An Sebastian Hensel

 
Fanny Hensel, Lobgesang, Introduzione Pastorale

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Kammerchor der Universität Dortmund, Florilegium Musicum Rotterdam, Willi Gundlach (Leitung), CD Kantaten von Fanny Hensel & Felix Mendelssohn, Thorofon 1997, CTH 2346, Track 10

Wilhelm Hensel, Porträtskizze zu Christus vor Pilatus)
Wilhelm Hensel, Porträtskizze zu Christus vor Pilatus (Fanny Hensel mit ihrem Sohn Sebastian), Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz Berlin
Für ihren Sohn Sebastian (1830–1898) komponierte Fanny Hensel eine Kantate für Sopran, Alt, vierstimmigen Chor und Orchester. Sie begann mit der Arbeit an ihrem Lobgesang am 6. Februar 1831 und beendete die Komposition am 14. Juni 1831, zwei Tage vor seinem ersten Geburtstag. Die Widmung lautet: „Für Felix, Ludwig, Sebastian Hensel am ersten Jahrestag seiner Geburt von seiner Mutter.” Die Namen des Kindes sprechen für sich. Alle für Fanny Hensels eigenen künstlerischen Weg wichtigen Komponisten sind vertreten: Ihr Bruder Felix, Ludwig van Beethoven und Johann Sebastian Bach. Die Kantate erscheint wie eine Hommage an den Letzteren, von dem der Sohn auch den Rufnamen hatte. Ihr Aufbau folgt dem einer kurzen Bach-Kantate. Mit der instrumentalen Einleitung „Introduzione Pastorale” verweist sie unmittelbar auf die Sinfonia am Beginn der zweiten Kantate von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium. Für den Text kompilierte Fanny Hensel Auszüge aus dem 62. Psalm, Johannes 16, 21, dem Hohen Lied Salomos (8,6) und dem „Loblied” von Johann Metzner. Im Zentrum steht die Freude der Mutter nach ihrer Not bei der Geburt: ein wohl einzigartiges Thema für eine geistliche Kantate, zumal die Mutter in der zentralen Sopran Arie „O dass ich tausend Zungen hätte” selbst spricht. Für Fanny Hensel stand zum Zeitpunkt der Komposition und Aufführung vor allem die Freude über die Entwicklung ihres Kindes – die ersten Schritte und Worte, sein frühes Interesse an Musik – im Vordergrund, über die sie in ihrem Tagebuch immer wieder ausführlich berichtet. Wie ist in diesem Kontext der Verweis auf das Weihnachtsoratorium zu verstehen? Als Blasphemie etwa – weil die Geburt des eigenen Kindes mit Christi Geburt gleichgesetzt wird? Vielleicht ist es umgekehrt richtiger: Der Lobgesang zeigt, dass sich die Religion mit der Geburt eines Kindes eines Bildes bedient, das in seiner existenziellen Bedeutung tief im Persönlichen und Subjektiven verankert ist. Mit dem musikalischen Geburtstagsgeschenk wird dieses Bild dorthin zurückgeholt, woher es stammt.
Vgl. hierzu Cordula Heymann-Wentzel, Ein ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk. Fanny Hensels „Lobgesang”, in: Musik und Biographie. Festschrift für Rainer Cadenbach, hg. v. Cordula Heymann-Wentzel und Johannes Laas, Würzburg 2004, S. 462–471