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  • Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner

    von Silke Wenzel
    Die Pianistin und Komponistin Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner. Fotografie von Fritz Luckhardt, Wien o.D.
    Namen:
    Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner
    Geburtsname: Pauline von Oprawill
    Varianten: Pauline von Fichtner, Pauline von Erdmannsdörfer, Pauline von Oprawnik, Pauline Erdmannsdörfer-Fichtner, Pauline Oprawill, Pauline Fichtner, Pauline Erdmannsdörfer, Pauline Oprawnik
    Lebensdaten:
    * in Wien, Österreich-Ungarn (heute Österreich)
    in München, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Solistin, Komponistin, Klavierpädagogin, Veranstalterin, Förderung (ideel und materiell)
    Charakterisierender Satz:

    „Es war eine ideale Zeit für uns Beide und für alle, die sie mitgenießen durften. Belebend und mitfortreißend wirkte jeder Besuch Liszts, Hans von Bülows und anderer Großer, deren Namen wir mit feurigen Lettern auf unser Künstlerbanner geschrieben hatten [...].“ (Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner im Nekrolog auf ihren Mann [1907] über die Zeit in Sondershausen)


    Profil

    Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner konzertierte ab Ende der 1860er-Jahre regelmäßig in ihrer Heimatstadt Wien und lernte dort 1869/70 Franz Liszt kennen, der sie als Schülerin annahm. Zwischen 1870 und 1874 konnte sich Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner – neben ihrer weiteren Ausbildung bei Franz Liszt – als Solistin im internationalen Musikleben etablieren und wurde von Presse und Publikum als herausragende Pianistin anerkannt. Innerhalb kürzester Zeit erhielt sie mehrere Ehrungen und Auszeichnungen: Im Jahr 1873 wurde sie zur großherzoglich hessischen Kammervirtuosin und zur weimarischen Kammer- und Hofpianistin ernannt und erhielt im selben Jahr die goldene Verdienstmedaille für Wissenschaft und Kunst des Fürsten Schwarzburg-Sondershausen. Erste Kompositionen von ihr erschienen zudem 1870 im angesehenen Wiener Verlag Gotthardt.


    Im Jahr 1874 heiratete Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner den Sondershausener Hofkapellmeister Max von Erdmannsdörfer und beschränkte ab da ihre Konzerte auf das Umfeld ihres Mannes. Durch die gemeinsame Arbeit des Ehepaares wurde Sondershausen innerhalb kürzester Zeit zu einem Zentrum der Neudeutschen Schule, in dem Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner unter der Leitung ihres Mannes u. a. Klavierkonzerte von Franz Liszt, Hans von Bronsart und Joachim Raff aufführte. Im Jahr 1881 nahm Max von Erdmannsdörfer eine Stelle in Moskau an und Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner zog sich vermutlich aus dem öffentlichen Konzertleben zurück. Sie widmete sich der Komposition und unterstützte ihren Mann bei seiner Arbeit. Das Ehepaar kehrte 1889 nach Deutschland zurück – zunächst nach Bremen – und ließ sich 1896 in München nieder. Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner arbeitete dort vorwiegend als Klavierpädagogin und Komponistin. Näheres über ihre Schülerinnen und Schüler ist jedoch bislang nicht bekannt; auch ihre Kompositionen sind weitgehend in Vergessenheit geraten.

    Orte und Länder

    Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner wurde in Wien geboren und erhielt dort sowie bei Franz Liszt in Weimar ihre musikalische Ausbildung. Im Jahr 1874 heiratete sie den Komponisten und Hofkapellmeister Max von Erdmannsdörfer. Die nachfolgenden Wohnorte waren jeweils an die berufliche Entwicklung von Max von Erdmannsdörfer gebunden. Nach ihrer Heirat zog Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner zu ihrem Mann nach Sondershausen, lebte dann von 1881 bis 1889 in Moskau, wo Max von Erdmannsdörfer die Leitung der kaiserlich-russischen Musikgesellschaft übernommen hatte, und kehrte 1889 nach Deutschland zurück. Das Ehepaar ließ sich in Bremen nieder – Max von Erdmannsdörfer leitete dort die philharmonischen Konzerte sowie die Singakademie – und verlegte 1896 seinen Wohnsitz nach München, wo Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner auch nach dem Tod ihres Mannes den Wohnsitz beibehielt.

    Biografie

    Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner, geboren am 28. Juni 1847 in Wien als Pauline Oprawill, wurde nach dem frühen Tod der Mutter von ihrer Tante und deren Mann adoptiert und erhielt den Namen Pauline Fichtner. Von klein auf wurde sie in Klavier unterrichtet – von wem ist nicht bekannt – und konzertierte bereits mit neun Jahren erstmals öffentlich in Wien, u. a. mit der Fantasie c-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart. Der Wiener Musikpädagoge Matthias Weitz unterrichtete sie anschließend in Klavier sowie in Harmonielehre, bis Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner ein privates Musikstudium beginnen konnte. Sie studierte Klavier bei Eduard Pirkhert (1817-1881) und erhielt zudem Unterricht in Gesang bei Maria Wilt und in Komposition bei Otto Dessoff, der zu dieser Zeit Kompositionsprofessor am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien war.


    Bereits während ihres Studiums konnte sich Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner sowohl als Solistin als auch als Kammermusikerin etablieren. Im November 1865 gab sie ein erstes eigenes Konzert im Wiener Musikverein unter den Tuchlauben, konzertierte 14 Tage später gemeinsam mit der Sängerin Marie Wilt und trat in den Jahren 1866 und 1867 mehrfach in den Kammermusik-Soireen des Hauses Hellmesberger auf. Unter der Anleitung von Joseph Hellmesberger studierte sie zudem die Klavierparts sämtlicher Violinsonaten von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven ein (vgl. Marx 2001, S. 113). In den folgenden Jahren lebte und studierte sie vermutlich an einem anderen Ort, denn im Herbst 1870 meldete die „Neue Zeitschrift für Musik“: „Frl. Pauline Fichtner ist nach mehrjähriger Abwesenheit von ihrer Vaterstadt Wien daselbst in letzter Zeit in einer Reihe fremder oder eigener Concerte aufgetreten und zwar, wie aus mehreren dortigen Bl[ättern] hervorgeht, stets mit großem Erfolge. 'Kraft und Energie des Anschlags, große Technik, zarte Betonung der Cantilene und poetische Auffassung ließen allen ihren diesmaligen Ausführungen den wohlthuendsten Eindruck und stürmischen Beifall folgen, auch spielte Frl. F. die umfangreichsten Stücke mit größter Treue aus dem Gedächtnisse. Einem Ueberwuchern der Kraft, einem manchemale etwas unvermittelten Aneinanderreihen der Gegensätze, Eigenheiten, welche aber nur in dem übrigens sehr liebenswürdigen Jugendfeuer der Auffassung ihren Grund haben, wird die Alles ausgleichende Zeit von selbst die nöthigen Zügel anlegen.' In ihrem letzten eignen, mit Orchester gegebenen Concerte hatte Frl. F. überdies aus Werken von Scarlatti, Graun, Schumann (Concertstück), Reinecke, Erbeck, Chopin und Liszt (Ungarische Phantasie) ein sehr interessantes Programm zusammengestellt. Frl. Fichtner hat sich jetzt, nach einem kurzen Aufenthalte in Leipzig nach Wiesbaden begeben, wo sie auf Einladung der Curdirection in einem der nächsten Concerte auftritt.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ 1870, S. 274) An welchem Ort sich Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner zwischen 1867 und 1870 aufgehalten hatte, ist bislang unbekannt. In Wiesbaden traf sie vermutlich mit dem Komponisten Joachim Raff zusammen, der ihr seine dort im Herbst 1870 entstandene Suite für Klavier g-Moll op. 162 widmete.


    Mit ca. 21 Jahren, in den Jahren 1869/1870, lernte Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner Franz Liszt in Wien kennen, der die Pianistin als Schülerin annahm. Wie es scheint, ließ sich Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner anschließend in Weimar nieder. Die folgenden Jahre waren – neben dem Studium bei Franz Liszt – von Erfolgen geprägt. Einen Eindruck von ihrer umfangreichen Konzerttätigkeit gibt eine Meldung in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ vom Januar 1973: „Frl. Pauline Fichtner aus Wien spielte am 6. im Abonnementconcert in Weimar mit außerordentlichem Erfolge Beethoven’s Esdurconcert, ‚Auf dem Wasser zu singen’ von Schubert-Liszt, eine Raff’sche Polka und nach mehrmaligem Hervorruf eine Transcription von Liszt als Zugabe, sowie außerdem zweimal vor dem dortigen Hofe, gab hierauf in Darmstadt ein, mehreren von dort und vorliegenden sehr günstigen Ber[ichten] zufolge brillantes Concert, in welchem Liszt’s Transcriptionen des Wagner’schen Liedes ‚Am stillen Herd’ einen wahren Sturm von Beifall erregte, und betheiligte sich sodann in Berlin an Concerten der Symphoniecapelle und der unter Wüerst stehenden Orchesterconcerte.“ („Neue Zeitschrift für Musik 1873, S. 59) Im Jahr 1873 wurde Pauline von Fichtner-Erdmannsdörfer zur weimarischen Kammer- und Hofpianistin sowie zur großherzoglich hessischen Kammervirtuosin ernannt und erhielt im selben Jahr die goldene Verdienstmedaille für Wissenschaft und Kunst des Fürsten Schwarzburg-Sondershausen. Ausgedehnte Konzerttourneen führten sie zudem in der Zeit zwischen 1870 und 1874 durch Deutschland, Polen, Schweden, die USA sowie durch Russland mit Konzerten u. a. in St. Petersburg, Warschau und Odessa. Leider ist bislang weder über ihre Studienzeit bei Franz Liszt noch über ihre Konzertreisen in dieser Zeit Näheres bekannt. Wie es scheint, schätzte Franz Liszt seine Schülerin außerordentlich. Im Januar 1874 spielten sie z. B. vierhändig bei einer Soirée im Salon von Ludwig Bösendorfer in Wien (vgl. „Neue Zeitschrift für Musik“ 1874, S. 42). Ebenfalls in dieser Zeit, 1870, erschienen auch die ersten Kompositionen von Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner bei Gotthardt in Wien, darunter die Klavierlieder „Des Sängers Wunsch“, „Wehmut“, „Vergleich“ und „Mein Höchstes“. Weitere Kompositionen – vermutlich ebenfalls aus den Jahren 1870 bis 1874 – wurden vom renommierten Wiener Verlag Doblinger veröffentlicht.


    Im Jahr 1874 heiratete Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner den Komponisten und Kapellmeister Max von Erdmannsdörfer – ebenfalls ein Schüler Franz Liszts –, der zu dieser Zeit Hofkapellmeister in Sondershausen war. Sie gab, viel beachtet von der Presse, am 20. März 1874 ein offizielles Abschiedskonzert in Wien, zog sich anschließend weitgehend aus dem öffentlichen Konzertleben zurück und trat, wenn überhaupt, meistens im Umfeld ihres Mannes auf. Gemeinsam mit ihm lebte sie in Sondershausen und unterstützte ihn dort in seinen Tätigkeiten. Das Ehepaar übernahm die Organisation der bekannten sonntäglichen Lohkonzerte im Schlosspark und machte sie zu einem Zentrum der neudeutschen Schule um Franz Liszt. Mindestens einmal im Jahr trat dort Franz Liszt selbst auf und auch Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner konzertierte regelmäßig in diesem Rahmen, so z. B. im Herbst 1874 im 7. Hofconcert mit dem Klavierkonzert fis-Moll op. 10 von Hans von Bronsart unter der Leitung ihres Mannes (vgl. Eberhardt 1983; „Neue Zeitschrift für Musik“ 1874, S. 330). Im Herbst 1877 widmete Joachim Raff dem Ehepaar seine Fantasie für zwei Klaviere op. 207 und als Franz Liszt 1880 in Sondershausen zu Besuch war, spielte Pauline Erdmannsdörfer-Fichtner gemeinsam mit Henri Petri (Violine) und Hans Wihan (Cello) ein Klaviertrio von Joachim Raff. Am gleichen Abend trat sie bei einem Konzert im Fürstlichen Hoftheater mit dem Klavierkonzert A-Dur von Franz Liszt unter der Leitung ihres Mannes auf. Im kleinen Kreis spielten Franz Liszt und Pauline Erdmannsdörfer-Fichtner am darauffolgenden Abend gemeinsam die Variationen über ein Beethoven'sches Thema für zwei Klaviere von Camille Saint-Saëns (vgl. Charles 1888, S. 142).


    Als Max von Erdmannsdörfer 1881 von Nikolai Rubinstein die Leitung der kaiserlich-russischen Musikgesellschaft in Moskau sowie eine Professur am dortigen Konservatorium übernahm, zog das Ehepaar nach Moskau und kehrte erst 1889 nach Deutschland zurück. Über die Zeit in Russland ist bislang – Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner betreffend – kaum etwas bekannt. Dass sie jedoch auch im Moskauer Musik- und Gesellschaftsleben an der Seite ihres Mannes eine vergleichsweise große Rolle spielte, wird z. B. durch die Tagebucheintragungen von Piotr I. Tschaikowsky deutlich, der mehrfach seine Besuche im Haus Erdmannsdörfer erwähnt (Tschaikowski [1992]). Durch die Vermittlung von Hans von Bülow erhielt Max von Erdmannsdörfer eine Stelle in Bremen und wirkte dort ab 1889 als Dirigent der philharmonischen Konzerte und der Singakademie. Nach der Rückkehr nach Deutschland erschienen zahlreiche Kompositionen von Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner im Druck, darunter die Sammlung „Türkische Liebeslieder“, die 1892 bei Ries & Erler in Berlin verlegt wurden, sowie das „Brautlied“ und die „Zwei Lieder“, die im Bremener Verlag Praeger & Meier 1895 bzw. 1898 veröffentlicht wurden. Ebenso wurden etliche ihrer Lieder ab den 1890er-Jahren regelmäßig in Deutschland aufgeführt, unter denen „Der Funke“ aus den „Türkischen Liebesliedern“ besonders beliebt war (vgl. Marx 2001, S. 114). Vermutlich trat Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner in dieser Zeit nach wie vor auch als Pianistin auf, denn Eugène d'Albert widmete ihr 1893 sein Klavierkonzert E-Dur op. 12.


    Im September 1896 wurde Max von Erdmannsdörfer als bayerischer Hofkapellmeister und Professor der Akademie der Tonkunst nach München berufen und das Ehepaar ließ sich dort nieder.

    Neben ihrer weiteren Tätigkeit als Komponistin, wandte sich Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner in München verstärkt der Klavierpädagogik zu und unterrichtete dort zahlreiche Schülerinnen und Schüler, wie aus einem Nachruf der „Neuen Musikzeitung“ hervorgeht: „Sie war eine der besten Schülerinnen Liszts, hat nach großen Erfolgen als Pianistin in München eine bedeutende Tätigkeit als Lehrerin entfaltet und gab auch einige Kompositionen heraus.“ („Neue Musikzeitung“ 1917, Heft 3, S. 45). Näheres ist bislang weder über ihren dortigen Schülerkreis noch über eine mögliche institutionelle Anbindung bekannt.

    In München traten Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner und ihr Mann zudem als Förderer und Stifter hervor. Max von Erdmannsdörfer erhielt hierfür den bayerischen Kronenorden und den persönlichen Adel.


    Nach dem Tod ihres Mannes im Februar 1905 blieb Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner in München und widmete sich verstärkt der Komposition. In den Jahren 1910 und 1911 erschienen im Berliner und Münchner Verlag Lewy die Liedsammlungen „Zwei Gedichte aus Traum und Leben“ und „Zwei Stimmungsbilder“ sowie das „Thema e-Moll mit 9 Umspielungen für 2 Klaviere“, das „Thema cis-Moll mit 10 Veränderungen für Klavier“ und die „Ballade es-Moll für Klavier“. Vermutlich versuchte sie in diesen Jahren nochmals verstärkt, Anerkennung als Komponistin zu finden. Am 28. Oktober 1910 veranstaltete sie ein Portrait-Konzert mit ihren eigenen Werken im Bösendorfer-Saal in Wien. Dabei trat sie selbst mit den „10 Klaviervariationen cis-Moll“ sowie der „Ballade es-Moll“ auf und begleitete etliche ihrer Klavierlieder, die von der Berliner Altistin L. Tömlich-Behn sowie dem Berliner Tenor W. Schmidt interpretiert wurden. Theodor Helm schrieb in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ über das Konzert: „Gar schöne frühere Zeiten brachte uns ein von Frau Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner bei Bösendorfer veranstalteter Kompositionsabend in Erinnerung, in dem ja die Konzertgeberin [...] in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts unter ihrem Mädchennamen eine der trefflichsten und durch blühende Erscheinung anziehendste Wiener Pianistin gewesen war, den vorgeführten stimmungsvollen Liedern und interessanten Klavierstücken (bei ersteren Hauptvorbild anscheinend Liszt und die fünf schönen 'Gedichte' R. Wagners; ihr Klavierstil eine Art Kompromiß zwischen Brahms und Liszt) natürlich wärmste Teilnahme entgegenbringend.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ 1910, S. 392) Bis heute wird der Stil ihrer Kompositionen – soweit überhaupt erwähnt – in der Regel mit diesen Vergleichen beschrieben: stilistisch stünden sie zwischen Franz Liszt, Anton Rubinstein und Hugo Wolf (vgl. Marx 2001, S. 115).


    Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner starb am 24. September 1916 in München.

    Würdigung

    Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner war eine herausragende Musikerin, die als Pianistin im Umfeld von Franz Liszt großartige Erfolge feierte und zudem mit eigenen Kompositionen an die Öffentlichkeit trat. Nach ihrer Heirat mit dem Sondershausener Hofkapellmeister Max von Erdmannsdörfer 1874 unterstützte sie ihren Mann bei seiner Arbeit, konzertierte aber nach wie vor in seinem Umfeld als Solistin und Kammermusikerin. Gemeinsam mit ihm sorgte sie dafür, dass Sondershausen zu einem Zentrum der Neudeutschen Schule wurde, das von Franz Liszt als Aufführungsort neuer Kompositionen überaus geschätzt wurde. Im Nekrolog auf ihren Mann schrieb sie selbst über die gemeinsame Zeit in Sondershausen: „Es war eine ideale Zeit für uns Beide und für alle, die sie mitgenießen durften. Belebend und mitfortreißend wirkte jeder Besuch Liszts, Hans von Bülows und anderer Großer, deren Namen wir mit feurigen Lettern auf unser Künstlerbanner geschrieben hatten [...].“ (Erdmannsdörfer-Fichtner 1907, o. S.) Auch in späteren Jahren war sie als Musikerin an der Seite ihres Mannes anerkannt. So widmete ihr z. B. Eugène d’Albert 1893 sein Zweites Klavierkonzert E-Dur op. 12.

    Nachdem sich das Ehepaar in München niedergelassen hatte, widmete sich Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner verstärkt der Komposition und dem Unterricht – Tätigkeiten, über die bislang nahezu nichts bekannt ist. Eine angemessene Würdigung ihrer Kompositionen sowie ihrer Arbeit als Klavierpädagogin wird daher erst nach weitergehenden Forschungen möglich sein.

    Rezeption

    Eine Rezeption der Tätigkeiten von Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner findet meistens nur in Zusammenhang mit ihrem Mann Max von Erdmannsdörfer und der Rolle des Ehepaares als Förderer der neudeutschen Schule statt. Dabei wird in der Regel auch ihr Anteil als Interpretin entsprechender Werke gewürdigt. Das gleiche gilt für Artikel in Lexika: Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner wird in der Regel in Artikeln über ihren Mann Max von Erdmannsdörfer als Künstlerin mit besprochen. Ihre Kompositionen sowie ihre eigenständigen künstlerischen Tätigkeiten sind zwar bekannt, jedoch bis heute weitgehend unerforscht.

    Werkverzeichnis

    A. Kompositionen


    Lieder mit Klavierbegleitung


    Des Sängers Wunsch (Wien: Gotthard 1870)


    Wehmut (in: Drei Lieder, Wien: Gotthard 1870)

    Vergleich (in: Drei Lieder, Wien: Gotthard 1870)

    Mein Höchstes (in: Drei Lieder, Wien: Gotthard 1870)


    An’s Ufer wollt ich fliegen (in: Vier Gesänge, Wien: Doblinger o. J.)

    Franz (in: Vier Gesänge, Wien: Doblinger o. J.)

    Süßes Begräbnis (in: Vier Gesänge, Wien: Doblinger o. J.)

    Sehende Hoffnung (in: Vier Gesänge, Wien: Doblinger o. J.)


    Vom Himmel herab (in: Vier Gesänge, Wien: Doblinger o. J.)

    Gebet (in: Vier Gesänge, Wien: Doblinger o. J.)

    Takt (in: Vier Gesänge, Wien: Doblinger o. J.)

    Vorbei (in: Vier Gesänge, Wien: Doblinger o. J.)


    So trostlos muß ich von Dir gehen (in: Zwei Gedichte, Berlin: Ries & Erler o. J.)

    Immer leiser (in: Zwei Gedichte, Berlin: Ries & Erler o. J.)


    Dein Bildnis wunderselig (in: Vier Lieder, Berlin: Ries & Erler o. J.)

    Was mich zu dir so mächtig zog (in: Vier Lieder, Berlin: Ries & Erler o. J.)

    Im tiefsten Innern (in: Vier Lieder, Berlin: Ries & Erler o. J.)

    Ich denk an dich (in: Vier Lieder, Berlin: Ries & Erler o. J.)


    Klage (in: Türkische Liebeslieder, Berlin: Ries & Erler 1892)

    Der Funke (in: Türkische Liebeslieder, Berlin: Ries & Erler 1892)

    Der Ruderer (in: Türkische Liebeslieder, Berlin: Ries & Erler 1892)

    Tulpe (in: Türkische Liebeslieder, Berlin: Ries & Erler 1892)

    Kettenfinger (in: Türkische Liebeslieder, Berlin: Ries & Erler 1892)

    Nachtigall (in: Türkische Liebeslieder, Berlin: Ries & Erler 1892)

    Die Schreibfeder (in: Türkische Liebeslieder, Berlin: Ries & Erler 1892)

    List (Duett; in: Türkische Liebeslieder, Berlin: Ries & Erler 1892)


    Brautlied (Bremen: Praeger & Meier 1895)


    Herbstnacht (in: Zwei Lieder, Bremen: Praeger & Meier 1898)

    O sei mir hold (in: zwei Lieder, Bremen: Praeger & Meier 1898)


    Laßt mich ruhen, laßt mich träumen (in: Zwei Gesänge, Leipzig 1898)

    Leise zog die Nacht den Schleier (in: Zwei Gesänge, Leipzig 1898)


    Mutter Natur (in: Zwei Gedichte aus Traum und Leben, Berlin: Lewy 1911)

    Abschied (in: Zwei Gedichte aus Traum und Leben, Berlin: Lewy 1911)


    Kleine Leiden, kleine Klagen (in: Zwei Stimmungsbilder, Berlin: Lewy 1911)

    Die Hand erzittert leise (in: Zwei Stimmungsbilder, Berlin: Lewy 1911)


    So regnet es sich langsam ein (Text: Cäsar Flaischlen; München: Lewy 1911)



    B. Instrumentalmusik


    Zwei Phantasiestücke für Violine und Klavier (Berlin: Ries & Erler, 1892),

    Wiederauflage hg. v. Dieter M. Backes, Certosa Verlag


    Thema e-Moll mit 9 Umspielungen für 2 Klaviere (Berlin: Lewy 1910)


    Thema cis-Moll mit 10 Veränderungen für Klavier (München: Lewy 1910)


    Ballade es-Moll für Klavier (München: Lewy 1911)



    C. Bearbeitungen


    Reger, Max. Walzer op. 22. In freier Bearbeitung für Klavier zu 2 Händen von Pauline Erdmannsdörfer-Fichtner. München: Aibl, ca. 1900.



    D. Schriften


    Max von Erdmannsdörfer. In: Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog 10 (1907), S. 160-163 [Nachruf auf ihren Mann Max von Erdmannsdörfer].

    Repertoire

    Eine Repertoireliste lässt sich aufgrund fehlender Informationen zur Zeit nicht erstellen. Ihr Repertoire umfasste das klassisch-romantische Repertoire, sowohl als Solistin als auch als Kammermusikerin. Daneben lag ein Schwerpunkt auf den Werken der neudeutschen Schule, darunter Kompositionen von Joachim Raff und Hans von Bronsart. Nachgewiesen sind die Aufführungen der folgenden Werke (zum Repertoire vgl. auch Charles 1888, S. 143):


    Albert, Eugène de. Klavierkonzert E-Dur op. 12.

    Beethoven, Ludwig van. Klavierkonzert G-Dur op. 58.

    Beethoven, Ludwig van. Klavierkonzert Es-Dur op. 73.

    Beethoven, Ludwig van. Konzert C-Dur für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester op. 56.

    Beethoven, Ludwig van. Sonate für Violine und Klavier A-Dur op. 47.

    Bronsart, Hans von. Klavierkonzert fis-Moll op. 10.

    Grieg. Edward. Klavierkonzert a-Moll op. 16.

    Liszt, Franz. Klavierkonzert Es-Dur H 4.

    Liszt, Franz. Klavierkonzert A-Dur H 6.

    Liszt, Franz. Große Ungarische Phantasie.

    Liszt, Franz. Transkription von „Auf dem Wasser zu singen“ (Franz Schubert).

    Liszt, Franz. Transkription von „Am stillen Herd“ (Richard Wagner).

    Mozart, Wolfgang Amadeus. Fantasia c-Moll KV 475.

    Raff, Joachim. Suite für Klavier g-Moll op. 162.

    Raff, Joachim. Fantasie für zwei Klaviere op. 207.

    Raff, Joachim. Klaviertrio (keine Präzisierung möglich).

    Raff, Joachim. Polka (keine Präzisierung möglich).

    Saint-Saëns, Camille. Variations sur un thème de Beethoven pour 2 pianos op. 35.

    Schumann, Robert. Klavierkonzert a-Moll op. 54.

    Schumann, Robert. Concertstück G-Dur für Klavier und Orchester op. 92.

    Quellen

    Literatur


    Artikel „Erdmannsdörfer, Max“. In: Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon. Paul Frank (Hg.). 12. Aufl. bearb. von Wilhelm Altmann. 1926 [mit einem Absatz über Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner; verfügbar in wbis: world biographical information system]


    Artikel „Erdmannsdörfer, Max von“. In: Musiklexikon. Hugo Riemann (Hg.). 11. Auflage. Bearbeitet von Alfred Einstein. 1929. [mit einem Absatz über Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner; verfügbar in wbis: world biographical information system]


    Artikel „Erdmannsdörfer-Fichtner, Pauline von“. In: Lexikon der Frau. Bd. I. Zürich: Encyclios Verlag AG, 1954, Sp. 952.


    Artikel „Erdmannsdörfer, Pauline“. In: International Encyclopedia of Women Composers. Aaron I. Cohen (Ed.). New York/London: R. R. Bowker Company, 1981.


    Charles, M. [Max Chop]. Zeitgenössische Tondichter. Studien und Skizzen. Leipzig: Roßbergsche Buchhandlung, 1888.


    Eberhardt, Hans. Franz Liszt und Sondershausen. In: Archiv für Musikwissenschaft 43 (1986), S. 201-217.


    Erdmannsdörfer-Fichtner von, Pauline. Max von Erdmannsdörfer. In: Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog 10 (1907), S. 160-163 [Nachruf auf ihren Mann Max von Erdmannsdörfer].


    LaMara. Franz Liszt’s Briefe. 8 Bände. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1893ff.


    Marx, Eva. Artikel „Erdmannsdörfer-Fichtner, Pauline von“. In: 210 österreichische Komponistinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Biographie, Werk und Bibliographie. Eva Marx, Gerlinde Haas (Hg.). Salzburg, Wien, Frankfurt: Residenz-Verlag, 2001, S. 113-116.


    Ott, Alfons. Artikel „Erdmannsdörfer-Fichtner, Pauline von“. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. neubearb. Ausgabe. Ludwig Finscher (Hg.). Personenteil Bd. 6. Kassel, Stuttgart u. a.: Bärenreiter, Metzler, 2001. Sp. 417.


    Pazdírek, François. Manuel Universel de la Littérature Musicale. Wien: Pazdírek & Co., 1904ff.


    Tschaikowski, Peter. Die Tagebücher. Ernst Kuhn (Hg.). Berlin: Verlag Ernst Kuhn, 1992.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Neue Zeitschrift für Musik 69 (1873), S. 59; S. 463.

    Neue Zeitschrift für Musik 70 (1874), S. 41f.; S. 193; S. 330.

    Neue Zeitschrift für Musik 77 (1910), S. 392.

    Neue Musikzeitung 1917, Heft 3, S. 45 (Nachruf).



    Links


    www.kalliope-portal.de

    Das Verbundinformationssystem für Nachlässe und Autographen „Kalliope“ verzeichnet mehrere Briefe von Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner.

    Forschung

    Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner ist aufgrund ihrer Verbundenheit mit ihrem Mann Max von Erdmannsdörfer, Franz Liszt und der Neudeutschen Schule zwar bekannt, zu ihren eigenständigen Tätigkeiten liegen jedoch kaum Forschungen vor. Eine Ausnahme ist der Artikel von Eva Marx (Marx 2001), der meines Wissens erstmals in jüngerer Zeit auf die Komponistin aufmerksam machte.

    Ein möglicher Nachlass des Ehepaares ist bislang nicht bekannt. Das Verbundinformationssystem „Kalliope-Portal“ verzeichnet mehrere Briefe von Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner (vgl. „Links“).

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner erstreckt sich auf nahezu alle ihre Tätigkeiten. Über ihre kurze eigenständige Laufbahn als Pianistin und ihre Konzerttourneen in den Jahren 1870 bis 1874 ist nahezu nichts bekannt. Ebenso wenig sind ihre Kompositionen und ihre Tätigkeiten als Klavierpädagogin und Förderin bislang erforscht. Es ist zu vermuten, dass sie unter den Komponisten im Umfeld von Franz Liszt und der Neudeutschen Schule als Interpretin außerordentlich anerkannt war, aber auch die daraus sich ergebenden Kontakte wurden bislang nicht näher untersucht.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 15194452
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 116531460
    Library of Congress (LCCN): nr2003006780

    Autor/innen

    Silke Wenzel, Die Grundseite wurde im Dezember 2007 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 10.1.2008


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Pauline von Erdmannsdörfer-Fichtner“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 10.1.2008.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/258