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    von Cornelia Bartsch
    Namen:
    Anna Teichmüller
    Lebensdaten:
    geb. in Göttingen, Deutschland
    gest. in Mittel-Schreiberhau, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Komponistin, Pianistin, Musiklehrerin, Brief-/Gesprächspartnerin
    Charakterisierender Satz:

    „In den letzten Tagen haben wir viel schöne Musik-Gemeinschaft gehabt. Die Tanten sangen und auch ich sang ihnen vor. Noch nie habe ich es so schön und glücklich getroffen wie jetzt, wo sie oft und gern singen u. sehr, sehr schön.“ (Anna Teichmüller aus St. Petersburg an ihre Mutter am 23. November 1886; Nachlass Gustav Teichmüller Universitätsbibliothek Basel)


    Profil

    Beim weitaus größten Teil der heute zugänglichen Werke Anna Teichmüllers handelt es sich um Vokalmusik, darunter 147 Lieder für Singstimme mit Klavierbegleitung, etwa die Hälfte nach Texten von Carl Hauptmann. Ab op. 37 weist das bis dahin beinah lückenlose Werkverzeichnis auch Klavierstücke sowie eine Suite für Violine und Klavier auf. An großformatigen Werken ist nur die Osterkantate (op. 6) überliefert. Weiterhin sind eine Oper – „Nal und Damajanti“, nach einer indischen Sage – und die 1924 uraufgeführte „Missa Poetica“ nachgewiesen.

    Harmonisch erweist sich Anna Teichmüller in der heute von ihr zugänglichen Musik als Spätromantikerin. Die jedoch oft filigrane Klavierbegleitung, die Zwiesprache mit der Gesangsstimme hält, verleiht ihren Liedern zugleich eine impressionistisch anmutende Diktion. Dasselbe gilt für den Einsatz der Harmonik sowie der Begleitfigurationen als Klangfarbe. Ein Teil ihrer überlieferten Lieder sind als „Lieder im Volkston“ zu bezeichnen. Darunter befinden sich auch Kinderlieder, die sie, wie vermutlich ihre nicht überlieferten Märchenspiele, für die Kinder des Schreiberhauer Kinderheims schrieb.

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    Anna Teichmüllers Zugehörigkeit zum Kreis der Schreiberhauer Künstler und Intellektuellen schlägt sich auch in ihren Kompositionen nieder. So wie Carl und Gerhard Hauptmann in ihren Dramen, ließ sie sich nicht nur in der Auswahl ihrer Texte, sondern auch in ihrer musikalischen Diktion von der einfachen Bevölkerung und der sagenumwobenen Natur der sie umgebenden Landschaft inspirieren. Als Textgrundlagen für ihre Lieder bevorzugte sie Naturpoesie unter anderem auch von Hermann Löns oder dem thüringischen Dichter Wolrad Eigenbrodt. Musikalisch kombiniert sie volksliedhafte mit stark expressiven Elementen. Auch die Sagen und die Landschaft ihrer Kindheit wurden für sie zu Inspirationsquellen. So ist aus ihren Briefen aus St. Petersburg überliefert, dass sie die in Estland offenbar populäre indische Sage Nal und Demajanti, die ihrer Oper zugrunde liegt, dort ihrer Großmutter vorlas.

    Obwohl weder ihre Oper noch ihre für das Schreiberhauer Kinderheim komponierten Märchenspiele überliefert sind, lässt sich auch aus Anna Teichmüllers Liedern erkennen, dass die sie umgebenden Dramatiker sie zu szenischem Komponieren anregten. So komponierte sie Liedeinlagen aus Carl Hauptmanns Dramen und übertrug szenisch wirkende Elemente dabei auch auf weitere ihrer Lieder.

    Orte und Länder

    Anna Teichmüllers Hauptwirkungsort war die von Carl und Gustav Hauptmann gegründete Künstlerkolonie Schreiberhau im Riesengebirge. In der estnischen Hafenstadt Dorpat / Tartu wuchs sie auf. Dort sowie in Berlin und Jena erhielt sie ihre musikalische Ausbildung. In St. Petersburg lebte sie als Gesellschafterin bei ihrer Großmutter und ihren Tanten, den Gesangslehrerinnen Olga und Emilie von Cramer, die dort musikalische Gesellschaften gaben.

    Biografie

    Anna Teichmüller wurde am 11. Mai 1861 als erstes Kind ihrer Eltern Anna und Gustav Teichmüller in Göttingen geboren. Ihr Vater war Philosoph (ab 1868 Ordinarius an der Universität in Basel), ihre Mutter entstammte einer deutsch-baltischen Gutsbesitzerfamilie. Als die Mutter nach der Geburt ihrer zweiten Tochter (geb. 1862) in Wochenbett starb, heiratete der Vater ihre jüngere Schwester Lina, geb. v. Cramer, mit der er weitere sieben Kinder hatte. 1871 zog die Familie in die Hansestadt Dorpat/Tartu, wohin der Vater als Extraordinarius an die Universität berufen wurde. Über Anna Teichmüllers musikalische Kindheit und Jugend ist fast nichts überliefert. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Musik ein Erbe der mütterlichen Familie war. Dem letzten Lexikoneintrag von 1955 (vgl. Moser, „Musiklexikon“) zufolge absolvierte Anna Teichmüller ein Musikstudium in Dorpat, Jena und Berlin. In den zahlreichen von ihr überlieferten Briefen an die Familie aus den 1880er und 1890er Jahren erscheint Musik jedoch als eine Beschäftigung unter vielen anderen. Ihr besonderes Interesse galt in dieser Zeit philosophischen und theologischen Fragen. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1888 zog sie mit Mutter und Geschwistern nach Jena. Dort lernte sie 1893 Carl Hauptmann (1858-1928) kennen, der maßgeblich dazu beitrug, dass sich Anna Teichmüller fortan intensiver mit Musik beschäftigte. Der ältere Bruder Gerhard Hauptmanns hatte sich 1889 von seiner Karriere als Naturwissenschaftler abgewendet, um sich ganz der Kunst zu widmen. Er fühlte sich von Anna Teichmüllers Klavierspiel inspiriert und bewegte sie schließlich 1900 dazu, nach Schreiberhau in Schlesien zu ziehen, wo er gemeinsam mit seinem Bruder eine Künstlerkolonie gegründet hatte. In Schreiberhau wandte sich Anna Teichmüller ganz der Musik zu und begann ab 1904 ihre Kompositionen zu publizieren. Sie komponierte etwa 150 Lieder, mehrere Balladen, Chorlieder, eine Kantate, Märchenspiele, eine Oper und eine Messe und arbeitete als Musiklehrerin im Schreiberhauer Kinderheim. Im Alter von 79 Jahren starb Anna Teichmüller in Mittel-Schreiberhau.

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    Obwohl im Nachlass des Vaters zahlreiche Briefe Anna Teichmüllers an ihre Familie überliefert sind, bleibt ihre Biografie lückenhaft. Die größte Lücke bilden die fehlenden Informationen zu ihrer Musikausübung und musikalischen Ausbildung bis zur Schreiberhauer Zeit. Überliefert ist ein Bericht ihrer Stiefmutter Lina, der offenbar dazu diente, Anna Teichmüller und ihrer Schwester ein Bild der früh verstorbenen leiblichen Mutter zu vermitteln. Jene Niederschrift lässt die Annahme zu, dass die Musik ein Erbe der Familie mütterlicherseits gewesen sein könnte. Es gab eine von allen geliebte Tante, die den Kindern Klavierunterricht erteilte und zum Tanz aufspielte. Es wurde gemeinsam gesungen. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Musik im Elternhaus der Mutter Bedeutung hatte, sind zwei weitere ihrer Schwestern, Olga und Emilie von Cramer, die in St. Petersburg lebten, dort musikalische Gesellschaften gaben und wahrscheinlich beide als Gesangslehrerinnen tätig waren. Ab 1884 hielt Anna Teichmüller sich zeitweilig bei ihnen auf und erhielt bei Emilie von Cramer Gesangsunterricht. Auch für die Zeit ihres Aufenthaltes in Berlin im Winter 1887/88 gibt es abgesehen von kurzen Berichten über Gesangsunterricht keine Zeugnisse über eine musikalische Ausbildung. Grund ihres Aufenthaltes war der Schulbesuch ihrer jüngeren Brüder, denen sie in der Großstadt häusliche Geborgenheit bieten sollte. Insgesamt stellt sich Anna Teichmüller in ihren Briefen als Familienmensch, als pflichterfüllte älteste Tochter einer großbürgerlichen Familie dar. In diesem Kontext spielte Musik zwar eine Rolle, im Mittelpunkt stand sie jedoch nicht. Die zentrale Gestalt ihres Lebens vor der Schreiberhauer Zeit war ihr Vater, der mit seiner ältesten Tochter in einem intensiven Austausch über religionsphilosophische Fragen stand. Tatsächlich äußerte Anna Teichmüller später über ihr Leben vor dem Umzug nach Schreiberhau, sie sei „im Reich der Kunst und des Geistes ein wenig umhergeirrt“ und erst Carl Hauptmann habe sie „zur Musik bestimmt“ [Goldstein 1931, S. 78]. Es spricht einiges für die Annahme, dass der Dichter in ihrem Leben eine ähnliche Rolle einnahm wie zuvor ihr Vater. Sie wurde für ihn zur Adressatin seiner im Entstehen begriffenen Werke. Eine geistige Verwandtschaft zwischen Anna Teichmüller und Carl Hauptmann bestand wahrscheinlich aufgrund ähnlicher philosophischer Anschauungen und Fragen, die immer wieder um das Verhältnis von Geist und Materie kreisten und die „Seele“ zum Ausgangspunkt aller Wahrnehmung machten. Sein Biograf Walter Goldstein berichtet, dass Carl Hauptmann Anna Teichmüller mehrfach nach Schreiberhau einlud und in seinen Briefen regelrecht darum warb, dass sie sich dort niederließ. Carl Hauptmann hatte sich kurz vor dem Abschluss seiner Habilitation im Alter von fast vierzig Jahren entschlossen, seine wissenschaftliche Karriere aufzugeben und sich der Dichtung zu widmen. Nach dem ersten großen Erfolg seines jüngeren Bruders Gerhard Hauptmann mit dem Drama „Vor Sonnenaufgang“ geriet er in eine ernste Krise. Zeit seines Lebens sollte er aus dem Schatten seines Bruders nicht heraustreten, und immer wieder waren es Frauen, die ihm durch seine Schaffenskrisen halfen: die Worpsweder Malerin Marie Rohne (1881-1961), die ihre eigene Kunst aufgab, nachdem sie seine zweite Frau geworden war, eine in der Literatur über Carl Hauptmann zumeist namenlos bleibende „Liederbraut“, hinter der sich wahrscheinlich die polnische Philosophie-Studentin Josepha Krzyzanowska verbirgt, und seine erste Frau Martha, geb. Thienemann (1862-1939), die auf seinen Wunsch auch nach der Scheidung in seiner unmittelbaren Nachbarschaft blieb. In der Literatur über Carl Hauptmann erscheint Anna Teichmüller vorrangig als dessen Inspirationsquelle: Sie musste immer in seiner Nähe sein und ihm nötigenfalls auf dem Klavier vorspielen, damit er schreiben konnte. Dennoch hat Anna Teichmüller in Schreiberhau – im Gegensatz etwa zu zahlreichen anderen Frauen um Gerhart und Carl Hauptmann – offenbar ein durchaus eigenständiges Leben als Künstlerin geführt. Hierfür sprechen allein ihre Kompositionen, die sie ab 1904 publizierte. Auch innerhalb des Schreiberhauer Kreises von Künstlern und Intellektuellen fand Anna Teichmüller Anregung für die eigene künstlerische Tätigkeit. Neben Theaterleuten, Literaten und Malern gehörten auch Musiker und Musikerinnen dazu. Gerhart Hauptmanns zweite Frau, die Geigerin Margarete Marschalk (1875-1957) zog vor allem Berliner Musiker nach Schreiberhau, darunter auch ihren Lehrer Joseph Joachim (1831-1907) und ihren Bruder Max Marschalk (1863-1940), der von 1895 bis 1940 als Musikreferent bei der Vossischen Zeitung in Berlin arbeitete. Er leitete den Berliner Musikverlag „Dreililien“, in dem der größte Teil der Werke Anna Teichmüllers erschien. Ihre Märchenspiele komponierte Anna Teichmüller sehr wahrscheinlich für Aufführungen des Schreiberhauer Kinderheims, in dem sie als Musiklehrerin arbeitete. Am Ende ihres Lebens musste sie aus finanziellen Gründen in eine kleine Wohnung über dem Kinderheim ziehen. Ihre letzten Lebensjahre widmete sie dem Nachlass ihres Vaters.

    Würdigung

    Innerhalb eines traditionellen Rahmens hat Anna Teichmüller eine eigene expressive Musiksprache gefunden. Obwohl darüber nichts näheres überliefert ist, dürfte sie für die Schreiberhauer Kinder eine außerordentlich anregende Musiklehrerin gewesen sein. Die szenischen Elemente ihrer Lieder wecken vor allem Neugier auf ihre nicht überlieferte Oper. Anna Teichmüllers künstlerische Eigenständigkeit ist auch im Kontext der Frauen um Carl und Gustav Hauptmann bemerkenswert. Außer ihr gelang es keiner dieser Frauen die eigene künstlerische Arbeit an der Seite der beiden Dichter fortzuführen.

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    Da die meisten der vor 1990 publizierten Informationen und zum Schaffen Anna Teichmüllers im Kontext der Geschichte Carl Hauptmanns stehen, stellen sie ihre Rolle im Leben des Dichters stark in den Vordergrund. So erfährt man, dass sie diesem mit ihrem Klavierspiel quasi zur Verfügung stehen musste, damit er schreiben konnte. Sie selbst konnte dem Hauptmann-Biografen Heinrich Minden zahlreiche Stellen seiner Literatur bezeichnen, die unter dem Einfluss der Musik entstanden waren. Eine erste kursorische Lektüre der an Carl Hauptmann gerichteten Briefe lässt die Vermutung zu, dass sie sich tatsächlich bewusst und aktiv als seine „Muse“ empfand, und den stark von Selbstzweifeln geplagten Dichter immer wieder aufrichtete. Wie das Schicksal der anderen Frauen um die Brüder Carl und Gerhart Hauptmann dokumentiert, war mit dieser Rolle zumeist das Opfer der eigenen künstlerischen Kreativität verbunden: Carl Hauptmanns zweite Frau, die Worpsweder Malerin Marie Rohne gab ihre Karriere ebenso auf, wie Gustav Hauptmanns zweite Frau, die Joachim-Schülerin Margarete Marschalk. Betrachtet man die Biografien der beiden Hauptmann-Brüder noch allgemeiner unter dem Aspekt der „Frauenopfer“, die sie kosteten, so grenzt es an ein Wunder, dass Anna Teichmüller es verstanden hat, ihre Schreiberhauer Umgebung als Inspirationsquelle für sich selbst zu nutzen und einen eigenen künstlerischen Weg zu finden. Ihre im Druck überlieferten Werke legen davon Zeugnis ab.

    Rezeption

    Der erste Aufführungsort der Kompositionen Anna Teichmüllers waren gesellige Zusammenkünfte in Schreiberhau selbst sowie vermutlich auch im benachbarten Agnetendorf, wohin Gustav Hauptmann nach Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Carl gezogen war. Da die Häuser Carl und Gerhart Hauptmanns zahlreiche Künstlerinnen und Künstler nicht nur aus den kulturellen Zentren Berlin und Breslau anzogen, wurde Anna Teichmüller Musik auch über die Grenzen Schreiberhaus hinaus bekannt. Ihre Bekanntschaft mit Berliner Künstlerinnen und Künstlern half ihr dabei, die „Missa poetica“ am 14. April 1824 in der Berliner Garnisonskirche zur Uraufführung zu bringen. Die Aufführung wurde sowohl in der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ als auch in der „Berliner Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ ausführlich besprochen. Weiterhin sind eine Aufführung ihres Ostergesangs op. 6 und eine Wiederholung der Messe in der „großen evangelischen Kirche in Schweidnitz [Swidnica, Niederschlesien, möglicherweise ist die berühmte Friedenskirche gemeint]“ [Kuhnert 1950]. Sehr wahrscheinlich wurden auch weitere Kompositionen Anna Teichmüllers in Berlin aufgeführt. [Vgl. ebda.]

    Zu ihren Lebzeiten war Anna Teichmüller offensichtlich bedeutend genug, um einen Eintrag in Musiklexika zu bekommen (Deutsches Musiker-Lexikon 1929, Moser Musiklexikon 4. Auflage 1955). Im Moser Musiklexikon hält sich der Eintrag bis in die 4. Auflage von 1955. Danach wird Anna Teichmüller in allgemeinen Musiklexika nicht mehr erwähnt. Nur noch in schlesischen Heimatblättern finden sich kurze Nachrufe auf die Komponistin und Musikpädagogin aus dem Schreiberhauer Kreis. In der Literatur zu Carl Hauptmann wird sie als Inspirationsquelle des Dichters dargestellt. Im Rahmen der Ausstellung „Die imposante Landschaft – Künstler und Künstlerkolonien im Riesengebirge im 20. Jahrhundert“ wurde die Komponistin 1999 wiederentdeckt. In diesem Zusammenhang gab es auch erste Beschäftigungen mit ihrer Musik gegeben. Seither sind Lieder Anna Teichmüllers wieder in thematisch konzipierten Konzerten zu hören. In Göttingen wurde ein Platz nach ihr benannt.

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    Im Schreiberhauer Kreis der Künstler und Intellektuellen um Carl und Gerhart Hauptmann waren musikalische Aufführungen Teil einer künstlerisch-intellektuellen Geselligkeit, in der Musik ein Thema unter anderen war. In einer „Milieustudie“ von 1911 heißt es vom Hause Carl Hauptmanns: „Jeder Abend bringt Gäste. Da wird von Naturwissenschaft und Sozialpolitik, von Weltanschauung und Dichtung, von Kunst und Politik geredet. Und wenn dann die Debatte sich dem Ende zuneigt, und die Erholung an die Reihe kommen soll, da setzt sich wohl Anna Teichmüller ans Klavier und Frau Hauptmann singt.“ [Borcherdt 1911, S. 13] Vor allem über Gerhart Hauptmanns zweite Frau, die Geigerin Margarete Marschalk, kamen Musikerinnen und Musiker nach Schreiberhau, für die Musik keineswegs nur „Erholung“ war. Anna Teichmüller lernte bei dieser Gelegenheit ihren Verleger Max Marschalk kennen, der zugleich Musikkritiker war und sich wahrscheinlich auch für die Aufführung ihrer Musik eingesetzt hat. Die „Missa poetica“ wird in der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ sehr kritisch und mit einem deutlich frauenverachtenden Unterton, in der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ dagegen anerkennend besprochen. Eine besondere Art der Rezeption fand Anna Teichmüllers Musik in der Literatur Carl Hauptmanns, die teilweise unter ihrem unmittelbaren Einfluss entstand, ohne dass dies heute allerdings im einzelnen nachweisbar wäre.

    Werkverzeichnis

    „Fünf Gedichte von Carl Hauptmann für eine Singstimme und Klavierbegleitung“ op. 1, Berlin: Helianthus (später Dreililien) 1904


    „Fünf Lieder“ op. 2 für Singstimme und Klavier nach Texten von Carl Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Nikolaus Lenau und Conrad Ferdinand Meyer, Berlin: Helianthus 1904


    „Sechs leichte Lieder“ op. 3 für Singstimme und Klavier, Berlin: Helianthus, 1905


    „Drei Lieder“ op. 4 für Singstimme und Klavier (Texte: Sully Prudhomme und trad., Widmung: Frau Anna Köckritz zu Limburg-Stirum), Berlin: Dreililien 1905


    „Zwei Liebeslieder“ op. 5 für Singstimme und Klavier (Texte: nach dem Indischen und Carl Hauptmann, Widmung: Alwine Horneffer, geb. v. Keller)


    „Ostergesang. Kleine Cantate für Chor und Soli“ op. 6 (Kantate für gemischten Chor, Alt-, Baß-, und Tenor-Solo mit Klavierbegleitung, Text: Carl Hauptmann, Widmung: Eduard Thurneysen, Basel) Berlin: Dreililien 1906


    „Drei Lieder“ op. 7 für Singstimme und Klavier (Texte: Marianne Blaauw und Carl Hauptmann, Widmung: Martha Hauptmann, geb. Thienemann), Berlin: Dreililien, 1906


    „Vier Lieder“ op. 8 für Singstimme und Klavier) Texte: Carl Hauptmann, Nikolaus Lenau, trad., Widmung: Helene Koslowski), Dreililien, 1906


    „Leichte Lieder“ (2. Folge) op. 9 für Singstimme und Klavier (Texte: Carl Hauptmann und trad.) Berlin: Dreililien 1907


    „Mandschurisch“, Ballade für Singstimme und Klavier op. 10 (Text: Grete Ziegler-Bock, Widmung: Otto Mueller), Berlin: Dreililien 1906


    „Der Seelchenbaum“, Kleine Ballade, op. 11 (Text Ferdinand Avenarius, Widmung: „Der allverehrten und geliebten Mutter Hauptmann“), Berlin: Dreililien, 1906


    „Vier Lieder“ op. 12 für Singstimme und Klavier (Texte: Carl Hauptmann, Gottfried Keller, trad., Widmung: Alice Boettcher), Berlin: Dreililien, 1907


    „Zwei Balladen“ op. 13, Berlin: Dreililien, 1907


    „Held Owain“, Schottische Ballade op. 14 für Singstimme und Klavier, Berlin: Dreililien, 1907


    „Fünf Lieder“ op. 15 für Singstimme und Klavier (Text: Carl Hauptmann, Conrad Ferdinand Meyer, H. Hebbel, v. Kolzow, Widmung: Lina Teichmüller, d. J.), Berlin, Dreililien 1907


    „Weihnachtslied“ op. 16 für Singstimme und Klavier (Widmung: Lisbeth Teichmüller geb. Hoffmann) Berlin: Dreililien, 1907


    „Lieder, Kindern gesungen“, op. 17 für Singstimme und Klavier (Texte: Friedrich Zacharias, trad., Wolrad Eigenbrodt, „Ellen, Hansi, Olaf, Fränze, Edda, Wölfchen, Gerda gewidmet“ ), Berlin: Dreililien, 1907


    „Julnacht“ op. 18, für Singstimme und Klavier (Text: F. Hugin, Widmung: Prinzessin Feodora v. Schleswig-Holstein), Berlin, Dreililien, 1907


    „Fünf Lieder“ op. 19 für Singstimme und Klavier (Text: Wolrad Eigenbrodt, F. Zacharias, Widmung: Wolrad Eigenbrodt), Berlin: Dreililien 1910


    „Benedictus“ op. 20, Trio für Sopran, Alt und Bariton mit Klavier oder Orgel (Widmung: Herrmann Büttner), Berlin: Dreililien 1910


    „Abendlied“ op. 21, für Frauenchor/Quartett (Text: Carl Hauptmann), Berlin: Dreililien 1910


    „Waldnacht“ op. 22 für Singstimme mit Cello und Klavier (Widmung: Elisabeth Besser), Berlin: Dreililien o.J.


    „Hymne an die Nacht“ op. 23 für Sopran, Bariton, Cello und Klavier (Text: Carl Hauptmann, Widmung: Marie von Ritter), Berlin: Dreililien 1910


    „Fünf Lieder“ op. 24 für Singstimme und Klavier (Text: C. Hauptmann, Hans Reisiger, Verlain, Paul Dubray, H. Hebbel, Wimdung: Olga v. Cramer), Berlin: Dreililien 1910


    „Drei Lieder“ op. 25 für Singstimme und Klavier (Text: C. Hauptmann, Gottfried Keller, Widmung: Emilie von Cramer), Berlin: Dreililien 1910


    „O Welt, Du Wunder“ op. 26, Terzett für Sopran, Alt und Bariton mit Klavier und Geige (Text: Carl Hauptmann, Widmung Waldemar Lütschg), Berlin: Dreililien 1910


    „Drei Lieder“ op. 27 für Singstimme und Klavier (Text: Alwine v. Keller, Wimdung: „Frau Professor Mendelssohn, geb. v. Cramer zugeeignet“), Berlin: Dreililien 1910


    „Zwei Weihnachtslieder“ op. 31 (Text: Alwine v. Keller, C. Hauptmann), Berlin: Dreililien o.J.


    „Sechs Lieder aus dem kleinen Rosengarten von Hermann Löns“ op. 32 für zwei Singstimmen und Klavier (Widmung: Frau Oberin Lotte Häveker) Schweidnitz: Bergland Verlag


    „Der Mond steigt aufwärts“, op. 33, für Singstimme und Klavier (Text: Sao=Han-Hans Bethge), Berlin: Dreililien, o.J.


    Op. 37 „Variationen über ein eigenes Thema“ (Klavier) Hirschberg: Röbke o.J.


    „Kleine Suite“ op. 41, für Violine und Klavier (Widmung: Ännchen von Oppen, geb. von Rohr), Mittel-Schreiberhau: [Selbstverlag?] O. J.


    „Die georgische Prinzessin“ op. 43, „für Klavier komponiert und meiner georgischen Freundin Irma Freyer gewidmet“, Berlin, Leipzig: Verlagsanstalt deutscher Tonkünstler A.G., 1925


    „Sieben kleine Klavierstücke in leichter Spielart“, op. 44 (Widmung: Vera Rohr geb. von Veltheim) Berlin, Leipzig: Verlagsanstalt deutscher Tonkünstler A.G., 1925


    Weitere 37 Werke mit Opus-Nummern waren nicht auffindbar.



    Nachgewiesen sind weiterhin

    „Missa Poetica“, Messe für Soli, Chor und Orchester (Text: Inge Stach) UA: 14. April 1924 in Berlin, Dir. Arnold Ebel


    „Nel und Demajanti“ Oper (Quelle: Moser Musiklexikon 1955)


    Märchenspiele darunter „Der Froschkönig“ (Quelle: Moser Musiklexikon 1955 und Kuhnert 1950)

    Quellen

    Nach dem Tod Anna Teichmüllers im September 1840 wurde der Nachlass, der auch ihre eigenen Hinterlassenschaften enthielt, in die Obhut Elisabeth Kuhnerts, der Rektorin der Carl Hauptmann-Schule gegeben, die das Land nach der Übernahme Schlesiens durch Polen verlassen musste. Auf dem Dachboden der Schule wurde der Nachlass von dem Arzt Dr. Gerhard Lukaszewicz, dem im selben Haus Wohnung angewiesen worden war, in einem desolaten Zustand entdeckt. Er schrieb an Georg Teichmüllers jüngste Tochter Hertha Brückner-Teichmüller (1881-1949), die in Basel lebte und deren Adresse er beim Nachlass gefunden hatte. Hertha Teichmüller erreichte, dass der Nachlass zunächst in Warschau bei der Schweizer Gesandtschaft in Warschau deponiert wurde. Da sie den Nachlass als Privatperson aus politischen Gründen nicht bekommen konnte, schenkte sie ihn der Universitätsbibliothek Basel, wohin er im Juli 1949 transferiert wurde und wo er bis heute blieb. In der Kriegs- oder wahrscheinlicher der Nachkriegszeit erlitt die Sammlung enorme Verluste, insbesondere was Anna Teichmüllers eigene Werke und Briefe anging, die anscheinend gänzlich verloren gingen bzw. vernichtet wurden, sofern sie nicht im Nachlass des Vaters eingeordnet waren.



    Quellen

    Lina Teichmüller (d. Ä.), „Kindheit“, Nachlass Gustav Teichmüller, Universitätsbibliothek Basel


    Briefe Anna Teichmüllers an ihre Familie, Nachlass Gustav Teichmüller, Universitätsbibliothek Basel


    Briefe Anna Teichmüllers aus den Jahren 1899–1920 an Carl Hauptmann, Nachlass Carl Hauptmann, Akademie der Künste Berlin


    Briefe Anna Teichmüllers aus den Jahren 1900–1904 an Martha Hauptmann, Nachlass Carl Hauptmann/Carl-Hauptmann-Sammlung, Akademie der Künste Berlin sowie Biblioteka Slaska in Katowice


    Briefe Anna Teichmüllers aus den Jahren 1924–1934 an Marie Hauptmann, Nachlass Carl Hauptmann, Akademie der Künste Berlin



    Literatur

    Cornelia Bartsch. „Die Komponistin Anna Teichmüller. Ein Recherchebericht/Szkic z badan nad twórczoscia kompositorki Anny Teichmüller“. In: Die imposante Landschaft. Künstler und Künstlerkolonien im Riesengebirge, Ausstellungskatalog (deutsch/polnisch) hg. v. der Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch e.V. Berlin und dem Museum Okregowe w Jeleniej Górze, Berlin und Jelena Góra/Hirschberg 1999. S. 91-103.


    Johanna Brade. „Die Frauen in den Künstlerkreisen des Riesengebirges (1900﷓1945) – ein Randthema?“ in: Die imposante Landschaft. Künstler und Künstlerkolonien im Riesengebirge, Ausstellungskatalog (deutsch/polnisch) hg. v. der Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch e.V., Berlin und dem Museum Okregowe w Jeleniej Górze, Berlin und Jelena Góra/Hirschberg 1999, S. 205-216.


    Magdalena Malorny. Anna Teichmüller zum 100. Geburtstag, in: Der Schlesier, 13. Jg. Mai 1961, S. 6.


    Ilse Reicke. „Anna Teichmüller zu ihrem 20. Todestag am 6. September 1960“. In: Riesengebirgsbote: Heimatbrief für Schlesier und Sudentendeutsche Nr. 9. 12. Jg. September 1960, S.


    Artikel „Anna Teichmüller“. In: Moser Musiklexikon, 4. erweiterte Auflage Hamburg 1955. Bd. 2.


    Elisabeth Kuhnert. „Anna Teichmüller zum Gedenken“. In: Heimatbrief für Schlesier und Sudetendeutsche Nr. 9. 2. Jg. Mai 1950, S. 3f.


    Artikel „Anna Teichmüller“. In: Deutsches Musiker-Lexikon. Erich H. Müller (Hg.). Dresden: Limpert 1929.


    Paul Schwers. „Anna Teichmüller: Messe“. In: Berliner Allgemeine Musikalische Zeitung. Nr. 16. Jg. 51. S. 23.


    „Missa poetica“ [Kritik über die Uraufführung der Messe in Berlin]. In: Signale für die musikalische Welt. Nr. 17. 82. Jg. April 1924. S. 653.

    mehr zu Quellen weniger zu Quellen

    Heinrich Minden. Carl Hauptmann und das Theater. Kastellaun 1976.


    Anna Stroka. Carl Hauptmanns Werdegang als Denker und Dichter, Traveaux de la Societé de la Science et des Lettres de Wrocław. Wrocław (Breslau) 1965.


    Walter Goldstein. Carl Hauptmann. Ein Lebensbild. Schweidnitz 1931.


    Hans Heinich Borcherdt. In seinem Kreise. Eine Milieustudie, in: Ders., Carl Hauptmann. Er über ihn. München, Leipzig 1911. S. 13.

    Forschung

    Insbesondere hinsichtlich der Musikalien ist die Quellenlage zu Anna Teichmüller lückenhaft. Von den 70 noch im Moser Musiklexikon 1955 erwähnten Werken mit Opuszahlen, sind heute nur etwa die Hälfte auffindbar, die meisten davon in der Berliner Staatsbibliothek. Die nicht im Druck erschienenen Werke wie die Missa Poetica und auch die Oper Nal und Demajanti sind nicht überliefert. Dasselbe gilt für alle Musikautografe Anna Teichmüllers. Biografische Quellen sind in verschiedenen Archiven zugänglich. Für die 1880er und 1890er Jahre sind zahlreiche Briefe Anna Teichmüllers im Nachlass des Vaters in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel überliefert. Quellen für die Schreiberhauer Zeit sind neben den im Druck erschienenen Carl-Hauptmann-Biografien fast 200 im Nachlass Carl Hauptmanns überlieferte Briefe Anna Teichmüllers an den Dichter selbst sowie zahlreiche Briefe an seine erste und zweite Frau Martha Hauptmann, geb. Thienemann und Marie Hauptmann, geb. Rohne. Aus bislang ungeklärten Gründen wurde der Nachlass getrennt. Der größere Teil wurde von Marie Hauptmann zu Beginn der 60er Jahre der Akademie der Künste Berlin (damals DDR) übereignet und gehört bis heute zu deren Beständen. Ein ebenfalls umfangreicher Teil befindet sich in der Handschriftenabteilung der Schlesischen Biblioteka Slaska in Katowice, Polen. Zu dem hier aufbewahrten Teil des Nachlasses gehören zahlreiche Briefe Anna Teichmüllers an Martha Hauptmann aus den Jahren 1900–1904. Interessant ist vermutlich auch die Sichtung der Tagebücher Carl Hauptmanns aus der Zeit, in der Anna Teichmüller in Schreiberhau lebte. Bis auf den Band der Jahre 1896/97, der ebenfalls in Katowice aufbewahrt wird, befinden sich dieser Bände der Akademie der Künste, Berlin.

    Forschungsbedarf

    Die biografischen Quellen sind bislang nur einer ersten Sichtung unterzogen worden. Ihre intensive Aufarbeitung steht noch aus und dürfte Informationen über die wechselseitige Beeinflussung von Carl Hauptmann und Anna Teichmüller zutage fördern. Diese gehört zu den vermutlich besonders interessanten Forschungsdesideraten im Zusammenhang mit Anna Teichmüller. Auch die weitergehende Beschäftigung mit Anna Teichmüllers veröffentlichter Musik ist noch als Forschungsdesiderat zu bezeichnen.

    Neben einer intensiveren Beschäftigung mit den bisher zugänglichen Quellen wäre das Auffinden und die Erschließung weiterer Quellen wünschenswert. Insbesondere fehlen bislang genauere Informationen über Anna Teichmüllers musikalische Ausbildung sowie über das familiäre Musikleben vor der Schreiberhauer Zeit. Um weitere Quellen und eventuell auch Musikautografe sowie die verschollenen Werke zu finden, wäre es nützlich, Nachfahren der Familien Teichmüller und von Cramer zu finden, in deren Besitz sich Anna Teichmüllers eigener Nachlass erhalten haben könnte.

    Ein weiteres Desiderat betrifft Aufführungen der Musik Anna Teichmüllers in den kulturellen Zentren Berlin und Breslau sowie deren Rezeption. Hierzu müssten systematisch die zeitgenössischen Musikzeitschriften durchgesehen werden.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 64779147
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 117253286

    Autor/innen

    Cornelia Bartsch


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann und Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 18.10.2006
    Zuletzt bearbeitet am 27.10.2011


    Empfohlene Zitierweise

    Cornelia Bartsch, Artikel „Anna Teichmüller“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 27.10.2011
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Anna_Teichmüller