An dem Tag, als Fanny Hensel in den Schweizer Bergen bis an die Grenze nach Italien gelangte, komponierte sie das Lied Sehnsucht nach Italien, das sie mit genauem Datum und Ortsangabe versah. Vom selben Tag ist auch ein Brief an Marianne Mendelssohn, die Frau ihres Cousins Alexander Mendelssohn, überliefert:
Ich habe einen Tag erlebt, Marianne, einen Tag, der ewig unauslöschlich in meinem Innern steht, dessen Andenken für lange hinaus auf mich wirken wird. In Gottes grösste Natur bin ich getreten, das Herz hat mir gebebt vor Schauer und Ehrfurcht, und als ich wieder beruhigt, das menschlich Schönste, das anmuthig Lieblichste erblickte, als ich an der Grenze von Italien stehe, da ruft mein Schicksal: bis dahin und nicht weiter. […] die Idee des Landes, welches hinter jenen Gebirgen beginnt, ja selbst die fühlbare Nähe Italiens, der kleine Umstand, dass die Landleute alle in Italien waren, italiänisch reden und den Wanderer mit den süssen Lauten der lieblichen Sprache begrüssen, rührte mich unendlich. Wäre ich an diesem Tage ein junger Bursche von 16 Jahren gewesen, bei Gott! ich hätte zu kämpfen gehabt, um keinen dummen Streich zu begehen. Und wenn mich auf der einen Seite die heftigste Sehnsucht nach Italien trieb, so hatte ich auf der andern den grössten Wunsch, über Furka und Grimsel nach dem Haslithal zu gehen, eine Reise, die wir leicht hätten machen können, wenn wir uns vorher darauf eingerichtet hätten. Den ganzen Tag hatte ich die Möglichkeit berechnet, noch Abends, wenn auch allein mit Dominique, auf den Gotthard zu steigen, es sind nur noch 3 Stunden von Ursernthal, aber es war nicht möglich, ich musste mich bescheiden.Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl? – Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
Johann Wolfgang von Goethe