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    von Silke Wenzel
    Namen:
    Betty Schwabe
    Ehename: Betty Francken
    Varianten: Betty Schwabe-Francken
    Lebensdaten:
    geb. in Aachen, Deutschland
    gest. in Konzentrationslager Sobibor, Polen

    Das Geburtsjahr 1876 ist den Unterlagen zum Mendelssohn-Preis entnommen (UdK-Archiv, Best. 1, Nr. 5145, vgl. Prante 1999, S. 62). Auf dem Anmeldebogen für die Reichsmusikkammer 1934 nennt Betty Schwabe selbst 1875 als ihr Geburtsjahr (BAB, ehem. BDC, RKN 10, Bild-Nr. 2034f.) In den Holocaust-Gedenkbüchern wird sowohl das Geburtsjahr 1875 als auch das Geburtsjahr 1877 genannt. Betty Schwabe ist im Konzentrationslager Sobibor umgekommen. Während sie im deutschen Gedenkbuch (Gedenkbuch Bundesarchiv, Koblenz 1986) als verschollen bezeichnet wird, nennt das niederländische Gedenkbuch (In Memoriam – Nederlandse oorlogsslachtoffers) das oben genannte konkrete Todesdatum.
    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin, Violinpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „Ueberraschend war vor Allem in ihrem jugendlichen Alter die erstaunliche Fülle ihres Tones, die Freiheit und Wärme des Vortrags, die bei allen technischen Schwierigkeiten sich gleich bleibende Kraft und Schönheit des Klanges.“ (Anna Morsch über die ca. 17-jährige Betty Schwabe, in: Morsch 1893, S. 197)


    Orte und Länder

    Betty Schwabe, geboren in Aachen, wurde mit neun Jahren am Kölner Konservatorium aufgenommen und kam 1888 an die Königliche Hochschule für Musik in Berlin. Von 1892 bis 1898 konzertierte sie im In- und Ausland, in England, Frankreich, Italien und Russland. Im Jahr 1898 heiratete sie Alfred Francken in Aachen. Vermutlich blieb sie anschließend dort, denn 1934 und 1940 wird Aachen als ihr Aufenthaltsort angegeben. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie von den Nazis verfolgt, zog von Aachen nach Hamburg um und floh von dort aus weiter in die Niederlande. Die genauen Daten ihrer Flucht lassen sich z. Zt. nicht ermitteln. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande wurde sie 1943 in das KZ Sobibor deportiert, wo sie vermutlich am 16. Juli 1943 umkam.

    Biografie

    Betty Schwabe wurde am 27. Februar 1875 (1876 bzw. 1877) in Aachen als Kind von Heino und Fanny Schwabe (geb. Prenslau) geboren. Im Alter von sieben Jahren erhielt sie den ersten Geigenunterricht und wurde zwei Jahre später am Kölner Konservatorium aufgenommen. Dort studierte sie Violine bei Gustav Holländer (1855-1915), dem späteren Direktor des Stern’schen Konservatoriums in Berlin, der zu dieser Zeit Konzertmeister in Köln war.


    Bereits 1888, also mit ca. 13 Jahren, wechselte sie an die Königliche Hochschule Berlin und erhielt von 1888 bis 1889 Unterricht bei Johann Kruse und von 1889 bis 1892 bei Joseph Joachim und Johann Kruse. In ihrem letzten Studienjahr 1892/1893 wurde sie ausschließlich von Joseph Joachim unterrichtet. 1891 bewarb sie sich um den Mendelssohn-Preis, erhielt allerdings nur eine „lobende Erwähnung“, obwohl Joseph Joachim notierte: „Eine gar seltene Begabung! Für ihr Alter ungewöhnlich weit im Vortrag wie im Technischen.“ (UdK-Archiv, Best. 1, Nr. 5145 [1891], zit. n. Prante 1899, S. 63). Ein Jahr vor ihrem Studienabschluss (Ostern 1893), am 18. Februar 1892, debütierte sie mit dem Berliner Philharmonischen Orchester unter der Leitung Joseph Joachims mit einem umfangreichen Programm: dem Violinkonzert G-Dur von Joseph Joachim, Ballade und Polonaise op. 38 von Henri Vieuxtemps sowie dem Violinkonzert e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Das Konzert war derart beeindruckend, dass die Klavierlehrerin und Publizistin Anna Morsch sie bereits ein Jahr später in ihr Buch „Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biografische Skizzen aus der Gegenwart“ aufnahm und über Betty Schwabe schrieb: „Ueberraschend war vor Allem in ihrem jugendlichen Alter die erstaunliche Fülle ihres Tones, die Freiheit und Wärme des Vortrags, die bei allen technischen Schwierigkeiten sich gleich bleibende Kraft und Schönheit des Klanges.“ (Morsch 1893, S. 197)


    Von 1892 bis 1897 konzertierte Betty Schwabe regelmäßig im In- und Ausland, in Berlin, Frankfurt am Main und Leipzig, in Belgien, Holland, Russland und der Schweiz. So spielte sie z. B. am 8. November 1893 mit dem “Orchestre Municipal de Strasbourg” unter der Leitung Franz von Stockhausens Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61 sowie das Capriccio für Violine und Orchester von Niels Gade. Das Konzertprogramm gibt zudem den Hinweis, dass sie eine Stradivarius-Geige im Wert von 28.000 Mark spiele. Das letzte nachweisbare Solokonzert fand im Oktober 1897 im großen Saal der Philharmonie unter der Leitung von Arthur Nikisch mit Beethovens Violinkonzert statt (s. Neue Zeitschrift für Musik vom 22.12.1897).


    Im September 1898 heiratete Betty Schwabe in Aachen Alfred Francken, nahm dessen Nachnamen an und zog sich anschließend zunächst aus der Öffentlichkeit zurück (Kohut 1900/1901). Über ihr Leben in den folgenden 35 Jahren ist nur wenig bekannt.


    Betty Schwabes bzw. Betty Franckens weiterer Lebensweg lässt sich erst aus den Unterlagen, die im Zuge der NS-„Gleichschaltung“ berufsständischer Musikerverbände von Musikerinnen und Musikern eingefordert wurden, rekonstruieren. Jüdischer Herkunft, beantragte sie am 19. Oktober 1934 die Mitgliedschaft bei der Reichsmusikkammer und reichte den hierfür üblichen Fragebogen ein. Den dort gemachten Angaben zufolge, war sie mittlerweile Witwe, hatte drei erwachsene Kinder und wohnte zu dieser Zeit wieder in Aachen. Dort war sie als Musiklehrerin gemeldet und in Besitz eines sogenannten „Unterrichtserlaubnisscheins“. Weiterhin gab sie an, vor der NS-Zeit am „Konservatorium Direktor Schnitzler Aachen“ angestellt gewesen zu sein (Bundesarchiv Berlin, Sign.: ehem. BDC, RK N 10, Bild-Nr. 2034 ff.). Ein Hinweis auf dieses Konservatorium ist bislang nicht zu finden. (Es könnte sich dabei um ein Privatkonservatorium von Isidor Schnitzler [1859-1935] gehandelt haben. Isidor Schnitzler war ebenfalls ein Schüler Joseph Joachims und kam ursprünglich aus Rotterdam.]


    Auf dem Anmeldebogen vom Oktober 1934 ist ferner verzeichnet, dass Betty Francken seit anderthalb Jahren erwerbslos war, d. h. sie verlor mit dem Antritt der Nazis im März/April 1933 ihre Verdienstmöglichkeiten. Möglicherweise wurde sie auch mit dem „Gesetz zu Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im April 1933 aus einer Festanstellung entlassen. Ihre Religion bezeichnete sie selbst als „Jüdin, nicht arischer Abstammung“. (Bundesarchiv Berlin, Sign.: ehem. BDC, RK N 10, Bild-Nr. 2034 ff.) Peter Raabe, zu dieser Zeit Präsident der Reichsmusikkammer, verweigerte ihr am 19. August 1935 die Aufnahme in die Reichsmusikkammer aufgrund ihrer Herkunft, da „Sie die nach der Reichskulturkammergesetzgebung erforderliche Eignung im Sinne der nationalsozialistischen Staatsführung nicht besitzen.“ Diese Verweigerung implizierte das Berufsverbot: „Durch diese Entscheidung verlieren Sie mit sofortiger Wirkung das Recht zur weiteren Berufsausübung auf jedem zur Zuständigkeit der Reichsmusikkammer gehörenden Gebiete.“ (ebd.)


    Die Ablehnung wurde am 12. März 1936 bestätigt.


    Obwohl der Briefwechsel mit der Reichsmusikkammer über eine Aachener Adresse geführt wurde (Horst-Wessel-Str. 87) und auch das einschlägige Nazi-Lexikon „Lexikon der Juden in der Musik“ von 1940 ihren Aufenthaltsort noch mit Aachen angibt, war Betty Francken bereits 1934 oder 1935 nach Hamburg umgezogen. Sie meldete sich bei der Hamburger jüdischen Gemeinde und lebte in der Isestr. 37 „bei Frey“ zur Untermiete (StArchiv HH, 522-1, 992b). Im Jahr 1937 floh sie in die Niederlande (ebd.) und wurde nach der deutschen Besetzung von dort in das KZ Sobibor deportiert, wo sie umkam. Genauere Daten ihrer Flucht und Deportation sind bislang nicht zu ermitteln. Das niederländische Gedenkbuch gibt den 16. Juli 1943 als Todesdatum an.

    Würdigung

    In der 1890er Jahren war Betty Schwabe eine angesehene, international konzertierende Violinistin, die mit großen Orchestern auftrat und von der Kritik als vielversprechendes Talent gefeiert wurde. So schrieb z. B. die „Neue Zeitschrift für Musik“ 1893 über ein Konzert in Frankfurt am Main, in dem Betty Schwabe Ludwig van Beethovens Violinkonzert spielte: „Als Solistin führte sich eine Künstlerin Joachim’scher Schule, Fräulein Betty Schwabe aus Berlin, höchst erfolgreich bei uns ein. Das virtuose Können der jungen Dame hat sich glänzend bewährt, und der Vortrag erwies einen Grad der Reife, wie er bei solchem Alter kaum zu erwarten gewesen. Allgemeiner, lebhaftester Beifall lohnte denn auch am Schlusse der Künstlerin.“ (NZfM vom 1.11.1893, S. 456) Ein halbes Jahr später, im April 1894 wurde berichtet: „Außergewöhnliches Aufsehen erregte im jüngsten Concert zum Besten des Vereins ‚Leipziger Presse’ im Carola-Theater die Violinistin Frl. Betty Schwabe aus Berlin. Aus der Sicherheit, dem künstlerischen Schwunge, der Feinheit und Ausgereiftheit der Technik, mit der sie das Mendelssohn’sche Concert zum Vortrage gebracht, ließ sich erkennen, daß sie den meisten ihrer derzeitigen Rivalinnen und Mitgenossinnen aus der Schule Meister Joachim’s den Rang abläuft. Möge ihrem hohe Streben stets ein glücklicher Stern leuchten!“ (NZfM vom 18.4.1894, S. 180) Adolph Kohut schrieb zudem über sie: „Der deutsche Kaiser und die Kaiserin, sowie fast sämmtliche deutschen Fürstlichkeiten zeichneten sie wiederholt in hervorragender Weise aus.“ (Kohut 1900/1901) Solche Auszeichnungen sind bislang allerdings nicht zu belegen.


    Nach ihrer Heirat hatte sich Betty Schwabe (verh. Francken) vermutlich zunächst auf ihre Familie konzentriert, arbeitete dann jedoch wieder als Violinpädagogin, bis eine Berufsausübung durch den deutschen Faschismus unmöglich wurde. Über ihre pädagogische Arbeit in dieser Zeit ist ebenso wenig bekannt wie über ihre Flucht und ihre KZ-Haft in Sobibor.

    Rezeption

    Eine Rezeption ihrer künstlerischen und pädagogischen Tätigkeiten findet bislang nicht statt. In den Forschungen zu Opfern des Holocaust ist der Name Betty Schwabe bzw. Betty Francken jedoch bekannt (vgl. die verschiedenen Gedenkbücher).

    Werkverzeichnis

    Es sind keine Werke von Betty Schwabe bzw. Betty Francken bekannt.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste lässt sich aufgrund fehlender Informationen zurzeit nicht erstellen. Nachgewiesen sind bislang die Aufführungen folgender Werke:


    Beethoven, Ludwig van:

    Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61


    Gade, Niels:

    Capriccio für Violine und Orchester


    Joachim, Joseph:

    Violinkonzert G-Dur (1. Violinkonzert)


    Mendelssohn Bartholdy, Felix:

    Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64


    Vieuxtemps, Henri:

    Ballade und Polonaise op. 38

    Quellen

    Quellen


    Bundesarchiv Berlin ehem. BDC, RKN 10, Bild-Nr. 2034ff. Betty Francken (Akte der Reichsmusikkammer).


    Staatsarchiv Hamburg (StArchiv HH), 522-1 Jüdische Gemeinden, 992b Kultussteuerkartei.


    Universität der Künste Berlin, Universitätsarchiv" (UdK-Archiv), Best. 1, Nr. 5145 (Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung, Specialia [1891])



    Literatur


    Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945. Koblenz: Bundesarchiv 1986.


    Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch. Bearbeitet von Jürgen Sielemann. Hamburg: Staatsarchiv 1995.


    In Memoriam – Nederlandse oorlogsslachtoffers, Nederlandse Oorlogsgravenstichting (Dutch War Victims Authority), `s-Gravenhage courtesy of the Association of Yad Vashem Friends in Netherlands Amsterdam o. D.


    Judentum und Musik mit dem ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener, 3. Aufl., bearb. und erw. von Hans Brückner, München 1938 (einschlägiges Nazilexikon mit dem Ziel der Denunziation)


    Kohut, Adolph: Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit. Lebens- und Charakterbilder aus Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 1-2, Leipzig: Payne, [1900-1901].


    Morsch, Anna. Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biographische Skizzen aus der Gegenwart. Berlin: Stern & Ollendorff, 1893.


    Prante, Inka. Die Schülerinnen Joseph Joachims. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers, Berlin. Unveröffentliches Typoskript, 1999.


    Stengel, Theo, Gerigk, Herbert. Lexikon der Juden in der Musik. Mit einem Titelverzeichnis jüdischer Werke, zusammengest. und bearb. v. Theo Stengel und Herbert Gerigk, Berlin 1940 (einschlägiges Nazilexikon mit dem Ziel der Denunziation)



    Konzertkritiken


    Allgemeine Musikzeitung vom 26.2.1892, S. 113

    Vossische Zeitung vom 20.2.1892, o. S.

    Vossische Zeitung vom 19.10.1895, o. S.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 1.11.1893, S. 456

    Neue Zeitschrift für Musik vom 18.4.1894, S. 180

    Neue Zeitschrift für Musik vom 22.12.1897, S. 565



    Links

    http://cmslib.rrz.uni-hamburg.de/lexm/content/home.xml

    „Das Lexikon verfolgter Musikerinnen und Musiker der NS-Zeit“ bereitet z. Zt. einen Artikel über Betty Francken vor.


    http://www.yadvashem.org/wps/portal/IY_HON_Welcome

    “The Central Database of Shoah Victims’ Names” der Gedenkstätte Yad Vashem enthält mehrere Einträge zu Betty Francken.

    Forschung

    Inka Prante hat in ihrer Staatsexamensarbeit die Dokumente im Archiv der Universität der Künste Berlin über die Studienzeit von Betty Schwabe gesichtet und teilweise ausgewertet (Prante 1999).


    Über einen möglichen Nachlass liegen bislang keine Informationen vor.

    Forschungsbedarf

    Über Betty Schwabe ist bislang nur sehr wenig bekannt. Während sich ihre Zeit als Solistin noch anhand von Konzertkritiken zumindest teilweise rekonstruieren lässt – auch hier fehlen genaue Tourneedaten, Repertoirelisten, Auftrittsorte u.a.m. – ist über ihre nachfolgende pädagogische Arbeit, über ihre Schüler und Schülerinnen, über mögliche Festanstellungen und andere institutionelle Einbindungen bislang nichts bekannt. Auch die konkreten Stationen ihrer NS-Verfolgung liegen bislang weitestgehend im Dunkeln.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, Die Grundseite wurde im April 2007 erstellt.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 20.04.2007


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Betty Schwabe“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 20.4.2007.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Betty_Schwabe