Die Quelle

Die Handschrift des Liederbuchs der Catherina Tirs ist seit dem Tod des Priesters, Gymnasiallehrers und westfälischen Kirchenliedforschers Bernhard Hölscher 1885 verschollen. Noch einmal erwähnt wird sie als Besitz des Münsteraner Philologen und Gymnasiallehrers Franz Jostes (1858–1925) in der Manuskriptsammlung der „Bibliotheca Neerlandica“. Ihr gesamter Inhalt lässt sich jedoch durch die Publikation der niederdeutschen Liedertexte durch Hölscher von 1854 sowie die Abschrift der nicht publizierten lateinischen Lieder durch Ludwig Erk von rekonstruieren. Hier wird deshalb die Sammlung der niederdeutschen Liedertexte als Verzeichnis H bezeichnet und die Sammlung der lateinischen Lieder als Verzeichnis E.

Datierung und Einordnung
Die Handschrift trug die Jahreszahl 1588 eingeprägt und soll wohl auch um diese Zeit aufgeschrieben worden sein, stellt HölscherBernhard Hölscher, Niederdeutsche geistliche Lieder und Sprüche aus dem Münsterlande, Berlin 1854, S. V. im Vorwort seiner Edition fest. Das aufgezeichnete Liedgut stammt jedoch aus dem 15. Jahrhundert und früher, wie Vergleiche mit anderen Liederbüchern ergeben. Da es sich bei der Originalhandschrift laut Ludwig Erk Ludwig Erk, 1871, mus., ms. 40411, ehemals Westdeutsche Bibliothek Marburg, heute Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz (SBB-SBK), Blatt 1. um ein nicht illuminiertes „kleines Duodez- Querformat“ handelte, ist davon auszugehen, dass sie eine private Gebrauchshandschrift für die Gesangs- und Meditationspraxis ihrer Aufzeichnerin, der Augustinerschwester Catherina Tirs aus dem Kloster Niesing in Münster war. Offizielles (und liturgisches) Repertoire wurde meist im Hochformat aufgezeichnet.

Querformate tragen das „Signum von Inoffizialität“, schreibt Nicole SchwindtNicole Schwindt, Artikel „Quellen“, in:, Die Musik in Geschichte und Gegenwart, hg. von Ludwig Finscher, Sachteil, Bd. 6, Kassel 1997, Sp. 1956.. Neben 17 viel gesungenen und mit Noten aufgezeichneten lateinischen und lateinisch-niederdeutschen Liedern weist die Handschrift 62 zum Teil seltene oder unikate niederdeutsche Liedertexte auf, die ihr gleichzeitig den Charakter einer konservierenden Sammlung geben. Die Sammlung gilt als „mit Abstand von mehr als 50 Jahren letzte Quelle für das geistliche Lied des Mittelalters auf deutschen Boden“ (Walter Salmen)Walter Salmen, „Weihnachtsgesänge des Mittelalters in westfälischer Aufzeichnung“, in: Kirchenmusikalisches Jahrbuch, 36. Jahrgang, Köln 1952, S. 24..

Sicherlich ist eine handschriftliche Liedersammlung mehr als hundert Jahre nach Erfindung des Buchdrucks und bereits zahlreicher, auf Hochdruck laufender Druckpressen im deutschen Sprachraum schon fast ein Anachronismus. Allerdings standen in Klöstern und insbesondere in Frauenklöstern kostspielige technische Mittel nicht zur Verfügung, schon gar nicht für den individuellen Gebrauch. Dieses Faktum ist angesichts der Ende des 16. Jahrhunderts „unüberschaubaren Mengen“ Vgl. Frieder Schanze, „Privatliederbücher im Zeitalter der Druckkunst. Zu einigen Lieddruck-Sammelbänden des 16. Jahrhunderts“, in: Gattungen und Formen des europäischen Liedes vom 14. bis zum 16. Jahrhundert, hg. von Michael Zywietz, Volker Honemann, Christian Bettels, Münster u.a. 2005 (= Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit, Bd. 8), S. 204 ff. von gedruckten Liederheften, Flugblättern und Lieddruck-Sammelbänden bei der Einordnung eines handgeschriebenen Gesangbuchs zu berücksichtigen.

Autorschaft
Die Annahme HölschersBernhard Hölscher, Niederdeutsche geistliche Lieder und Sprüche aus dem Münsterlande, Berlin 1854, S. VII., bei der Liederhandschrift handele es sich offenbar um eine Abschrift, wird von Salmen geteilt.