludwig Hoelscher und dem Geiger Wilhelm Stross (später Max Strub) leitete. In ihren Briefen finden sich bereits 1933 zahllose Belege für ihre Begeisterung für Adolf Hitler und die neuen Machthaber. Es lassen sich drei Gründe anführen, die für Elly Ney eine Rolle gespielt haben mögen:

    (1.) Im NS-Staat herrschte in praktisch allen Bereichen von Kultur, Politik und Gesellschaft eine regelrechte Beethoven-Manie, die für eine Beethoven-Interpretin natürlich vorteilhaft war. Als es nach der Einführung der „Rassengesetze“ 1936 Juden untersagt war, Beethoven zu spielen, war Elly Ney nahezu konkurrenzlos.

    (2.) Elly Ney war besessen davon, jedermann die große klassische Musik nahe zu bringen. Die NS-Organisationen boten ihr die nötigen Strukturen, um ein Massenpublikum zu erreichen. Elly Ney spielte Zeit ihres Lebens mit ungeheurer Energie wirklich überall - und in fast allen Lebenslagen: für Arbeiter, Jugendkonzerte für Schüler, für die Wehrmacht, für verwundete Soldaten in Lazaretten, selbst noch in Zeiten häufiger Bombenangriffe, in denen Konzerte durch Fliegeralarm und Zwischenaufenthalte im Bunker unterbrochen werden mussten. Nach 1945 spielte sie in Gefängnissen, im Durchgangslager Friedland für Kriegsgefangene und Ostvertriebene und auch für das Deutsche Olympische Komitee. Ihr Sendungsbewusstsein war so ausgeprägt, dass sie wohl nicht immer darüber nachdachte, welchen Propagandazwecken sie jeweils diente.

    (3.) Viele Zeugnisse sprechen für die Eitelkeit der Pianistin, ja eine regelrechte Sucht nach Anerkennung. Es schmeichelte der Diva, im Kreise der jeweiligen Machthaber zu verkehren, seltene Orchideen zu erhalten oder von einer Gruppe des "Bund Deutscher Mädel" zur Patronin erkoren zu werden. Schon 1927, nach der Ernennung zur Ehrenbürgerin der Stadt Bonn, schrieb sie voller Stolz an Willem van Hoogstraten: "[...] denke dir an meinem Geburtstag wird in Bonn geflaggt! Was sagst Du nun?" (Brief vom 3. August 1927, Stadtarchiv Bonn).

    Nach 1945 war Elly Ney wegen ihrer Rolle im „Dritten Reich“ öffentlicher Kritik ausgesetzt: Am 20.12.1948 und am 09.03.1949 beschloss die Stadtvertretung Bonn ein Auftrittsverbot, das jedoch am 25.01.1952 wieder aufgehoben wurde. Die Pianistin engagiert sich fortan in alter Frische für das Nachkriegsdeutschland, sammelte z. B. eigenhändig Geld für den Bau der neuen Bonner Beethovenhalle.

    Würdigung

    Elly Ney steht einerseits für die Verwobenheit von Kunst und Zeitgeschichte - und andererseits für die Wechselwirkung zwischen selbst inszeniertem Künstlertum und Beethoven-Rezeption.

    Rezeption

    Der Ruhm von Elly Ney scheint ungebrochen; ihre Aufnahmen sind heute auf dem CD-Markt zu finden. Je nach Standpunkt gilt sie aber auch als Witzfigur bzw. komische Reinkarnation Beethovens. Mauricio Kagel ließ in einer Filmszene eine Karikatur der greisen Elly Ney auftreten: Während sie immer wieder den Anfang von Beethovens „Waldsteinsonate“ spielt, beginnt ihr weißes Haar zu wachsen, es wuchert in den Flügel hinein - die Pianistin wird zur weiblichen Variante von Barbarossa, gleichsam als Beethovens geisterhafte Statthalterin für die Ewigkeit. (Vgl. "Ludwig van. Ein Bericht von Mauricio Kagel". Der 1969 produzierte Film ist Kagels provokativer Beitrag zum Beethoven-Jubiläumsjahr 1970.)

    Repertoire

    Klavierwerke (einschl. Kammermusik mit Klavier) der Wiener Klassik mit Schwerpunkt Beethoven; daneben auch Werke von Chopin und Brahms.

    Quellen

    Autobiografie


    Ney, Elly, "Ein Leben für die Musik" (Bearbeitung und Zwischentexte von Josef Magnus Wehner), Darmstadt 1952. Das erfolgreiche Buch erschien bereits fünf Jahre später in einer zweiten und erweiterten Auflage: Ney, Elly, "Erinnerungen und Betrachtungen. Mein Leben aus der Musik", Aschaffenburg 1957.



    Literatur (chronologisch)


    Pidoll, Carl von, "Elly Ney. Gedanken über ein Künstlertum", Leipzig 1942.


    Maurina, Zenta, "Begegnung mit Elly Ney. Eine Danksagung", Memmingen 1956.


    Schindler, Heinrich, "Elly Ney" ("Rheinische Portraits", Band 7), München-Köln 1957.


    Herzfeld, Friedrich, "Elly Ney" (Reihe: "Die großen Interpreten"), Genf 1962.


    Hoogstraten, Eleonore van (Hg.), "Worte des Dankes an Elly Ney", Tutzing 1968.


    Hein, Helmut, "Professor Elly Ney spielt. Ein Sonettenzyklus. Erlauscht von Helmut Hein", [1979?].


    Vogel, Heinrich, "Aus den Tagebüchern von Elly Ney", Tutzing 1979.


    Hoogstraten, Eleonore van (Hg.), "Elly Ney, Briefwechsel mit Willem van Hoogstraten, Erster Band, 1910-1926", Tutzing 1970.


    Bei der oben genannten Literatur handelt es sich zumeist um "Huldigungsschriften". Der von Elly Neys Tochter herausgegebene bisher einzige erschienene Band des Briefwechsels beschränkt sich auf Privatkorrespondenz, die ein einseitiges, durchweg positives Bild der jungen Pianistin vermittelt.

    Ein Aufsatz von Beate Angelika Kraus, basierend auf einem 2001 in Berlin gehaltenen Vortrag, ist 2004 erschienen:


    Beate Angelika Kraus: Elly Ney und Thérèse Wartel: Beethoven-Interpretation durch Pianistinnen - eine Selbstverständlichkeit?, in: Der "männliche" und der "weibliche" Beethoven. Bericht über den Internationalen musikwissenschaftlichen Kongress vom 31. Oktober bis 4. November 2001 an der Universität der Künste Berlin, hg. von Cornelia Bartsch, Beatrix Borchard und Rainer Cadenbach (Schriften zur Beethoven-Forschung, Band 18) , Bonn 2003, S. 429-447.



    Diskografie (Auswahl)


    Bei Colosseum Schallplatten erschien zum 120. Geburtstag von Elly Ney im Jahr 2002 eine Serie von Aufnahmen mit Elly Ney aus den Jahren 1960 bis 1968 (Vertrieb: Musikwelt):


    Ludwig van Beethoven: Sonate Nr. 30 E-dur op. 109, Sonate Nr. 31 As-dur op. 110, Sonate Nr. 32 c-moll op. 111

    COL 9012.2


    Ludwig van Beethoven: Andante favori · Für Elise, Variationen "Nel cor piu non mi sento", Sonate Nr. 32 c-moll op. 111

    COL 9013.2


    Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 c-moll op. 37, Klavierkonzert Nr. 4 G-dur op. 58

    Nürnberger Symphoniker, Dirigent Willem van Hoogstraten

    COL 9015.2


    Franz Schubert: Wanderer-Fantasie C-dur op. 15

    Robert Schumann: Symphonische Etüden op. 13 + Anhang

    COL 9016.2


    Ludwig van Beethoven: Klaviersonaten op. 7,

    op. 13 "Pathétique" und op. 26

    COL 9018.2


    Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-dur op. 73, Klaviersonate f-moll op. 57 Appassionata

    Nürnberger Symphoniker, Dirigent Willem van Hoogstraten

    COL 9019.2


    Ludwig van Beethoven : Mondscheinsonate, Der Sturm, Waldstein-Sonate

    COL 9021.2


    Ludwig van Beethoven: Sonate Nr. 18 op. 31,3, Variationen, Ecossaisen, Rondo a capriccio G-dur op. 129, Adagio aus der Hammerklaviersonate

    COL 9022.2


    Mendelssohn: aus: Lieder ohne Worte

    Franz Schubert: Moments musicaux, Impromptus

    Frédéric Chopin: Ballade As-dur op. 47, Fantasie f-moll op. 49

    COL 9023.2


    Wolfgang Amadeus Mozart: Rondo für Klavier a-moll KV 511, Sonate A-dur KV 331, Sonate für Klavier Nr. 10 C-dur KV 330

    COL 9024.2

    Forschung

    Stichproben haben ergeben, dass die in der Literatur abgedruckten Quellen (z. B. Briefe) z. T. stillschweigend 'verbessert' sind; sie sind also nur bedingt zitierfähig.

    Forschungsbedarf

    Der umfangreiche Nachlass von Elly Ney ist noch nicht aufgearbeitet worden. Es gibt zwar Publikationen (s. oben), aber keine wissenschaftliche Studie zur Biografie sowie zu Elly Neys eigenwilligem Stil als Pianistin. Zudem ist ihre Rolle im NS- Staat ein lange verschwiegenes Thema; dieses Kapitel wäre ebenso zu behandeln wie Elly Neys Position im Nachkriegsdeutschland. Es geht also um mehr als um Musikforschung und Klavier-Interpretation!

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 12494112
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 118587552
    Library of Congress (LCCN): n81132063
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Beate Angelika Kraus, Die Grundseite wurde im Fabruar 2004 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Sophie Fetthauer
    Zuerst eingegeben am 26.05.2004


    Empfohlene Zitierweise

    Beate Angelika Kraus, Artikel „Elly Ney“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 26.5.2004.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Elly_Ney