Liedgattungen

Im Liederbuch der Catherina Tirs befinden sich insgesamt 79 geistliche Liedertexte, davon 17 in lateinischer und lateinisch-niederdeutsch gemischter Sprache, die mit Melodien aufgezeichnet und als einfache lateinische Kirchenlieder zu bezeichnen sind.

Bei den 62 niederdeutschen Texten ohne Noten handelt es sich hingegen zum größten Teil um Kontrafakturen (Nachdichtungen) bekannter weltlicher Weisen unterschiedlichster Gattungen, deren Texte und Melodien in ihrer Entstehungszeit als bekannt vorausgesetzt werden konnten. Durch die Nachdichtung und ggf. Übernahme einer Melodie wird immer auch ein Rest des Ursprungstextes und seiner Bedeutung in das neue, geistliche Lied transportiert. Auch die Bezüge zu bestimmten Gattungen dem Inhalt nach (z.B. zum Tagelied), der Vortragsform nach (wie z.B. dem Vortragslied oder dem Rollenlied), dem Anlass nach (wie z.B. dem Abendlied oder dem Hochzeitslied) oder nach anderen Kategorien übertragen semantisch wirksame Spuren in eine Kontrafaktur.

Cantio (E.VII.)
Als Cantio bezeichnete man im Mittelalter einfache, einstimmige geistliche Gesangsstücke auf rhythmische Strophendichtungen, die zum Offizium (Stundengebet) oder in die private Andacht gehörten.

Tropus (E.V.)
Liturgischer Gesang im Mittelalter, der durch die Textierung von Melismen (melodische Verzierungen)

oder Erweiterung der Choräle entstand und sich zu einer eigenen Form entwickelte, bis ihr Gebrauch durch das Konzil von Trient (1545–1563) verboten wurde.

Ein Benedicamus-Tropus (E.IX.) ist ein geistliches Lied, dem – meist am Ende, oft als Refrain – der Vers „Benedicamus Domino“ eingefügt ist.

Hymnus
Feierliches lateinisches Lob- und Preislied aus dem Offizium (Stundengebet). Strophenlied mit Doxologie (Lobpreisung der Herrlichkeit Gottes).

Prosa und Sequenz (H.4.)
Im Mittelalter entstandene Form des Tropus durch Textierung des Schlussjubilus’ des Alleluja, später eigene Kompositionsform. Auch die Sequenzen (in Frankreich: Prosen) wurden durch das Konzil von Trient (1545–1563) bis auf die Oster-, Pfingst- und Fronleichnamssequenzen sowie das „Dies irae“ der Totenmesse reduziert.