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    von Marina Lobanova
    Die Pianistin und Klavierpädagogin Berta Maranz
    Namen:
    Berta Maranz
    Lebensdaten:
    geb. in Proskurow, Russisches Reich (heute: Chmelnizki, Ukraine)
    gest. in Nischni Nowgorod, Russische Föderation
    Tätigkeitsfelder:
    Russische Pianistin und Klavierpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    "Не живите и не работайте вполнакала, старайтесь узнать побольше, доискивайтесь до сути - это так интересно!"


    („Lebt und arbeitet nie halbherzig; versucht immer, noch mehr zu erfahren, noch tiefer zum Kern vorzudringen: Es ist doch so interessant!“)


    Berta Maranz, zit. nach http://www.uralconsv.org/sv/history/180----1907-1998


    Profil

    Berta Maranz war eine bekannte russische Pianistin und Klavierpädagogin, die die Ausbildung im Fach Klavier an den Konservatorien in Swerdlowsk und Gorki maßgeblich prägte.

    Orte und Länder

    Berta Maranz wurde in Proskurow (Russisches Reich, heute Chmelnizki, Ukraine) geboren. Ihre Musikausbildung begann sie in Odessa und schloss sie in Moskau ab. Berta Maranz' professionelle Tätigkeit als Klavierprofessorin war mit zwei sowjetischen Städten verbunden: Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) und Gorki (heute Nischni Nowgorod).

    Biografie

    Berta Solomonowna Maranz wurde am 16. (nach julianischem Kalender am 3.) Dezember 1907 in Proskurow, Russisches Reich (heute: Chmelnizki, Ukraine) in die Familie eines der reichsten Bürger der Stadt, Solomon Gerschkowitsch Maranz, geboren. Ihr Vater besaß u.a. eine Zuckerfabrik und eines der schönsten Häuser Proskurows (Maranz‘ Haus ist auf der Site http://cbs.km.ua/?dep=1&dep_up=109&dep_cur=169abgebildet). Wie es üblich für reiche jüdische Familien des vorrevolutionären Russlands war, erhielt Berta Maranz Privatunterricht zu Hause. Bereits mit fünf Jahren konnte sie gut Klavier spielen. In den 1920er Jahren begann Berta Maranz, professionell Klavier am Volkskonservatorium Odessa bei einem Schüler Teodor Leszetyckis (deutsch: Theodor Leschetitzky), David Samojlowitsch Eisberg (Aizberg) zu studieren, der auch Maria Israilewna Grinberg unterrichtete. 1925 emigrierte Eisberg und unterrichtete im Ausland weiter, u.a. am Russischen Konservatorium in Paris. 1936 veröffentlichte der französische Musikverlag „Durand“ seine Klavierschule für professionelle Pianisten „Problème de la technique du piano“ (vgl. dazu: http://www.dommuseum.ru/index.php?m=dist&as=163&PHPSESSID=da6e293f80df7744931d451004f6ae4b).

    Nach Eisbergs Abreise setzte Berta Maranz ihr Klavierstudium bei der bekannten Klavierpädagogin Berta Michajlowna Reingbald (Rejngbal’d; 1897-1944) fort, die u.a. auch Emil Gilels ausbildete. Mit Gilels blieb Berta Maranz bis zu seinem Tod befreundet. In Odessa war Maranz auch als Klavierbegleiterin bei dem berühmten Violinpädagogen Pjotr Solomonowitsch Stoljarski (1871-1944) tätig; sie trat in Konzerten mit Schülern von ihm auf, u.a. mit David Oistrach, Michail Fichtengolz usw.


    Von 1927 bis 1931 wechselte Berta Maranz an das Moskauer Konservatorium und studierte Klavier bei dem renommierten Pianisten und Klavierlehrer Heinrich Neuhaus (Genrich Gustawowitsch Nejgauz). Von 1927 an war sie auch als Klavierbegleiterin und Korrepetitorin am Moskauer Konservatorium und an der Moskauer Philharmonie tätig. 1937 erhielt Berta Maranz auf dem 2. All-Union-Pianisten-Wettbewerb den Spezialpreis für die beste Interpretation Beethovens. Obschon sie als Pianistin stets gefragt und vom Publikum sehr geschätzt wurde, widmete sich Berta Maranz zunehmend vor allem der Lehrtätigkeit. 1934 ging sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Pianisten und Klavierpädagogen Semjon Solomonowitsch Bendizki (1908-1993) nach Swerdlowsk (heute: Jekaterinburg), wo Heinrich Neuhaus gerade ein neues Konservatorium gegründet hatte (http://www.uralconsv.org/sv/history/180----1907-1998). Sie unterrichte am Swerdlowsker Konservatorium (ab 1947 als Professorin) und an der Musikfachschule dieses Konservatoriums.


    Nach dem Zweiten Weltkrieg trennten sich die Wege von Berta Maranz und ihrem Ehemann: 1946 ging Semjon Bendizki nach Saratow, wo er bis zu seinem Tod am Konservatorium lehrte. 1954 folgte Berta Maranz einem Ruf an das Konservatorium in Gorki (heute: Nischni Nowgorod), wo sie bis 1990 den Lehrstuhl für Klavier innehatte. Ihre langjährige künstlerische Verbindung mit Swerdlowsk setzte sie nach ihrem Weggang dort gleichwohl mit Konzerten, Vorträgen usw. fort. Dank ihrer Bemühungen etablierte sich der Lehrstuhl im Fach Klavier am Konservatorium in Gorki als einer der renommierten im ganzen Land.

    Berta Maranz unterrichtete mehr als 200 Studenten im Klavierspiel. Zu ihren Schülerinnen und Schülern gehörten die Pianisten Wadim Kozjuba, Juri Murawljow, Mirra Olle, Emil Rossman, die Komponistinn und Komponisten Alexander Bendizki und Ludmila Ljadowa, die Musikkritikerinnen Jekaterina Dobrynina, Marina Sabinina und viele andere. Einige von Maranz‘ Studenten wurden Preisträger internationaler Wettbewerbe (s. http://www.uralconsv.org/sv/history/180----1907-1998)


    Berta Maranz starb am 4. Mai 1998 in Nischni Nowgorod; begraben wurde sie auf Bugrowskoe-Friedhof in Nischni Nowgorod.


    Aus der Ehe von Berta Maranz und Semjon Bendizki gingen zwei Söhne hervor: der Komponist Alexander Semjnowitsch Bendizki (*1932) und der Pianist Igor Semjonowitsch Bendizki (1941-2011).

    Würdigung

    Berta Maranz‘ ausgesprochen produktive Lehrtätigkeit an den Konservatorien in Swerdlowsk und Gorki prägte die Geschichte der sowjetischen/russischen Klavierschule maßgeblich. Es gelang der Pianistin, ein eigenes Lehrkonzept zu etablieren, das es ihren Schülern ermöglichte, den höchsten pianistischen Standards ihrer Zeit zu genügen. Für ihre Lehre waren Bewegungsstrenge, Knappheit und Präzision besonders charakteristisch; sie dienten der vollkommenen Beherrschung des Stils und der Klanggestalt eines jeden Werks.


    Als eine brillante Konzertpianistin war Berta Maranz über 70 Jahre lang auf der Konzertbühne präsent. Sie beherrschte praktisch die ganze klassisch-romantische Klavierliteratur. Im Mittelpunkt ihres Repertoires standen die Werke von Beethoven, Mozart, J. Haydn und Chopin. Maranz trat mit Dirigenten wie Ilia Mussin, Rudolf Barschai, Weronika Dugarowa, Israil Gusman, Mark Pawerman usw. auf. Sie erwies sich auch als exzellente Klavierbegleiterin und Kammermusikerin und musizierte gemeinsam mit den Violinisten David Oistrach, Michail Fichtengolz, dem Cellisten Gerz Zomyk, den Sängerinnen Soja Lodi, Debora Pantofel-Netschetskaja und vielen anderen.


    Berta Maranz erhielt folgende Auszeichnungen:

    Spezialpreis des 2. All-Union-Pianisten-Wettbewerb für die beste Interpretation Beethovens (1937);

    Professur (1947);

    Verdiente Kunstschaffende der RSFSR (1972).

    Rezeption

    Die pianistische und pädagogische Tätigkeit von Berta Maranz sowie ihr persönliches Ansehen waren unbestritten. Als charakteristisch kann die Einschätzung von Maranz‘ Beethoven-Interpretation in der Rezension der Pianistin Natalia Pankowa gelten, die insbesondere "eine Verbindung von Schlichtheit und Subtilität", "Kultur, Geschmack, intellektuelle Breite", "Klarheit und Eleganz" sowie Verzicht auf "alles Erfundene, auf pseudo-romantische Sentimentalität" betonte (zit. nach Lev Grigor'ev, Jakov Platek. Sovremennye pianisty [Die zeitgenössischen Pianisten]. Moskau 1990, S. 36).

    Gleichwohl waren die allgemeine Fokussierung der sowjetischen Kulturideologie auf die Hauptstädte Moskau und Leningrad sowie möglicherweise ihre jüdische Abstammung und die für die Sowjets verdächtige soziale Herkunft der Pianistin aus der reichsten Bürgerschicht des vorrevolutionären Russlands kaum förderlich für Maranz‘ Karriere. Erst in den letzten Jahren zeigt sich eine positive Tendenz, nicht zuletzt dank der Verbreitungswege des Internets, dass dem Wirken Maranz‘ größere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zum 100. Geburtstag von Berta Maranz im Jahr 2007 erschien das Buch "Berta Maranc. Igrat'? Objazatel'no igrat'!" [„Berta Maranz. Spielen? Unbedingt spielen!"] in Nischni Nowgorod.

    Repertoire

    Das Repertoire von Berta Maranz schloss praktisch die ganze klassisch-romantische Klavierliteratur ein, darunter alle Klavierkonzerte und -sonaten von Beethoven, die Klaviersonaten von J. Haydn und W. A. Mozart, die Kompositionen von F. Mendelssohn Bartholdy, F. Liszt, R. Schumann, F. Schubert, die Sonaten und Balladen von F. Chopin, das "Wohltemperierte Klavier" von J. S. Bach sowie etliche Klavierwerke von Anatoli Alexandrow, S. Prokofjew und N. Medtner (Metner).

    Quellen

    Sekundärliteratur


    Lev Grigor'ev, Jakov Platek. Sovremennye pianisty [Die zeitgenössischen Pianisten]. Moskau 1990.


    "Berta Maranc. Igrat'? Objazatel'no igrat'!" [Berta Maranz. Spielen? Unbedingt spielen!"] Nischni Nowgorod 2007.


    Ural'skaja gosudarstvennaja konservatorija im. M. P. Musorgskogo. 75 let istorii [Das staatliche M. P. Mussorgski-Ural-Konservatorium. 75 Jahre der Geschichte]. Jekaterinburg 2009



    Links


    Zum Leben und Schaffen von Berta Maranz:

    http://www.uralconsv.org/sv/history/180----1907-1998 (Russisch)

    Маранц Берта Соломоновна (1907-1998) (Russisch)

    http://www.musica-amata.co.uk/bertamarantz.htm (Englisch)


    Erinnerungen an Berta Maranz:

    Б. С. Маранц в ореоле воспоминаний

    И. Беров. Незабываемая Берта


    Über Berta Maranz' Vater:

    http://cbs.km.ua/?dep=1&dep_up=109&dep_cur=169

    Forschung

    Die Forschung zum Leben und Wirken von Berta Maranz hat gerade erst begonnen; es stehen noch Recherchen aus zu ihrer Biografie und ihrem Schaffen, ebenso umfassende Beschreibungen ihrer Lehrmethode, ihres pianistischen Stils usw.

    Forschungsbedarf

    Es ist notwendig, die Biografie und das Wirken von Berta Maranz zu beschreiben. Besonders wichtig erscheinen Forschungen zu ihrer Herkunft und ihrer Familie, zu ihrer Ausbildung und der Verbindung verschiedener Klavierschulen sowie zu ihrer pianistischen Tätigkeit und ihrem Lehrkonzept.

    Autor/innen

    Marina Lobanova


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 21.08.2014


    Empfohlene Zitierweise

    Marina Lobanova, Artikel „Berta Maranz“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 21.8.2014.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Berta_Maranz