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  • Clär Weglein

    von Matthias Pasdzierny
    Namen:
    Clär Weglein
    Lebensdaten:
    geb. in Ulm, Deutschland
    gest. in Stuttgart, Deutschland

    Sicher ist, dass Clär Weglein bis zu ihrem Tode in Stuttgart gewohnt hat. Ob sie indes tatsächlich dort verstorben und begraben wurde, ist den bislang ausgewerteten Akten nicht zu entnehmen. Als möglicher Todes- und Begräbnisort kommt auch Ulm denkbar.
    Tätigkeitsfelder:
    Dozentin für Gehörbildung, Klavierlehrerin, Hausangestellte
    Charakterisierender Satz:

    „Das Lehrerverzeichnis weist viele Veränderungen auf, aber es ist immerhin noch beinahe die Hälfte, die ich kenne.“ [Brief von Clär Weglein an die Leitung der Musikhochschule Stuttgart, 29. Juli 1946, Staatsarchiv Ludwigsburg: Bestand Musikhochschule Stuttgart, Personalakte Clär Weglein, EL 218 II, Büschel 599.]


    Profil

    Clär Wegleins Lebensgeschichte stellt eines der wenigen Beispiele für die gelungene Remigration einer nach 1933 aus Deutschland exilierten Musikschaffenden dar. Die Umstände ihrer Rückkehr und die Reaktionen darauf geben einen Einblick in die komplexe Gemengelage aus Wiedergutmachungsversuchen und Beschweigen der Vergangenheit, aus Erwartungshaltungen und Ressentiments, die für die Diskurse der deutschen Nachkriegsgesellschaft über Exil und Remigration prägend war. Zugleich lassen sich in Clär Wegleins Lebensweg in der Zeit nach der Vertreibung Grundmuster des sogenannten „Exils der kleinen Leute“ (Wolfgang Benz) erkennen. In umfangreichen Briefen, aber auch in den Unterlagen der Wiedergutmachungs- und Personalakten sind die Zusammenhänge ihres Lebens dokumentiert.

    Orte und Länder

    Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Clär Weglein im südwestdeutschen Raum, die Städte Ulm und Stuttgart bildeten dabei die wichtigsten Koordinaten. Unterbrochen wurde diese Zeit durch das achtjährige Exil in Schottland, wohin sie 1939 als Jüdin fliehen musste. Von dort kehrte sie 1947, von der Musikhochschule Stuttgart zurückgerufen, nach Deutschland zurück, wo sie bis zu ihrem Lebensende blieb.

    Biografie

    Geboren und aufgewachsen in Ulm, verlagerte Clär Weglein 1917 ihren Lebensmittelpunkt nach Stuttgart. Sie studierte am Königlichen Konservatorium Stuttgart, der späteren Musikhochschule, Klavier und nahm dort 1923 einen sog. einfachen Lehrauftrag für Gehörbildung an. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde Clär Weglein 1936 von der Hochschule entlassen und schloss sich daraufhin zunächst der Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft an, in der sie bis 1939 als Klavierlehrerin tätig war. In Folge der „Reichskristallnacht“ floh sie 1939 gemeinsam mit ihrer Schwester Irma nach Glasgow (Schottland) wo sie mehrere Jahre als Hausangestellte arbeitete. 1946 wurde sie von der neuen Leitung der Musikhochschule Stuttgart angeschrieben und um Rückkehr auf ihre ehemalige Stelle gebeten. Clär Weglein stimmte diesem zu, und ihre Remigration nach Deutschland erfolgte ein Jahr später nach Klärung der äußerst umfangreichen Formalitäten. An der Stuttgarter Musikhochschule arbeitete Clär Weglein schließlich erneut – und bis zu ihrer Pensionierung 1961 – als Lehrerin für Gehörbildung. Sie starb 1973, vermutlich in Stuttgart.

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    Geboren wurde Clär Weglein am 26.11.1895 in Ulm als Tochter von Max Weglein, einem Ulmer Kaufmann, und Bella Pauline Weglein, geb. Theilheimer. Die Familie Weglein dürfte der oberen Mittelschicht angehört haben; Clär Weglein besuchte, wie ihre ältere Schwester Irma Johanna, in Ulm die höhere Töchterschule. Eine für das Bildungsbürgertum dieser Zeit typische musikalische Ausbildung besonders der Töchter ist anzunehmen. So ergab sich für Clär Weglein die Möglichkeit, 1917 an der zu diesem Zeitpunkt noch unter dem Namen "Königliches Konservatorium für Musik" firmierenden Musikhochschule in Stuttgart beim damaligen Rektor und Klavierprofessor Max von Pauer ein Klavierstudium aufzunehmen. Dieses schloss sie im Juli 1922 ab und erhielt ein halbes Jahr später im Februar 1923 einen einfachen Lehrauftrag für Gehörbildung an der Hochschule für Musik Stuttgart, der 1929 in einen außerordentlichen Lehrauftrag umgewandelt wurde. Nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten 1933 änderte sich ihre Situation zunächst nicht, da die Musikhochschule Stuttgart zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstaatlicht war. Durch die 1934 eingeführte Zwangsmitgliedschaft aller Musikschaffenden in der Reichsmusikkammer kamen schließlich auch Musikschaffende an nichtstaatlichen Institutionen in Bedrängnis. Dies betraf auch Clär Weglein, und 1935 erhielt sie von der Reichsmusikkammer einen ersten Ablehnungsbescheid ihres Aufnahmeantrags mit gleichzeitiger Aufforderung, ihren Beruf aufzugeben. (Vgl. Materialsammlung). Nachdem in einem Schreiben von 1936 die Reichsmusikkammer auch ihren von der Musikhochschule Stuttgart unterstützten Einspruch gegen diesen Entscheid zurückgewiesen hatte, wurde Clär Weglein im Juli 1936 offiziell entlassen. In der Folgezeit arbeitete sie als Klavierlehrerin für die Stuttgarter Jüdische Kunstgemeinschaft und erteilte Privatunterricht in Ulm. 1939 emigrierte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Irma nach Glasgow (Schottland) wo sie bis 1947 blieb. Da Emigranten in Großbritannien nur in den seltensten Fällen eine Arbeitserlaubnis für ihre angestammten Berufe erhielten, arbeiteten viele von ihnen in einfachsten Tätigkeiten. So waren Clär Weglein und ihre Schwester, wie die Mehrzahl der nach Großbritannien emigrierten Frauen, als Hausangestellte oder Haushaltshilfen tätig, wobei sich der Lohn oft auf freie Unterkunft und Verpflegung sowie ein Taschengeld beschränkte. Clär Weglein gibt ihren Jahresverdienst in der Exilzeit mit 40$ an [Protokoll einer Befragung von Clär Weglein im Rahmen ihres Entschädigungsprozesses, 5. Juni 1952, Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand Landesamt für Wiedergutmachung, Wiedergutmachungsakte Clär Weglein, EL 350, Büschel ES 4564.] 1946 wurde sie in Glasgow von der neuen Leitung der Musikhochschule Stuttgart angeschrieben und um Rückkehr an ihre alte Arbeitsstätte gebeten. Clär Weglein willigte ein und nahm 1947 wieder ihre Arbeit als Gehörbildungslehrerin an der Stuttgarter Musikhochschule auf, nachdem sie ein äußerst komplexes Rückkehrverfahren durchlaufen hatte, an dem u.a. die britischen Behörden, die amerikanische Militärregierung in Deutschland, das württembergische Kultusministerium, sowie das Arbeits- und Wohnungsamt in Stuttgart beteiligt waren. Ab 1952 führte sie einen Entschädigungsprozess beim Landesamt für Wiedergutmachung in Stuttgart, der sich bis in die 1960er Jahre hinzog. Als Wiedergutmachung für den während der Zeit des Nationalsozialismus erlittenen „Schaden im wirtschaftlichen Fortkommen“ erhielt sie 1956, fast 10 Jahre nach Antragsstellung, zunächst eine „Soforthilfe für Rückwanderer“ in Höhe von 6.000 DM, wenig später wurde ihr schließlich eine monatliche "Entschädigungsrente" in Höhe von 157,50 DM als Ausgleich für den ihr durch die Entlassung 1936 entstandenen Berufsschaden bewilligt. 1961 wurde Clär Weglein pensioniert, sie starb 1973, vermutlich in Stuttgart.

    Würdigung

    "Eine jüdische Lehrerin, die 1936 entlassen werden mußte und nach England auswanderte, haben wir vor einem halben Jahr zurückgerufen. Unsere Arbeit werden wir auch fernerhin für die Kunst, und für sie allein, im Geiste der Völkerversöhnung und Völkerverständigung treiben." (Redemanuskript von Hochschulrektor Hermann Keller für die Neunzigjahrfeier der Musikhochschule Stuttgart 1947, Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand Musikhochschule Stuttgart, EL 218 I, Bü. 13.) In diesem Zitat aus einer Festrede des ersten Nachkriegsrektors der Stuttgarter Musikhochschule, Hermann Keller, spiegelt sich die ganze Komplexität der Situation wider, in der sich Clär Weglein als aus dem Exil nach Deutschland remigrierte Musikschaffende in den Nachkriegs- und Wiederaufbaujahren befand. Dies gilt für das zwischen Schuldbewusstsein, Versöhnungsanliegen und Abwehrhaltung changierende Verhältnis der Dagebliebenen zu den ehemals „ausgewanderten“ Rückkehrern ebenso, wie für das Empfinden der nun fremd gewordenen Heimat seitens der RemigrantInnen. Nur in einer kurzen Phase unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Situation der Exilanten in Deutschland thematisiert, Aufrufe zur Rückkehr waren aber oft rein symbolische Akte, oder blieben in den häufigsten Fällen gänzlich aus. Vor diesem Hintergrund stellt Clär Wegleins Rückkehr an ihre alte Wirkungsstätte, die auf der Basis enger persönlicher Bindungen innerhalb des kleinen Kollegiums an der Musikhochschule Stuttgart zustande kam, eine absolute Ausnahme dar. Neben diesem ungewöhnlichen Fall einer persönlichen Wiedergutmachung durch eine einzelne Institution zeigt gerade auch Clär Wegleins Wiedergutmachungsprozess, wie in Deutschland von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis weit in die heutige Zeit mit den Verfolgten des Dritten Reichs und dem ihnen zugefügten Unrecht umgegangen wurde. In langwierigen, stark bürokratisierten und weit abseits der Öffentlichkeit durchgeführten Prozessen wurde den Verfolgten und Vertriebenen des Dritten Reichs in einem Klima der Geheimdiplomatie und des „gegenseitigen Beschweigens“ (s. Norbert Frei) eine rein materielle Entschädigung, eine „Wiedergutmachung“ gewährt, die für alle Beteiligten den Vorteil einer weitgehenden Geräuschlosigkeit in der Durchführung bot.

    Über den speziellen Aspekt der Remigration hinaus zeigt Clär Wegleins Lebensgeschichte für die Zeit des Exils Parallelen zum Schicksal vieler alleinstehender Frauen, gerade auch Musikerinnen, die im Fluchtland in einfachsten Dienstmädchen- oder Haushälterinnenpositionen arbeiten mussten. Für diese Frauen war, in noch viel stärkerem Maße als bei männlichen Exilanten, die Flucht ins Exilland gleichbedeutend mit dem unwiderruflichen Ende der musikalischen Karriere. Einen Rückruf aus Deutschland, wie ihn Clär Weglein 1946 erreichte, erhielten sehr wenige – zumindest lassen dies bisherige Untersuchungen vermuten.

    Rezeption

    Aufgrund der geschilderten „Geheimdiplomatie“, die nach 1945 in Westdeutschland für den Umgang mit Remigranten – und auch für den Umgang mit Clär Weglein – typisch war, sind die Vorgänge um ihre Entlassung und ihre Rückkehr lange Zeit in Vergessenheit geraten. Keine der einschlägigen Publikationen der Musikhochschule Stuttgart – etwa Festschriften oder Jahresberichte – erwähnt die besondere Geschichte Clär Wegleins. Die zitierte Passage aus der Rede des damaligen Hochschul-Rektors Hermann Keller aus dem Jahr 1947 (s. Würdigung) stellt bis heute die einzige öffentliche Stellungnahme der Musikhochschule zu Clär Weglein dar. In der für die im Jahr 2007 anstehende 150-Jahrfeier der Hochschule geplanten Jubiläumsschrift ist jedoch ein Beitrag zu Juden an der Musikhochschule Stuttgart vorgesehen, der sich u.a auch mit Clär Weglein befassen wird. Der Exilmusikforschung ist Clär Weglein bislang ebenfalls nicht bekannt. Ein Kongressbericht zum im Dezember 2005 in Wolfenbüttel durchgeführten Symposium „Wo anknüpfen? Internationale musikwissenschaftliche Tagung zu Exil und Rückkehr an Musikhochschulen“, der einen Beitrag des Verfassers über die Musikhochschule Stuttgart und Clär Weglein enthält, ist in Vorbereitung.

    Quellen

    Aktenbestand zu Clär Weglein im Staatsarchiv Ludwigsburg:

    1.) Bestand Musikhochschule Stuttgart, Personalakte Clär Weglein Personalakte:, EL 218 II, Büschel 599

    2.) Bestand Landesamt für Wiedergutmachung, Wiedergutmachungsakte Clär Weglein, EL 350, Büschel ES 4564

    3.) Bestand Reichsmusikkammer, Akte Clär Weglein, K 745 II, Büschel 3552


    Literatur

    Matthias Pasdzierny: „Vieles war sehr schwer – innerlich und äusserlich“. Emigration und Remigration Stuttgarter Musiker nach 1933, Staatsexamensarbeit Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart 2003.

    Forschung

    Der Hauptteil des Quellenbestands liegt im Staatsarchiv Ludwigsburg (detaillierte Übersicht s.o.); Unterlagen zur Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft befinden sich im Stadtarchiv Stuttgart.

    Forschungsbedarf

    Über den exemplarischen Einzelfall von Clär Weglein hinaus wäre sicherlich eine größer angelegte geschlechtsspezifische Untersuchung zur Remigration von Musikschaffenden nach 1945 ein äußerst interessantes Forschungsfeld. Hauptziel einer weiteren Forschung zu Clär Weglein selbst könnte zunächst die Recherche nach einem evtl. vorhandenen Nachlass sein. Weiterhin wäre eine umfassende Erforschung ihrer Tätigkeit in der Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft von Interesse. Hierzu befinden sich noch unbearbeitete Quellen im Stadtarchiv Stuttgart.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 172062358
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 1012796396

    Autor/innen

    Matthias Pasdzierny


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 10.04.2006


    Empfohlene Zitierweise

    Matthias Pasdzierny, Artikel „Clär Weglein“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 10.4.2006.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Clär_Weglein