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  • Agnese Schebest

    von Martina Rebmann
    Agnese Schebest. Farbige Miniatur (fotografiert), signiert von Carl Hartmann 1836.
    Namen:
    Agnese Schebest
    Ehename: Agnese Schebest-Strauß
    Varianten: Agnese Schebeste, Agnese Schebesta
    Lebensdaten:
    geb. in Wien,
    gest. in Stuttgart,
    Tätigkeitsfelder:
    Sängerin, Schauspielerin, Gesangslehrerin, Schriftstellerin, Pädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „[...] in jeder Lage steht ihr eine erstaunenswürdige Virtuosität zu Gebote. Herrlich ist ihr Melisma, wunderbar ihr messa di voce; ergreifend ihr Portamento, gewaltig ihr Triller.“


    (Gustav Schilling in einer Konzertkritik in der „Neuen Zeitschrift für Musik“, Bd. 6, Nr. 11, 7. Februar 1837, S. 45)


    Profil

    Agnese Schebest gehört zu den berühmtesten Sängerinnen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die damals aktuelle zeitgenössische Musik der italienischen Oper (Komponisten wie Gioacchino Rossini, Vincenzo Bellini und Gaëtano Donizetti dominierten das Repertoire) bot mit ihren virtuosen, wirkungsvollen Gesangspartien und Rollen vielfältige Möglichkeiten für Sängerinnen. Schebest besaß eine hohe und auf Geläufigkeit geschulte Stimme, die virtuose Passagen mühelos bewältigte. Ihr gelang es, das Publikum zu nicht gekannten Begeisterungsstürmen mitzureißen.

    Orte und Länder

    Agnese Schebests erster Wirkungsort war in Theresienstadt (heute Terezín) bei Prag, wo sie bereits als Kind öffentlich in der Kirche sang. Zur Ausbildung ging sie nach Dresden, wo sie auch debütierte. Nach erfolgreichen Gastspielen in Berlin und Leipzig nahm sie im Frühjahr 1832 eine Einladung an die Bühne in Pest an, wo sie dann bis 1836 unter Vertrag stand. Bereits während des Aufenthaltes in Pest unternahm Schebest 1834 und 1835 Gastspielreisen nach Wien, Dresden und Graz. Da diese erfolgreich verliefen, nahm sie nach dem Ende des Pester Engagements keine feste Stelle mehr an, sondern war als reisende Sängerin in verschiedenen Teilen Europas tätig, u.a. in Berlin, Bologna, Bremen, Breslau, Danzig, Göttingen, Graz, Hannover, Karlsruhe, Kassel, Königsberg, Lemberg, Mainz, München, Nürnberg, Paris, Posen, Riga, Schwerin, Straßburg, Stuttgart, Triest, Venedig, Warschau, Weimar, Wiesbaden und Zürich. Nach ihrer Heirat beendete sie ihre Karriere als Sängerin und lebte bis zu ihrem Tod 1870 in Stuttgart.

    Biografie

    Agnese Schebest wurde am 15. Februar 1813 in Wien geboren. Die Familie zog wegen eines beruflichen Wechsels des Vaters bald nach Prag um. Nach dessen frühem Tod erhielt die Familie eine Wohnmöglichkeit in Theresienstadt bei Prag, wo sie in ärmlichen Verhältnissen lebte. Nach der Entdeckung ihrer Singstimme erhielt Agnese Schebest ersten Gesangsunterricht unentgeltlich beim sächsischen Kammersänger Johann Aloys Miksch (1765-1845) – dem berühmtesten Gesangslehrer der Zeit – in Dresden, Schauspielunterricht erteilte ihr die aus der Weimarer Theatertradition Goethes stammende Schauspielerin Friederike Werdy. Agnese Schebest gab 1830 ihr Operndebüt als Benjamin in Étienne-Nicolas Méhuls „Joseph und seine Brüder“ (in deutscher Sprache) an der Dresdner Hofbühne. Daraufhin bekam sie dort eine Anstellung, wodurch sie finanziell für ihre Familie sorgen konnte. Miksch studierte auch weiterhin mit ihr die zu diesem Zeitpunkt in Dresden benötigten Partien ein, darunter Agathe (Carl Maria von Weber, „Freischütz“) und Emmeline (Joseph Weigl, „Schweizerfamilie“).

    Laut Kontrakt war Schebest, wie es üblich war, auch zum Schauspiel verpflichtet, doch da sie fürchtete, dass die Stimmausbildung unter den Sprechrollen leiden könnte (vgl. A. Schebest. Aus dem Leben einer Künstlerin. Stuttgart 1857 [=ihre Autobiografie], S. 51), kündigte sie den Dresdner Vertrag. Nach erfolgreichen Gastspielen in Berlin und Leipzig nahm sie im Frühjahr 1832 eine Einladung an die Bühne in Pest (heute Budapest) an. Der erste Auftritt dort verlief so glänzend, dass ihr sofort eine feste und ausgezeichnet dotierte Stelle angeboten wurde.

    Mehr als vier Jahre blieb Schebest in Pest, wo sie sich intensiv mit der italienischen Oper beschäftigte und ihre größten Triumphe als Norma in Bellinis gleichnamiger Oper, als Rosine im „Barbiere di Siviglia“ von Rossini und in der Titelrolle von Beethovens „Fidelio“ feierte. Eine besondere Spezialität von ihr wurde die Darstellung von Liebhabern und Helden wie Otello in Rossinis gleichnamiger Oper oder besonders des Romeo in „I Capuleti ed i Montecchi“ von Bellini, eine Partie, die neben der Medea in der gleichnamigen Oper von Luigi Cherubini eine ihrer glänzendsten Rollen wurde.

    Bereits während des Aufenthaltes in Pest hatte Schebest in den Jahren 1834 und 1835 Gastspielreisen nach Wien, Dresden und Graz unternommen. Dabei war sie so erfolgreich, dass sie nach dem Ende des Pester Engagements keine feste Stelle mehr annahm, sondern als reisende Sängerin in eigener Kutsche und in Begleitung ihrer Schwester an verschiedenen Bühnen in verschiedenen Teilen Europas gastierte und triumphale Erfolge feiern konnte. In den 1830er Jahren galt sie mit Wilhelmine Schröder-Devrient , Maria Malibran und Angelica Catalani als eine der berühmtesten Sängerinnen in Europa. Besonders verehrt wurde sie aufgrund ihres lebendigen, dramatischen Spiels.

    Nach dem Abschied von der Bühne (ihr letzter Auftritt fand im Juni 1842 in Karlsruhe statt) heiratete sie 1842 den Theologen und Schriftsteller David Friedrich Strauß (1808-1874). Die Eheleute, die zwei Kinder hatten, Georgine und Fritz, trennten sich bald wieder. Wie es der damaligen Rechtslage entsprach, kamen die Kinder in die Obhut des Vaters.

    Agnese Schebest kehrte nicht mehr an die Opernbühne zurück, da ihre Stimme bereits jetzt deutlich nachließ. So lebte sie als Musiklehrerin in Stuttgart, schrieb ihre Autobiografie und das Lehrwerk „Rede und Geberde“. Am 22. Januar 1870 starb sie in Stuttgart.

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    Kindheit und Ausbildung

    Agnese Schebest ist am 15. Februar 1813 in Wien geboren, doch schon bald zog die Familie um nach Prag. Schebests Mutter, Rosalie Schebest, geb. Ulrich (1778-1845), wurde früh Witwe – der Vater (Vorname unbekannt, † 1816) stammte aus Böhmen, war K.K. Oberminenführer und erlitt bei einer Explosion tödliche Verletzungen. So zog die Mutter mit den beiden kleinen Kindern Agnese und Nina (1815-1848) in die Festung Theresienstadt (heute Terezìn), wo sie freie Wohnung und eine kleine Pension erhielt. Die Kindheits- und Jugendjahre hat Agnese Schebest nach eigenem Bekenntnis in ärmlichen Verhältnissen verbracht. Schon früh durfte sie bei Aufführungen in der Kirche solistisch singen, wo ein griechischer Fürst, der in der Festung interniert war, auf sie aufmerksam wurde und dringend zur Ausbildung als Sängerin riet. Ersten Gesangsunterricht erhielt Schebest mit 12 Jahren unentgeltlich bei Johann Aloys Miksch (1765-1845) in Dresden, der u. a. auch der Lehrer der neun Jahre älteren Wilhelmine Schröder-Devrient war. Die gründliche Ausbildung in Dresden umfasste dazu Schauspielunterricht, den die Darstellerin Friederike Werdy erteilte. Mit 15 Jahren sang Schebest im Chor der Dresdner Hofoper.


    Erste Anstellung

    Im Alter von 17 Jahren gab Agnese Schebest ihr Operndebüt als Benjamin in Méhuls Oper „Joseph und seine Brüder“ an der Dresdner Hofbühne. Daraufhin erhielt sie dort eine Anstellung, die ihr die Möglichkeit verschaffte, finanziell für ihre Familie – Schwester, Mutter und Großmutter – zu sorgen und diese nach Dresden zu holen. Dort nahm sie selbst weiterhin Unterricht bei Miksch und studierte mit ihm die zu diesem Zeitpunkt in Dresden benötigten Rollen der Irma (Daniel François Esprit Auber, „Maurer und Schlosser“), Agathe (Carl Maria von Weber, „Freischütz“), Emmeline (Joseph Weigl, „Schweizerfamilie“), der Oberpriesterin (Gaspare Spontini, „Vestalin“ und der Myrrha (Peter von Winter, „Opferfest“) ein. Die schauspielerische Begabung, die sich hierbei zeigte, führte dazu, dass Agnese Schebest von 1831 an auch in reinen Sprechrollen auftrat, wozu sie durch ihren Vertrag auch verpflichtet war. Doch war die junge Künstlerin damit bald unzufrieden, da sie befürchtete, dass die weitere Ausbildung der Stimme unter diesen Sprechrollen leiden könnte. So kündigte sie den Dresdner Kontrakt, bei dem sie zum Schluss ein Jahresgehalt von 1.000 Talern erhalten hatte, absolvierte erfolgreich Gastspiele in Berlin und Leipzig und nahm im Frühjahr 1832 eine Einladung an die Bühne der ungarischen Hauptstadt Pest an. Der erste Auftritt dort verlief so glänzend, dass ihr sofort eine feste und ausgezeichnet dotierte Stelle angeboten wurde. Bis 1836, also mehr als vier Jahre, blieb Agnese Schebest in Pest, und in diese Zeit fällt nun die intensive Beschäftigung mit der italienischen Oper – insbesondere mit den Werken von Bellini und Rossini – und damit die Vorbereitung für ihre größten Triumphe. Durchschlagende Erfolge hatte sie als Norma in Bellinis gleichnamiger Oper, als Rosine im „Barbier von Sevilla (in deutscher Sprache) von Rossini, aber auch in der Titelrolle in Ludwig van Beethovens „Fidelio“. Doch eine besondere Spezialität von ihr war die Darstellung von Liebhabern und Helden wie Otello in Rossinis gleichnamiger Oper oder besonders des Romeo in „I Capuleti ed i Montecchi“ von Bellini, eine Partie, die neben der Medea (in deutscher Sprache) in der gleichnamigen Oper von Luigi Cherubini ihre glänzendste Rolle wurde. Als glühend liebender Jüngling muss sie durch ihre schlanke Gestalt und ihre edlen Gesichtszüge sehr beeindruckend gewesen sein.

    Die Stimme der Schebest hatte einen Umfang von g bis c’’’ und war vom Timbre her eine Mezzosopranstimme. Besonders die „seelenvollen Mitteltöne“ und der tiefe Glockenklang der Stimme, der offenbar gut zu den vorwiegend heroischen Rollen der Sängerin passte, wurden gerühmt (vgl. Rudolf Krauß. Stuttgarter Hoftheater. Stuttgart 1908, S. 189).

    „[...] in jeder Lage steht ihr eine erstaunenswürdige Virtuosität zu Gebote. Herrlich ist ihr Melisma, wunderbar ihr messa di voce; ergreifend ihr Portamento, gewaltig ihr Triller“, schrieb der Stuttgarter Musikkritiker Gustav Schilling 1837 in einem enthusiastischen Artikel in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ (Bd. 6, Nr. 11, 7. Februar 1837, S. 45) und hob dabei vor allem ihr dramatisches Spiel als fesselnd und als dasjenige hervor, was ihr Auftreten so einzigartig mache.


    Reisende Sängerin

    Bereits während des Aufenthaltes in Pest hatte Agnese Schebest mehrere Gastspielreisen unternommen, 1834 nach Wien sowie 1835 nach Dresden und Graz. Dabei war sie so erfolgreich gewesen, dass sie nach dem Ende des Pester Engagements 1836 keine feste Stelle mehr annahm, sondern Einladungen an verschiedene Bühnen in ganz Europa folgte und fast überall triumphale Erfolge feierte. Sie tauschte also das feste Engagement gegen ein unstetes Wanderleben als reisende Sängerin, das finanziell aufwändig, mühsam und bisweilen auch gefährlich war. Damit wich ihr Leben stark von der Norm für bürgerliche Frauen um die Mitte des 19. Jahrhunderts ab, die Heirat und Kindererziehung sowie die Haushaltsführung vorsah, jedoch keinen Beruf, bei dem eine Frau unabhängig und selbstbestimmt reiste und sich ihren Lebensunterhalt selbst verdiente.

    Über die Strapazen, die für eine reisende Frau beträchtlich gewesen sein müssen, hat offenbar auch ihr Sendungsbewusstsein für die Kunst hinweggeholfen, das sich an vielen Stellen der Autobiografie von Agnese Schebest, jedoch vor allem auch in ihrer zweiten Buchveröffentlichung, „Rede und Geberde“ (1861), einem Lehrwerk für künftige Bühnendarstellerinnen und -darsteller, äußert.

    Bis zu ihrer Heirat 1842, also in den folgenden fünf Jahren, trat sie auf zahlreichen Bühnen auf, u. a. in Berlin, Bologna, Breslau, Danzig, Göttingen, Hannover, Karlsruhe, Königsberg, Lemberg, München, Nürnberg, Paris, Riga, Schwerin, Straßburg, Stuttgart, Triest, Venedig, Warschau, Weimar und Zürich. In vielen dieser Städte wurde Schebest außerordentlich bewundert, und sie hatte viele Verehrer, die ihr auch Heiratsanträge machten.

    In den Jahren 1838 und 1839 war Agnese Schebest monatelang krank und konnte während dieser Phase überhaupt nicht singen. In dieser Zeit hielt sie sich vorwiegend in Paris und Venedig auf (vgl. A. Schebest. Aus dem Leben, S. 199ff.), wo sie mit Luigi Cherubini, Sigismund Neukomm und Giacomo Meyerbeer Bekanntschaft schloss. Die ernste Krankheit führte wohl dazu, dass die Sängerin den Gedanken nach einer erneuten festen Anstellung, etwa in Stuttgart um 1842, nicht ausschloss und einer Eheschließung näher trat. Denn wie sie in ihrer Autobiografie selbst aussprach, hatte sie sich eine Familie gewünscht, und sie sehnte sich nach einem „gemüthlichen, sorgenlosen Zusammenleben mit den Meinen“ (A. Schebest. Aus dem Leben, S. 303), was sie als reisende Sängerin nicht hätte verwirklichen können.


    Eheschließung und Karriereende

    Bei Auftritten an der Oper in Stuttgart, für die Agnese Schebest seit Ende 1837 immer wieder verpflichtet wurde, lernte die Sängerin den Theologen und Schriftsteller David Friedrich Strauß kennen, der enthusiastische Gedichte auf sie verfasste. Seinem Werben gab Agnes Schebest nach, und im Sommer 1842 heiratete das Paar – er war 34 Jahre alt, sie 29. Mit der Rolle der Norma beendete die Sängerin im Juli 1842 in Karlsruhe ihre Karriere (vgl. eine kurze Notiz in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, Nr. 30, 27. Juli 1842, Sp. 598.) An dem Ort, an dem sie ihre größten Triumphe feierte, traf sie die Entscheidung, von der Bühne abzugehen. Nach der Eheschließung bewohnte das Paar ein villenartiges, schön gelegenes Haus, genannt das Schlösschen, bei Sontheim, einem Ort mit damals etwa 1.000 Einwohnern in der Nähe von Heilbronn. [Heutiges Deutschordensschlösschen

    http://de.wikipedia.org/wiki/Sommerhaus_des_Deutschordens_Heilbronn_(Sontheim)]

    Für beide Ehepartner begann damit ein völlig neues Leben. Die Sängerin, die als unabhängige Frau und reisende Künstlerin jahrelang in Gasthäusern und angemieteten Wohnungen – häufig ohne eigene Küche und versorgt von Personal – gelebt hatte, musste sich nun der Haushaltsführung widmen, die für sie in großen Teilen völlig neu war. Offenbar aufgrund der nunmehr veränderten Lebensweise hatte David Friedrich Strauß keine schriftstellerische Inspiration mehr und fühlte sich eingeengt. Er dichtete Verse auf die Geburt seiner beiden Kinder Georgine und Fritz, die 1843 und 1845 zur Welt kamen, doch langweilte er sich in der Abgeschiedenheit in Sontheim noch mehr als seine Frau. Immer öfter kam es zu Eifersuchtsszenen und Streit. Die Entfremdung der Eheleute führte 1847 zur Trennung, die Ehe wurde jedoch nicht geschieden, denn Agnese Schebest verweigerte dazu ihre Zustimmung.

    Bei dem Schritt in die Ehe spielte eventuell der Aspekt der Versorgung durch eine Heirat eine Rolle – im Vergleich zu der völlig ungesicherten Existenz als reisende Sängerin, ohne längerfristigen Vertrag oder Absicherung im Alter und bei Krankheit. Daneben bemerkte ein Kritiker auch bereits die Abnahme der stimmlichen Qualitäten bei der noch nicht 30-Jährigen (vgl. z. B. Bemerkungen eines Rezensenten nach Auftritten Agnese Schebests in Weimar, „Allgemeine musikalische Zeitung“, Nr. 37, 9. September 1840, Sp. 768). Jedoch war es sicher in erster Linie der Konvention geschuldet, dass Agnese Schebest mit der Verheiratung von der Bühne abging – im Gegensatz zu anderen Sängerinnen des 19. Jahrhunderts, die auch nach ihrer Verheiratung weiterhin auf der Bühne tätig waren. Agnese Schebest selbst hatte in ihrer Autobiografie auf Künstlerinnen hingewiesen, die durch Ehe und Mutterschaft noch bessere Sängerinnen geworden seien (S. 179), aber diese Möglichkeit kam für das Ehepaar Strauß-Schebest offenbar nicht in Frage.

    Im musikalischen Freundeskreis ihres Mannes spielte Agnese Schebest eine wichtige Rolle als Lied- oder Ariensängerin im privaten Kreis (vgl. Martina Rebmann. „Das Lied, das du mir jüngst gesungen...“ – Studien zum Sololied. Frankfurt am Main u.a., 2002, S. 191f.).

    Nach der Trennung musste Agnese Schebest 1849 auch noch ihre beiden Kinder, die zunächst bei ihr lebten, an ihren Mann abgeben, der dies rechtlich durchsetzen konnte. Dies war ein harter Schicksalsschlag für sie. Nach der Trennung baute sie sich wieder eine eigene Existenz auf: Sie lebte als Gesangs- und Schauspiellehrerin in Stuttgart, wo sie auch ihre Autobiografie verfasste, die 1857 erschien und im Erzählen genau da aufhörte, wo auch ihre Bühnenkarriere endete. 1870 starb Agnese Schebest in Stuttgart im Alter von 57 Jahren. Sie wurde auf dem Hoppenlau-Friedhof in Stuttgart beerdigt, wo ihr Grab noch heute zu besuchen ist (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Hoppenlaufriedhof).

    Würdigung

    Agnese Schebest besaß eine Stimme, die jahrelang durch den Dresdner Lehrer Johann Alois Miksch geschult worden war. Dies bildete die Basis für eine große sängerische Karriere, die Agnese Schebest zu einer der international bekanntesten Künstlerinnen ihrer Zeit machte. Enthusiastische Artikel über ihre Auftritte auf der Opernbühne vermitteln einen Eindruck von ihrer Stimme und ihrer Gesangskunst.

    Dazu trat ihr schauspielerisches Talent, das ihr half, die Rollen, die sie auf der Bühne spielte, wahrhaft und lebensecht zu verkörpern. Ihr dramatisches Spiel fesselte das Publikum und machte ihren Bühnenauftritt einzigartig für ihre Mitmenschen. So wurde auch besonders hervorgehoben, dass Agnese Schebest als Emmeline in der „Schweizerfamilie“ von Weigl bei einem Auftritt am Theater in Pest ein schlichtes Kleid ohne die üblichen Schleifen und Bänder trug und allein durch ihre Darstellung, nicht durch ein aufwändiges und kostbares Bühnenkostüm wirkte (vgl. Kohut. Die Gesangsköniginnen in den letzten drei Jahrhunderten, S. 203). Dies war deshalb erwähnenswert, weil es damals üblich war, dass Sängerinnen selbst für ihre Kostüme sorgen mussten, so dass aufwändige oder schlichte Kleidung im Ermessen der einzelnen Sängerin stand.


    Sie überzeugte so sehr in ihren Rollen, dass z. B. Giacomo Meyerbeer die Rolle der Valentine aus seiner Oper „Die Hugenotten“ für Agnese Schebest umschrieb, wie ihr Schüler Anton Schott berichtete (vgl. Schott, Anton. Hie Welf! Hie Waibling! Streitfragen auf dem Gebiete des Gesanges vom Standpunkt eines singenden Darstellers. Berlin 1904, S. 7). Gleichwohl hat Schebest die Rolle der Valentine nie gesungen, denn als sie in Paris war und mit Meyerbeer bekannt wurde, war sie so krank, dass sie mehrere Monate lang nicht singen konnte (vgl. Autobiografie, S. 202: „Herr Meyerbeer hatte die Güte, die Parthie der Valentine, die ich in der großen Oper singen sollte, gänzlich für meine Stimme einzurichten und ich verdanke nun seiner Güte nebst jenen sorgsamen Abänderungen, sogar auch den Clavierauszug genannter Oper, ohne dass ich nur jemals durch eine Execution dieser Parthie ihm meine Dankbarkeit beweisen konnte.“)


    Als Lehrerin hatte Schebest weiterhin die Möglichkeit, nicht nur die Stimmen ihren Schülerinnen und Schülern auszubilden, sondern ihnen auch dramatisches Spiel zu vermitteln. Davon legt ihre gedruckte Schrift „Rede und Geberde“, eine Anleitung für angehende Bühnenkünstlerinnen und -künstler in der Deklamation und Schauspielkunst, Zeugnis ab. Das Buch umfasst 400 Seiten und erschien mit 30 Abbildungen nach den Vorgaben der Verfasserin. Sogar nach ihrem Tod noch erschien eine zweite Auflage davon (s. Bibliografie). Agnese Schebest wollte damit dem Mangel abhelfen, dass es zwar Opernhäuser und Theater genug gebe, aber keine Schulen, die für den Bühnennachwuchs notwendig seien. Nicht nur an diese Gruppe richtete sich Agnese Schebest jedoch, sondern auch an die „bürgerliche Frau, [den] Laien wie [den] Kunstjünger“, und sie gestaltete ihre Unterweisung in Gesprächsform, „um die Trockenheit eines Lehrbuches zu vermeiden“ (a.a.O., S. 3).

    Besonders ein Schüler von ihr, Anton Schott, den sie zum Heldentenor ausgebildet hatte, machte in der Folge als Interpret Wagnerscher Opernrollen Karriere.

    Rezeption

    Eine kritische Auseinandersetzung mit Sängerinnenbiografien steht noch am Beginn. Doch findet Agnese Schebest heute in der Regionalmusikforschung wie auch in der Genderforschung bereits eine erste Würdigung (s. Sekundärliteratur). Dies wurde natürlich durch die erste wissenschaftliche Rezeption mit der Veröffentlichung von Originaltexten von Sängerinnen durch Eva Rieger und Monica Steegmann angeregt und eingeleitet (s. Bibliographie).

    Weitere Fragestellungen wie die Rolle Agnese Schebests für das Werk Meyerbeers oder auch die von Anton Schott begründete Wagner-Tradition sind noch nicht erforscht.

    Werkverzeichnis

    Schriften


    Schebest, Agnese. Aus dem Leben einer Künstlerin. Stuttgart: Ebner & Seubert, 1857 [Neuausgabe in Auszügen in: Rieger, Eva; Steegmann, Monica (Hg.). Göttliche Stimmen. Lebensberichte berühmter Sängerinnen. Von Elisabeth Mara bis Maria Callas. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 2002. Kapitel „Ich prangte auf Pfeifenköpfen und Zuckerwerk. Agnese Schebest 1813-1870“. S. [74]-[123] sowie in Rieger, Eva: Frau und Musik. 2. Aufl. Kassel: Furore, 1990. S. 63-74].


    Schebest, Agnese. Rede und Geberde. Studien über mündlichen Vortrag und plastischen Ausdruck. Leipzig: Abel, [1861]; eine weitere Aufl. erschien im selben Verlag [1895].



    Kompositionen


    Von Agnese Schebest sind bislang keine Kompositionen oder Bearbeitungen von Werken bekannt, die sie während ihres Bühnenlebens gesungen hätte und die sich in schriftlicher Form erhalten hätten.

    Repertoire

    Opernrollen

    (Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)


    Benjamin in „Joseph und seine Brüder“ von Nicolas-Etienne Méhul

    Irma in „Maurer und Schlosser“ von Daniel François Esprit Auber

    Agathe im „Freischütz“ von Carl Maria von Weber

    Emmeline in der „Schweizerfamilie“ von Joseph Weigl

    Oberpriesterin in der „Vestalin“ von Gaspare Spontini

    Myrrha im „Opferfest“ von Peter von Winter

    Norma in „Norma” von Vincenzo Bellini

    Rosine im „Barbier von Sevilla” (in deutscher Sprache) von Gioacchino Rossini

    Leonore in „Fidelio” von Ludwig van Beethoven

    Otello in „Otello” von Gioacchino Rossini

    Romeo in „I Capuleti ed i Montecchi” von Vincenzo Bellini

    Medea in „Medea” (in deutscher Sprache) von Luigi Cherubini

    Quellen

    Sekundärliteratur (chronologisch)


    [anonym]. Agnese Schebest in Karlsruhe. Eine Kunst-Abhandlung. Karlsruhe: Hasper, 1837


    [anonym], „Vermischtes: Agnes Schebest“. In: Neue Zeitschrift für Musik. Jg. 11. 1842. S. 128.


    Fétis, François-Joseph. „Schebst ou Schebest (Agnés)“. in: Fétis, François-Joseph. Biographie Universelle des Musiciens. Bd. 7. Paris 1875. S. 413.


    H. T. „Aus Berlin“ [Korrespondenzartikel]. In: Neue Zeitschrift für Musik. Jg. 9. 1840. S. 83.


    Heusler, Irma (Hg.). Bilder aus dem Leben der Familien Strauß-Heusler in Gedichten, Briefen und Prosa näher erläutert (1837-1874). Dillenburg: Selbstverlag, 1968.


    Höslinger, C. „Schebest Agnese, verehelichte Strauß“. In: Österreichisches biographisches Lexikon 1815-1950. Österreichische Akademie der Wissenschaften (Hg.). Bd. 10. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1994. S. 55-56.


    Kohut, Adolph. Die Gesangsköniginnen in den letzten drei Jahrhunderten. Kapitel: Agnese Schebest. Berlin: Kuhz, [1905]. S. 197-220.


    Krauss, Rudolf. Das Stuttgarter Hoftheater von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Stuttgart: Metzler, 1908.


    Kutsch, K. J./Riemens, L. „Schebest, Agnes“. In: Kutsch, K. J./Riemens, L. (Hg.), Großes Sängerlexikon. 3., erweiterte Aufl., Bd. 4. Bern/München: Saur, 1997. S. 3084-3085.


    La Roi-Frey, Karin de. Frauenleben im Biedermeier. Leinfelden-Echterdingen: DRW, 1998. S. [73]-98.


    Mendel, Hermann. „Schebest, Agnes“. In: Musikalisches Conversations-Lexikon. Begr. von Hermann Mendel (Hg.). Bd. 9. Berlin: Verlag von Robert Oppenheim, 1878. S. 87.


    Rebmann, Martina. „Luise Adolpha Le Beau, Lebenserinnerungen einer Komponistin. Gestaltete Biographie – geformte Erinnerung“. In: Musik in Baden-Württemberg, Jahrbuch. Gabriele Busch-Salmen u.a. (Hg.). München: Strube, 2007. S. 49-71.


    Rebmann, Martina. „'…hat Jüngling und Greis erschüttert'. Die Sängerin Agnese Schebest (1813-1870) in Stuttgart“. In: Kongressbericht Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Rebecca Grotjahn, Dörte Schmidt, Thomas Seedorf (Hgg.), Stuttgart 2005. [Druck in Vorbereitung].


    Rebmann, Martina. „Das Lied, das du mir jüngst gesungen...“ – Studien zum Sololied in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Württemberg. Quellen – Funktion – Analyse. Frankfurt am Main u.a.: Lang, 2002.


    Rieger, Eva: Frau und Musik. 2. Aufl. Kassel: Furore, 1990. S. 63-74.


    Rieger, Eva, Steegmann, Monica (Hg.). Göttliche Stimmen. Lebensberichte berühmter Sängerinnen. Von Elisabeth Mara bis Maria Callas. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 2002. [Besonders: Einleitung und Kapitel „Ich prangte auf Pfeifenköpfen und Zuckerwerk. Agnese Schebest 1813-1870“.] S. [74]-[123].


    Schilling, Gustav. „Agnes Schebest. Eine Charakteristik“. In: Neue Zeitschrift für Musik. Jg. 6. 1837. S. 45-46, 48-49.


    Schilling, Gustav, „Schebest, Agnes“. In: Schilling, Gustav. Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, oder Universal-Lexikon der Tonkunst. Bd. 6. Stuttgart: Köhler, 1840. S. 176-178.


    Schott, Anton. „Hie Welf! Hie Waibling! Streitfragen auf dem Gebiete des Gesanges vom Standpunkt eines singenden Darstellers“. Berlin: Goldschmidt, 1904.


    Walter, Karl. „Die Sängerin Agnese Schebest-Strauß und ihre Straßburger Freunde“. In: Elsaß-Lothringisches Jahrbuch. Bd. 17. 1938. S. 184-194.


    Welti, Heinrich. „Schebest: Agnese S.“. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften (Hg.), Leipzig 1890. Bd. 30. S. 651-653.


    (Lexikonartikel wurden nur aufgenommen, wenn sie wesentlich sind und/oder weitergehende Literaturangaben bieten)



    Links


    http://www.frauenwiki.de/index.php/Agnese_Schebest

    http://www.peter-hug.ch/lexikon/schebest/14_0417?q=22.+Dez.

    http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=114314

    Forschung

    Ein Nachlass ließ sich bislang nicht ermitteln. Die Quellen zu Agnese Schebest (Briefe und andere Dokumente) liegen verstreut in folgenden Archiven und Bibliotheken, doch scheint ein großer Teil verschollen oder noch nicht wieder aufgefunden zu sein.


    Frankfurt am Main, Freies Deutsches Hochstift

    Frankfurt am Main, Universitätsbibliothek

    Kiel, Institut für Literaturwissenschaft der Universität Kiel

    Leipzig, Stadtgeschichtliches Museum

    Marbach, Deutsches Literaturarchiv / Schiller-Nationalmuseum

    München, Bayerische Staatsbibliothek

    Stuttgart, Stadtarchiv

    Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek

    Tübingen, Universitätsbibliothek

    Weinsberg, Kernerhaus (Angabe nach: Kohut, Adolph. Die Gesangsköniginnen in den letzten drei Jahrhunderten. Berlin: Kuhz, [1905]. S. 215.)

    Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek

    Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz/Rheinische Landesbibliothek


    Abbildungen werden in Frankfurt am Main, Universitätsbibliothek, Bildsammlungen/Sammlung Manskopf verwahrt.

    Forschungsbedarf

    Auftritte von Agnese Schebest werden in zahlreichen zeitgenössischen Zeitungsartikeln erwähnt, die bislang noch nicht ausgewertet sind.

    Die Autobiografie von Agnese Schebest ist erst in Ansätzen nach literaturwissenschaftlichen Forschungsmethoden untersucht worden (vgl. Martina Rebmann „Luise Adolpha Le Beau, Lebenserinnerungen einer Komponistin“. In: Musik in Baden-Württemberg, Jahrbuch. Gabriele Busch-Salmen u.a. (Hg.). München: Strube, 2007. S. 49-71).

    Eingehende Studien zur Unterrichtsmethode von Agnese Schebest sowie die Einbettung in das pädagogische Umfeld in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stehen noch aus, ebenso Untersuchungen zu Schülerinnen und Schülern (wer wurde unterrichtet, wie lange, mit welchem Ergebnis, welche überregionale Wirkung ergibt sich aus Schebests Lehrmethode?).

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 10656925
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 119480905
    Library of Congress (LCCN): no2002059210
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Martina Rebmann, 21.03.2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 26.03.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Rebmann, Artikel „Agnese Schebest“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 26.3.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Agnese_Schebest