An Hanstein

 
Die kleine Differenz der Präpositionen in Fanny Hensels Tagebucheintragung ist bemerkenswert: die Fuge für Hanstein und das Lied an Hanstein. Das erste bezeichnet ein musikalisches Geschenk, das bei der Übergabe „fertig” ist, das zweite deutet auf eine besondere Art des Schreibens bzw. Singens hin, das sich im Prozess auf jemanden bezieht und dadurch „offen” und unabgeschlossen ist. Es kann wie das Lied an Hanstein sein Gegenüber „abbilden”, es kann Chiffren enthalten, die erst im Dialog mit Sinn erfüllt werden und die sich nur den beteiligten „Gesprächspartnern” ganz erschließen. Es öffnet Räume des gegenseitigen Andenkens in einem bestimmten Augenblick. Unter „Adressiertheit” ist also ein kommunikatives Moment zwischen Absender und Adressat zu verstehen.
August Hanstein gehörte zum Freundeskreis um die Mendelssohn-Geschwister. Ein Brief von Felix Mendelssohn Bartholdy an ihn ist überliefert, viel ist über ihn nicht bekannt. Im Juli 1827 verstarb er sehr jung an Tuberkulose. Sowohl Fanny Hensel als auch ihr Bruder haben Musik an ihn gerichtet. Dies geht aus einer kleinen Szene häuslichen Musizierens hervor, die sie für den 26. Januar 1829 in ihrem Tagebuch festgehalten hat:

„Mont. früh wurden die Karten [mit der Nachricht der Verlobung Fanny und Wilhelm Hensels] abgeschickt [...] Nach Tisch kam der alte Schadow, Abends Steinb[eck] und Heyd[emanns], es ward Musik gemacht, Lieder von mir, die Fuge für Hanstein, etc. Wir waren Alle besonders bewegt, Felix sagte von meinem Liede: Du jungfräulicher Geist, ohne zu wissen, daß es an Hanstein sey, es klinge so schwindsüchtig. Es war sehr schön.”
Tagebucheintragung vom 30. Januar 1829, zitiert nach Fanny Hensel, Tagebücher, hg. v. Hans-Günter Klein und Rudolf Elvers, Wiesbaden, Leipzig, Paris 2002, S. 5