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  • Agnes Tschetschulin

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Agnes Tschetschulin
    Lebensdaten:
    geb. in Helsinki,
    gest.

    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin, Komponistin, Musikpädagogin

    Profil

    Die Geigerin Agnes Tschetschulin absolvierte ihr Violinstudium am „Helsingfors musikinstitut“ (Musikinstitut Helsinki) sowie bei Joseph Joachim an der Hochschule für Musik in Berlin und gehörte dort zu den Gründungsmitgliedern des Damenstreichquartetts, das die Geigerin Marie Soldat als Primaria führte. Ab 1888, noch während ihres Studiums, erschienen mehrere Violin- und Klavierkompositionen von Agnes Tschetschulin im Verlag Simrock in Berlin.

    Nach ihrem Studium ließ sich Agnes Tschetschulin in England nieder. Sie versuchte zunächst in London Fuß zu fassen, erhielt jedoch nach kürzester Zeit eine Stelle als Violin- und Musiklehrerin am Ladies’ College in Cheltenham.

    Orte und Länder

    Agnes Tschetschulin wurde in Helsinki im damaligen russischen Großfürstentum Finnland geboren. Sie studierte von 1882 bis 1885 am dortigen Musikinstitut und setzte in den Jahren 1885 bis 1889 ihr Studium an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin fort. Anschließend kehrte sie kurzzeitig nach Finnland zurück, fasste jedoch ab 1891 in England Fuß. Ab Herbst 1891 unterrichtete sie als Violin- und Musiklehrerin am renommierten Cheltenham Ladies’ College in der Grafschaft Gloucestershire im Süden Englands.

    Biografie

    Agnes Tschetschulin wurde am 24. Februar 1859 in Helsinki als Tochter von F. Tschetschulin und Hilde Eckstein geboren; ihre Eltern waren Kaufleute. Ihren ersten Violinunterricht erhielt Agnes Tschetschulin bei dem Geiger Gustav Niemann, der in Helsinki erster Konzertmeister des Konzertorchesters und ein anerkannter Solist und Kammermusiker war (vgl. Artikel „Tschetschulin, Agnes“ 1896). Von 1882 bis 1885 studierte sie Violine am neugegründeten Musikinstitut in Helsinki und gehörte zu dieser Zeit zu den KommilitonInnen von Jean Sibelius. Im Dezember 1885 erhielt Agnes Tschetschulin ein finnisches Staatsstipendium in Höhe von 1000 Mark, um im Ausland ihr Studium fortzusetzen (vgl. „Folkwännen“ Nr. 299 vom 24. Dezember 1885, S. 3; s. Links). Zu dieser Zeit war sie in Finnland als Geigerin bereits bekannt: Ihre weitere Entwicklung zwischen 1885 und 1890 wurde in finnischen Tageszeitungen mit Interesse verfolgt (vgl. The Finnish Historical Newspaper Library 1771-1890).


    Von 1885 bis 1889 studierte Agnes Tschetschulin Violine an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin und hatte dabei über ihre gesamte Studienzeit Unterricht bei Emanuel Wirth und ab ihrem zweiten Studienjahr 1886/87 bis zu ihrem Abgang im Herbst 1889 auch bei Joseph Joachim (vgl. Prante 1999, S. 7; S. 67). Zusätzlich erhielt sie Kompositionsunterricht bei Woldemar Bargiel und hörte musikgeschichtliche Vorlesungen bei Philipp Spitta (vgl. Artikel 1896). Im Jahr 1887 gehörte sie am Pult der 2. Violine neben Gabriele Roy (Bratsche) und Lucy Campbell (Violoncello) zu den Gründungsmitgliedern des ersten Marie Soldat-Streichquartetts, das die Joseph Joachim-Schülerin Marie Soldat-Röger ins Leben rief und als Primaria führte. Das Damenstreichquartett bestand ca. anderthalb Jahre lang, konzertierte regelmäßig in Berlin und unternahm im Winter 1888/89 eine größere Tournee durch Deutschland, bei der es u. a. in Frankfurt a. M., Wiesbaden, Coburg und Nürnberg auftrat (vgl. „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 6. Juli 1887, S. 318; vom 20. Februar 1889, S. 91). Das Ensemble widmete seine Arbeit überwiegend dem klassisch-romantischen Repertoire. So standen z. B. am 4. November 1888 im Frankfurter Gesellschaftshaus die Streichquartette C-Dur (op. 33, Nr. 3) von Joseph Haydn und c-Moll (op. 18, Nr. 4) von Ludwig van Beethoven auf dem Programm, am 6. Dezember 1888 in Erfurt nochmals das Streichquartett C-Dur (op. 33 Nr. 3) von Joseph Haydn sowie das Streichquartett Es-Dur (op. 74) von Ludwig van Beethoven, und am 7. Dezember 1888 in Wiesbaden die Streichquartette Es-Dur (op. 12) von Felix Mendelssohn Bartholdy und A-Dur (op. 18 Nr. 5) von Ludwig van Beethoven (vgl. Konzertprogramm in Kühnen 2000, S. 45; „Musikalisches Wochenblatt“ vom 17. Januar 1889, S. 41; „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 20. Februar 1889, S. 9). Nach Beendigung ihrer Berliner Studienzeit kehrte Agnes Tschetschulin kurzzeitig nach Helsinki zurück und trat dort in mehreren Konzerten auf.


    Im Frühjahr 1891 wandte sich Agnes Tschetschulin, vermutlich auf eine Empfehlung von Joseph Joachim hin, London zu. Von dort schrieb sie am 26. Mai 1891 an ihren ehemaligen Berliner Lehrer: „Empfangen Sie bitte meinen herzlichsten Dank für Ihren freundlichen Brief! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie ungeheuer ich mich über denselben gefreut habe. – Aller Anfang ist schwer, und so werde auch ich hier manches zu bekämpfen haben, aber hoffentlich werde ich doch durchkommen, es gehört nur immer eine gewisse Zeit ehedem man etwas erlangen kann. [...] Bei Ihren Verwandten bin ich noch nicht gewesen, aber werde nächstens hingehen. Nochmals für Ihre Freundlichkeit herzlichst dankend, mit bestem Gruß, stets Ihre dankbare Schülerin Agnes Tschetschulin“ (Staatliches Institut für Musikforschung, Berlin. Brief von Agnes Tschetschulin an Joseph Joachim vom 26.5.1891. Doc.orig.Agnes Tschetschulin 1). Agnes Tschetschulin ließ sich dauerhaft in England nieder. Ab Herbst 1891 unterrichtete sie als Violin- und Musiklehrerin am renommierten Cheltenham Ladies’ College in der Grafschaft Gloucestershire im Süden Englands und erhielt zudem das Angebot, im Streichquartett der Joseph Joachim-Schülerin Emily Shinner mitzuwirken (vgl. Staatliches Institut für Musikforschung, Berlin. Brief von Agnes Tschetschulin an Joseph Joachim vom Juli 1891. Doc.orig.Agnes Tschetschulin 2); 1896 unterrichtete sie nach wie vor in Cheltenham, gemeinsame Konzerte mit dem Shinner Quartet (siehe Artikel Emily Shinner ) sind bislang jedoch nicht nachzuweisen.


    Zwischen 1888 und 1897 erschienen im Berliner Musikverlag Simrock mehrere Kompositionen von Agnes Tschetschulin, hauptsächlich für Violine und Klavier. Weitere Kompositionen sind bislang nur aus der Sekundärliteratur bekannt: Otto Ebel verweist auf mehrere Lieder und Kompositionen für dreistimmigen Frauenchor (Ebel 1913, S. 139), ein Lexikonartikel von 1896 erwähnt pädagogische Kompositionen (Artikel „Tschetschulin, Agnes“ 1896). Im Jahr 1914 war Agnes Tschetschulin indes als Komponistin bekannt: Bei der Leipziger Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik wurde auch ihre „Valse gracieuse“ für Klavier (Berlin: Simrock, 1897) ausgestellt (vgl. Die Frau im Buchgewerbe 1914, S. 56).


    Über den weiteren Lebensweg von Agnes Tschetschulin ist bislang nichts bekannt. Sie starb im Jahr 1942 (vgl. http://www.yleradio1.fi/musiikki/musiikkiklubi/id11064.shtml, Stand: 10. März 2009).

    Würdigung

    Die Tätigkeiten von Agnes Tschetschulin können erst nach weiteren Forschungen angemessen gewürdigt werden.

    Werkverzeichnis

    Kompositionen


    Berceuse für Violine und Klavier. Berlin: Simrock, 1888


    Alla Zingaresca. Morceau caractéristique für Violine und Klavier, Berlin: Simrock, 1891


    Valse gracieuse für Klavier. Berlin: Simrock, September 1897


    Gavotte für Violine und Klavier, Berlin: Simrock, o. J.


    Stimmungsbild für Klavier, Helsinki o. J.


    Darüber hinaus verwies Otto Ebel 1913 auf mehrere Lieder und Kompositionen für dreistimmigen Frauenchor von Agnes Tschetschulin (Ebel 1913, S. 139), und ein Lexikonartikel von 1896 erwähnt „pädagogische Kompositionen“ (Artikel „Tschetschulin, Agnes“ 1896).

    Repertoire

    Über das solistische Repertoire von Agnes Tschetschulin ist derzeit nichts Näheres bekannt. Als Geigerin des Berliner Streichquartetts von Marie Soldat trat sie vor allem mit klassisch-romantischem Repertoire auf, darunter Streichquartette von Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und Felix Mendelssohn Bartholdy.

    Quellen

    Dokumente


    Staatliches Institut für Musikforschung, Berlin. Zwei Briefe von Agnes Tschetschulin an Joseph Joachim vom 26.5.1891 und vom Juli 1891. Doc.orig.Agnes Tschetschulin 1-2.



    Literatur


    Artikel „Tschetschulin, Agnes“. In: Biograafisia tietoja Suomen naisista erityöloilla. Helsinki, 1896 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Die Frau im Buchgewerbe und in der Graphik: Sondergruppe der Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik Leipzig, 1914.


    Ebel, Otto. Women Composers: A Biographical Handbook of Woman’s Work in Music. Brooklyn, N. Y.: Chandler-Ebel Music & Co, 1913.


    Kühnen, Barbara. Marie Soldat. Aspekte der Biographie einer vergessenen Musikerin. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien. Universität Kassel: Unveröffentlichtes Typoskript, 1995.


    Kühnen, Barbara. „Marie Soldat-Roeger (1863-1955)“. In: Kay Dreyfus/Margarethe Engelhardt-Krajanek/Barbara Kühnen (Hg.). Die Geige war ihr Leben. Drei Frauen im Portrait. Strasshof: Vier Viertel Verlag, 2000, S. 13-98.


    Pazdírek, Franz (Hg.). Universalhandbuch der Musikliteratur aller Zeiten und Völker, Wien: Pazdírek & Co, 1904-1910.


    Prante, Inka. Die Schülerinnen Joseph Joachims. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers, Berlin. Unveröffentlichtes Typoskript, 1999.


    The Finnish Historical Newspaper Library 1771-1890. Online-Datenbank finnischer Tageszeitungen, teils mit Volltext-Abbildungen: http://digi-old.lib.helsinki.fi/sanomalehti/secure/main.html, Stand: 10. März 2009.



    Links


    http://trip.abo.fi/cgi-bin/thw?$%7BBASE%7D=musicpic&$%7Bhtml%7D=post&no=2226

    Das Sibeliusmuseum In Helsinki stellt eine Fotografie von Agnes Tschetschulin, aufgenommen in Cheltenham (Die Geigerin Agnes Tschetschulin. Fotografie von Holloway, Cheltenham o. D.) online zur Verfügung.


    http://www.hofmeister.rhul.ac.uk

    Die Datenbank Hofmeister XIX, in der die Hofmeisterschen Musikalienkataloge des 19. Jahrhunderts erfasst sind, verzeichnet mehrere Drucke von Kompositionen Agnes Tschetschulins.


    www.kalliope-portal.de

    Das Verbundsystem Nachlässe und Autographe verzeichnet zwei Briefe von Agnes Tschetschulin an Joseph Joachim im Staatlichen Institut für Musikforschung Berlin (s. auch Quellen).


    http://digi-old.lib.helsinki.fi/sanomalehti/secure/main.html

    Die digitale Bibliothek „The Finnish Historical Newspaper Library 1771-1890“ enthält mehrere kurze Artikel zu Agnes Tschetschulin im Zeitraum zwischen 1885 und 1890.


    http://www.yleradio1.fi/musiikki/musiikkiklubi/id11064.shtml (Stand: 10. März 2009)

    Im finnischen Radiosender Yle 1 wurde am 27. Mai 2007 ein Feature über Schülerinnen von Clara Schumann und Joseph Joachim gesendet, in dem auch Agnes Tschetschulin vorgestellt wurde.


    http://trip.abo.fi/cgi-bin/thw?$%7BAPPL%7D=musicpic&$%7BBASE%7D=musicpic&$%7BTHWIDS%7D=16.36/1229017596_27388&$%7Bhtml%7D=poste

    Ein Foto, das im Sibelius-Museum in Helsinki aufbewahrt wird, zeigt Agnes Tschetschulin und Jean Sibelius als Studierende des „Helsingfors musikinstitut“ um das Jahr 1885.

    Forschung

    Das Historische Archiv Finnischer Tageszeitungen (The Finnish Historical Newspaper Library 1771-1890, s. Links) enthält mehrere Artikel über Agnes Tschetschulin und ihre Konzerte während ihres Studiums von 1882 bis 1885 am „Helsingfors musikinstitut“ (Musikinstitut Helsinki) und später an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin. Inka Prante hat in ihrer Staatsexamensarbeit von 1999 erstmals auf die Schülerin Joseph Joachims aufmerksam gemacht (vgl. Prante 1999, S. 67). Über den Verbleib eines möglichen Nachlasses sowie der Manuskripte von Agnes Tschetschulins Kompositionen ist bislang nichts bekannt. Mehrere Hinweise deuten darauf hin, dass Agnes Tschetschulin zumindest zeitweise zum Umfeld von Jean Sibelius gehörte.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Agnes Tschetschulin umfasst sowohl ihre Biografie als auch alle ihre Tätigkeitsbereiche.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 285497492

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 23. November 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 02.12.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Agnes Tschetschulin“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 2.12.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Agnes_Tschetschulin