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  • Juliane Reichardt

    von Ellen Freyberg
    Namen:
    Juliane Reichardt
    Geburtsname: Juliane Benda
    Lebensdaten:
    * in Potsdam, Preußen
    in Berlin,
    Tätigkeitsfelder:
    Sängerin, Komponistin, Cembalistin
    Charakterisierender Satz:

    „Es sey mir auch erlaubt, hier der Demoiselle Benda, der ich in meinem 2ten Briefe schon als Sängerinn erwähnet habe, auch als einer sehr geschickten Clavierspielerinn zu gedenken. Sie spielt mit einer Fertigkeit und Sicherheit, die bey dem Frauenzimmer sehr selten angetroffen wird, und dabey mit vieler Nettigkeit und vielem Ausdruck. Auch besitze ich einige Sonaten und Lieder von ihrer eigenen Composition, die voll Erfindung und warmen Ausdrucke sind.“


    (Johann Friedrich Reichardt über Juliane Benda, seine spätere Frau, in: Ders., Briefe eines aufmerksamen Reisenden die Musik betreffend, 1. Teil, Frankfurt und Leipzig 1774, S. 170)


    Orte und Länder

    Juliane Reichardt wurde in Potsdam geboren und wuchs in dem Potsdamer Vorort Nowawes auf. Nach ihrer Heirat mit Johann Friedrich Reichardt zog das Ehepaar nach Berlin, von dort aus unternahm es Reisen nach Hamburg, Weimar und Königsberg.

    Biografie

    Juliane Reichardt wurde als jüngstes von insgesamt acht Kindern des Ehepaars Benda am 14. Mai 1752 in Potsdam geboren und 5 Tage später, am 19. Mai 1752, in der Potsdamer Garnisonkirche auf den Namen Bernhardine Juliane getauft.

    Ihr Vater war der berühmte „Königliche Cammer-Musicus“ und Konzertmeister der preußischen Hofkapelle Franz Benda (1709–1786), der aus einer weitverzweigten böhmischen Musikerfamilie stammte. Ihre Mutter war Franziska Louise Eleonore Benda, geb. Stephanie (1718–1758).

    Seit 1733 stand Franz Benda im Dienst des preußischen Kronprinzen, des späteren Friedrich II., der anfänglich in Ruppin und nach seiner Inthronisation im Jahre 1740 in Potsdam residierte. Die Familie Benda lebte in dem kleinen Potsdamer Vorort Nowawes, wo Juliane Benda mit ihren Geschwistern in einer ländlichen Umgebung aufwuchs. Franz Benda war ein äußerst vielseitiger und hoch angesehener Musiker. Er komponierte, war ein gefragter Geigenvirtuose und ein geübter Sänger und erteilte sowohl Geigen- als auch Gesangsunterricht. Von ihm erhielt Juliane Benda Gesangs- und Clavierunterricht.

    Im Hause Benda waren zahlreiche hochangesehene Persönlichkeiten zu Gast, u.a. der berühmte Musik-und Reiseschriftsteller Charles Burney und der Komponist und Musikschriftsteller Johann Friedrich Reichardt. (vgl. Salmen 2002, S. 170).


    Reichardts Eindrücke von seinem ersten Aufenthalt in Potsdam hielt er später in seinen „Autobiographischen Skizzen“ fest (eine stilistische Eigenart dieses Textes ist, dass Reichardt über sich in der dritten Person schrieb.): „An dem Hause des trefflichen, alten Concertmeisters Benda in Potsdam machte der Reisende eine höchst erfreuliche Bekanntschaft. Die ganze Familie nahm ihn sehr liebevoll auf und ließ ihn so manches hören, was seine Liebe und Achtung für die große Benda’sche Schule noch verstärkte. […] Die jüngste Tochter, Juliane, sang mit schöner, reiner Stimme und ächt italienischer, ausdrucksvoller Manier, Die Eindrücke, die ich aus diesem Hause schon damals mitnahm, haben hernach auf mein ganzes Leben entscheidenden Einfluß geübt.“ (Reichardt, Autobiographische Skizzen 2002, S. 70)


    Aber nicht nur die Gesangskunst Julianes erregte Reichardts Wertschätzung. Ebenso angetan war er von ihren Fertigkeiten auf dem Cembalo und ihrem kompositorischen Schaffen, eine für das weibliche Geschlecht höchst ungewöhnliche Betätigung, wie er festhielt: „Es sey mir auch erlaubt, hier der Demoiselle Benda, der ich in meinem 2ten Briefe schon als Sängerin erwähnet habe, auch als einer sehr geschickten Clavierspielerinn zu gedenken. Sie spielt mit einer Fertigkeit und Sicherheit, die bey dem Frauenzimmer sehr selten angetroffen wird, und dabey mit vieler Nettigkeit und vielem Ausdruck. Auch besitze ich einige Sonaten und Lieder von ihrer eigenen Composition, die voll Erfindung und warmen Ausdrucke sind.“ (Reichardt 1774, S. 170)


    Im Frühjahr 1774 machte Johann Friedrich Reichardt erneut Station in Berlin, um die Opern- und Konzertaufführungen während der Karnevals- und Passionszeit zu erleben. Er war zugegen, als am Karfreitag im Rahmen der „Liebhaber-Concerte“ die von Carl Heinrich Graun vertonte Passionskantate „Tod Jesu“ nach einem Gedicht von Karl Wilhelm Ramler aufgeführt wurde, in der Juliane Benda die Sopranpartie sang. In seinen „Briefen eines aufmerksam Reisenden“ berichtet er ausführlich von dieser Aufführung und nimmt diese zum Anlass, um sich mit den Vorzügen der Graunschen Komposition gegenüber Hasses auseinanderzusetzen.

    „Da komme ich nun eben von dem hiesigen Liebhaber-Concerte, und habe das Graunische Meisterwerk, den Tod Jesu, in vielen Stücken sehr gut aufführen hören. […] Es ist dieses ein wöchentliches Concert, welches Herr Ernst Benda, ein Sohn des verdienstvollen Joseph Benda [und Vetter Juliane Bendas, E.F.], und Herr Bachmann, ebenfalls ein Königlicher Capellist, zum Vergnügen und zugleich zur Uebung der Musikliebhaber halten; und zu dessen beständiger Verbesserung sich Herr Nikolai, als ein feiner und geschmackvoller Kenner der Musik sehr viel Mühe giebt. […] Was der heutigen Aufführung eine besondere Zierde gab, war der Gesang der Madem. Benda aus Potsdam, einer Tochter des verehrungswürdigen Herrn Concertmeisters Benda. Schon oft habe ich diese Musik aufführen hören und selbst aufführen helfen, aber nie habe ich sie mit so vieler Ueberlegung, mit so viel Empfindung und mit solchem Nachdruck singen hören; man hörte ihrem Gesange den Eifer für das Stück an, der sie auch von Potsdam zur Aufführung desselben herüber gerufen. Einen besonders schönen Zug muß ich Ihnen doch von ihr erzählen. Bey den Worten, die den Schluß des dritten Recitativs machen, wo Petrus gesagt wird: er weinet bitterlich; welches Graun sehr schön ausgedrückt hat, indem er die zweyte Sylbe, ausser der schönen ausdrückenden Harmonie, um einen ganzen langen Tackt verlängert, und darinn einen Ton verschiedentlich wiederholt, bey diesen gebrauchte sie das sogenannte Tempo rubato, das heißt, daß sie der Note einen starken Accent beylegte, die ihn eigentlich nicht haben sollte, so, daß ein wahres banges Schluchsen daraus entstand. Versuchen Sie es einmal, der 2ten, 5ten, 7ten und 10ten Note dieses Tackts einen besondern Nachdruck zu geben, die übrigen aber dagegen sinken zu lassen, so werden Sie finden, von welcher besondern Wirkung es ist.“ (Reichardt 1774, 2. Brief)

    Offenbar ging das Interesse Reichardts an der jungen Sängerin Juliane Benda schon zu diesem Zeitpunkt über ein rein professionelles hinaus. Voll schwärmerischer Bewunderung stellte er noch am Abend der Aufführung sein begonnenes „Concert per il Cembalo in g-Moll“ fertig und schickte es Juliane Benda mit folgendem Widmungsschreiben:

    „Mademoiselle! Die dringendste Arbeit hält mich ganz wider mein Gefühl davon ab, Ihnen persönlich meine vollkommene Hochachtung zu bezeugen und Ihnen zugleich den aufrichtigsten und uneingeschränktesten Beifall für Ihren gestrigen meisterhaften Gesang zu sagen. Noch nie habe ich dieses deutsche Meisterstück mit so viel Verständniß, so warmem Gefühl und überhaupt mit so viel Wahrheit im Ausdruck singen hören. Gewiß, Sie haben durch ihren Vortrag unserer Nation eben so wohl Ehre gemacht, als es Ramler und Graun durch ihre Arbeit gethan. Nur das große Vergnügen, von Ihnen ein so interessantes Stück singen zu hören, hat uns allein für den Verlust schadlos gehalten, Sie nicht auch wieder spielen gehört zu haben. Ich will Ihnen hier kein Compliment über Ihre Geschicklichkeit im Clavierspielen machen, sondern will Ihnen nur sagen, daß Sie durch Ihr letztes Spiel bei mir den Wunsch erregt haben, einmal ein Concert von meiner Arbeit von Ihnen vortragen zu hören und daß dieser Wunsch so feurig war, daß ich gleich von Concert aus nach Hause ging, mich hinsetzte und an einem Flügelconcert für Sie arbeitete. Eben habe ich es vollendet; hier haben Sie es. Die Belohnung, die ich mir dafür ausbitte; daß Sie es mich, wenn ich nach Potsdam komme, von Ihrer Hand hören lassen. Wenn ich aber meine Stücke, in denen ich zuweilen eine natürlich gute Arbeit finde, sehr gern nach dem Urtheil verständiger und kunsterfahrner Männer verbessere, so muß ich Sie noch bitten, die Meinung Ihres Herrn Vaters darüber auf’s Genaueste zu merken und sie mich hernach getreulich wissen lassen.

    Empfehlen Sie mich Ihrem verehrungswürdigen Herrn Vater, den ich eben so sehr wegen seines vortrefflichen Characters, als wegen seiner großen Kunst hochschätze. Empfehlen Sie mich auch Ihren Herren Brüdern auf’s Beste; Sie aber glauben es mir, daß ich Ihre Bekanntschaft für eine wahre Ehre rechne und mich jederzeit mit vollkommener Ergebenheit nennen werde:

    Ihren ganz ergebenen Diener

    Reichardt.“

    (Schletterer, 1865, S. 141f.)


    Aus der anfänglichen Verehrung ihres Talents entwickelte sich bald eine tiefe Zuneigung, die schließlich in eine gegenseitige Liebe mündete. In seinen „Autobiographischen Skizzen“ schilderte Johann Friedrich Reichardt es wie folgt:

    „Einige Liedercompositionen Julianen’s waren mir sehr lieb geworden und überaus gern hörte ich sie von ihr singen. Auch hatte ich sie in Berlin in vielen guten Häusern und besonders zuletzt in Potsdam auf Spaziergängen in der angenehmen Umgebung dieser Stadt als ein liebes, reines, zärtliches, doch munteres Mädchen herzlich lieb gewonnen und nahm endlich nicht ohne Rührung Abschied von ihr, als ich am 10. Mai 1774 meine weitere Reise antrat. Auch sie war sehr gerührt.“ (Schletterer 1865, S. 142)


    Franz Benda wiederum schätzte den jungen Reichardt nicht nur als ehrgeizigen Komponisten und Musikschriftsteller, sondern auch als weltoffenen und gewandten Gesprächspartner. Dass sich zwischen ihm und Juliane Benda eine mehr als freundschaftliche Beziehung mit ernsten Absichten abzeichnete, wird er mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen haben. Das einzige Hindernis, das einer Verbindung im Wege stand, war Reichardts unsichere Stellung. Und so war es bald abgemacht, dass sich der väterliche Freund Franz Benda beim preußischen König Friedrich II. für Reichardt einsetzte, als dieser sich 1775 um das Amt des Hofkapellmeisters bewarb.

    Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1775 wurde Johann Friedrich Reichardt offiziell dem preußischen König vorgestellt und schließlich zum Hofkapellmeister ernannt.

    Die Hochzeit des Paares fand am 23. November 1776 statt und war in Berlin offenbar ein Ereignis ersten Ranges, das noch einige Monate später Gesprächsthema in den gebildeten Kreisen war. Im „Berliner Litterarischen Wochenblatt“ vom 1. Februar 1777 wurde die von Anna Luisa Karsch verfasste Ode „Dem Reichardt und Bendaischen Ehebündnisse gewidmet“ abgedruckt:


    „Seelen, die ihr euch verstanden

    Bey dem ersten Augenblick,

    Eure Wechseltribe fanden

    In einander Heil und Glück.

    Eure sanften Herzen schlugen

    Gleichklang, als ihr euch gehört;

    Amor hat euch seine Fugen

    Meisterlich dazu gelehrt.

    Hymen führt euch zu dem Throne,

    Der mit Blumen ist bestreut,

    Und da schlägt im süßen Tone

    Herz an Herz voll Zärtlichkeit.

    Lange soll der Wohllaut klingen;

    Immer wer er noch erhöht,

    Bis nach manchem Jahrvollbringen

    Euer Pulsschlag stille steht.

    (Berliner Litterarisches Wochenblatt, 5.Stück vom 1.2.1777)


    In derselben Ausgabe erschien ein weiteres Gedicht von unbekannter Hand, das „Dem Capellmeister Herrn Reichardt am Tage seines Ehebundes mit der Demoiselle Benda gewidmet“ ist.


    „Vergnügter ist bey seinem Lose

    Kein Sterblicher als Du!

    Glückseliger als Graun der Große,

    Bringst Du Dein künftig Leben zu,

    Mit der Benda, dieser süßen

    Geliebten Sängerin!

    Von Ihren Honiglippen fließen

    Die Kunstgedanken hin,

    Die Deiner Schöpferstirn entspringen

    In göttlicher Gestalt,

    Die hört Dein Ohr so von Ihr singen,

    Daß Dirs im Herzen wallt.

    Sie selbst erfindet neue Töne

    Im Nachtigallen Klang,

    Auch giebt Sie Dir einst gleichgeschafne Söhne

    Und Töchter voll Gesang,

    Die Reichardts Ruhm und Bendas Ehre

    Fortpflanzen in der Welt,

    Bis endlich ein Planet herab auf Erd‘ und Meer

    Verderblich niederfällt.“


    Nach der Eheschließung zog das in eines der „königlichen Domestikenhäuser“ am Dönhoffschen Platze, die Friedrich II. für seine Bediensteten zur Verfügung stellte (vgl. Salmen 2002, S. 174), und Juliane Reichardt widmete sich fortan häuslichen Aufgaben. Obgleich sie sich als Sängerin nicht mehr in der Öffentlichkeit präsentierte, ist jedoch davon auszugehen, dass sie weiterhin in häuslichem geselligen Rahmen auftrat. Ob sie weiterhin Lieder komponierte, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand nicht mit Sicherheit sagen.

    Nach den überlieferten Briefen aus der Feder Reichardts scheint die Ehe zwischen Juliane und Johann Friedrich Reichardt sehr harmonisch verlaufen zu sein (vgl. Rüdiger, 1903, S. 244, zit. nach Salmen 2002, S. 176). Johann Friedrich Reichardt hatte viel Zeit für die Familie. Sein Dienstherr Friedrich II. verlor in den späten Jahren seiner Amtszeit das Interesse an der italienischen Oper, und so waren für den Kapellmeister Reichardt immer weniger Aufführungen zu bewerkstelligen: „Mein Amt lässt mir 9 volle Monate im Jahr Muße, und meine freiwilligen Kunstarbeiten geschehen immer nur in glücklichen Geistesstunden. Die meiste Zeit des Tages bring ich zu in Gesellschaft meines lieben Weibes und Mädchens, das trefflich gedeiht, und eines Zöglings, eines herrlichen Jungen, sein Vater war der Syndikus Hensler in Stade, sein Onkel der Doktor Hensler in Altona ist mein herzlichster Freund, […]“ (Brief Reichardts vom 9. November 1782 an Jenny von Voigts , in: Eberhard Crusius 1959, S. 269, zit. nach Salmen 2002, S. 177)


    Obwohl Juliane Reichardt eine schwache Gesundheit hatte und wie ihr Vater an Gicht litt, unternahm das Ehepaar mehrere Reisen. (vgl. Lorenz, 1967, S. 106) Im März 1777 brachen sie nach Hamburg auf und verbrachten dort eine unbeschwerte Zeit, in der sie u.a. die Bekanntschaft mit Matthias Claudius machten. (Reichardt 2002, S. 124ff.)

    Im Oktober 1777 wurde ihr erster Sohn Friedrich Wilhelm geboren, der jedoch nur 5 Jahre alt wurde. Ihre zweites Kind Louise Reichardt erblickte am 11. April 1779 das Licht der Welt. Sie sollte später in die Fußstapfen ihres Vaters und ihrer Mutter treten und als Liedkomponistin, Gesangspädagogin und Chorleiterin zu großem Ansehen gelangen. Mit beiden Kindern reiste das Paar 1780 nach Weimar und lernte Caroline und Johann Gottfried Herder kennen. Herder berichtete über den Besuch der Familie seinem Freund Johann Georg Hamann: „Acht Tage drauf u. in der Zeit unsrer Geburtstage also kam ein unerwarteter Besuch hier an, Kapellm. Reichardt. Er ist mit seiner Frau, einer geb. Benda, u. 2. Kindern über 8. Tage hier gewesen, weil seine Frau hier 2. verheirathete Schwestern hat […] Er für seine Person hat sich täglich zu uns gehalten.“ (Herder in einem Brief an Johann Georg Hamann vom 9. 9. 1780, in: Hamann, 1959, S. 216) Im Februar 1782 begaben sie sich erneut auf eine Reise, die sie in die Heimatstadt Reichardts, nach Königsberg führte, wo sie Familienangehörige und Freunde besuchten, u.a. den Schriftsteller und Philosophen Johann Georg Hamann.


    Juliane und Johann Friedrich Reichardt waren nur wenige Ehejahre beschieden. Die Geburt des dritten Kindes Wilhelmine Juliane am 31. März 1783 überlebte sie nur wenige Wochen. Sie starb am 11. Mai 1783, wenige Tage vor ihrem 31. Geburtstag, in Berlin an den Folgen des Kindbettfiebers.

    Würdigung

    Juliane Reichardt genoss als Gesangsvirtuosin, Clavecinspielerin und Komponistin großes Ansehen und war – auch durch das Renommee ihres Vaters Franz Benda und ihres Ehemannes Johann Friedrich Reichardt – weit über die preußischen Grenzen bekannt.

    Sie sang u.a. im Rahmen der von Ernst Benda und Karl Ludwig Bachmann 1770 gegründeten „Liebhaber-Concerte“, und gewann dadurch die Anerkennung und Bewunderung zahlreicher Musiker.

    Für die Lieder wählte sie Gedichte ihrer Zeitgenossen aus, u.a. von Caroline Rudolphi, Anton Matthias Sprickmann, Christian Felix Weiße, aber auch aus Johann Gottfried Herders „Stimmen der Völker in Liedern“. Ihre Vertonungen sind als schlichte Strophenlieder geschrieben, die keinen besonderen Kunstanspruch erheben. Naive Verspieltheit, pastorale Idylle und rührende Empfindsamkeit herrschen in den Liedern vor. Sie sind vor allem für einen bürgerlich-geselligen Rahmen bestimmt und darin vergleichbar mit den frühen Liedern ihres Mannes Johann Friedrich Reichardts.

    Rezeption

    Erster Bewunderer und Förderer war ihr Ehemann Johann Friedrich Reichardt, dem es zu verdanken ist, dass ihre Lieder einen breiteren Kreis von Liebhabern gefunden haben. So schreibt er beispielsweise im Vorwort seiner 1775 erschienenen „Gesänge fürs schöne Geschlecht“: „Kennt man denn nicht Frauen und Mädchen, die die Einsamkeit lieben und die in ihrer einsamen Zelle Pult und Clavier haben und Lieder dichten und componieren und singen können? Haben wir denn keine Amalien (Prinzessin Amalie von Preußen und Anna Amalia von Weimar, E.F.), keine Gräfin Stolberg, keine Juliane Benda?“ (Lorenz 1967, S. 109)

    Von anderer Seite gab es auch distanziertere Ansichten zu ihrem Liedschaffen, wie jene von Johann Heinrich Voss, dessen generelle Abneigung gegen einen volksliedhaften „Ton“ der Lieder auch hier durchscheint: „Die Demoiselle Benda hat ein Lied von Weiße komponiert, wovon der 1. Vers recht artig ist, das Ende aber recht albern wird.“ (Lorenz 1967, S. 109)

    Auch Johann Friedrich Hahn erwähnt in einem Brief an Klopstock ein nicht näher bezeichnetes Lied von Weiße, dessen Vorlage er für mittelmäßig hält: „Frau von Winthem hat eine Komposition der Mlle Benda zu einem Liede Weißens geschickt. Das Lied (d.h. der Text, E.F.) ist sehr mittelmäßig, und nach Ramlers Veränderungen paßt es nicht mehr zur Komposition; sollte es der Madame Benda als ein Tadel ihres Geschmacks vorkommen, wenn Miller ein besseres dazu machte?“ (Lorenz 1967, S. 109)


    Im „Musikalischen Almanach für Deutschland“, das Johann Nikolaus Forkel herausgab, findet sich 1784 die Nachricht:

    „Am 9ten May 1783, starb zu Berlin Mad. Juliane Reichardt, Tochter des würdigen Königl. Preußischen Concertmeisters Franz Benda, und Gattin des bekannten Preußischen Kapellmeisters Joh. Friedr. Reichardt. Sie war eine angenehme Sängerin und geschmackvolle Clavierspielerin, hat auch verschiedene Odenmelodien komponiert, die voll wahren und richtigen Ausdrucks sind. Diese Melodien sind in verschiedenen Musenalmanachen einzeln gedruckt.“ (Forkel 1784, S. 212)


    Bald nach ihrem Tod änderte sich der kompositorische Geschmack, so dass ihre Lieder sehr schnell in Vergessenheit gerieten. Umso erstaunlicher ist es daher, dass das 1811 in Paris erschienene „Dictionnaire historique des Musiciens Artistes et Amateurs, mort ou vivans“ einen eigenen Eintrag enthält, der sie als eine der besten Sängerinnen des 18. Jahrhunderts bezeichnet:

    „Reichardt, Julie, fille du célébre François Benda, et épouse du maître de chapelle Reichardt à Berlin, née dans cette dernière ville, en 1752, était une des meilleures cantatrice du dernière siècle: elle avait adopté la manière à la fois noble et touchante de son père; elle était en même tens vituose sur le clavecin. Son union avec la maître de chapelle Reichardt, en 1776, ne servit qu‘à perfectionner ses talens en musique. Elle a aussi compose plusiers melodies d’odes, dont une partie a éte rendue publique dans le différens Almanachs des Muses: elles se dinstinguent par la vérité et la justesse de l’expression. En 1782, elle fit encore paraître à Hambourg un recueil de chansons et de pièce pour la clavecin. La mort l’enleva, le 9 mai 1783, au milieu d’une carière qu’elle avait commencée avec tant de success.”


    (Juliane Reichardt, Tochter des berühmten Franz Benda und Ehefrau des Kapellmeisters Reichardt aus Berlin, geboren in der Stadt im Jahr 1752, war eine der besten Sängerinnen des letzten Jahrhunderts. Sie hat zugleich die edlen und rührenden Manieren ihres Vaters übernommen, sie war auf die gleiche Art Virtuosin auf dem Clavecin. Ihre Verbindung mit Kapellmeister Reichardt im Jahr 1776 half ihr nicht, ihre musikalischen Talente zu vervollkommnen. Sie komponierte auch einige hübsche Lieder und Oden, von denen ein Teil in verschiedenen Musenalmanachen veröffentlicht wurde. Diese zeichnen sich durch Wahrheit und trefflichen Ausdruck aus. 1782 erschien offenbar in Hamburg eine Sammlung von Liedern und Clavecinstücken. Ihr Tod am 9. Mai 1783 traf sie inmitten einer Karriere, die so verheißungsvoll begonnen hatte.“)

    Werkverzeichnis

    Juliane Reichardt veröffentlichte ca. 30 Lieder (meist in verschiedenen Almanachen) und 2 Klaviersonaten.


    „Gedichte der Karoline Christiane Louise Rudolphi […] mit einigen Melodien begleitet“, Berlin 1781, darin drei Lieder von Juliane Reichardt:

    Tyrtirus. „Oft beklag ich mich bey dem Geschick“

    An die Nachtigall. „Ja, ja, da ist sie wieder“

    Das kleine Mädchen. „Welch ein Lächeln, welch ein Blick“


    „Göttinger Musenalmanach“ sechster Band 1775, S. 144: „Ich nenne dich, ohn‘ es zu wissen“


    „Musenalmanach des Johann Heinrich Voss“ 1776: „Sophiens Liebe“


    3 Lieder in „Oden und Lieder von Klopstock, Stolberg, Claudius und Hölty…“, hg. von Johann Friedrich Reichardt, 1779.


    „Musenalmanach des Johann Heinrich Voss“ 1780, S. 137: „Brunnenlied“


    „Sammlung verschiedener Lieder von guten Dichtern und Tonkünstlern“, hg. von Johann Friedrich Reichardt, 1780; darin neben 7 Liedern von J. F. Reichardt auch eins von ihr.


    „17 Lieder und [2] Claviersonaten“, Hamburg (Bohn) 1782 (Erstausgabe im Besitz des Narodní Muzeum Praha, Sign. IX D 312)

    Darin u.a.: Das strickende Mädchen; Sophiens Liebe; Der verliebte Bauer; An die Nachtigall; Dafne am Bach; An den Mond; Klage bey Hölty’s Grabe


    „Das Mädchen bei dem Grabe ihrer Freundin“ für Stimme und Klavier, in: Blumenlese für Klavierliebhaber. Eine Musikalische Wochenschrift, Teil I. 1782.


    Zwei Klaviersonaten, Hamburg (C. E. Bohn) 1782.

    Repertoire

    Nach bisherigem Kenntnisstand hat Juliane Reichardt vor allem ihre eigenen Lieder und Cembalowerke und wohl auch die ihres Vaters vorgetragen.

    Belegt ist zudem die Sopranpartie in Carl Heinrich Grauns Passionskantate "Tod Jesu".

    Quellen

    Primärliteratur


    Burney, Charles, Tagebuch einer musikalischen Reise. Vollständige Ausgabe, Bd. 3, Hamburg 1773, hrsg. von Christoph Hust (=Documenta Musicologica, 1. Reihe: Druckschriften-Faksimiles XIX). Kassel u.a. 2003.


    Crusius, Eberhardt, Der Freundeskreis der Jenny von Voigts, geb. Möser. Neue Briefe aus ihrem Nachlaß, in: Osnabrücker Mitteilungen 68 (1959), S. 269.


    Grantzow, Hans, Der Göttinger und der Voßsche Musenalmanach, Berlin 1909.


    Hamann, Johann Georg, Briefwechsel hg. von Walther Ziesemer und Arthur Henkel, Frankfurt a. M. 1957.


    Reichardt, Johann Friedrich, Briefe eines aufmerksam Reisenden die Musik betreffend, 1.Teil Leipzig, Frankfurt a.M. 1774 / 2. Teil Frankfurt a.M. u. Breslau 1776.


    Reichardt, Johann Friedrich, Autobiographische Schriften, hg. von Günter Hartung, Halle (Saale) 2002.


    Rellstab, Johann Carl, Ueber die Bemerkungen eines reisenden die Berlinische Kirchenmusiken, Concerte, Opern und Königliche Kammermusik betreffend, Berlin 1789.


    Rüdiger, Otto, Caroline Rudolphi, Hamburg und Leipzig 1903, S. 244.


    Berliner Litterarisches Wochenblatt, hg. von Christian August Freiherr von Bertram, Bd. 1–4, Berlin u. Leipzig 1776/77.



    Sekundärliteratur


    Jackson, Barbara Garvey „Musical Women of the Seventeenth and Eighteenth Centuries“, in: Women and Music. A History, hg. von Karin Pendle, Bloomington (2. Aufl.) 2000, S. 97–144.


    Lorenz, Franz, Die Musikerfamilie Benda Bd. 1 Franz Benda und seine Nachkommen, Berlin (Walter de Gruyter & Co) 1967.


    Reich, Nancy B., „Juliane Reichardt (1752–1783)“, in: Women Composers. Music Through the Ages Vol. 3, hg. von Sylvia Glickman und Martha Furman Schleifer, New York 1998.


    Salmen, Walter, „Juliane Reichardt, geb. Benda“, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, hg. von Christoph Perels, Tübingen 2002, S. 168–184.


    Ders., Johann Friedrich Reichardt. Komponist, Schriftsteller, Kapellmeister und Verwaltungsbeamter der Goethezeit, Hildesheim 2002.


    Schletterer, H. M. Johann Friedrich Reichardt, Sein Leben und seine musikalische Thätigkeit, Augsburg 1865.


    Weissweiler, Eva, Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Eine Kultur- und Wirkungsgeschichte in Biographien und Werkbeispielen, München 1999.


    Lexikonartikel


    Choron, Alexandre Etienne, Fayolle, François Joseph, Dictionnaire historique des Musiciens Artistes et Amateurs, mort ou vivanc, Bd. II, Paris 1811.


    Gerber, Ernst Ludwig, Historisch-Biographisches Lexicon der Tonkünstler, Leipzig 1790.


    Reich, Nancy B, „Juliane Reichardt”, in: The New Grove Dictionary of Woman Composers, hg. Von Julie Anne Sadie u. Rhian Samuel, New York 1994.

    Forschung

    Vor allem durch die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhundert intensivierten Forschungen über Johann Friedrich Reichardt hat man sich wieder der Musikerin Juliane Reichardt erinnert. Den ersten und bisher einzigen ausführlichen Artikel zu ihrem Schaffen hat der Reichardt-Forscher Walter Salmen (2002) verfasst.

    Forschungsbedarf

    Von Interesse ist, wie sich die musikalische Ausbildung Juliane Reichardts beim Vater Franz Benda, der vor allem wegen seines Violinspiels und v.a. seines besonders intensiven Adagiospiels berühmt war, auf ihren Gesangstil, ihren „ächt italienischen Vortrage“ (Reichardt 1774), ausgewirkt hat.

    Normdaten

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    Library of Congress (LCCN): n98091907
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Ellen Freyberg


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 27.3.2012


    Empfohlene Zitierweise

    Ellen Freyberg, Artikel „Juliane Reichardt“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 27.3.2012.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/696