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Ruhelos    
     
Annäherung an Johanna Magdalena Beyer
von Kirsten Reese


   
Viele Fragen zu Johanna Magdalena Beyers Leben und Werk bleiben offen, auch nachdem Larry Polansky und John Kennedy die zeitgenössischen Quellen nach jedem noch so kleinen Hinweis zu der deutsch-amerikanischen Komponistin durchforstet und alle erhältlichen Informationen über sie zusammengetragen haben - darauf weisen die Autoren in ihrem 1996 im "Musical Quarterly" erschienenen Artikel über Beyer, dessen erster Teil in diesem Heft abgedruckt ist, selbst hin. Von Johanna Beyer existiert anscheinend noch nicht einmal ein Foto. Es ist kaum möglich, sich ihr weiter anzunähern, ohne Spuren zu lesen und gelegentlich spekulative Deutungen vorzunehmen.
   Anhand des von Kennedy und Polansky zusammenge- stellten Materials (auch aus den hier nicht abgedruckten Teilen ihres Aufsatzes) und aufgrund der näheren Beschäftigung mit einigen ihrer Werke' möchte ich einige Stationen in Beyers Leben und Werk im Kontext des amerikanischen Musiklebens der dreißiger und vierziger Jahre betrachten. Eine Einordnung ihrer stilistischäußerst vielfältigen Werke in das musik- und zeitgeschichtliche Umfeld erscheint sinnvoll, weil Beyer immer wieder aktuelle kompositorische Ideen und Trends ihrer Zeit aufgegriffen hat. Insbesondere sollen der Ein- fluß von Charles Seegers Kompositionslehre "dissonant counterpoint" und Gemeinsamkeiten mit den Werken von Ruth Crawford und Henry Cowell aufgezeigt werden.
   Über Beyers Herkunft und die Zeit vor ihrer Emigration ist so gut wie nichts bekannt. Aus den Meldeunterlagen des Leipziger Stadtarchivs2 geht hervor, daß sie sich schon vor ihrer endgültigen Übersiedlung 1924 in New York aufhielt, denn von dort kehrte sie 1914 - mit Ausbruch des Weltkriegs - zu ihrer Familie nach Leipzig zurück. Als Berufe nannte Beyer "Korrespondentin, Erzieherin, Musikstudentin": Möglicherweise besuchte sie die Vereinigten Staaten im Rahmen einer journalistischen Tätigkeit. In Deutschland studierte Beyer nach egenen Angaben "Klavier, Theorie, Harmonielehre, Kontrapunkt, Singen, Tanzen"3 und legte eine Prüfung vor dem Verband der Direktoren Deutscher Konservatorien und Musikseminare e.V."4 ab. Sie studierte also nicht an einer Musikhochschule, sondern an einer privaten Musikerziehungseinrichtung, für die jener Verband (vor der Einführung der staatlichen Regelung von Pri- vatmusiklehrerprüfungen ab 1925) Prüfungen abnahm. Zum Zeitpunkt dieser Prüfung 1923 war Beyer fünfunddreißig Jahre alt. Ein Grund für ihre Emigration ein Jahr später mag gewesen sein, daß sie sich als Frau und Quereinsteigerin in Deutschland wenig Chancen für ihre zukünftige kompositorische Arbeit ausrechnete. Rätselhaft bleibt, warum Beyer nach ihrer Übersiedlung alle

  Kontakte nach Deutschland abbrach. Jedenfalls begann sie in New York im Alter von sechsunddreißig Jahren noch einmal zu studieren, und legte 1927 und 1928 an der Mannes School of Music zwei pädagogische Prüfungen ab." Zusätzlich nahm sie privaten Kompositionsunterricht.

New Music
Mit der Wahl ihrer Lehrer - Däne Rudhyar, Ruth Crawford Charles Seeger und Henry Cowell - zeigte sie die Orientierung in eine bestimmte ästhetische Richtung. Sie alle zählten zu den sogenannten "ultramodernists", die sich in den zwanziger Jahren um Cowells "New Music Society" formierten. Zu diesem Kreis gehörten auch Edward Varese und Carl Ruggles sowie die bei uns weniger bekannten Komponisten Wallingford Riegger, John Becker und Adolph Weiss. Ihr Gegenpol bildete m den zwanziger Jahren die "League of Composers", der unter anderem Aaron Copland, Walter Piston und Virgil Thomson nahestanden, die in Paris bei Nadia Boulanger studiert hatten. Beide Gruppen waren sich in der Ab- wendung vom traditionellen, im wesentlichen der deutsehen Spätromantik verhafteten Musikestablishment einig, und es gab zwischen ihnen personelle Überschnei- dungen und Kooperationen. Aber während die "League" sich eher am französischen Neoklassizismus orientierte vertraten die Komponisten im Umfeld der New Music Society, deren erklärtes Ziel es war, "musikalische Werke zu präsentieren, welche die progressivsten Tendenzen dieser Epoche verkörpern"7, einen radikaleren Ansatz. Sie beschäftigten sich mit neuen Klängen (zum Beispiel Cowells "cluster"- und "inside piano"- Techniken) experimentellen Formen, Atonalität und Mikrotonalität. Charles Ives stellte für viele ihrer Aktvitäten die finanziellen Mittel zur Verfügung, unter anderem finanzierte er Cowells bahnbrechende Notenedition "New Music". In dieser Reihe wurde die einzige Veröffentlichung eines Werks von Johanna Beyer zu Lebzeiten publiziert; die einzige Aufnahme einer ihrer Kompositionen erschien bei den "New Music Quarterly Recordings".

Dissonant Counterpoint
Bei Beyers frühesten überlieferten Kompositionen handelt es sich um zwei Suiten für Klarinette solo, die erheblich von den Theorien Charles Seegers beeinflußt sind Seeger ist Anfang des Jahrhunderts der erste Lehrer Cowells an der University of California gewesen. Seit dieser Zeit hatte er unter dem Oberbegriff "dissonant counterpoint" eine Kompositionslehre entwickelt, in der er ausgehend von der Dissonanz als Norm die traditionellen Regeln des Kontrapunkts umkehrte. Seeger
 
Artikel "Ruhelos". Annäherung an Johanna Magdalena Beyer" von Kirsten Reese, aus: MusikTexte 81/82 Dezember 1999, S. 6ff.
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung)
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