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Johanna Beyer wurde 1888 in Leipzig geboren und studierte dort auch Musiktheorie und Klavier. Nach einem ersten Aufenthalt in NewYork, den sie 1914 mit Beginn des ersten Weltkriegs unterbrach, um zu ihrer Familie nach Deutschland zurückzukehren, wanderte sie 1924 in die USA aus, wo sie an der Mannes School in New York Komposition studierte. Darüber hinaus nahm sie Unterricht bei Dane Rudhyar, Ruth Crawford, Charles Seeger und Henry Cowell. Außer den Geburts- und Todesangaben ist sehr wenig an äußeren Daten über ihr Leben bekannt. Sie wurde auf einem Friedhof außerhalb von New York City begraben. Mit ihrem Tod fielen ihre Werke der Vergessenheit anheim.

Soweit bisher bekannt ist, schrieb sie ihre Werke hauptsächlich in der Zeit zwischen 1930 und 1940. Ihre wenigen frühen Werke gelten als relativ einfache Übungen, die auch der konventionellen Tonalität verhaftet blieben. Welchen Anlässen sie sich verdanken, ist bisher nicht zweifelsfrei erforscht. Möglicherweise handelt es sich um Stücke, die im Zusammenhang mit dem Tonsatzunterricht entstanden sind. Bereits in Deutschland hatte Beyer an einer privaten Musikakademie Unterricht in Klavier, Theorie, Harmonielehre, Kontrapunkt, Gesang und Tanz genommen und diesen 1923 mit einer Prüfung vor dem "Verband der Direktoren Deutscher Konservatorien und Musikseminare" abgeschlossen. Nach ihrer Auswanderung begann sie ein weiteres Studium, das sie 1927 und 1928 mit Prüfungen an der Mannes School of Music abschloss. Während der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts gehörte Johanna Beyer zum Zirkel der Musiker um Henry Cowell. Sie verehrte den Komponisten sehr und setzte sich mit schwärmerischer Hingabe für die Bekanntmachung seiner Werke ein. Die amerikanischen Lehrer Beyers gehörten zu den "ultramodernists", die sich um die Entwicklung neuer Klangformen verdient machten. Atonalität und Mikrotonalität wurden bevorzugte Erkundungsfelder. Die ersten bekannten Kompositionen Johanna Beyers sind zwei Klarinettensuiten aus dem Jahr 1932. Die überlieferten Autographe sind voll von Einzeichnungen, die die Terminologie von Charles Seeger wiedergeben. Dies und der analytische Befund sprechen stark dafür, dass diese Werke im Rahmen des Unterrichts bei Charles Seeger oder Ruth Crawford entstanden sind. Allen Werken scheint eine unmittelbare Nähe insbesondere zu den Kompositionen Ruth Crawfords eigen.

Dies schließt jedoch durchaus eigenständige Momente ein. "Natürlichkeit" und kunstvolle "Einfachheit" als ästhetische Postulate der 1930er Jahre fanden auch in Beyers Werken ihren Niederschlag. Zwar gibt es von ihr keine Massenlieder, doch der analytische Blick fördert klare Züge einer Vereinfachung im musikalischen Satz und der Bildung des Melos zutage. Dass dies aber nicht zu einer Verarmung führen muss, lässt sich zum Beispiel an einem interessanten Detail beobachten: Johanna Beyer setzt in ihrer Sonata for Clarinet & Piano von 1936 ausdrücklich das Mittel unabhängiger Dynamik in beiden Instrumenten ein. In diesem Durchindividualisieren der Dynamik ist das Werk dem brillanten Streichquartett von Ruth Crawford verwandt, an das auch Beyers 2. Streichquartett Bezüge erkennen lässt. Als wichtige Werke sind Dissonant Counterpoint und Gebrauchs-Musik für Klavier zu benennen, beides Suiten aus kurzen Einzelsätzen, die durch kontinuierlichen Einsatz der Dissonanz regelrecht huldigen. Dabei sind die Einflüsse von Charles und Ruth Crawford Seeger in Ersterer praktisch zu greifen, während sie in Letzterer etwas zugunsten einer lyrischeren und nachdenklichen Haltung zurücktreten. Johanna Beyer schrieb eine Reihe von sehr bemerkenswerten und originellen Werken für Klavier. Ein Beispiel ist das Stück Bees, Teil eines pädagogischen Klavierbuchs wie auch Movement for Two Pianos, das sie für Henry Cowell komponierte, schließlich auch Clusters (oder die sogenannten New York Waltzes). Zum Teil tragen die Namen der Stücke programmatischen Charakter. Die Komponistin sorgte für ihren Unterhalt selbst und gab Klavierunterricht. Dafür schrieb sie ein Klavierbuch, in das sie nicht nur Stücke für den Anfang eintrug, sondern auch einfache Zeichnungen malte.

Insgesamt ist Johanna Beyer ihre ursprüngliche (musikalische) Herkunft durchaus anzuhören. Eine Neigung zu durchgearbeiteten Strukturen ist bei aller Anlehnung an den in Amerika genossenen Unterricht deutlich. Exzessive Expression ist bei ihr weniger überschwänglich wie auch die Konstruktion insgesamt nicht so klar herausgearbeitet ist wie dies der Vergleich mit Werken von Crawford Seeger nahelegt. Zudem verzichtet Beyer auf den Einsatz folkloristischer Elemente und Zitate aus der Volksmusik Amerikas. Es wäre auch verfehlt, in Johanna Beyer lediglich eine Kammermusik-Komponistin zu sehen. Vokalmusik, Chorstücke und Bühnenwerke zählen ebenso zu ihrem Oeuvre. Ihre Oper "Status Quo" blieb zwar Fragment, wurde von ihr jedoch mit größter Ambition komponiert. Sie bewarb sich mit diesem Werk um ein Guggenheim-Stipendium und versuchte, das herkömmliche Themenrepertoire des repräsentativen und eher traditionalistischen Genres zu erweitern. Zum Einen entwickelte sie eine Vorstellung allumfassender menschlicher Harmonie als Gegenbild zu den Folgen der sozialen Verwerfungen im Zuge der Weltwirtschaftskrise. Zum Anderen band sie weitere Kunstformen in ihre Konzeption ein. Während Tanz und Pantomime noch als naheliegend gelten können, betrat sie mit der Einbeziehung von Filmprojektionen operngeschichtliches Neuland. Allerdings hat das Konzept auch etwas leicht Hybrides. Beyer entwirft hier eine ganze Schöpfungsgeschichte, die mit Projektionen von Sternensystemen verknüpft wird. Parallel dazu wird eine musikgeschichtliche Entwicklungslinie aufgezeigt, die sich in der Einleitung vom Archaisch-Einfachen bis zu immer größerer Kompliziertheit steigert. In den folgenden Szenen werden Länder und ihre musikalischen Hauptelemente aus der Sicht der Komponistin charakterisiert. Bedenkt man, dass auch das zeitgenössische Deutschland unter Verwendung von Bildern faschistischer Aufmärsche vorgestellt wird, mutet das Opernkonzept überfrachtet an. Der abschließende Gruppentanz, der alle Menschen in Toleranz und Gemeinschaft zusammenführen soll, wirkt vor allem angesichts der realen Zeitgeschichte naiv.

Dass Beyer darüber hinaus auch eine Idee musikalischer Synthese umzusetzen versuchte, macht die Oper nicht überzeugender. Dieser Befund schließt nicht aus, dass die überlieferte Musik in Teilen durchaus überzeugende Züge gewann. Ein besonders interessantes Beispiel bietet ihre Music of the Spheres, die in ihrer Reduktion auf wenige, aber konsequent durchgeführte Elemente bemerkenswerte Stringenz besitzt. Auf das Ganze gesehen, erscheint die Oper wie ein Spiegel, der die diversen Elemente, die für Johanna Beyers Schaffen typisch zu sein scheinen, wiedergibt und in unterschiedlicher Beleuchtung verschiedene Facetten sichtbar macht.

Trotz umfangreicher Bemühungen, die dazu führten, dass Beyer ihre Werke an bekannte Komponisten und Dirigenten schickte, blieb der Komponistin ein durchgreifender Erfolg versagt. Zumindest teilweise ist dies nachvollziehbar. Im ihr entsprechenden Kontext betrachtet und musiziert, bietet das Werk dieser Komponistin allerdings noch ein reiches musikhistorisches Betätigungsfeld.

 
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