Herzlich Willkommen bei MUGI

  • (PDF)
  • (100%)
  • Deutsch
  • Borghild Holmsen

    von Lilli Mittner und Lena Haselmann
    Borghild Holmsen
    Namen:
    Borghild Holmsen
    Lebensdaten:
    geb. in Kråkstad (Kommune Ski in Akershus), Norwegen
    gest. in Bergen, Norwegen
    Tätigkeitsfelder:
    Komponistin, Pianistin, Klavierpädagogin, Journalistin, Musikkritikerin, Bibliothekarin, Musikhistorikerin, Dozentin, Sprachlehrerin, Organisatorin
    Charakterisierender Satz:

    „Det bedes bemerket at jeg aldrig har havt noget Legat eller Stipendium, og at jeg, – med Undtagelse af 3 Studieaar ved Leipzigerkonservatorium har muliggjort mit Ophold i Udlandet alene ved at undervise i Musik og Sprog. – Det vilde derfor være af den yderste Viktighed for mig, et Aar at kunne vie mig udelukkende til min Virksomhed som Komponist“


    („Es wird darum gebeten zu berücksichtigen, dass ich noch kein Legat oder Stipendium hatte und dass ich, – mit Ausnahme von 3 Studienjahren am Leipziger Konservatorium meinen Aufenthalt im Ausland allein durch das Unterrichten in Musik und Sprachen ermöglichen konnte. – Es wäre daher für mich von äußerster Wichtigkeit, ein Jahr ausschließlich meiner Wirksamkeit als Komponistin widmen zu können.“)


    Aus Borghild Holmsens zweitem Bewerbungsschreiben um ein staatliches Stipendium, vergeben vom Kirchen- und Ausbildungsministeriums (KUD) 1898.

    Zitiert nach Dahm, 1987, S. 118.


    Profil

    Borghild Holmsen zählte zu einer Generation komponierender Frauen, die um die Jahrhundertwende in Norwegen selbstbewusst als Komponistin an die Öffentlichkeit trat. Unverheiratet finanzierte sie sich durch eine beachtliche Konzert- und Kompositionstätigkeit sowie durch die Erteilung von Klavierunterricht. In ihrer zweiten Lebenshälfte war sie darüber hinaus als Musikhistorikerin und Bibliothekarin wirksam.

    Orte und Länder

    Die in Kråkstad geborene Borghild Holmsen lebte in der norwegischen Hauptstadt Christiania und spätestens ab 1905 in Bergen, wo sie an der Musikakademie als Klavierpädagogin arbeitete und ab 1913 die Musiksammlung der Öffentlichen Bibliothek Bergen aufbaute. Ihr Ausbildungsweg führte sie an das Leipziger Konservatorium und nach Berlin. Als Pianistin und Komponistin trat sie nicht nur in Norwegen und Deutschland, sondern auch in Schweden, Dänemark, England und den USA auf. Für ihr Engagement auf dem Gebiet der Musikgeschichte wurde sie auf einem wissenschaftlichen Kongress in Rouen als Officier d’Académie ausgezeichnet.

    Biografie

    Borghild Holmsen wurde am 22. Oktober 1865 auf „Hof Vevelstad“ bei Kråkstad (Ski) unweit des Oslofjords als Tochter eines vermögenden Großgrundbesitzers geboren. Sie war das zweite von drei Kindern der Eheleute Thorvald Holmsen (1832-1911) und Jacobine Ludovica Holmsen, geborene Ellefsen (1833-1880). Schon im Kindesalter improvisierte Borghild Holmsen am heimischen Klavier und unternahm erste Kompositionsversuche. Als sie sieben Jahre alt war, verkaufte die Familie den Hof, um nach Christiania (heute Oslo) zu ziehen. In der norwegischen Hauptstadt hatte Borghild Holmsen, begünstigt durch die finanzielle Situation der Familie, die Möglichkeit, eine musikalische Ausbildung bei den namhaftesten Musikpädagogen des Landes aufzunehmen. Klavierunterricht erhielt sie bei Agathe Backer Grøndahl, ihr Lehrer in Theorie war Otto Winter-Hjelm. Die genauen Zeiträume des Unterrichts sind nicht bekannt. Im Herbst 1886 begann Borghild Holmsen ein Musikstudium am Konservatorium in Leipzig. Zahlreiche Norwegerinnen und Norweger hatten hier bereits studiert, u. a. Pauline Solberg, Edvard Grieg und Johan Svendsen. Holmsen erhielt dort Unterricht u.a. von Oscar Paul (Musikwissenschaft), Carl Reinecke (Klavier und Ensemblespiel) und Salomon Jadassohn (Theorie und Komposition). Nachdem sie das Studium im Frühjahr 1889 beendet hatte, vervollständigte Holmsen ihre musikalische Ausbildung in Berlin, wo sie vermutlich privat bei dem sehr begehrten Kompositionslehrer Albert Becker studierte. Den Studienaufenthalt in Deutschland finanzierte sie sich durch die Erteilung von Musik- und Sprachunterricht. In diesem Zeitraum entstanden bereits erste Kompositionen, die im Rahmen von studentischen Vortragsabenden zur Aufführung kamen, so z.B. ihre Violinsonate in G-Dur. Bei ihrem offiziellen Debütkonzert in ihrer Heimat im Jahre 1890 in Brødrene Hals’ Konsertlokale in Christiania stand die norwegische Erstaufführung eben dieser Violinsonate im Zentrum der Aufmerksamkeit. Es handelt sich dabei um eine der ersten öffentlich aufgeführten kammermusikalischen Kompositionen aus der Feder einer Frau, die in der Hauptstadt von der Musikkritik wahrgenommen wurden.


    In den darauffolgenden Jahren war Holmsen als Konzertpianistin aktiv, trat in Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland, England und in den Vereinigten Staaten auf (vgl. Michelsen, 1979, S. 403). Auch während dieser Tätigkeit waren die Einnahmen aus ihrer pädagogischen Arbeit unabdingbar. Ihr Bedürfnis, sich auf die Erweiterung ihrer Kompositionsfähigkeiten zu konzentrieren, äußerte sich in zahlreichen Bewerbungsversuchen um staatliche Künstler- und Reisestipendien des Ministeriums für Kirche und Ausbildung (KUD). Aus einem Bewerbungsschreiben an das Stipendienkommitee (bestehend aus Erika Lie Nissen, G. Röhn, Ole Olsen, Iver Holter, Christian Cappelen und Theodor Lammers, vgl. KUD Ed-0125) aus dem Jahr 1901 geht hervor, dass sie ihre erste Orchesterkomposition, ein nicht näher spezifiziertes Vorspiel, vorlegte (vgl. Dahm, 1987, S. 118). Bei ihrer siebten Bewerbung 1905 schrieb sie: „Det vilde være af stor Betydning for mig for et Aars Tid at kunne ofre mig udelukkende for Komposition uden Lærervirksomhed og andre Gjøremaal“ („Es wäre für mich von größter Bedeutung, mich für ein Jahr ausschließlich der Komposition widmen zu können, ohne Unterrichten und andere Tätigkeiten”, zitiert nach Dahm, 1987, S. 121f.). Insgesamt acht Bewerbungsanträge aus dem Zeitraum von 1890 bis 1906 scheiterten. Borghild Holmsen reiste dennoch nach Leipzig, wo sie sowohl als Pianistin als auch als Pädagogin in Erscheinung trat.


    Mehrfach machte sich Holmsen mit Konzertprogrammen bemerkbar, die ausschließlich aus eigenen Kompositionen bestanden, so erstmals bei einer Matinee am 8. Dezember 1895 im „Blüthner-Saal“ in Leipzig, aber auch in ihrem Heimatland im Brødrene Hals Konsertlokale in Christiania im März 1898. Neben Liedern und Klavierwerken stand ihre Violinsonate D-Dur op. 10 mit Gustav Lange als Solist auf dem Programm. Sie selbst übernahm den Klavierpart. Außerdem ging sie gemeinsam mit dem Violinisten Arve Arvesen auf eine längere Konzerttournee (vgl. Dahm, 1987, S. 118). 1904 organisierte sie – möglicherweise mit Blick auf ihre nächste Bewerbung um ein Stipendium – einen Abend mit ausschließlich eigenen Kompositionen, was zu dieser Zeit in Norwegen noch ein recht seltenes Konzertformat war. Hier wirkten Karl Hagmann (Gesang), Harald Heide (Violine) und Nanne Storm (Klavier) mit (vgl. Dahm, 1987, S. 119).


    1905 nahm Borghild Holmsen eine Stelle an der Torgrim Castberg Musikakademie in Bergen an. Am 1. September desselben Jahres gegründet, war dies die erste institutionalisierte Musikausbildungsstätte Bergens, aus der später die noch heute bestehende Grieg-Akademie (ehemals das Musikkonservatorium Bergen) hervorging. Holmsen verlagerte damit ihre Wirkungsstätte von der Hauptstadt in die Hansestadt Bergen, deren Musiklandschaft sie auf verschiedenen Feldern nachhaltig prägte. Sie unterrichtete zahlreiche StudentInnen, die nach der Ausbildung als BerufsmusikerInnen tätig waren, darunter Harald Sæverud. Vermutlich in diesem Zusammenhang begann sie nun auch, musikwissenschaftliche Vorträge zu halten, von denen 27 Manuskripte zu musikhistorischen Themen im Archiv der Öffentlichen Bibliothek Bergen erhalten sind. Sie zeugen von Holmsens Versuch, einen Überblick über die norwegische und europäische Musikgeschichte zu geben. 1911 nahm Borghild Holmsen an einem wissenschaftlichen Kongress in Rouen teil, bei dem sie über traditionelle norwegische Musik referierte. Für ihre Verdienste auf dem Gebiet der Musik(geschichts)vermittlung erhielt sie in Frankreich eine hohe Auszeichnung (Ordre des Palmes Académiques) und wurde zum „Officier d‘Académie“ ernannt . Auch journalistisch betätigte sie sich; sowohl unter ihrem eigenen Namen als auch unter dem Pseudonym Musica entstanden zahlreiche Artikel und Rezensionen, u.a. für die Zeitungen „Arbeideren“, „Bergen Arbeiderblad“ und das Frauenmagazin „Urd“. Sie schrieb Porträts u.a. über Gina Oselio, Fridtjof Backer-Grøndahl, Johan Halvorsen, Arve Arvesen und Ole Bull. Bedeutende Arbeit leistete Holmsen auch für die Öffentliche Bibliothek Bergen, deren musikalische Abteilung sie ab 1913 sichtete und systematisierte.


    Auch wenn sie sich nicht ausschließlich auf das Komponieren konzentrieren konnte, wie es mit Blick auf ihr Engagement in den 1890er Jahren vermutlich ihr Wunsch gewesen war, blieb sie kontinuierlich produktiv: so wurden zwischen 1891 und 1919 mehrere Klavierkompositionen publiziert. Darunter die „Fjordbillede“ („Fjordbild“), einige pädagogische Werke für den Klavierunterricht sowie eine dritte Violinsonate, die den Titel „Romance Norvégienne“ trägt. Borghild Holmsen starb am 4. Dezember 1938 im Alter von 73 Jahren in Bergen.

    Würdigung

    Borghild Holmsen hat sich in zahlreichen musikbezogenen Tätigkeitsfeldern für die Gestaltung und Vermittlung des norwegischen Musiklebens im In- und Ausland eingesetzt. Als Musikpädagogin wirkte sie maßgeblich an der Musikakademie Bergen; als Bibliothekarin war sie verantwortlich für das Sammeln und Ordnen historischer Quellenbestände und unterstützte entscheidend den Aufbau der Musiksammlung (heute Öffentliche Bibliothek Bergen). Mit ihren musikhistorischen Aufsätzen und Vorträgen prägte sie das Geschichtsbild einer ganzen Generation mit. Dafür wurde sie auf einem wissenschaftlichen Kongress in Rouen (Frankreich) mit dem Titel „Officier d‘Académie“ ausgezeichnet.


    Nimmt man Borghild Holmsen in ihrer Rolle als Komponistin in den Blick, lassen sich zwei Aspekte besonders herausarbeiten. Zum einen die Beschreibung ihrer kompositorischen Produktion, die sich überwiegend aus Liedern und Klavierstücken sowie vier Stücken für Violine und Klavier zusammensetzt. Mit Blick auf die Liedproduktion fällt auf, dass Borghild Holmsen zahlreiche deutsche Texte wählte, u.a. von Nikolaus Lenau, Heinrich Heine und August Wolf. Ihr Liederheft op. 14 vertont ausschließlich Texte des norwegischen Dichters Vilhelm Krag. Ihre Klavierstücke können als Natur- bzw. Stimmungsbilder beschrieben werden, die in ihrer harmonischen und melodischen Gestaltung ebenso einfallsreich wie vielseitig sind. Weitgespannte Akkorde, Chromatik, überraschende Melodiewendungen und Harmoniewechsel sowie Anklänge an die sogenannte norwegische Volksmusik sind charakteristisch für ihren Stil. Ihre Kompositionen für Violine und Klavier zeugen von einem hohen künstlerischen Anspruch, orientieren sich deutlich an der Gattungsnorm und zielen auf besondere Klangwirkung.

    Ein zweiter Aspekt, der bei der Beschäftigung mit Borghild Holmsen in den Vordergrund rückt, ist die Diskrepanz, die sich aus ihrer Rolle als Frau und Komponistin ergibt und die aus frauengeschichtlicher Perspektive besondere Aufmerksamkeit verdient. Borghild Holmsen steht nicht nur am Beginn einer Generation, in der Frauen zunehmend in Berufen arbeiteten, die als „frauenuntypisch“ galten, sondern es gelang ihr auch, die gängigen Normen in einem gewissen Grad zu überwinden, erfolgreich zu sein und damit die strikt nach Geschlechtern getrennten Handlungsräume im Musikleben auszuweiten. Dies erreichte sie unter anderem dadurch, dass sie die männliche Berufsbezeichnung Komponist progressiv, vielleicht sogar provokativ, gebrauchte. Bereits in ihrem ersten Bewerbungsschreiben um ein staatliches Stipendium 1890 unterschrieb sie selbstbewusst als „Komponist Borghild Holmsen”, was in einer Zeit, in der die weibliche Genusform „Komponistin“ in Norwegen durchaus noch in Gebrauch war, ungewöhnlich ist. Auch in der Volkszählung von 1900 gab sie als eine der ersten norwegischen Frauen für sich den Komponistenberuf an. Eine Vorbildfunktion für weitere Generationen komponierender Frauen, darunter Inga Lærum Liebich und Mon Schjelderup, übernahm Borghild Holmsen mit ihrem Komponistendebüt 1890.

    Rezeption

    I. Historisch


    Die Rezeption Borghild Holmsens in ihrer Rolle als Musikhistorikerin, Musikkritikerin und Journalistin ist bisher so gut wie unerforscht. Da sie nicht nur Vorträge hielt, sondern auch in verschiedenen Tageszeitungen und Zeitschriften publizierte, ist von einer hohen Reichweite ihrer Texte auszugehen. Über ihre Wahrnehmung als Musikpädagogin gibt eine Festschrift für Harald Sæverud Hinweise, in dem sie retrospektiv als umfassend ausgebildete und engagierte Klavierpädagogin beschrieben wird, deren Kompetenz sich nicht nur auf pianistische Unterrichtsziele beschränkte, sondern auch theoretische, historische und musikkulturelle Themenbereiche einschloss (vgl. Torsteinson, 1967). Sie sei in ihrer Art „fröhlicher und nicht so ängstlich wie viele andere gewesen, inspirierend und unakademisch. Ein ziemliches Original.“ („Hun var muntrere og ureddere i sin form enn mange andre, stimulerende og uakademisk. Ikke så lite av en original.” vgl. Dahm, 1987, S. 122).


    Im Zusammenhang mit ihren publizierten Kompositionen und öffentlichen Konzertauftritten wurde Borghild Holmsen von der Musikkritik in erster Linie als Komponistin (und nicht etwa als Pianistin) besprochen – eine Wahrnehmung, die sich in der Musikgeschichtsschreibung fortsetzt. Während die ersten Besprechungen aus den 1880er Jahren ermunternd und positiv formuliert waren, legten die Kritiker mit Holmsens zunehmendem Erfolg deutlich andere Maßstäbe an.


    In der Tageszeitung „Morgenbladet“ vom 7.3.1890 heißt es mit Blick auf die Violinsonate G-Dur, dass sich an mehreren Punkten eine, für eine Dame, ziemlich entwickelte technische Sicherheit zeige. 1891 wird sie in einem Konzertbericht neben Josef Rheinberger, Edvard Grieg, Christian Sinding und Ole Olsen als „unsere junge Komponistin Borghild Holmsen“ bezeichnet (vgl. „Aftenposten“ vom 9.1.1891).


    Am Ende der 1890er Jahre scheint sich die Haltung der norwegischen Kritiker jedoch zu wandeln. Nach einem Konzert 1898, auf dem Borghild Holmsen ausschließlich eigene Werke präsentiert hatte, wurde sie von verschiedenen Autoren in eine Sparte vermeintlich „weiblichen Komponierens“ eingestuft und es wurde ihr jener (männlich konnotierte) Professionalitätsgrad, den sie anstrebte, dezidiert abgesprochen. So wurde sie beispielsweise in der Tageszeitung „Dagbladet“ vom 10.3.1898 als „smaapene kvinnelige Talent“ („recht hübsches weibliches Talent“) bezeichnet, „for hvem selvsagt Romansen laa som nærmeste Opgave“ („für welche Lieder selbstverständlich als Aufgabe am nächsten lagen“). Und auch ihr ehemaliger Lehrer und einflussreicher Kritiker Otto Winter-Hjelm schrieb in „Aftenposten“ vom 10.3.1898, sie sei „meget musikalsk, men deler Lod med de fleste Damer, at den musikalske Arkitektonik er og bliver dem en meget besværlig Kunst, som bør overlades Mænd” („sehr musikalisch, aber teilt das Los mit den meisten Damen, dass die musikalische Architektonik eine ziemlich beschwerliche Kunst ist und bleibt, die Männern überlassen bleiben sollte“).


    Von der Wahrnehmungswelt der Kritiker lässt sich in der Regel nicht auf die tatsächlich realisierten Aufführungen und Publikumserfolge schließen. Aus einer Notiz in „Tidens Tegn“ (1916) geht hervor, dass Borghild Holmsens Violinsonate op. 10 regelmäßig aufgeführt wurde, und zwar nicht nur in Norwegen (dort u.a. von Elsa Wagner, Carl Johannessen, Arve Arvesen, Harald Heide und Gustav Lange), sondern auch in Deutschland und Amerika (vgl. Dahm, 1987, S. 124).

    Und auch in dem repräsentativen „Komponistalbum“, das 1927 von Musikcentralens Verlag herausgegeben wurde und dem norwegischen, englischen, deutschen und französischen Publikum eine Gruppe norwegischer Komponisten präsentieren sollte, ist Borghild Holmsen als einzige Frau mit ihrem Klavierstück „Apelek“ („Affenspiel“) vertreten.


    II. Wissenschaftliche Rezeption


    Borghild Holmsen zählt heute neben u.a. Agathe Backer Grøndahl, Mon Schjelderup, Signe Lund und Pauline Hall zu den bekanntesten norwegischen Komponistinnen und ist in nationalen und internationalen Lexika vertreten. In der norwegischen Musikgeschichtsschreibung ist sie seit 1921 überwiegend in ihrer Rolle als Komponistin sichtbar. In „Norges Musikkhistorie“ (1999) heißt es darüber hinaus: „Hun fortjener av flere grunner å nevnes i en musikkhistorie. Hun var en allsidig musiker, som kom til å spille en viktig rolle for musikklivet i Bergen. Det var hun som ordnet musikksamlingen i Bergen Offentlige Bibliotek og på den måten la grunnlaget for en av Norges viktigste musikksamlinger. Hun var en original og dyktig klaverpedagog ved Musikkakademiet i Bergen [...]“ („Sie verdient es aus mehreren Gründen, in einer Musikgeschichte genannt zu werden. Sie war eine vielseitige Musikerin, die eine wichtige Rolle für das Musikleben in Bergen spielen sollte. Sie war es, die die Musiksammlung in der Öffentlichen Bibliothek Bergen ordnete und auf diese Weise die Grundlage für Norwegens wichtigste Musiksammlung legte. Sie war eine originelle und fähige Klavierpädagogin an der Musikakademie in Bergen [...]“, vgl. Herresthal, 1999, S. 318).


    Borghild Holmsens Kompositionen werden heute kaum noch rezipiert. Ausnahmen bilden Konzertprojekte mit regionalem Schwerpunkt (z.B. Ski historische Konzerte, 2010) oder solche, die sich dezidiert der Musikproduktion von Frauen widmen, u.a. das Projekt „Möglichkeitsräume komponierender Frauen“, das im Januar 2011 an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover initiiert wurde. Das Rundfunkarchiv der staatlichen norwegischen Rundfunkanstalt NRK (zugänglich in der Norwegischen Nationalbibliothek) verfügt über eine Einspielung ihrer Violinsonate in D-Dur, einer Romanze für Violine und Klavier (1986) sowie der Barcarole op. 1 Nr. 1 (1977). 1988 wurde ihr Opus 1 (Nr 1. Barcarole und Nr. 2 Scherzo) auf CD eingespielt und 2010 drei Lieder zu Gedichten von Vilhelm Krag, op. 14 sowie Balvise, op. 13. Darüber hinaus hat Phillip Sear seine Interpretation ihres „Festindtog på Akershus“ („Festeinzug auf Akershus“) op. 11 über die Internetplattform Youtube weltweit zugänglich gemacht.

    Werkverzeichnis

    A. Vokalmusik


    I. Gesang und Klavier


    Drei Lieder für eine Singstimme (Mezzosopran) mit Klavierbegleitung, op. 2, 1. Primula Veris, T.: Nikolaus Lenau 2. Curiose Geschichte T.: Robert Reinick 3. Wir liebten uns einst T.: französisch. Volkslied, Christiania: Warmuth, 1890.

    Tre sanger, op. 9, 1. Frostfantasi, T.: Thor Lange 2. Trøst, T.: Hermann v. Lingg 3. Serbisk folkevise, Christiania: Warmuth 1899.

    Die Feder am Sturmhut. Lied für eine Männerstimme mit Pianofortebegleitung, T.: Detlev von Liliencron, op. 11, Christiania: Warmuth 1900.

    Balvise, T.: Bernt Lie, op. 13, Christiania: Warmuth, 1904.

    Lieder nach drei Gedichten von Vilhelm Krag, op. 14, 1. I de forunderlige blonde Nætter 2. Og atter ser jeg 3. Der staar en Sorg, Christiania: Warmuth, 1908.

    Zwei Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte, o.O., 1. Spielmannslied, T.: Emil Rudolf Osman, Prinz von Schönaich-Carolath 2. O, bist du, wie ich dich träume, T.: August Wolf, Kopenhagen: Wilhelm Hansen, 1894.


    B. Instrumentalmusik


    I. Klavier


    Klavierstücke, op. 1, 1.Barcarole 2. Scherzo, Christiania: Warmuth, 1889.

    Fire skitser, op. 12, 1. Sommernat 2. Udsigt 3. Skovtjern 4. Myggedans, Christiania: Warmuth, 1902.

    Fjordbilleder, op. 17, 1, Fjordlandskap 2. Baaten driver 3. Brœnding, Christiania: Norsk Musikforlag, o. J.

    Festindtog på Akershus o. Op., Christiania: Warmuth 1905.

    Bittesmaa pianostykker, 1. Menuet 2. Wienervals 3. Slaat 4. Bedrøvet 5. Mazurka 6. Hakkespœt 7. Langsom engelsk vals, o. Op. Christiania: Oluf By, 1914.

    Capriccio für Klavier, o. Op., Christiania: Warmuth, 1898.

    Apelek, in: Norsk komponistenalbum, Oslo: Musikcentralens forlag, 1927.



    II. Violine und Klavier


    Romanze, op. 3, Christiania: Warmuth, 1891.

    Sonate D-Dur, op. 10, Leipzig: Wild o. J.

    Romance Norvégienne, op. 15. Christiania: Oluf By, 1911.


    III. Werke für sonstige Besetzung


    Elbenreigen: Lied für eine hohe Singstimme mit Klavierbegleitung und obligater Violinbegleitung, T.: Christian Morgenstern, op. 16, Christiania: Oluf By, 1914.

    Repertoire

    Über das Repertoire der Pianistin Borghild Holmsen liegt bisher keine systematische Untersuchung vor. In ihrem Debütkonzert am 6.3.1890 führte sie neben eigenen Werken Lieder von Catharinus Elling, Halfdan Kjerulf, Johannes Brahms und Robert Schumann auf sowie mit dem Geiger Gustav Lange eine Romanze von Christian Sinding und einen „Ungarischen Tanz“ von Johannes Brahms.

    Quellen

    I. Schriften von Borghild Holmsen


    Musikhistorische Vorträge (undatiert, nicht chronologisch), digitalisiert abrufbar unter: http://bergenbibliotek.no



    1. Einleitung

    2. Alte niederländische und italienische Komponisten

    3. Bach

    4. Händel und Gluck

    5. Haydn

    6. Mozart

    7. Beethoven

    8. Weber

    9. Opéra comique in Italien und Frankreich

    10. Schubert

    11. Schumann

    12. Mendelssohn

    13. Chopin

    14. Berlioz

    15. Liszt

    16. Brahms

    17. Wagner

    18. Strauss und Wolf

    19. Russische Komponisten

    20. Das neuere Italien

    21. Das neuere Frankreich

    22. Schweden

    23. Finnland

    24. Dänemark

    25. Norwegen


    Diverse Artikel, Rezensionen und Porträts verschiedener Persönlichkeiten des europäischen Musiklebens unter der Signatur Musica, u.a. in „Arbeideren“, „Bergen Arbeiderblad“ und „Urd“.

    „Nordisk musik-tidende“, 3/1890, S. 42


    II. Zeitungen und Zeitschriften


    „Dagen“, 6.12.1938 [John Lidén, Nachruf]

    „Nordisk musik-tidende“, 12/1889, S. 190


    III. Dokumente


    Bewerbungsschreiben um ein staatliches Stipendien vom 28.2.1898, Riksarkivet, KUD, Ed-0122, Nr. 1649.


    Abschlusszeugnis des Leipziger Konservatoriums, Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, Bibliothek/Archiv, Signatur: A, I.3, 4520.


    IV. Sekundärliteratur


    Aasen, Elisabeth. Bergenske kvinner. Bergen, 2006.


    Åstrand, Hans (Hg.). Sohlmans musiklexikon. Bd. 3. Stockholm, 1979.


    Dahm, Cecilie. Borghild Holmsen. In: Kvinner komponerer. Ni portretter av norske kvinnelige komponister i tiden 1840-1930. Oslo: 1987.


    Gurvin, Olav und Anker, Øyvind. Musikkleksikon. Oslo, 1959, Sp. 339.


    Herrestal, Harald. Borghild Holmsen. In: Norges Musikk Historie. Bd. 3. Finn Benestad et al., Oslo, 1999, S. 318.


    Kildal, Arne: Komponisten Borghild Holmsen. Bergen Arbeiderblad 16.10.1965.


    Lindhjem, Anna. Kvinnelige komponister og musikkskoleutgivere i Skandinavia. Fredrikstad: 1931, S.11f.


    Mayer, Clara. Komponistinnen im Musikverlag. Kassel, 1996.


    McVicker, Mary F. Women Composers of Classical Music. 2011. S. 146.


    Michelsen, Kari (Hg.). Cappelens musikkleksikon. Bd. 3. Oslo, 1979, S. 403f.


    Norheim, Øyvind: „Die norwegischen Leipziger Konservatoristen im 19. Jahrhundert und ihre Bedeutung im norwegischen Musikleben“, in: Edvard Grieg und die nordische Musik des 19. Jahrhunderts in ihren Beziehungen zu Leipzig. Skriftserie fra Institutt for musikk og teater. Det historisk-filosofiske Fakultet Universitet Oslo. Oslo 1992. S. 130 u. 131.


    Paulsen, Astrid. Kvinnelige norske komponister. Oslo, 1980, S. 34f.


    Riemann, Hugo. Riemann Musik-Lexikon. 12. völlig neu bearb. Auflage in drei Bänden. Hg. von Willibald Gurlitt. Mainz, Schott, 1959-67. Bd. 1, S. 819


    Sandvik, Ole Mørk & Gerhard Schjelderup. Norges Musikhistorie, 1921, Bd. 2, S. 251, 254, 271


    Sohlmans Musiklexikon. Bd. 1-4. Stockholm, Sohlman, 1948-1952. Bd. 2, Sp. 1128f.


    Sohlmans Musiklexikon. Bd. 1-5. Stockholm, Sohlman, 1975-1979. Bd. 3, S. 469


    Torsteinson, Sigmund. Forod i Gösta Nystroem (Hg.), Harald Sæverud, Oslo, 1967.


    Weydahl, Hanna Marie: Borghild Holmsen. In: Norsk Musikktidskrift September 1978, S. 159.



    V. Einspielungen


    Op. 1, Nr 1. Barcarole und Nr. 2 Scherzo. Jorunn Marie Bratlie (Klavier) In: Ole Olsen and piano works by 7 women composers, NKFCD 50024-2, Aufn. 10/1988, Norsk kulturråds klassikerserie P 1991.


    Sonate op. 10 in D-Dur und Romanse, Ørnulf Boye Hansen (Violine) und Benny Dahl Hansen (Klavier), NRKs programarkiv. 10.9. 1986.


    Barcarole op. 1, Nr. 1 Gunnar Sama (Klavier), NRKs programarkiv. 22.2.1977.


    Drei Lieder zu Gedichten von Vilhelm Krag, op. 14 sowie Balvise, op. 13, Helen Wold (Gesang) und Haldor Mæland (Klavier). In: Lyriske toner fra Ski. Ski historiske konserter. Lillehammer: Bergen Digital, 2010.


    Festindtog på Akershus, op. 11, Phillip Sear (Klavier), Youtube, (url: http://www.youtube.com/watch?v=-7k_p9iFGF4)


    Links


    http://en.wikipedia.org/wiki/Borghild_Holmsen (auch auf Russisch)


    http://snl.no/.nbl_biografi/Borghild_Holmsen/utdypning (von Cecilie Dahm)


    http://bergenbibliotek.no/ (hier finden sich einige ihrer musikhistorischen Vorträge)


    http://www.youtube.com/watch?v=-7k_p9iFGF4 (Phillip Sear spielt Holmsens Festindtog på Akershus, op. 11)

    Forschung

    Das heutige Bild von Borghild Holmsen basiert überwiegend auf den Forschungsarbeiten von Cecilie Dahm. Sie hat umfangreiches Rezeptionsmaterial zusammengetragen und stützt sich in erster Linie auf Quellenmaterial aus der Norwegischen Nationalbibliothek, Oslo und dem Norwegischen Staatsarchiv (Riksarkivet).


    Im Rahmen des Forschungsprojektes „Komponierende Frauen in Norwegen. Bedingungen kulturellen Handelns“ von Lilli Mittner wird Borghild Holmsens kulturelles Handeln in ihrer Rolle als Komponistin genauer in den Blick genommen.

    Forschungsbedarf

    Eine monographische Arbeit über Borghild Holmsen wäre in vielfacher Hinsicht wünschenswert, da sich ihr kulturelles Handeln im Spannungsfeld zwischen Opferstatus und vorbildhaftem Engagement in gleich mehreren von Männern dominierten Handlungsfeldern geradezu prototypisch berschreiben lässt. Sie müsste ihren Ausgangspunkt in einer breit angelegten Quellensuche (v.a. auch Quellen in Privatbesitz) sowie dem Zusammentragen der vielfältigen Rezeptionsmaterialien in Zeitungen und Zeitschriften weltweit nehmen. Insbesondere die Quellen in der Öffentlichen Bibliothek Bergen, darunter Borghild Holmsens musikwissenschaftliche Vorträge, sowie die dort kürzlich wiederentdeckte Violinsonate G-Dur warten auf eine nähere Beschreibung und Einordnung aus musikkultureller Perspektive.


    Mit der zunehmenden Erschließung der Bestände in der Öffentlichen Bibliothek Bergen wird auch das Wissen um Borghild Holmsens musikhistorische Tätigkeit sichtbar. Ihre außerordentliche Pionierarbeit des Sammelns und Ordnens als Bibliothekarin ist bisher nicht ausreichend gewürdigt.


    Eine umfassendere Würdigung als Komponistin steht bisher ebenso aus, wobei u.a. die Wahl der Texte und DichterInnen zu untersuchen wäre und der Frage nachgegangen werden könnte, inwiefern es sich bei ihren Kompositionen um pädagogische Literatur handelt.


    Eine systematische Untersuchung des Repertoires der Pianistin Borghild Holmsen könnte auf Grundlage der überlieferten Konzertprogramme in der Nationalbibliothek Oslo stattfinden.


    Schließlich warten zahlreiche Werke Borghild Holmsens auf ihre Einspielung. Dies wäre Grundlage für eine breitere Rezeption und Reflexion ihrer Musik im 21. Jahrhundert. Borghild Holmsens Kompositionen würden sich als Unterrichtsmaterial an Musik(hoch)schulen ebenso eignen wie für die Repräsentation norwegischer Kunstmusik um 1900 im Rahmen kammermusikalischer Konzertveranstaltungen. Eine Veröffentlichung von Konzertaufnahmen im Internet würde zudem das bereits bestehende Interesse an Borghild Holmsen und ihrer Musik steigern.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 230219593
    Library of Congress (LCCN): 970529n
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Lilli Mittner und Lena Haselmann


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 25.11.2014


    Empfohlene Zitierweise

    Lilli Mittner, Lena Haselmann, Artikel „Borghild Holmsen“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 25.11.2014.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Borghild_Holmsen