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  • Chaya Czernowin

    von Lena Haselmann
    Die Komponistin Chaya Czernowin
    Namen:
    Chaya Czernowin
    Lebensdaten:
    geb. in Haifa, Israel
    Tätigkeitsfelder:
    Komponistin, Professorin für Komposition
    Charakterisierender Satz:

    „In der dissonanten, formal zerrissenen und geräuschhaft geschärften Musik Chaya Czernowins verbinden sich Sensibilität und emotionale Schutzlosigkeit mit der Suche nach einer mitleidlosen Präzision des Ausdrucks.“


    (Max Nyffeler, 2005)


    Profil

    Bezeichnend für das Schaffen von Chaya Czernowin ist, wie Biografie und intellektuelle Reflexion - so die Holocausterfahrung ihrer Eltern, ihre eigene Existenz als moderne Israelin und als Wanderin zwischen kulturellen Welten - zur direkten Inspiration für ihr musikalisches Schaffen wird.

    Orte und Länder

    Chaya Czernowin wuchs in Israel auf. Seit ihrem 25. Lebensjahr lebt sie in Deutschland, Japan und den USA. Sie unterrichtete Komposition u. a. am Yoshiro Irino Institut in Tokyo und an der University of California, San Diego. Seit 2006 ist sie Kompositionsprofessorin in Wien. Ihre Musik wird auf Festivals weltweit aufgeführt.

    Biografie

    Chaya Czernowin wurde am 7. Dezember 1957 in Haifa geboren. Das Schicksal ihrer Eltern, beide Überlebende des Holocaust, prägte schon früh ihr Lebensthema: die Erinnerung und das Fortdauern von Wissen sowie die Identitätsfindung der Heimatlosen.

    Ihre erste künstlerische Ausbildung erhielt sie bei Abel Ehrlich und Yithzak Sadai an der Rubin Academy of Music in Tel Aviv, wo sie 1982 ihren Bachelor in Komposition machte. 1983 ermöglichte ihr ein DAAD-Austauschstipendium, für zwei Jahre ihre Studien bei Dieter Schnebel in Berlin fortzusetzen. Besonders beeindruckte sie dessen Fähigkeit, Gesang zum tiefenpsychologischen Spiegel der menschlichen Seele zu machen. Anschließend ging sie an das Bard College in New York, wo Eli Yarden und Joan Tower zu ihren Mentoren gehörten und wo sie 1987 ihren Master of Arts machte. Ihr PhD folgte im Jahre 1993 an der University of California in San Diego. Dort sollte vor allem der Unterricht von Brian Ferneyhough und Roger Reynolds von prägender Bedeutung für ihr Schaffen werden.


    Bereits im Frühwerk kristallisierte sich eine Faszination für die Tradition expressionistischer Musik sowie für die Beschäftigung mit Vergessenem und Verdrängtem heraus. Unter dem Einfluss so verschiedener Komponisten wie Giacinto Scelsi, Morton Feldman oder Helmut Lachenmann widmete sie sich von Anfang an der Dekonstruktion herkömmlicher Formen und der Erkundung ungewohnter Hörperspektiven, was Jahre später in die Synchronität, also in die Überlagerung verschiedener Musikstücke mündete.


    Ab Mitte der neunziger Jahre begann Chaya Czernowins intensive und viele Kontinente umspannende Lehrtätigkeit, zunächst ab 1993 am IRCAM in Paris, bald darauf am Yoshiro Irino Institute in Tokio. In Japan beschäftigte sie sich darüber hinaus eingehend mit fernöstlicher Musik und asiatischen Instrumenten, was Nachhall in ihrem eigenen Schaffen fand. Von 1990 bis 1998 und 2004 nahm sie an den „Darmstädter Ferienkursen“ teil und war zwischen 1997 und 2006 Professorin für Komposition an der University of California, San Diego.


    In ihrem frühen Streichquartett aus den Jahren 1994/95 integrierte sie erstmals geräuschhafte Klänge und elektronische Samplerzuspielungen, quasi als klangliche „objets trouvee“, in ihre Musik. Bereits hier zeigte sich ihr Bestreben, hergebrachte Formen und Begrifflichkeiten zu sprengen und das herkömmliche Instrumentarium und konventionelle Klangrepertoire zu erweitern.

    In den „Six Miniatures“ (1998) überblendete sie zum ersten Mal zwei gleichzeitig zu spielende Stücke. Beide sind jeweils so transparent komponiert, dass sie in mannigfaltiger Art und Weise miteinander zu kommunizieren scheinen, sich widersprechend und ergänzend. Dieses Über- und Ineinander von Musikstücken erprobte sie von nun an immer wieder, in erster Linie um die Relation von Gegenwärtigem und Verschüttetem zu problematisieren, um einen Dialog zwischen den Zeiten zu initiieren.


    Ihre erste Oper „Pnin ...ins Innere“ wurde auf der Münchner Biennale 2000 uraufgeführt. Sie erhielt den bayerischen Theaterpreis und wurde im Opernweltjahrbuch mehrfach als beste Uraufführung nominiert. Als Vorlage für das Libretto diente die Erzählung „Momik“ aus David Grossmans Roman „Stichwort: Liebe“. Darin nähert sich der Autor dem Holocaust im Zwiegespräch zwischen einem Kind und einem alten Mann. Chaya Czernowin war sogleich fasziniert von der Archäologie des Erinnerns, die Grossman auffaltet, und sah darin eine große Ähnlichkeit zu ihrem eigenen Bemühen. In den Gesangspartien erweiterte sie das Spektrum des menschlichen Singens um expressive Alternativen wie stammeln und schreien.


    Die Technik der Überlagerung zweier Musikstücke gipfelte in Chaya Czernowins zweiter Oper „Zaide / Adama“, in der sich die Komponistin Mozarts unvollendetes Singspiel „Zaide“ (1779/80) in einen Dialog mit ihrer eigenen Musik zwang. Ohne den Notentext Mozarts anzugreifen, fächert sie das Bestehende auf und erweitert die erzählte Story ins Heute. Erzählt wird die Liebesgeschichte eines Israeli und einer Palästinenserin, die an der jeweiligen kulturellen Sozialisation und widrigen politischen Verhältnissen scheitert. Beide Stücke (Zaide und Adama) benötigen jeweils eigene Solisten, ein eigenes Orchester bzw. Ensemble und einen eigenen Dirigenten. Chaya Czernowin konfrontiert in ihrer zweiten Oper den Betrachter mit der Verzweiflung des Menschen in einer von nationalistischem Wahn zerfressenen Welt.


    Zwischen 2002 und 2004 entstand das Triptychon ihrer „Winter Songs“, bestehend aus den Teilen „Pending Light“ (für Septett mit Elektronik), „Stones“ (mit drei zusätzlichen, verstärkten Percussionisten), sowie „Roots“, einer Kombination und Modifikation der ersten beiden Teile. Die Komponistin schrieb dazu: „Der ganze Zyklus spiegelt den Aspekt des Winters wieder, der davon handelt, in die innere Höhle gezogen zu werden, in die Passivität eines langen Schlafs. Zur selben Zeit, darunter, in der Erde, erstarren langsam die Wurzeln des Lebens und starten blindlings eine Suche nach einem Weg zwischen den Steinen. Komponiert wurde das Stück (...) kurz nach dem Tod des 33-jährigen Komponisten Mark Osborne, einem engen Freund."


    Im Jahr 2003, in dem sie erstmals die „Internationale Sommerakademie für junge Komponisten“ in Schloss Solitude leitete, entstanden ihre „Excavated Dialogues Fragments“, ihr bis dato vielleicht zerklüftetstes Werk, in dem sich die Musik immer wieder in schroffer Brüchigkeit bis an den Rand des Verschwindens und Verstummens vorwagt.


    2004 wurde sie vom Europäischen Zentrum der Künste Hellerau als erste „Composer-in-residence“ eingeladen, in gleicher Funktion 2005 dann auch bei den Salzburger Festspielen. Von 2006 bis 2009 war sie Professorin für Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Danach trat sie die Walter Bigelow Rosen Prof. für Musik Professur für Komposition an der Harvard University in Boston an.


    Ein drittes musiktheatralisches Werk entstand 2006 mit „Pilgerfahrten“ für Sprecher, Knabenchor und Instrumentalensemble, dessen Libretto auf den „Mumin“- Jugendbüchern von Tove Jansson und Gedichten Stefan Georges basiert und das die Abenteuer der „Mumins“ auf ihrer Reise zu den gefürchteten „Hatifnatten“ beschreibt. Die Uraufführung fand als Auftragsarbeit des Europäischen Zentrums der Künste im Festspielhaus Hellerau 2006 statt.


    Chaya Czernowin ist verheiratet mit dem Komponisten Steven Kazuo Takasugi, mit dem zusammen sie zahlreiche Meisterklassen gab, u.a. auf Schloss Solitude in Stuttgart.

    Würdigung

    Chaya Czernowin gilt als eine der bedeutendsten und meistgespielten Komponistinnen der Gegenwart.


    Zahllose Auszeichnungen, Stipendien und Lehraufträge belegen ihre exzeptionelle Stellung und allgemeine Wertschätzung. Als Komponistin, deren Schaffen - jenseits avantgardistischen Formalismen - mitten in den schrecklichen Erfahrungen der jüngeren Geschichte und des versehrten Individuums ansetzt, hat Chaya Czernowin ein Werk von bestürzender Aktualität und Relevanz geschaffen. Bezeichnend für das Schaffen von Chaya Czernowin ist, wie biografisches Erleben - so die Holocausterfahrung ihrer Eltern, ihre eigene Existenz als moderne Israelin und als Wanderin zwischen kulturellen Welten - zur direkten Inspiration für ein musikalisches Werk wurde.


    “Czernowin’s musical language draws on elements from various musical traditions, including the Russian, jewish and Arab music to which she was exposed in an early age as well as the ancient japanese music which attracted her later on.“ (Golan Gur, academia.edu, share research)



    Auszeichnungen


    1992 Kranichstein Musikpreis


    1993/94 Asahi Shinbun Fellowship


    1997 erhält sie ein erstes von insgesamt fünf Heinrich Strobel Stipendien


    2000: Bayerischer Theaterpreis für die Oper „Pnima...ins innere“ (uraufgeführt bei der Münchener Biennale)


    2003: Komponisten- Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung


    2004: Förderpreis der Rockefeller Foundation


    2009 Fromm Foundation Award

    Rezeption

    So häufig Chaya Czernowins Musik im zeitgenössischen Musikleben in Europa, Amerika und Asien zu finden ist, so sehr verwundert es, dass bisher nur vergleichsweise wenige Werke auf Tonträger greifbar sind.

    Werkverzeichnis

    Chaya Czernowins Musik wird von der Edition Schott, Mainz, herausgegeben und ist nahezu vollständig zugänglich.


    “Birds” für Streichorchester (1984)


    “Manoalchadiya” für Bassflöte und zwei Frauenstimmen (1988)


    “Ina” für Bassflöte und aufgezeichnete Flöten (1989)


    „LeArye“ für Violine und aufgezeichnete Violinen und Violas (1990)


    “The hour glass bleeds still” für Streichorchester (1992, rev. 2002 als „Dam Sheon Hachol“)


    “Amber” für großes Orchester (1993)


    „Tris“ für Perkussion und aufgezeichnete Perkussion (1993)


    „A map of a recurrent dream“ für Sho und Tonband (1994)


    “Die Kreuzung” für Akkordeon, Alt-Saxophon und Kontrabass (1994)


    „Streichquartett“ (1995)


    „Afatsim“ für gemischtes Ensemble (1996)


    „Shu Hai Mitamen Behatalat Kidon“ für Frauenstimme und neun aufgezeichnete Stimmen sowie live electronics (1996/1997)


    „Six Miniatuers and a Simultaneous Song“ für gemischtes Ensemble und Sänger (1998)


    “Pnima…ins innere”, Kammeroper (1998/1999)


    “While Liquid Amber” für drei amplified Piccoloflöten und großes Orchester (2000)


    “Zaide / Adama”, re-composition of Moazrt’s unifinshed Oper “Zaide” (2000?)


    “Shu Hai” für Orchester, Frauenstimme und live electronics (2001)


    „Maim (strange water, stolen water)“, Triptychon für Großes Orchester, aufgezeichnete Tubax und Quintett (2001-2006)


    „Winter Songs I: Pending Light“ für live electronics and sieben Instrumente (2002/2003)


    „Winter Songs II: Stones“ für sieben Instrumente und drei Perkussionisten (2003)


    „Winter Songs III: Roots“ für live electronics, sieben Instrumente und drei Perkussionisten” (2003)


    „Excavated Dialogues Fragments“ für gemischtes Ensemble von westlichen und östlichen Instrumenten (2003)


    „Excavated Dialogues Fragments“ - 2. Version für gemischtes Ensemble von modernen und Renaissance-, bzw. Barock-Instrumenten (2005)


    „Pilgerfahrten“ für Erzähler, Knabenchor und Instrumentalensemble (2005/2006, rev. 2007)


    „Anea Crystal“ für zwei Streichquartette und Oktett (2008)


    „Sheva“ für gemischtes Ensemble (2008)


    „Drift (Sahaf)“ für Saxophon oder Klarinette und gemischtes Ensemble (2008)


    “Algae”, Monodrama für Bass und Klavier (2009)

    Quellen

    Sekundärliteratur


    Beate Kutschke, „Identitätsdebatte in Noten. Zur soziokritischen Dimension in Chaya Czernowins Kompositionen”. In: neue Zeitschrift für Musik, Heft 5 (2002), S. 50-55.


    Max Nyffeler, „Über die Notwendigkeit des Erinnerns“. In: Beckmesser (http://www.beckmesser.de/komponisten/czernowin/czernowin-portrait.html)


    Steven Kazuo Takasugi, Chaya Czernowins „Afatsim“. Melodische Resynthetisierung und Zeitenstellung. In: Musik und Ästhetik (1997), Juli. S. 66-81.


    Ronit Seter, Artikel Czernowin, Chaya. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Band 6., 2. Auflage. Hg.von Stanley Sadie. London 2001, S. 823f.


    Golan Gur, Czernowin, Chaya. In: Bayerisches Musiker-Lexikon Online. (http://www.academia.edu/762091/Czernowin_Chaya)



    Diskografie


    „Afatsim“. Mode Records, 1999


    „Ina‟. Einstein Records, 2000


    „Maim. Dam Sheon Hachol. Streich Sextett”. Mode Records, 2003


    „Shu Hai Practives Javelin‟. Mode Records, 2003


    „Shifting Gravity / Winter Songs III”. Wergo, 2011



    DVDs


    “Pnima… ins Innere”, DVD. Mode Records, 2006


    „Zaide / Adama“, 2 DVD. Universal Music, 2007



    Links


    http://www.music.fas.harvard.edu/faculty/cczernowin.html


    http://www.schott-music.com/shop/persons/featured/38323/


    http://www.newmusicbox.org/articles/chaya-czernowin-a-strange-bridge-toward-engagement/


    http://www.beckmesser.de/komponisten/czernowin/czernowin-portrait.html

    Forschung

    Bisher sind verhältnismäßig wenige ausführliche Publikationen zum Schaffen Chaya Czernowins erschienen, und die Bestehenden beschränken sich zumeist auf Rezensionen ihrer Opern und deren Inszenierungen, insbesondere wenn diese bei renommierten Festivals wie in München oder Dresden stattfanden.

    Forschungsbedarf

    Chaya Czernowins Bemühen, die zeitgenössische Musik aus der Einbahnstraße eines akademischen Formalismus zu befreien und stärker im Erleben der Menschen zu verankern, verdiente intensive Erforschung.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 118562729
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 135061229
    Library of Congress (LCCN): n97849496
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Lena Haselmann


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 28.03.2013


    Empfohlene Zitierweise

    Lena Haselmann, Artikel „Chaya Czernowin“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 28.3.2013.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Chaya_Czernowin