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    von Marion Brück
    Namen:
    Alma Rosé
    Ehename: Alma Maria van Leeuven Boomkamp-Rosé
    Lebensdaten:
    geb. in Wien,
    gest. in Konzentrationslager Auschwitz,

    Alma Rosé starb in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1944. Die Angaben in der Literatur weichen voneinander ab, bei Richard Newman (mit Karen Kirtley. Alma Rosé. Wien 1906 – Auschwitz 1944, S. 382) ist der 5. April, vor dem Morgengrauen, festgehalten
    Tätigkeitsfelder:
    Geigerin, Dirigentin
    Charakterisierender Satz:

    „Alma war eine große Künstlerin. Sobald sie ihre Geige zur Hand nahm, war man verzaubert. Sie hat mich viele Dinge gelehrt und vor allem, und dafür werde ich ihr für immer dankbar sein, gelang es mir manchmal zu vergessen, daß ich mich in der Hölle befand, dank der Konzentration, die Alma forderte, damit die ,“Musik‘„ unsere einzige Herrin sei. Denn für Alma zählte nichts außer der ,“Musik‘„, und das verlangte den Respekt aller und selbst der SS.“

    Hélène Scheps, zit. n. Wolfgang Wendel, „Váša Příhoda, Arnold und Alma Rosé“. In: Meister des Bogens (s. Literatur) S. [11].


    Profil

    Alma Rosé entstammte einer Familie, die eine herausragende Stellung im Wiener Musikleben inne hatte. Auf der Geige ausgebildet von ihrem Vater Arnold Rosé und von Otakar Ševčik, gab sie 1926 ihr Konzertdebüt in Wien. Mit der Gründung der „Wiener Walzermädeln“, einem von ihr geleiteten Damenorchester, das sich der gehobenen Salonmusik widmete, beschritt Alma Rosé seit 1932 einen künstlerisch neuen, selbständigen Weg, bis die Besetzung„“ Österreichs durch deutsche Truppen 1938 ihre Karriere beendete. Da sie als Jüdin von der nationalsozialistischen Verfolgung bedroht war, emigrierte Alma Rosé zunächst gemeinsam mit ihrem Vater nach London, lebte dann seit November 1939 in den Niederlanden, wo sie in illegalen Privatkonzerten mit vielen namhaften Musikern konzertierte. 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort zur Leiterin des Frauenorchesters bestimmt. Nach Aussagen von Überlebenden rettete sie vielen der Musikerinnen das Leben.

    Orte und Länder

    Alma Rosé lebte bis zu ihrer Heirat in ihrer Geburtsstadt Wien und während ihrer Ehe mit Váša Příhoda von 1930 bis 1934 in Záryby an der Elbe nordöstlich von Prag. Nach der Trennung von ihrem Mann zog sie wieder nach Wien. Konzertreisen führten sie u.a. durch Polen und Frankreich, nach Berlin, Kopenhagen und Stockholm. Im März 1939 emigrierte sie nach London, nahm aber im November ein Engagement in den Niederlanden an, wo sie zuletzt in Utrecht lebte. Ihr im Dezember 1942 unternommener Versuch, in die Schweiz zu fliehen, endete mit ihrer Verhaftung in Frankreich. Vom Internierungslager Drancy wurde Alma Rosé im Juli 1943 nach Auschwitz deportiert.

    Biografie

    Alma Rosé wurde am 3. November 1906 in Wien geboren. Ihr Vater Arnold Rosé (* 24. Oktober 1863 in Jassy/Rumänien als Arnold Rosenblum, + 25. August 1946 London) war seit 1881 Konzertmeister der Wiener Philharmoniker und mit Justine Mahler (15. Dezember 1868 - 22. August 1938), der mit ihrem Bruder eng verbundenen Schwester Gustav Mahlers, verheiratet. Sowohl Arnold als auch Justine entstammten jüdischen Familien, hatten sich aber christlich taufen lassen (nach R. Newman mit Karen Kirtley. Alma Rosé. Wien 1906 - Auschwitz 1944, S. 29: Arnold ev., Justine kath.). Arnolds Bruder Eduard Rosé (* 29. März 1859 Jassy , + 24. Januar 1943 KZ Theresienstadt) war Cellist und mit Emma Mahler, einer weiteren Schwester Gustavs verheiratet. Zu Ehren von Gustav Mahlers Frau Alma Mahler tauften die Rosés ihre Tochter auf den Namen Alma Maria. Durch ihre prominente Stellung im Wiener Musikleben stand die Familie Rosé in Kontakt zu vielen namhaften Musikern. In einem Autographenbuch Alma Rosés (zit. n. R. Newman mit Karen Kirtley. Alma Rosé. Wien 1906 - Auschwitz 1944, S. 52; heute Privatbesitz, Kopien in „Gustav Mahler – Alfred Rosé Collection“ / University of Western Ontario), das sie seit 1916 führte, haben sich u.a. der Dirigent Felix Weingartner, Arnold Schönberg, die Geigerin und Jugendfreundin Alma Rosés Erica Morini (1904-1995), Richard Strauss, Bruno Walter und Leo Slezak eingetragen.

    Seit ihrem sechsten Lebensjahr erhielt Alma Rosé von ihrem Vater Violinunterricht und studierte vermutlich seit 1921 an der Wiener Musikakademie bei Otakar Ševčik (1852-1934). Ihr erstes öffentliches Konzert gab Alma am 29. Juni 1922 im Kurhaus von Bad Ischl zusammen mit ihrem Vater und ihrem Bruder Alfred (* 11. Dezember 1902 - + 1995, Dirigent, Pianist, Komponist). Ihr eigentliches Debüt erfolgte dann in Wien am 16. Dezember 1926 im Großen Musikvereinssaal. Auf dem Programm standen Ludwig van Beethovens Romanze F-Dur, das Doppelkonzert d-Moll von Johann Sebastian Bach, in dem ihr Vater den zweiten Solopart spielte, und Peter I. Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur.

    1927 lernte Alma Rosé den tschechischen Geiger Váša Příhoda (1900 - 1960) kennen, den sie 1930 heiratete. Das Paar wohnte in Záryby an der Elbe in der Nähe von Prag und unternahm gemeinsame Konzertreisen nach Polen, Frankreich, Italien und Deutschland. Alma Rosé spielte damals bereits eine Guadagnini-Violine von 1757, die sie von ihrem Vater übernommen hatte.

    1932, noch vor der Trennung von ihrem Mann, schlug Alma Rosé einen neuen künstlerischen Weg ein und gründete in Wien die „Wiener Walzermädeln“, ein nur mit Frauen besetztes Kammerorchester. Die „Walzermädeln“ knüpften an die Tradition der besonders seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Tanzlokalen und Caféhäusern beliebten Damenkapellen an, spielten aber neben Walzern und populären Operettenmelodien auch anspruchsvolleres Repertoire wie z.B. Orchestermusik von Franz Schubert und Antonín Dvořák. Die Besetzung wechselte, auf Abbildungen sieht man neun bis vierzehn Musikerinnen (Abb. bei R. Newman mit Karen Kirtley. Alma Rosé. Wien 1906 - Auschwitz 1944). Das Kernensemble scheint zwei Flügel, Harfe, Violoncello und Violinen umfasst zu haben, später gehörten auch Bratsche, Kontrabass und eine Sängerin dazu. Alma Rosé leitete das Orchester als Stehgeigerin. Wie sich Karoline Rostal, die bis zu ihrer Heirat mit dem Geiger Max Rostal Ensemblemitglied war, in einem Interview mit Richard Newman im Jahr 1986 erinnerte, forderte Alma Rosé größtmögliche Perfektion in ihrem Ensemble (R. Newman mit Karen Kirtley. Alma Rosé. Wien 1906 - Auschwitz 1944, S. 83). Dazu gehörten auch die ausgesuchten Kostüme und eine sorgfältig geplante Choreographie der Auftritte. Konzerttourneen führten das Orchester nach Frankreich, in die Schweiz und Niederlande, nach Dänemark, Schweden, Polen, Ungarn und in die Tschechoslowakei.

    1935 zerbrach die Ehe mit Příhoda, im Oktober 1936 erfolgte die amtliche Scheidung, Alma Rosé lebte wieder in Wien. Die Besetzung Österreichs durch deutsche Truppen„“ im März 1938 hatte unmittelbar ein Auftrittsverbot für jüdische Künstler zur Folge. Die „Walzermädeln“ wurden von der Reichskulturkammer aufgelöst, Arnold Rosé wurde ohne Pensionsansprüche aus dem Orchester der Wiener Philharmoniker entlassen. Nur dank einer von Carl Flesch (1873 – 1944) für Arnold Rosé initiierten Sammlung brachten Alma Rosé und ihr Vater – die Mutter war im August 1938 gestorben – die für die Flucht nötigen finanziellen Mittel auf und gelangten im März bzw. Mai 1939 auf getrennten Wegen nach London. Almas Bruder Alfred war mit seiner Frau bereits im September 1938 in die USA emigriert.


    In London blieb die finanzielle Lage von Alma Rosé und ihrem Vater kritisch, da Asylsuchende mit einem Auftrittsverbot belegt waren. Arnold Rosé konnte lediglich einige Privatkonzerte mit seinem wiedergegründeten Rosé-Quartett bestreiten, in dem Alma in dieser Zeit die zweite Geige spielte. Als sich ihr daher ein Engagement in Amsterdam bot, flog Alma Rosé am 26. November 1939 in die Niederlande. In der trügerischen Hoffnung auf die Neutralität der Niederlande ließ sie ihre auf fünf Monate befristete Rückkehrerlaubnis nach England verfallen, spielte u.a. bei Konzerten in Radio Hilversum und unternahm kleine Tourneen durch das Land. Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande war ihr die Rückreise nach England versperrt, sie sicherte ihren Lebensunterhalt seit Januar 1941 durch die Mitwirkung bei zahlreichen illegalen Konzerten, die in Opposition zur offiziellen Kulturpolitik in Privathäusern veranstaltet wurden. Alma Rosés Kammermusikpartner waren dabei der Komponist und Pianist Johan Wagenaar, Rutger Schoute, Paul Frenkel, James H. Simon, Johannes Röntgen und der ungarische Komponist und Pianist Geza Frid. Darüber hinaus spielte sie in einem Streichquartett von Amateurmusikern mit dem Arzt Leonard Berend Willem Jongkees, seinem Vater Willem Jongkees und dem Physiker J. Jaap Groen. Ihre Ausreisebemühungen in die USA scheiterten an Quotenregelungen, auch der Plan einer Emigration nach Kuba zerschlug sich. Im März 1942 ging Alma Rosé eine Scheinehe mit dem nicht-jüdischen Constant August van Leeuwen Boomkamp ein, die sie bei einer ersten Verhaftung rettete. Im August 1942 versuchte sie zu fliehen, wurde in Frankreich verhaftet und in das Internierungslager Drancy bei Paris gebracht. Von hier wurde Alma Rosé am 18. Juli 1943 nach Auschwitz deportiert.


    Bei ihrer Ankunft war sie zunächst für medizinische Versuche bestimmt, wurde jedoch, als man sie erkannte, dem Frauenorchester im Lager Auschwitz-Birkenau als neue Dirigentin zugeteilt. Das Orchester war erst im April 1943 durch die Oberaufseherin Maria Mandel gegründet worden und bislang von der Polin Sofia Czajkowska geleitet worden. Seine Aufgaben entsprachen denjenigen der Männerkapellen: das Spielen beim Auszug der Gefangenen zur Arbeit und bei ihrer Rückkehr, wobei der Takt der Musik das Marschtempo der Häftlinge vorgab. Weiter hatte das Orchester beim Appell und Konzerte für die Lageraufseher zu spielen.

    Alma Rosé vermochte die Qualität des Ensembles in kurzer Zeit zu steigern, wobei ihr sicher ihre Erfahrungen als Kapellmeisterin der „Walzermädeln“ von Nutzen waren. Sie fertigte auf das heterogene Ensemble zugeschnittene Arrangements an und ließ Schreibkräfte für die einzelnen Instrumente die Stimmen kopieren. Das Orchester umfasste im Oktober 1943 Violinen, Gitarren, Mandolinen, einige Blasinstrumente, zwei Akkordeons, ein Violoncello und einen Kontrabass. Das Repertoire bestand aus über 200 Stücken, neben Märschen, Operettenmelodien auch Bearbeitungen von Opernarien und klassischen Stücken von Mozart und Brahms.

    Die Probenarbeit und die Konzerte dauerten zusammen oft bis zu zwölf Stunden am Tag. Aus der Überzeugung heraus, dass eine gute Leistung ihre Musikerinnen vor dem Tod in der Gaskammer bewahrte, leitete Alma Rosé (so weit wir durch Zeugen wissen) das Ensemble mit großer Strenge und wohl ohne unnötige Härte. Fania Fénelon, damals als Sängerin Mitglied des Orchesters, hat Alma Rosé in ihrem Buch „Das Mädchenorchester in Auschwitz“ als herrische Person dargestellt. Dem haben jedoch andere Überlebende wie die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, Helena Dunicz-Niwinska oder Violette Jacquet einstimmig widersprochen. (s. Gabriele Knapp. Das Frauenorchester in Auschwitz, bes. S. 167 ff.; Wolfgang Wendel. Váša Příhoda, Arnold und Alma Rosé. In: Meister des Bogens, S. [8] ff.) Sie schilderten Alma Rosé als charismatische Persönlichkeit, der auch die SS mit Respekt begegnete. Für ihre Musikerinnen erwirkte Alma Rosé einige kleine Vergünstigungen: Anders als im übrigen Lager gab es im „Musikblock“ einen Ofen und für jede Frau ein eigenes Schlaflager, angesichts der permanenten Überbelegung des Frauenlagers ein besonderes Privileg. Die Musikerinnen durften regelmäßig die Waschräume benutzen und ihre Kleidung häufiger wechseln. Alma Rosé nahm bevorzugt jüdische Mädchen in das Orchester auf und rettete ihnen dadurch oft das Leben. Durch die intensive Orchesterarbeit vermittelte sie den Musikerinnen inmitten des täglichen Grauens einen lebensnotwendigen Rest an Menschenwürde. Während das ganze System der Konzentrationslager auf die Vereinzelung der Gefangenen abzielte, bildeten die Musikerinnen eine Gemeinschaft. Hélène Scheps betonte im Interview, sie werde Alma Rosé immer dankbar sein dafür, dass es ihr im Orchester manchmal gelungen sei „zu vergessen, dass ich mich in der Hölle befand, dank der Konzentration, die Alma forderte, damit die ,Musik‘ unsere einzige Herrin sei“ (Wolfgang Wendel. Váša Příhoda, Arnold und Alma Rosé. In: Meister des Bogens, o.S. [S. 11]). Manchmal spielte Alma Rosé Konzerte nur für ihre Mitgefangenen.

    Alma Rosé starb am 5. April 1944, die genauen Umstände sind nicht geklärt, zum Teil widersprechen sich die Zeugenaussagen. Vermutlich erlag Alma Rosé den Folgen einer Lebensmittelvergiftung.

    Würdigung

    Alma Rosé stellte ihr Talent zum Dirigieren bereits als Kapellmeisterin der „Walzermädeln“ unter Beweis. Als charismatische Leiterin des Frauenorchesters in Auschwitz spornte Alma Rosé ihre Musikerinnen zu Höchstleistungen an, erwarb sich den Respekt der Lageraufseher und rettete so nach Überzeugung von Überlebenden vielen Musikerinnen das Leben.

    Eine Beurteilung von Alma Rosés geigerischer Begabung aus heutiger Sicht ist schwierig, ihre Karriere stand lange im Schatten ihres Vaters und im dem ihres berühmten Ehemannes. Die zeitgenössischen Kritiken sind zurückhaltend und durch das frühe und gewaltsame Ende ihrer Karriere ist nur eine Tonaufnahme bekannt, in der sie gemeinsam mit ihrem Vater das Doppelkonzert von J.S. Bach spielt.

    Im Beiheft zu dieser Aufnahme urteilt Wolfgang Wendel: „Wir [können] mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Geigerin sprechen, bei der Musikalität, Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Musik, Disziplin und überdurchschnittliches technisches Potential in glücklicher Balance zueinander standen.“ (Wolfgang Wendel. Váša Příhoda, Arnold und Alma Rosé. In: Meister des Bogens, S. [24])

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    Alma Rosé stand als Geigerin lange im Schatten ihres Vaters und ihres berühmten Ehemannes. Die Kritiken aus der Anfangszeit ihrer Solokarriere sind, selbst wenn Alma Rosé nicht unmittelbar mit ihrem Vater oder Příhoda verglichen wird, überwiegend sehr verhalten. In den „Signalen für die musikalische Welt“, 88. Jg., Nr. 45 (1930), urteilte der Rezensent über ein Konzert in Berlin: „Sie ist eine gute Musikerin, die weiß was sie will und frisch und energisch anpackt, aber es geht dennoch geistig und seelisch nicht allzuviel von ihrem Spiel aus. Auch um das Manuelle ist es trotz unleugbarer geigerischer Begabung noch nicht zum besten bestellt.“

    Größerer Erfolg war Alma Rosé mit den „Walzermädeln“ beschieden, und in den Niederlanden erlangte sie durch ihre intensive Pflege der Kammermusik künstlerische Reife. Ihr Wunsch, sich nach dem Krieg ganz der Kammermusik zu widmen, ging nicht in Erfüllung, und die Tragik ihres Schicksals war, dass der Höhepunkt ihrer künstlerischen Entwicklung zusammenfiel mit dem tiefsten Elend ihrer Gefangenschaft im Konzentrationslager. In Auschwitz spielte sie oft solo in Konzerten für die Lageraufseher, aber auch für Mitgefangene. Helena Dunicz-Niwinska, Überlebende des Frauenorchesters Auschwitz, schildert Alma Rosé als „große Künstlerin und Violinistin“: „Die Momente, wenn sie mit Solostücken auftrat, erschienen für [sic!] uns wie das Übertreten in eine andere Welt“ (zit. n. W. Wendel, in Begleitheft zur CD, S. [8]). Alma Rosés Erfahrungen als Kapellmeisterin der „Walzermädeln“ waren ihr in Auschwitz von großem Nutzen bei der Anfertigung der für das Lagerorchester notwendigen Arrangements. Bei den Proben wird Alma Rosé als streng und unerbittlich, aber gerecht geschildert. Durch ihre charismatische Persönlichkeit gelang es ihr, die Leistung des Ensembles deutlich zu steigern und sich den Respekt der SS zu erwerben. Die Musik gab Alma Rosé Halt, und dies vermittelte sie auch ihren Musikerinnen. „Es ist kaum zu ermessen, was Alma für das Orchester bedeutet hat.“ (Silvia Wagenberg, zit. n. Gabriele Knapp. Das Frauenorchester in Auschwitz. Musikalische Zwangsarbeit und ihre Bewältigung. 1996. S. 85)

    Rezeption

    Bei ihrer Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz wurde Alma Rosé als Geigerin und Tochter Arnold Rosés erkannt. Dies zeigt, dass sie zu dieser Zeit in Mitteleuropa durchaus einen gewissen Ruhm erlangt hatte, auch wenn ihre Solokarriere und zeitgenössische Rezeption durch die nationalsozialistische Verfolgung vorzeitig beendet worden waren.

    Nach ihrem Tod geriet sie jedoch fast vollständig in Vergessenheit. Im Riemann-Musiklexikon von 1951 wird Alma Rosé nicht genannt, die Musikenzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ (Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Hg. v. Friedrich Blume. Bd. 11. Kassel u.a.: Bärenreiter 1963) erwähnt sie als Tochter Arnold Rosés ohne Hinweis auf ihr Exil und ihren Tod im Konzentrationslager.

    Erst Fania Fénelons Buch „Das Mädchenorchester in Auschwitz“, dessen französische Originalausgabe 1976 erschien, weckte das Interesse auch an der Person Alma Rosé. Das Buch, das 1980/81 ins Deutsche übersetzt wurde und bis heute zahlreiche Neuauflagen erlebte, wurde Grundlage des Films „Playing for Time“ (Drehbuch von Arthur Miller, 1980) mit Vanessa Redgrave in der Rolle von Fania Fénelon und Jane Alexander als Alma Rosé. Fania Fénelons romanhafte Darstellung, in der Alma Rosé sehr negativ geschildert wird, zog eine Reihe von Veröffentlichungen nach sich, in denen das Bild Alma Rosés korrigiert wurde. Eine ausführliche Kritik auf Grund von Befragungen vieler Zeitzeuginnen unternahm Gabriele Knapp in ihrer Dissertation „Das Frauenorchester in Auschwitz. Musikalische Zwangsarbeit und ihre Bewältigung“ (Hamburg: von Bockel Verlag, 1996, s. Literatur). Richard Newman wertete für seine grundlegende Biografie erstmals den Nachlass von Almas Bruder Alfred Rosé aus und führte viele Interviews mit Zeitzeugen (Richard Newman. Alma Rosé. Vienna to Auschwitz. Portland, OR: Amadeus Press, 2000; dt. Übers. 2003, s. Literatur). Im Rahmen einer CD-Editionsreihe zu Váša Příhoda legte Wolfgang Wendel 1998 die Aufnahme des Bach-Doppelkonzerts mit einem ausführlichen Booklet vor. 1999 drehte Michel Daëron den Dokumentarfilm „La Chaconne d'Auschwitz“ über das Frauenorchester, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde und im Oktober 2000 auch im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde.

    Am 16. September 2006 wurde im Theater Krefeld/Mönchengladbach die Oper „Das Frauenorchester von Auschwitz“ von Stefan Heucke uraufgeführt, deren Libretto auf Fania Fénelons Buch basiert, aber auch Anregungen Anita Lasker-Wallfischs und Gabriele Knapps einbezieht.

    Repertoire

    Wie aus den bekannten Konzertanzeigen und -kritiken ersichtlich ist, spielte Alma Rosé in der Zeit ihrer Solokarriere bis etwa 1932 das damals übliche Repertoire mit den großen Violinkonzerten von Mendelssohn und Tschaikowsky, virtuosen Stücken von Sarasate und Wienawski. Immer wieder stand Johann Sebastian Bachs Konzert für zwei Violinen und Streicher d-Moll auf ihren Programmen (gemeinsam mit Arnold Rosé oder mit Váša Příhoda). Mit ihren „Walzermädeln“ spielte sie vor allem Walzer und populäre Operettenmelodien, aber auch Orchestermusik von Franz Schubert und Antonín Dvořák. Fester Programmpunkt war ein Arrangement aus Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ von Příhoda. Für die Hauskonzerte während ihres Aufenthaltes in den Niederlanden erarbeitete sie sich klassische Kammermusik, darunter Beethovens „Kreutzersonate“ und Violinsonaten von Brahms, Ravel und Franck. In Auschwitz äußerte sie, sich im Falle ihrer Befreiung ganz der Kammermusik widmen zu wollen.

    Quellen

    Dokumente


    University of Western Ontario: The Gustav Mahler-Alfred Rosé Collection, ca. 800 Artikel [2 Mikrofilm-Rollen].


    Mc Clatchie, Stephen. The Gustav Mahler-Alfred Rosé Collection at the University of Western Ontario: an inventory. [ o.O.]() 1996


    Tellegen-Archiv im Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam



    Sekundärliteratur und gedruckte Quellen


    Bejarano, Esther / Birgit Gärtner. Wir leben trotzdem. Esther Bejarano - vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden. Hg. vom Auschwitzkomitee in der Bundesrepublik. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2004.


    Fénelon, Fania. Das Mädchenorchester in Auschwitz. Aus dem Französischen von Sigi Loritz, Frankfurt am Main: Röderberg, 1980. [dass. München: dtv, 17. Auflage, 2005].


    Grossert, Werner. Carla und Sylvia Wagenberg. Zwei Dessauer jüdische Mädchen im „Mädchenorchester“ des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Eine Dokumentation. (= Die Dessauer Chronik : Sonderheft ). Dessau-Roßlau: Funk Verlag Bernhard Hein e.K., [2007].


    Kaufmann, Dorothea. Die Musikerin in der deutschen Tanz- und Unterhaltungsmusik von der Reichsgründung 1871 bis in die Nazizeit am Beispiel der Damenkapellen. Unveröff. Examensarbeit im Fach Musik an der Universität Oldenburg, 1986.


    Kaufmann, Dorothea. „...routinierte Trommlerin gesucht“. Musikerin in einer Damenkapelle. Zum Bild eines vergessenen Frauenberufes aus der Kaiserzeit. (= Schriften zur Popularmusikforschung. Hg. v. Helmut Rösing. Bd. 3). Karben: Coda 1997.


    Knapp, Gabriele. Das Frauenorchester in Auschwitz. Musikalische Zwangsarbeit und ihre Bewältigung. (= Musik im „Dritten Reich“ und im Exil. Schriftenreihe hg. v. Hanns-Werner Heister und Peter Petersen. Bd. 2). Hamburg: von Bockel Verlag, 1996.


    Knapp, Gabriele: Alma Rosé. In: Lebenswege von Musikerinnen im „Dritten Reich” und im Exil. Arbeitsgruppe Exilmusik am Musikwissenschaftlichen Institut der Universtität Hamburg (Hg.) (= Musik im „Dritten Reich“ und im Exil. Schriftenreihe hg. v. Hanns-Werner Heister und Peter Petersen. Bd. 8). Hamburg: von Bockel, 2000. S. 199-225.


    Knapp, Gabriele. Musizieren als Überlebenshilfe: Das Frauenorchester in Auschwitz. In: Feministische Studien, Bd. 14 (1996). H. 1, S. 25-35.


    Lasker-Wallfisch, Anita. Ihr sollt die Wahrheit erben. Breslau – Auschwitz – Bergen-Belsen. Bonn: Weidle, 1997.


    Licht, Rainer: Warten – Widerstehen – Untertauchen. Musiker-Exil in den Niederlanden. In: Musik im Exil. Folgen des Nazismus für die internationale Musikkultur. Hanns-Werner Heister, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.). Frankfurt / M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1993, S. 235-254.


    Mc Clatchie, Stephen. The Gustav Mahler–Alfred Rosé Collection at the University of Western Ontario. In: Notes. Quaterly journal of the Music Library Association. Bd. 52. H. 2 (1995/96), S. 385-406.


    Newman, Richard mit Karen Kirtley. Alma Rosé. Vienna to Auschwitz. Portland, OR: Amadeus Press, 2000 (dt. Übers.: Newman, Richard mit Karen Kirtley. Alma Rosé. Wien 1906 – Auschwitz 1944. Mit einem Vorwort von Anita Lasker-Walfisch. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Schlüter. Bonn: Weidle 2003; Neuausgabe Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2005).


    Petersen, Peter: „Musik im Exil“. In: Österreichische Musikzeitschrift. Jg. 60, H. 3, 2005, S. 29-35.


    Potter, Tully. „The last Flowering of old Vienna”. In: The Strad. Bd. 105 (1994), S. 232-236.


    Raab Hansen, Jutta. NS-verfolgte Musiker in England. Spuren deutscher und österreichischer Flüchtlinge in der britischen Musikkultur. Hamburg: von Bockel Verlag 1996.


    Vratislavský, Jan: Váša Přihoda. Prag – Bratislava: Supraphon 1970.


    Wendel, Wolfgang. „Arnold Rosé, Alma Rosé, Váša Příhoda: Das Schicksal von drei bedeutenden Musikern in der Nazizeit“. In: Das Orchester. Zeitschrift für Orchesterkultur- und Rundfunk-Chorwesen, Jg. 47, H. 4 (1999), S. 2-7.


    Wendel, Wolfgang. Váša Příhoda, Arnold und Alma Rosé. In: Meister des Bogens: Váša Příhoda, Alma Rosé, Arnold Rosé. Dokumentation eines Jahrhundert-Dramas, Wolfgang Wendel (Hg.), Karlsruhe: Podium, 1998 (CD-Booklet).



    Links


    http://www.exil-archiv.de

    Alma Maria Rosé. In: Exil Archiv. Virtuelles Zentrum der verfolgten Künste zur Förderung demokratischer Kultur. Ein Internetangebot der Else Lasker-Schüler-Stiftung – Wuppertal

    http://www.exil-archiv.de/html/biografien/index_biografien.htm, (15.10.2008)


    http://www.lexm.uni-hamburg.de

    Peter Petersen, Sophie Fetthauer. Alma Rosé. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit. Ab 2005 an der Universität Hamburg herausgegeben von Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer.

    http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00001140 (2006, aktualisiert am 5. Mai 2008) oder http://cmslib.rrz.uni-hamburg.de:6292/object/lexm_lexmperson_00001140 (10.11.08)


    http://www.lib.uwo.ca/music/gmar.html

    Mahler-Rosé Collection der University of Western Ontario:


    http://www.niod.nl/

    Tellegen – Archiv im Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam



    http://www.arlindo-correia.com/141203.html

    Rezensionen von: R. Newman. Alma Rosé. Wien 1906 - Auschwitz 1994 mit Bildmaterial.


    http://www.musicteachers.co.uk/journal/2000-08_laskerwallfisch_1.html

    Rezension von: R. Newman. Alma Rosé. Wien 1906 - Auschwitz 1994.

    mit einem Interview mit Anita Lasker-Wallfisch


    http://www.podium-wendel.de/Musiker___Co/Interpreten/PODIUM-Interpreten/Rose__Alma/rose__alma.html

    CD-Label, u.a. mit historischen Aufnahmen; Schwerpunkt bislang Váša Příhoda, Rosé-Quartett und Alma Rosé; ausführliche Begleittexte auch auf der Homepage


    http://www.heucke-stefan.de/html/frauenorchester.html

    Homepage von Stefan Heucke, dem Komponisten der Oper „Das Frauenorchester von Auschwitz“ (2006)

    Forschung

    Beginnend mit Fania Fénelon haben in jüngerer Zeit mehrere Überlebende des Frauenorchesters ihre Erinnerungen niedergeschrieben. Auf wissenschaftlicher Seite werden diese Darstellungen ergänzt besonders durch die Publikationen von Gabriele Knapp (s.Lit.), so dass Alma Rosés Zeit in Auschwitz relativ gut dokumentiert ist. Über Alma Rosés Leben bis 1942 informiert am ausführlichsten Richard Newman, der v.a. Dokumente der Gustav Mahler–Alfred Rosé Collection der University of Western Ontario ausgewertet und viele Zeitzeugen befragt hat. Weitere Dokumente befinden sich im „Tellegen- Archiv“ im NIOD Amsterdam (Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam).

    Forschungsbedarf

    Für eine genauere Beurteilung der Geigerin Alma Rosé wäre die Aufarbeitung weiterer Quellen zu ihrer Konzerttätigkeit von 1926 bis 1942 von großem Nutzen. Eine nähere Erforschung der Rezeptionsgeschichte der „Wiener Walzermädeln“ wird dadurch erschwert, dass sich Berichte in Musikzeitschriften in der Regel auf die Hochkultur beschränken. Zu Alma Rosés Privatkonzerten in den Niederlanden gibt es möglicherweise noch Unterlagen im „Tellegen – Archiv“ im ROD Amsterdam. Auf der Grundlage der einzigen erhaltenen Tonaufnahme ist eine abschließende Würdigung der Geigerin Alma Rosé nur in Ansätzen möglich

    Normdaten

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    Library of Congress (LCCN): nr95011401
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Marion Brück, November 2008

    Übersetzung: Trevor Pichanick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 20.05.2009
    Zuletzt bearbeitet am 12.06.2015


    Empfohlene Zitierweise

    Marion Brück, Artikel „Alma Rosé“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 12.6.2015
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Alma_Rosé