Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten „Zigeunerinnen“ und ihrer Geschichte

von Claudia Maurer Zenck

Der Aufsatz steht in ergänzendem Zusammenhang mit zwei Publikationen: dem Artikel „Verfolgungsgrund: ‚Zigeuner‘. Nachruf auf unbekannte Musiker“, in zwei Teilen erschienen in: mr-[musica reanimata-]Mitteilungen H. 88 (Dez. 2015), S. 1–19, und H. 89 (März 2016), S. 1–20, sowie mit der umfangreicheren Fassung der Studie in: Verfolgungsgrund: „Zigeuner“. Unbekannte Musiker und ihr Schicksal im „Dritten Reich“, Wien 2016 (= Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte, Bd. 25). In beiden ist die Verfolgung der Sinti- und Roma-Musiker eingebettet in eine ausführliche Darstellung der Verfolgung dieser Ethnie im „Dritten Reich“ und in Österreich bzw. der „Ostmark“ überhaupt, die hier nur angedeutet werden kann.

Geringe Zahlen (?)

Die Amtlichen Mitteilungen der Reichsmusikkammer (AMRMK) erschienen von Anfang 1934 bis Ende 1943[1]. Seit dem Oktober 1938 enthielten sie eine neue Rubrik: „Ausschlüsse aus der Reichsmusikkammer“ [RMK]. Ausschlüsse gab es allerdings bekanntlich schon jahrelang, und den Musikern und Musikerinnen wurden auch weiterhin die Bescheide über ihren Ausschluss wie bisher direkt zugestellt; aber nun wurden sie erstmals veröffentlicht[2]. Zur Begründung für den Ausschluss oder die Ablehnung der Aufnahme wurde stets §10 der „Ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes“, die am 15. November 1933 in Kraft getreten war, angeführt. Dieser Paragraph besagte:

„Die Aufnahme in eine Einzelkammer kann abgelehnt oder ein Mitglied ausgeschlossen werden, wenn Tatsachen vorliegen, aus denen sich ergibt, daß die in Frage kommende Person die für die Ausübung ihrer Tätigkeit erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht besitzt.“[3]

Mangelnde „Zuverlässigkeit“ und „Eignung“ – solche nicht klar definierten Begriffe ließen sich auf weiteste Art auslegen. Sie machten es auch unnötig, genau anzugeben, dass jemand beispielsweise Jude oder „Halbjude“ und daher ungeeignet sei. In den Listen wurden überhaupt nur der volle Name, der Wohnort und das Geburtsdatum sowie der Geburtsort der einzelnen Ausgeschlossenen angegeben[4] – wodurch die rassische Verfolgung auf diesem Sektor, die einem Berufsverbot entsprach, kaschiert wurde:

 

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Abb. 1: „Ausschlüsse aus der Reichsmusikkammer“, in: AMRMK 6/1-2, 15. Jan. 1939, S. 3

Da fällt es besonders auf, wenn in den Ausschlusslisten der Jahre 1940 und 1941 dennoch einige Musiker und Musikerinnen auf eine bestimmte Weise gekennzeichnet sind, nämlich als „Zigeuner“ und „Zigeunerin“:

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Abb. 2: „Ausschlüsse aus der Reichsmusikkammer“, in: AMRMK 7/5, 15. Mai 1940, S. 22 [nur rechte Kolumne]

Unter den 84 derart öffentlich Ausgeschlossenen dieser ethnischen Gruppe[5] – 33 Sinti aus dem „Altreich“ und 51 Roma und Sinti aus der „Ostmark“[6] – finden sich allerdings nur drei Frauen: die 23-jährige Elisabeth Küfer und ihre Mutter Friederike Küfer aus Mamming-Schwaigen in Niederbayern (s. Abb. 2) und die erst 17-jährige Sintezza Frieda Seger aus Limbach in der Steiermark:

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Abb. 3: „Ausschlüsse aus der Reichsmusikkammer“, in: AMRMK 7/4, 15. Apr. 1940, S. 20 [nur rechte Kolumne]

Das weitere Schicksal der drei Frauen während des „Dritten Reiches“ ist nur zu Teilen bekannt: Elisabeth Küfers Name taucht im sogenannten Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz (Frauen)[7] unter der Nummer [Z] 4015 auf, und es lässt sich anhand dieser rekonstruieren,dass die junge Frau am 16. März 1943 mit einem großen „Zigeuner“-Transport ins gerade errichtete „Zigeunerlager“ von Auschwitz-Birkenau eingeliefert wurde[8]; ihre Mutter Friederike Küfer wurde nicht nach Auschwitz deportiert. Ob die Tochter dort mehr als ein Jahr überleben konnte, im April, Mai oder August 1944 nach Ravensbrück deportiert wurde und damit eine geringe Chance hatte, das „Dritte Reich“ zu überleben, ist (noch) ungewiss.

Von Frieda Seger aus Limbach bei Fürstenfeld/Steiermark ist über ihren Ausschluss aus der RMK hinaus nichts weiter bekannt. Sie war vermutlich mindestens weitläufig verwandt mit der Kärntner Sinti-Familie Seger:

„Im Lager Weyer waren auch ein Haufen Leute von Villach, lauter Sinti, die Seger, Taubmann, Held usw. Die haben da in Kärnten in einer großen Kaserne gewohnt, im Winter. Im Sommer sind sie auf Reisen gewesen. […] Die Kärntner Sinti waren die allerbesten Musiker. Bis nach England sind sie gekommen zum Musizieren. Herrlich, einfach herrlich. Die überlebenden Sinti in Kärnten selbst sind damals noch rechtzeitig nach Italien abgehaut, viele waren es ja nicht.“[9]

Konnte Frieda Seger ebenfalls nach Italien fliehen? Oder wurde auch sie ins Lager nach Weyer verbracht? Möglicherweise überstellte man sie aber auch ins Lager Lackenbach im Gau Niederdonau (früher und heute: Burgenland), das Ende 1940 errichtete, größte Zwangsarbeiterlager für österreichische Roma und Sinti. So erging es jedenfalls am 30. Oktober 1941 auch der eine Generation älteren, anscheinend nicht bei der RMK gemeldeten Musikerin Rosalia Seger aus Villach mit ihren fünf Kindern, die ebenfalls in der Kaserne Seebach 8b gewohnt hatte[10]. Frieda Seger hätte wegen ihrer Jugend Aussichten gehabt, das Lager als Arbeitsfähige zu überleben, im Gegensatz zur älteren Rosalia Seger, deren Spuren sich dort verlieren[11]. Ob sie (und womöglich ihre Kinder) im November 1941 wie 5006 weitere Roma und Sinti aus der „Ostmark“ nach Łódz deportiert und gleich im Ghetto oder etwas später in den Gaswagen von Chełmno umgebracht wurde; ob sie vielmehr als arbeitsfähig eingestuft wurde und daher in Lackenbach bleiben konnte, aber Anfang 1942 dort der Typhus-Epidemie erlag; oder ob sie später noch in ein KZ deportiert wurde oder der Deportation durch Zwangssterilisierung entging[12] – das alles entzieht sich bisher der Kenntnis.

Wenn man noch einmal die Ausschlusslisten in den AMRMK revidiert, so fällt nicht nur die geringe Zahl von nur drei Frauen neben ihren 81[13] männlichen Kollegen auf, sondern auch ihr jugendliches Alter. Beides, die geringe Zahl und ihre Jugend, dürfte dieselbe Ursache gehabt haben.

Während es zur damaligen Zeit keine verlässliche Statistik über die Zahl der im Deutschen Reich lebenden Sinti, Roma, Lalleri und Lovara gab – Schätzungen bezogen auf das „Dritte Reich“ liegen bei 20 bis 26.000 –, wurde in Österreich 1927 eine Gendarmeriestatistik durchgeführt, die allein im Burgenland, wo die meisten österreichischen Roma lebten, seitdem ihre Vorfahren bereits im 18. Jahrhundert dort angesiedelt worden waren, mehr als 7.000 „Zigeuner“ erfasste. Die Erhebung hielt auch deren Erwerbstätigkeit fest: 10% der über 15 Jahre alten Männer, d.h. etwa 180, gaben als Beruf Musiker an[14]. (Dieses scheint ein viel zu geringer Prozentsatz zu sein, wenn man bedenkt, dass schon 1782 allein im damaligen Ungarn 1582 „Zigeuner“musiker nachgewiesen waren[15]. Er lässt sich dadurch erklären, dass ein Rom oder Sinto fast nie nur einem Beruf nachging und noch nachgeht, und üblich war und ist, den Beruf anzugeben, mit dem man gerade den Unterhalt verdient. Es dürften sich also sehr viel mehr als Musiker verstanden und zeitweise als solche gearbeitet haben, als seinerzeit amtlich vermerkt wurden.)

Anscheinend wurden damals die Roma-Frauen nicht nach ihren Berufen gefragt[16]. Das Bild, das sich die Mehrheitsgesellschaft – und damit auch jene die Erhebung durchführenden Beamten – von der Familienstruktur dieser Ethnie machte, zeichnete sie vermutlich als besonders traditionell: Die Frauen hatten keinen Beruf, sondern heirateten früh, bekamen meist viele Kinder und waren für ihre Familie zuständig. Dadurch würde sich auch die geringe Zahl von Frauen begründen lassen, die sich als professionelle Musikerinnen verstanden und daher im „Dritten Reich“ bzw. nach dem „Anschluss“ Österreichs der RMK hatten beitreten müssen; und es würde zudem ihr junges Alter erklären: Sie waren noch nicht verheiratet. Doch dieses traditionelle Bild von „Zigeunerinnen“, das sicher nicht nur für Roma-Frauen galt, sondern auch für die der Sinti und anderer Gruppen dieser Ethnie, wird durch verschiedene Perspektiven differenziert und modifiziert.

Musikerinnen im KZ Auschwitz-Birkenau

Bei der Recherche über die Verfolgung der „Zigeuner“ im „Dritten Reich“ ist die Dokumentation, die das sogenannte Zigeunerlager des KZs Auschwitz-Birkenau betrifft, im Druck zugänglich und besonders aufschlussreich, denn dort waren von Ende Februar 1943 bis Ende Juli 1944 mehr als 20.000 Roma und Sinti inhaftiert; die weitaus meisten von ihnen stammten aus „Großdeutschland“. Sie wurden in den beiden erhaltenen Hauptbüchern des Zigeunerlagers – das eine die Frauen, das andere die Männer betreffend[17] – registriert. Diese Hauptbücher haben mehrere Rubriken für die Einträge: Häftlingsnummer, „Häftlingsart“ (Nationalität), Name, Vorname, Geburtsdatum und -ort, Beruf, Eingang ins Lager, dazu bei den Frauen Anschrift und „Bemerkungen“, bei den Männern Religion, Familienstand, „Bemerkungstext“ und „Bemerkungsdatum“ (beides bezogen auf Verlegungen in andere Lager oder auf ihren Tod). Abgesehen von den ersten sechs wurden die anderen Rubriken nicht immer ausgefüllt, und auch nicht alle Einträge entsprechen den Tatsachen. Wenn beispielsweise als Beruf Arbeiter angegeben wurde, schließt dies nicht aus, dass es sich um einen Musiker gehandelt haben kann; viele gaben ihre letzte Tätigkeit an, und dies war in den meisten Fällen, gerade bei den Männern, die (Zwangs-)Arbeit. So lassen sich in dieser Rubrik wenigstens zwölf so bezeichnete Musikerinnen bzw. Sängerinnen, aber gerade nur die doppelte Anzahl von Musikern (25) finden – eine gänzlich andere Relation als die, die sich aus den Reichsmusikkammerausschlüssen ergibt; sie verändert sich aber wesentlich, wenn man die bisher aus anderen Quellen zu identifizierenden Musiker zu den im Hauptbuch (Männer) ausdrücklich so genannten hinzunimmt: dann sind es 64 namentlich bekannte Musiker, die im Zigeunerlager Birkenau inhaftiert waren. Doch gibt es auch unter den Frauen wenigstens vier, die als Arbeiterinnen eingetragen wurden bzw. gar keine Berufsbezeichnung bekamen, aber als Musikerinnen identifiziert werden konnten: Paula Held, in Oberkirchbach, einem kleinen Ort zwischen Tulln und Wien, geboren; die bereits genannte, 1940 aus der RMK ausgeschlossene Elisabeth Küfer; Rositta (Rosa) Eckstein aus Vöhringen, die mit ihrer Mutter und den Geschwistern bereits im März 1943 nach Auschwitz deportiert wurde, sowie die erst im April 1944 eingelieferte Philomena Köhler, die trotz ihrer Jugend bereits als Sängerin und Folkloretänzerin mit ihrer Familie in renommierten Varietés des In- und Auslandes aufgetreten war[18].

Rositta Eckstein hatte vermutlich bereits durch Himmlers Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im Sommer 1938 ihre Arbeitsmöglichkeiten verloren und war daraufhin zur Zwangsarbeit verpflichtet worden. Vermutlich im Herbst 1938 musste Philomena Köhler die Schule verlassen, die sie des Winters besuchte, und in einer Munitionsfabrik arbeiten, und während sie und ihre Familie 1938 noch Engagements hatten wahrnehmen können, wurde ihren Tourneen spätestens durch den im Oktober 1939 von Reinhard Heydrich, Chef des gerade gegründeten Reichssicherheitshauptamtes, in Abstimmung mit dem „Reichsführer SS“ und Chef der Polizei, Heinrich Himmler, verkündeten „Festsetzungserlass“ ein Ende gemacht: Er untersagte die Entfernung vom Wohnort.

Rositta Eckstein, Paula Held und die etwas ältere, im Hauptbuch (Frauen) als Musikerin eingetragene Dora Christ waren, als sie deportiert wurden, trotz ihrer Jugend bereits Mütter. Rositta Eckstein hatte Ende 1941, Paula Held vermutlich ebenfalls 1941 und Dora Christ Anfang 1940 ein Kind geboren. Jedes Kind trug den Familiennamen der Mutter, d.h. es galt offiziell als unehelich. Doch alle drei Frauen können, so jung sie Mütter geworden waren – mit knapp 19, höchstens 16 bzw. 20 Jahren –, in der üblichen „Zigeunerehe“ gelebt haben, in der beide Partner „von der Sippe zusammengesprochen“[19] wurden; für eine offizielle Ehe wären zumindest zwei von ihnen zu jung gewesen, denn bereits am 8. Dezember 1938 hatte Himmlers „Erlass RFSS betr. Bekämpfung der Zigeunerplage“ legale Eheschließungen zwischen „Zigeunern“ verboten. Auch eine „Mischehe“ hätten sie nicht mehr eingehen können, denn auch diese wurden nach dem Juni 1941 nur noch ausnahmsweise zugelassen[20]. Aber „Mischehen“ waren die einzige einigermaßen sichere Ausnahmeregelung, die sie und ihr Kind noch vor der Deportation hätte bewahren können[21]. So aber überlebte Rositta Ecksteins einjähriger Sohn Peter die Deportation ins KZ nur um zwei Monate[22]. Paula Helds Baby Johann wurde zwar noch am 30. Oktober 1941 mit seiner Mutter ins Zwangsarbeitslager Lackenbach eingewiesen, aber sie kam ohne ihn am 30. April 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau an. Dora Christ wurde am 19. März 1943 zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter Rosemarie mit einem Transport aus der Tschechoslowakei ins KZ Auschwitz eingeliefert[23]; die Kleine lebte noch fünf Monate.

Musikerinnen-Generationen

Die sogenannten „Arbeiterinnen“ Paula Held, Rositta Eckstein und Philomena Köhler waren bei ihrer Registrierung erst 18[24], 20 bzw. 21 Jahre alt – nur Elisabeth Küfer war bereits 26 –, und in dieser Altersgruppe waren auch sechs der zwölf aus dem Deutschen Reich und dem angeschlossenen Österreich stammenden, im Hauptbuch (Frauen) als Musikerin oder Sängerin bezeichneten Frauen (Jg. 1919–1926)[25]; zu ihnen gehörten Rositta Ecksteins zwei Jahre jüngere Schwester Martha Eckstein[26] und die beiden Schwestern Hanny und Marie Winterstein, die noch am 21. Mai 1944 vermutlich zusammen mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Schwestern eingeliefert wurden[27].

Die anderen sechs Musikerinnen (und die nicht nach Auschwitz deportierte Friederike Küfer) waren jedoch deutlich älter (Jg. 1872–1898). Eine von ihnen, die Sängerin Therese Anna Weindlich[28], wurde am 17. März 1943 auf einem Transport mit deutschen, tschechischen und polnischen Staatsangehörigen zusammen mit ihrer bereits genannten Tochter Anna[29], ebenfalls Sängerin, und der kaum vierjährigen Lise gleichen Namens ins KZ eingeliefert.

Dagegen scheinen im Hauptbuch Musikerinnen und Sängerinnen im Alter von 25 bis 44 Jahren zu fehlen. Selbst wenn Verallgemeinerungen aufgrund der (noch) schütteren Quellenlage äußerst problematisch sind, würde schon dieser Befund das Bild, das die Nichtbefragung der Roma-Frauen im Burgenland verursacht haben dürfte, differenzieren: Er ließe sich so interpretieren, dass die Alterskohorte der 25- bis 44-Jährigen eben in der sogenannten Familienphase war und deshalb keinen Beruf ausübte, während die Jüngeren noch nicht legal verheiratet und daher wie die vermutlich verwitweten Älteren – darunter immerhin eine zur Zeit der Einlieferung bereits 70-Jährige – genötigt waren, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Es gab also durchaus berufstätige Sinti- und Roma-Musikerinnen, wenn auch möglicherweise nur während bestimmter Abschnitte ihres Lebens: in der Jugend und – nach der Familienphase – im mittleren bis ins höhere Alter.

Doch wir wissen von wenigstens drei verfolgten Musikerinnen, die in diese mittlere Altersgruppe fallen, auch wenn sie entweder im Hauptbuch (Frauen) nicht als Musikerin oder Sängerin bezeichnet wurden oder nicht im KZ Auschwitz-Birkenau inhaftiert waren. Die aus der RMK ausgeschlossene Elisabeth Küfer war bei ihrer Einlieferung in Birkenau bereits 26 Jahre alt[30]; die Sängerin Anna Hauer, die die KZs Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen mit unbekanntem Ende durchlitt, gehörte dem Jahrgang 1911 an[31]; die ebenfalls schon genannte Musikerin Rosalia Seger, die im Lager Lackenbach in der „Ostmark“ verschollen ist, wurde 1904 geboren[32]. Auch die Sängerin Anna Wein[d]lich könnte dieser kleinen Gruppe zuzuzählen sein, denn selbst wenn sie bei der Einlieferung ins KZ Birkenau am 17. März 1943 als 21-Jährige registriert wurde, ist ihr Geburtsdatum in den Sterbebüchern von Auschwitz als der 26. Februar 1915 angegeben. (Die kleine Lise Weindlich, die zusammen mit ihr und ihrer 49-jährigen Mutter Therese Anna Weindlich eingeliefert wurde, dürfte Annas Tochter und nicht ihre Schwester gewesen sein.)[33] Auch wenn ihre Zahl klein ist – noch kleiner als die ebenfalls geringe Anzahl der bisher identifizierten deutlich älteren und ganz jungen Musikerinnen –, so modifizieren diese drei oder vier Musikerinnen die Vorstellung von der allein familiengebundenen häuslichen Tätigkeit der mittleren Generation, ebenso wie die ganz jungen Musikerinnen mit Kindern die von ihrer familiär ungebundenen Berufstätigkeit verändern.

Gesang zum Leben und Überleben: Sängerinnen und ihre Musik

Die vier Sängerinnen aus „Großdeutschland“, die im Hauptbuch (Frauen) aufscheinen, waren ebenso wenig in der Reichsmusikkammer angemeldet wie die als „Musikerin“ eingetragenen; das hing vermutlich damit zusammen, dass sie mit einer Kapelle Unterhaltungsmusik gemacht hatten und dazu durch die Stadt oder über Land gezogen waren. Denn die sog. Wandermusiker wurden seit 1937 bis zum 1. April 1939 im „Dritten Reich“ per Erlass nach und nach aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen[34]. (Infolgedessen konnten die Österreicherinnen nach dem „Anschluss“ vermutlich gar keinen Antrag auf Aufnahme mehr stellen.) Die ganz jungen Frauen kamen dafür ohnehin noch nicht in Frage; sie hatten vermutlich auch noch keinen Wandergewerbeschein, den Reisende benötigten, oder ein vom Arbeitsamt ausgestelltes Arbeitsbuch, in das ihre Engagements in Gaststätten o. ä. eingetragen werden mussten. Wie es sich damit bei ihnen und bei den um eine oder zwei Generationen älteren Musikerinnen tatsächlich verhielt, muss noch erforscht werden.

Aus der Ethnologie, die sich mit den ins Habsburgerreich eingewanderten, dort bereits im 18. Jahrhundert sesshaft gemachten und heute noch in Österreich lebenden Gruppen der Roma, Sinti, Lovara, Lalleri etc. befasst hat, wird die Vermutung über die Unterhaltungsbranche als Tätigkeitsfeld der Musikerinnen bestätigt. Wir erfahren, dass die Gruppen traditionell drei verschiedenen Arten von Berufen nachgingen: Vergnügungs- und Unterhaltungsberufen, Metallhandwerken und dem Handel, z.B. dem mit Pferden[35]. Allen drei Berufssparten konnte man sowohl ambulando als auch am festen Wohnort nachgehen; gerade die Wiener Sinti und Lovara scheinen noch in den 1930er Jahren nur des Winters an der Peripherie der Stadt sesshaft gewesen zu sein und des Sommers mit ihren Wohnwagen den Arbeitsmöglichkeiten hinterhergezogen zu sein.

Im Vergnügungs- und Unterhaltungssektor hatten neben den (Instrumental-)Musikern, den Zirkusleuten, Schaustellern und Tierführern auch Frauen und Mädchen ihre beruflichen Auftrittsmöglichkeiten: als Tänzerinnen, Sängerinnen, Artistinnen (Seiltänzerinnen)[36] und vermutlich als Wahrsagerinnen. Wenn eine Kapelle engagiert wurde, um bei Festen aufzuspielen, dürfte es damals so ähnlich abgelaufen sein, wie Ursula Hemetek es für die jugoslawischen Roma beschrieb, die als Gastarbeiter nach Österreich kamen und deren Festkultur noch sehr ausgeprägt war: Zu den Musikern aus ihren eigenen Reihen wurden oft (sehr angesehene) serbische Roma-Berufsmusiker hinzu engagiert. Diese mit Kapellen ausgerichteten Feste bildeten vermutlich den Rahmen, in dem normalerweise auch Sängerinnen engagiert waren. Dass sie sehr wertgeschätzt wurden, zeigt sich an der Sitte, dass ein Gast, der besondere Lieder wünschte, extra dafür bezahlte[37]. Und ebenso wie bei ihren männlichen Kollegen, bei denen das Musikantenhandwerk vom Vater an die Söhne weitergegeben wurde, dürften die Sängerinnen ihre Töchter in ihr Metier eingeführt haben; dafür sprechen die beiden Sängerinnen Weindlich oder Weinlich (s.o.), die im KZ Auschwitz ermordet wurden.

Aber der Gesang, wie das Musizieren überhaupt, konnte bei solchen Festen auch in privatem Rahmen bleiben, denn Musik und Tanz waren nicht nur Mittel zum Geldverdienen bei Veranstaltungen der „Gadje“ (Nicht-Roma), sondern sie spielten eine große Rolle in der eigenen Alltags- und der Festkultur sowohl der Roma in den Balkan-Staaten[38] wie auch der Lovara[39]. (Bei den Roma in Österreich war dagegen ihre Liedtradition fast gänzlich in Vergessenheit geraten, bis 1989 in Oberwart ein Roma-Verein gegründet wurde, der an der Wiederbelebung der alten Lieder in Romanes interessiert war[40].)

Ein solcher privater Gesang, den auch die Sinti-Frauen pflegten, ließ sich noch unter grauenvollen Umständen vernehmen. Philomena Franz erinnerte sich an das gemeinsame Singen und Tanzen im KZ[41], und eine „Gadje“-Überlebende des KZs Ravensbrück berichtete, was abends im Frauenlager zu hören war: „Der Wind trägt eine Melodie durchs Lager, fremd, schwermütig, plötzlich feurig, stark rhythmisch […]. Das kommt aus dem Zigeunerblock. Die singen und tanzen andauernd, singen sich nachts in den Schlaf, haben schon oft genug Prügel dafür einstecken müssen.“[42] Gesang und Tanz als Überlebensmittel.

Blicke auf Instrumentalistinnen

Waren die drei jungen Frauen, die 1940 aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wurden, Sängerinnen oder Instrumentalistinnen? Dass die Kärntner Musikerin Rosalie Seger und die acht Frauen, die im Hauptbuch (Frauen) als Musikerinnen registriert waren, lässt jedenfalls annehmen, dass sie Instrumentalistinnen waren. Wurden also Rositta und Martha Eckstein, deren Musiker-Vater zunächst noch mit einer Sondergenehmigung arbeiten konnte und erst im Sommer 1942 nach Dachau und von da nach Sachsenhausen deportiert und dort ermordet wurde[43], als Kinder von ihrem Vater in seine Instrumentalkünste eingeführt, wie es bei Vätern und Söhnen in dieser Ethnie üblich war?

Leider sind in diesem Anfangsstadium der Erforschung des Schicksals verfolgter „Zigeuner“-Musikerinnen noch keine Dokumente aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bekannt, die professionelle Sinti- oder Roma-Instrumentalistinnen bezeugen. Wenn man die Sekundärliteratur durchmustert, stößt man jedoch auf einige aufschlussreiche Fotografien, die bis ins 19. Jahrhundert zurückdatieren. Sie vermitteln weder ein romantisierendes noch ein diskriminierendes Bild von „Zigeunerinnen“[44], sondern stellen sie in ihrer Tätigkeit als Musikerinnen bzw. musizierende Frauen vor:

Da wurde um 1880 in einem Fotografen-Studio eine fünfköpfige gemischte Kapelle aufgenommen, in der eine junge Frau Bratsche, eine zweite Gitarre spielt[45]. Sie gehörten laut Legende den Familien Eckstein und Köhler an; vermutlich waren einige von ihnen Geschwister. Dem Umstand, dass sie sich überhaupt als Kapelle fotografieren ließen, und ihrer Kleidung nach zu urteilen waren sie ein professionelles Ensemble, das vermutlich für Feste engagiert wurde.

Während dieses Foto in Privatbesitz und nicht mehr reproduzierbar ist, verhält es sich beim folgenden Foto anders[46]:

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Abb. 4: „Croatisch-Serbische(s) Zigeuner Tamburitza-, Musik- und Gesangs-Ensemble ‚Cranicar’“ (mit freundlicher Genehmigung des Archivs und Dokumentationszentrums Rom e.V. Köln)

Hier handelt es sich um eine Anfang des 20. Jahrhunderts vervielfältigte Fotopostkarte. Sie stammt aus dem etwa 3.000 Bildpostkarten mit „Zigeuner“-Motiven umfassenden Archiv des Dokumentationszentrums Rom e.V. in Köln und damit aus einem reichen Materialfundus, der bisher noch nicht auf MusikerInnen hin ausgewertet wurde. Die Postkarte zeigt laut Bildunterschrift das „Croatisch-Serbische(s) Zigeuner Tamburitza-, Musik- und Gesangs-Ensemble ‚Cranicar’“. Es bestand aus drei Herren und sechs Damen (vermutlich aus einer großen Familie stammend). Vier der Damen hielten Tamburitzas verschiedener Größen in den Händen. Ob nur die beiden Frauen, die ohne Instrument posierten, sangen oder alle (auch die Männer?), lässt sich nicht ausmachen. Ihrer (Selbst-)Darstellung mittels Bildunterschrift – dort sind ausdrücklich „Damen“ und „Herren“ notiert, obwohl diese Wörter gar nicht den Gruppen zugeordnet sind – und den aufwendigen Kostümen nach zu vermuten, war diese repräsentative Fotopostkarte ursprünglich wohl zur Werbung gedacht oder zur Erinnerung des Publikums an einen Auftritt des offenbar damals berühmten „Cranicar“-Ensembles, das Konzertreisen im In- und Ausland unternahm. Vier der Frauen und die drei Männer waren vermutlich in den Dreißigern oder Vierzigern; möglicherweise waren die beiden jungen Mädchen (stehend) Töchter von Ehepaaren dieser Gruppe. Zumindest eine der Frauen muss aber ohne ihren Mann Ensemblemitglied gewesen sein (ausgenommen den allerdings unwahrscheinlichen Fall, dass nicht der zwischen den Damen sitzende, ordengeschmückte Herr der auf der Bildunterschrift namentlich genannte Dirigent war, sondern dass dieser nicht zusammen mit seinem Ensemble posierte). Ob die Fotopostkarte von dieser mit folkloristischem Einschlag gekleideten Gruppe schließlich doch als ethnologische Attraktion verschickt wurde[47], ist nicht auszumachen. Mit der konkreten Bildunterschrift und dem angegebenen Dirigentennamen entspricht sie jedenfalls nicht einer inszenierten Genreszene, wie sie für die Verbreitung des „Zigeuner“-Stereotyps mithilfe des nach der Jahrhundertwende aufkommenden Massenmediums der Bildpostkarte typisch war[48]. Und schon gar nicht vermitteln die Frauen das Bild von der „schönen Zigeunerin“; schon ihre Berufstätigkeit als Musikerinnen verhinderte das Klischee.

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Abb. 5: Rumänische Roma während des Ersten Weltkriegs (mit freundlicher Genehmigung des Rautenstrauch-Joest-Museums, Köln)

1917/18 fotografierte Martin Block, der im Auftrag des deutschen Militärs in Rumänien die Kultur und Sprache der rumänischen Bevölkerung erforschen sollte und später sowohl eine ethnologische Dissertation als auch eine Habilitationsschrift über die rumänischen „Zigeuner“ verfasste, dort eine fünfköpfige Kapelle, die aus drei Geigern, einem Kontrabassisten und einer Gitarristin bestand und im Freien vor dörflichem Publikum spielte[49].

Ihr gehörten drei Generationen vermutlich einer Familie an; die junge Gitarristin, der kleine Kontrabassist und der junge Geiger rechts im Bild dürften die Kinder bzw. Enkelkinder der beiden anderen Männer sein. Die Aufnahme ist insofern gestellt, als die vier Erwachsenen direkt in die Kamera schauen, während sich nur der kleine Kontrabassist nicht an die Inszenierung Blocks hält. Höchstens darin entspricht das Foto noch dem „Zigeuner“-Bild des fotografierenden Ethnologen, der diese Ethnie auf der „Kindheitsstufe der Menschheit“ verortete[50]. Die Erwachsenen sind jedoch nicht malerisch, sondern ihrer Tätigkeit entsprechend gekleidet, selbst wenn das junge Mädchen ein folkloristisches Gewand trägt: Es ist nicht „zigeunerisch“. Zudem entspricht weder ihre Haltung noch ihre Tätigkeit dem Bild von der „schönen Zigeunerin“, und der skeptische, ja mürrische Gesichtsausdruck aller vier erwachsenen Personen illustriert gerade nicht die Vorstellung, dass die Roma „heiter, singend, tanzend und spielend […] die Kulturwelt seit Jahrhunderten“[51] durchziehen. In dieser Szene geht es um ihre Arbeit, in der sie vom Fotografen vermutlich gestört wurden.

Eher zeigt den damaligen ethnologischen Blick auf diese „primitive“ Ethnie wohl ein Foto aus dem Jahr 1942. Es zeigt ein älteres ungarisches Ehepaar auf einer Bank vor ihrem Haus[52].

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Abb. 6: Ungarisches Roma-Ehepaar, 1942 (mit freundlicher Genehmigung des Néprajzi Múzeum, Budapest)

Der Mann spielt Geige und raucht dabei lässig eine Zigarette, während seine Frau sich ein Cello gegriffen und es quergelegt hat und zur Begleitung Bässe auf leeren Saiten zu produzieren scheint. Ihr fester Griff um den Bogen zeigt, dass sie ihn als Stock benutzt, gemäß der traditionellen Spielweise des Cellos quasi als Schlagzeug („gardon“) bei den ungarischen Roma in den Dörfern Siebenbürgens[53]. Ist das Foto inszeniert, entspricht die ungewöhnliche Haltung des Instruments der supponierten „Kindlichkeit“? Oder ist es eine spontan aufgenommene, private Szene, zur eigenen Erheiterung der Protagonisten gestaltet, wie der verschmitzt-prüfende Blick der beiden in die Kamera anzudeuten scheint?

Diese wenigen Fotos, die Frauen als Musikerinnen auftretend, beim professionellen Musizieren oder, im letzten Fall, beim privaten Spielen zeigen, vermitteln unabhängig von der Frage der Inszenierung oder des durch den Fotografen vermittelten „Zigeunerin“-Bildes den Eindruck, dass es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus Sinti- und Roma-Instrumentalistinnen gab, die auf verschiedenen sozialen bzw. gesellschaftlichen Ebenen spielten. Diese Aufnahmen, die nicht durch eigene Archivrecherche, sondern in der Sekundärliteratur gefunden wurden und daher keine repräsentative Auswahl bilden können, stammen zufällig zwar vor allem aus dem südöstlichen Europa. Auch das „Cranicar“-Ensemble kam aus dem serbokroatischen Gebiet, aber die in deutscher Sprache verfasste Beschriftung der Bildpostkarte verweist darauf, dass das Ensemble im deutschsprachigen Raum bekannt und präsent war oder dort zumindest auf Interesse stieß. Und zu der 1880 aufgenommenen Kapelle (s.o., ohne Abb.) gehörten zwei junge Musikerinnen deutscher Nationalität; sie kamen, wenn man den Geburts- und Wohnorten der Musiker-Familien mit den Namen Eckstein und Köhler bis in die 1930er Jahre nachgeht, vermutlich aus Württemberg (zu zwei jüngeren Musikerinnen namens Eckstein s.o.).

Hatten aber die deutschen oder österreichischen Sinti- und Roma-Kapellen, die es in den 1920er und 1930er Jahren zu Ruhm und Ansehen brachten, die Engagements in gehobenen Cafés, Restaurants, Hotels, Varietés und wohl auch Konzertsälen hatten und die durch die Lande reisten, auch Sängerinnen und Instrumentalistinnen in ihren Reihen? Das Theater- und Musiker-Ensemble Haag[54] der Familie von Philomena Köhler hatte neben Großvater, Onkel, Vater und Brüdern auch weibliche Mitglieder, nämlich die Töchter und womöglich auch die Mutter. Ob ihre Schwestern als Schauspielerinnen auftraten, ob sie, wie Philomena selbst, sangen und tanzten oder ob sie auch Instrumente spielten, geht aus ihren Erinnerungen nicht hervor[55].

Die anderen bisher durchgemusterten Fotos solcher Kapellen und der Berichte über sie zeigen bzw. nennen nur männliche Mitglieder; doch eine umfassende Recherche ist erst noch zu leisten. Und auch nach dem Krieg und bis heute: die als Schlagersängerin bekannt gewordene Marianne Rosenberg; Melody Weiss, eine junge Sintezza aus der großen Hamburger Musikerfamilie Weiss, die als Gypsyjazz[56]-Sängerin auftritt; die ebenfalls als (Gypsy-)Jazzsängerinnen auftretenden Dotschy (Michaela) Reinhardt, mit Django Reinhardts Familie weitläufig verwandt, ihre Tante Kitty Winter[57] sowie Dunja Blum (Falta). Diese Frauen werden zwar auch nicht die einzigen Profi-Sängerinnen sein. Aber wo sind überhaupt Instrumentalistinnen zu finden, wie werden sie ausgebildet – weiterhin durchs Abschauen und Abhören der Künste ihrer Väter bzw. älteren Familienmitglieder? –, wo treten sie auf?

Nicht nur die wenigen Fotos aus sechs Jahrzehnten lassen vermuten, dass es neben der traditionellen familiären Rollenverteilung und den Sängerinnen auch eine Tradition von Instrumentalistinnen gegeben haben könnte, sondern auch ein Blick zurück ins 18. Jahrhundert findet ein erstaunliches Bild.

Geschichte und Tradition?

Schon zu seiner Zeit und darüber hinaus berühmt war János Bihari (1764–1827), ein in höchsten gesellschaftlichen Kreisen der Habsburger Monarchie beliebter Geiger, der 1814 sogar vor dem Wiener Kongress konzertierte. Er war spezialisiert auf den Verbunkos und wurde später auf einem bekannten Gemälde als „Orpheus unter den ungarischen Zigeunern“[58] gefeiert. (Daher war man auch darum bemüht, seine mindestens 84 Kompositionen der Nachwelt zu überliefern. Nicht, dass er Noten lesen und schreiben konnte; die Stücke wurden vielmehr von anderen nach Gehör notiert und vermutlich auch bearbeitet. Die Forschung geht davon aus, dass keins der ihm zugeschriebenen Stücke so überliefert ist, wie er es gespielt hatte. Auch der nach dem Anführer des Unabhängigkeitskrieges gegen die Türken benannte Rákóczi-Marsch, den Liszt und Berlioz kompositorisch verwendeten, wurde ihm fälschlicherweise zugeschrieben[59].)

Doch Bihari war im 18. Jahrhundert nicht die erste Berühmtheit unter den Musikern seiner Ethnie. Bereits mehr als ein halbes Dezennium vor ihm wirkte ebenfalls im ungarischen Teil des Habsburgerreiches die Geigerin Czinka Panna (1711?-1772)[60]. Über sie schrieb übrigens Béla Balász ein Singspiel-Libretto, das Zoltan Kodály 1946–1948 zur Hundertjahrfeier der Revolution und des Freiheitskrieges vertonte, und in der diesmal sie die Schöpferin des Rákóczi-Marsches ist[61]. (Ihr Vater war Musiker am Hof von Franz II. Rácóczi.) Sie wurde in dem heute in der Slowakei gelegenen Sajógömör geboren, lernte in Rozsnyó (heute: Rožňava) von den dort ansässigen Roma-Musikern (auch ihrem Vater?) Geige und erregte schon als Neunjährige Erstaunen mit ihrer Virtuosität auf dem Instrument. Der über das Komitat Gömör gebietende Adelige János Lányi förderte sie, doch ihre Stellung bei ihm glich wohl nicht der schon aus dem 17. Jahrhundert bekannten, die für ihre Ethnie und ihren Beruf typisch war: Seitdem umgaben sich nämlich türkische und ungarische Adelige mit Musikersklaven, und selbst wenn diese nicht immer „Zigeuner“ waren, so war doch bekannt, dass sich damals fast jeder ungarische Adelige wenigstens einen „Zigainer“ hielt, und zwar besonders gern einen Geiger[62]. (Noch zweihundert Jahre später hieß es, „der Adelige aus Transsylvanien muß seinen Jagdhund, seinen Büffel und seinen Zigeuner haben“[63]; auch Franz Liszt, der übrigens auch Czinka Panna in seinem berühmten Buch über die ungarischen Zigeuner behandelte, erhielt von einem ungarischen Grafen einen geigenden „Zigeunerjungen“ zum „Geschenk“[64].) Vielmehr gründete Czinka Panna mit ihrem Mann, den sie bereits mit 14 Jahren geheiratet haben soll und mit dem sie vier Söhne und eine Tochter bekam, und mit seinen Brüdern 1725 eine Kapelle. Sie bestand aus nur zwei Violinen, einem Kontrabass und einem Cimbalon[65] und wurde von ihr als Primas geleitet, denn sie übernahm darin die erste Geige. Sie wohnten im Winter in einem großen Haus in Gömör, von Lányi für sie erbaut, und waren ansonsten auf Reisen. Sie gastierten in vielen Adelshäusern und traten auch vor Maria Theresia auf. Czinka Panna spielte mit ihren drei Musikern vermutlich, wie noch bei Kapellen im 19. und auch im 20. Jahrhundert üblich, Tänze und Volksmusik ihrer Zeit. Die Kompositionen, die ihr zugeschrieben wurden, wie die „Lieder zum Hören“ (Lieder ohne Worte?), dürften derselben Art von Musik zuzurechnen sein. Sie soll auch mit der Kunstmusik ihrer Zeit in Berührung gekommen sein. Ob umgekehrt beispielsweise der eine Generation jüngere Joseph Haydn oder der zwei Generationen jüngere Wolfgang Amadé Mozart sie jemals getroffen haben und geigen hörten?[66] Sie war jedenfalls schon zu Lebzeiten überaus berühmt und wurde später und bis ins 20. Jahrhundert in Dichtungen, Kompositionen (s.o.) und Gemälden verewigt[67].

Czinka Panna, die 1772 starb, war also seit ihrer frühesten Jugend Geigerin und Kapellenleiterin und gleichzeitig Familienmutter. Selbst wenn sie damals nicht nur eine Celebrität, sondern auch eine Ausnahme war (und wahrscheinlich auch deswegen berühmt – wie, auf einer ganz anderen Ebene der Kultur, die „gelehrten Frauen“ des 18. Jahrhunderts), fragt sich, ob ihre Doppelfunktion nicht nur eine Möglichkeit bot, die in den 244 Jahren seit ihrem Tod gelegentlich ergriffen werden konnte, sondern vielleicht auch eine Tradition begründete. Dem sollte nachgespürt werden – auch bei den Roma- und Sinti-Musikerinnen, die im „Dritten Reich“ verfolgt wurden und deren Spuren erst noch gesucht und gefunden werden müssen, damit wir ihnen nachgehen können[68].

Epilog

Die Verfolgungsgeschichte der nach Auschwitz-Birkenau deportierten Roma- und Sinti-Musikerinnen lässt sich bisher nur zum Teil nachvollziehen. Von den sechs Frauen, die der älteren Generation der vor 1900 Geborenen angehörten, wurden fünf jeweils wenige Monate nach ihrer Einlieferung ins KZ Auschwitz II umgebracht: Kreszentia Bernhard(t) (geb. 1878), Alvine Friedrich (geb. 1883), Berta Stein (geb. 1872), Therese Anna Weindlich (geb. 1894) und Ewa Weiss (geb. 1898). Ob die sechste, Katharine Laubinger (Jg. 1888), über deren Schicksal nach ihrer Ankunft im KZ im Hauptbuch (Frauen) nichts zu erfahren ist, Auschwitz-Birkenau überlebte, ist mehr als zweifelhaft. Auch die junge Sängerin Anna Wein[d]lich wurde bereits sieben Wochen nach ihrer Deportation ermordet. Aloisie Walter überlebte ihre Einlieferung am 9. April 1943 mit einem Transport aus Österreich bis zum 18. März 1944; sie wurde nicht einmal 20 Jahre alt. Vier Wochen nach ihrer Ermordung begann man, die noch arbeitsfähigen Frauen nach und nach (im April, Mai und zuletzt am 1. August 1944) ins KZ Ravensbrück zu deportieren, bevor die im „Zigeunerlager“ verbliebenen knapp 3.000 Sinti und Roma in der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 vergast wurden. Durch die Deportation nach Ravensbrück stiegen die Überlebenschancen für Dora Christ, Rositta und Martha Eckstein und Philomena Köhler:

„Überlebt haben in Ravensbrück die jüngeren, anpassungsfähigeren Zigeunerfrauen, die in den verschiedenen Werkstätten des Lagers arbeiten konnten; hier gab es sogar unter den ‚Funktionshäftlingen‘ eine Burgenlandzigeunerin mit dem Namen Sarközy. Doch die älteren und kränklichen Frauen sind auch hier mit ihren Kindern zugrunde gegangen, im Lager selbst oder auf den Transporten nach Maidanek und nach Auschwitz und zuletzt bei der Auflösung von Ravensbrück, auf den Hungermärschen nach Bergen-Belsen und Mauthausen.“[69]

Während das weitere Schicksal Dora Christs (noch) unbekannt ist, überlebten die drei anderen. Rosa und Martha Eckstein kehrten nach ihrer Befreiung aus Ravensbrück bzw. Flossenbürg oder Auschwitz nach Vöhringen zurück[70]. Philomena Köhler wurde nach einem missglückten Fluchtversuch aus Ravensbrück ins KZ Sachsenhausen, von da aus anscheinend mit einem Krankentransport noch einmal nach Auschwitz und von dort nach Wittenberge in ein Nebenlager des KZs Neuengamme deportiert. (Die Chronologie ihrer KZ-Inhaftierungen ist allein aufgrund ihrer Erinnerungen kaum zu erstellen[71].) Nach ihrer letzten Flucht, dem Versteck bei Hilfswilligen und der Befreiung durch russische Soldaten fand sie nach dem Krieg ihren Bruder Fritz wieder. Mit ihm, der Jazzgeige spielte, und anderen Sinti-Musikern trat sie als Sängerin in einer Band auf, die vor den Besatzungstruppen amerikanische Schlager und (Sinti-?)Jazz vortrug. Später und infolge der psychischen Folgen ihrer KZ-Haft wurde sie (unter ihrem Ehenamen Franz) als Autorin und Zeitzeugin tätig. Die mit Hilfe ihrer Tochter erst nach dem Tod ihres Mannes (1975) erstrittene Nachzahlung der Haftentschädigung wurde offenbar gegen die Sozialhilfe, die sie und ihr Mann während dessen Krankheit beansprucht hatten, aufgerechnet. Philomena Franz erhielt jedoch eine Reihe von hohen Auszeichnungen.

Über die vier anderen Frauen sind im Hauptbuch (Frauen) keine Daten zu ihrem weiteren Schicksal nach ihrer Ankunft im „Zigeunerlager“ festgehalten und noch keine weiteren Forschungen angestellt worden; das betrifft auch Anna Hauer, die in anderen KZs und zuletzt in Bergen-Belsen inhaftiert war. Da Paula Held und Elisabeth Küfer bereits Ende April bzw. Mitte März 1943 ins „Zigeunerlager“ deportiert wurden, waren ihre Chancen, das Lager zu überleben, zwar wie bei den Schwestern Eckstein vorhanden. Aber sie waren sicher nicht so groß wie die der Philomena Köhler (s.o.) und wie vermutlich die der erst 1944 eingelieferten Schwestern Hanny und Marie Winterstein – vermutlich, denn die beiden hatten bei ihrer Ankunft in Birkenau im Mai 1944 bereits das holländische Lager Vught bei s‘-Hertogenbosch hinter sich[72], und dort kam es darauf an, in welchem der insgesamt sieben, sehr unterschiedliche Lebensbedingungen bietenden Lagersektionen sie untergebracht waren (im Frauen-KZ?)[73]. Im „glücklichsten“ Falle wurden die vier jungen Musikerinnen Held, Küfer und Winterstein ebenfalls nach Ravensbrück deportiert und überlebten auch dieses KZ. Solange ihre Namen nicht in einem der Register von Ravensbrück oder einem anderen Lager aufgefunden werden, müssen sie jedoch als im KZ Auschwitz-Birkenau verschollen gelten.

  • [1] Zuerst als Halbmonatsschrift erschienen, seit 1940 nur noch einmal monatlich. Sie wurden alsbald abgelöst von den ebenso offiziellen Blättern Die Reichskulturkammer, die alle Kammern zugleich betrafen, und von Oktober 1943 bis Februar 1945 ebenfalls monatlich in Umlauf gebracht wurden.
  • [2] Gelegentlich wurde vermerkt, dass ein Bescheid nicht zugestellt werden konnte, so bei Gregor Taubmann: „Der Bescheid vom 23. November 1939 konnte Taubmann nicht ausgehändigt werden, weil er sich seit September 1939 im Ausland befindet.“ („Ausschlüsse aus der Reichsmusikkammer“, in: Amtliche Mitteilungen der Reichsmusikkammer [AMRMK] 7/12 [15.12.1940], S. 52.) ­–­ Weshalb wurden ihre Namen nun zusätzlich publik gemacht? Dass eine Veröffentlichung bis dato aus pragmatischen Gründen unsinnig war, weil es viel zu viele Musiker und Musikerinnen gab, die in den ersten Jahren des „Dritten Reichs“ ausgeschlossen wurden, ist einzusehen. Im Herbst 1938, als der größte Teil bereits ausgemustert worden war, lief man keine Gefahr mehr, dass die Listen endlos lang werden würden. Aber möglicherweise sollte auch noch zusätzlich eine Kontrollebene eingezogen werden, die die prospektiven Arbeitgeber betraf: Wenn sie die veröffentlichten Informationen erhielten, wer offiziell ausgeschlossen worden war, konnten sie sich nicht womöglich mit der Ausrede, der Ausweis sei unauffindbar, abspeisen und zur Einstellung der Betreffenden verleiten lassen, ohne zu riskieren, ihrerseits belangt zu werden. (Nachrichten über verloren gegangene Ausweise wurden ebenfalls in das Amtsblatt eingerückt.)
  • [3] Quelle: Reichsgesetzblatt 1933 I, S. 797.
  • [4] Tatsächlich wurden in den Ausschlussschreiben Gründe für die Anwendung des § 10 nur dann angegeben, wenn außer der „Rassenzugehörigkeit“ noch etwas Zusätzliches ins Spiel kam, wie Straffälligkeit oder ohne geregelte Arbeit bzw. „Asozialität“.
  • [5] Bisher wurden keine noch nicht oder nicht mehr als „Zigeunerin“ bezeichnete Musikerinnen, die vor 1940 und nach 1941 aus der RMK ausgeschlossen wurden, gefunden, allerdings noch 15 Musiker (einer 1939, drei 1942, elf 1943), die durch andere Quellen als Sinto oder Rom identifiziert werden konnten.
  • [6] Diese auffallende Differenz der Zahlen dürfte mit den starken Bemühungen in der „Ostmark“ zusammenhängen, die „Zigeunerplage“ möglichst schnell und radikal zu lösen; vgl. dazu die Ausführungen in meinem in Anm.* genannten Aufsatz „Verfolgungsgrund ‚Zigeuner‘. Nachruf auf unbekannte Musiker“, Tl. 1, in: mr-Mitteilungen H. 88 (Dez. 2015), S. 6–9.
  • [7] In: Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, hrsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg, 2 Bde., München 1993, Bd. 1 (in Bd. 2: Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz [Männer]).
  • [8] Czech, Danuta, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989, S. 443.
  • [9] Rosa Winter, Wie es so war unser Leben, in: Uns hat es nicht geben sollen. Rosa Winter, Gitta und Nicole Martl. Drei Generationen Sinti-Frauen erzählen, hrsg. von Ludwig Laher, Grünbach 2004, 22005, S. 23–52, hier S. 30. – „Abgehaut“ ist die österreichische Flexion des Partizips Perfekt von „abhauen“.
  • [10] Auch alle aus der RMK ausgeschlossenen Kärntner Sinti hatten als Adresse die Kaserne Seebach bei Villach angegeben.
  • [11] Zu ihrer Vita vgl. Haider, Hans, Nationalsozialismus in Villach, 3. erw. Aufl., Klagenfurt/Wien 2008, S. 128 (http://www.kaernoel.at/downloads/ns_in_villach.pdf). Es gibt anscheinend kein Hinweis auf ihr Überleben.
  • [12] Die 1921 geborene Sängerin und Tänzerin Theresia Winterstein aus Würzburg, die dort in einem großen Varietétheater auftrat und Anfang 1940 bei Aufführungen von Bizets Carmen im Stadttheater engagiert wurde (vermutlich als zusätzliche Choristin) entging der Deportation ins KZ, weil sie in die Sterilisation „einwilligte“; eine ihrer noch zuvor, im März 1943, geborenen Zwillingstöchter starb im April in der Klinik unter ungeklärten Umständen, die andere leidet bis heute unter den Folgen eines operativen Eingriffs; beides ging vermutlich auf Josef Mengeles Interesse an Zwillingen zurück. Vgl. dazu Roland Flade, Dieselben Augen, dieselbe Seele. Theresia Winterstein und die Verfolgung einer Würzburger Sinti-Familie im „Dritten Reich“, Würzburg 2008, bes. S. 78–80 u. 88–92.
  • [13] Der Österreicher Georg Greis wurde im Unterschied zu seinen Verwandten Gottfried, Ignatz und Karl Greis, die im Februarheft 1940 der AMRMK nach ihm gelistet sind (S. 8), anscheinend versehentlich nicht als „Zigeuner“ markiert; er ist aber hier in die Gesamtzahl mit aufgenommen.
  • [14] Mayerhofer, Claudia, Zu Handwerk und Lebensweise der Roma. Zwei Metallhandwerkerjatis, in: Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, hrsg. von Mozes F. Heinschink und Ursula Hemetek, Wien/Köln/Weimar 1994, S. 171–190, hier S. 173 und 176.
  • [15] Reemtsma, Katrin, Sinti und Roma: Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 195. – Die Zahl der verfolgten österreichischen Roma-Musiker wird beträchtlich steigen, wenn das in Vorbereitung befindliche Österreichische Biographische Handbuch der NS-verfolgten Musikschaffenden (hrsg. von Primavera Driessen Gruber et al.) publiziert wird.
  • [16] In Mayerhofers Auswertung der Gendarmeriestatistik von 1927 ist ausdrücklich nur von Männern als Musikern die Rede (Zu Handwerk und Lebensweise der Roma, S. 176).
  • [17] Vgl. Anm. 7.
  • [18] Vgl. den Eintrag unter Nr. [Z] 10550 im Hauptbuch (Frauen), S. 681. – Marianne C. Zwicker, Journeys into Memory: Romani Identity and the Holocaust in Autobiographical Writing by German and Austrian Romanies, Ph. D. Univ. of Edinburgh 2009, Chapter 2: „Orte erschaffen“: The Claiming of Space in Writing by Philomena Franz (S. 28–62, hier S. 29) beruft sich auf Franz‘ Memoiren (Zwischen Liebe und Haß, Freiburg i. Br. 1985, 2. u. 3. Aufl. 1986 u. 1987, erweiterte Ausgabe mit dem Untertitel Ein Zigeunerleben, Rösrath 2001), wo die Einlieferung irrtümlich um ein Jahr auf 1943 vordatiert ist (Franz, a.a.O., 1985, S. 51) und auch weitere chronologische Stationen nicht verlässlich datiert wurden.
  • [19] Franz, Zwischen Liebe und Haß (1985), S. 28.
  • [20] Im Juni 1941 war die Bestimmung vom Januar 1936 aufgehoben worden, nach der damals „Deutschblütigen“ und „Mischlingen“ mit höchstens einem Viertel „Zigeuneranteil“ die Heirat erlaubt war.
  • [21] Vgl. Fings, Karola u. Sparing , Frank, Rassismus – Lager – Völkermord. Die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bd. 13), Köln 2005, S. 387.
  • [22] Vgl. den Eintrag Nr. [Z] 3194 im Hauptbuch (Männer), S. 94: Peter Eckstein wurde am 27.12.1941 in Vöhringen [der Eintrag lautet: Töhr…en?] geboren, am 14.3.1943 ins KZ Auschwitz eingeliefert und mit dem jüngeren Bruder seiner Mutter, deren Großvater samt fünf von dessen Söhnen registriert und wurde dort am 20.?.1943 umgebracht (laut Wuttke, Walter, „Die Vöhringer Sinti-Familie Eckstein“, in: Freidenker Blätter 7/2012, S. 1-22, hier S. 15, starb er im Mai).
  • [23] Beide sind im Hauptbuch (Frauen), S. 339/40 registriert unter Nr. [Z] 5266 (Christ / Dora / geb. 25.3.19 / Fulda / Musikerin / Transp. / 15.4.44 [nach Ravensbrück]) und [Z] 5267 (Christ / Rosemarie / geb. 27.1.40 / Dingolfing / gest. / 23.8.43).
  • [24] Der Eintrag im Hauptbuch (Frauen), S. 505/6, für Paula Held gibt sie als 19-Jährige an ([Z] 7825); nach Haider, Nationalsozialismus in Villach, S. 126, war sie jedoch am 6.1.1925 geboren.
  • [25] Eine Sängerin fällt möglicherweise aus dem Muster heraus: Für die aus Schlesien deportierte Anna Wein[d]lich wurde im März 1943 nicht ihr genaues Geburtsdatum registriert, sondern ihr Alter mit 21 Jahren angegeben (Hauptbuch [Frauen], S. 273/4); unter demselben Namen und demselben Todesdatum ist sie auch in den Sterbebüchern von Auschwitz. Fragmente [im Folgenden: Sterbebücher], 3 Bde., Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Jerzy Debski (Hrsg., Red.), München 1995, Bd. 3, S. 1312 verzeichnet, hier findet sich jedoch als Geburtsdatum der 26.2.1915. (Ob dies korrekt ist, lässt sich nicht entscheiden; beide Quellen differieren auch in ihrem Geburtsort Kattowitz bzw. Kottwitz.)
  • [26] Vgl. die Einträge unter den Nummern [Z] 3578 und [Z] 3579 im Hauptbuch (Frauen), S. 231/2; sie wurden mit der Mutter Elisabeth (Nr. [Z] 3577, ebd.) und ihrem jüngeren Bruder Wilhelm (Hauptbuch [Männer] Nr. [Z] 3193, S. 94) am 14.3.1943 (Czech, Kalendarium, S. 441) mit der Familie ihres Großvaters eingeliefert (s.o., Anm. 13). Vgl. auch Wuttke, „Die Vöhringer Sinti-Familie Eckstein“, S. 13.
  • [27] Im Hauptbuch (Frauen), S. 691/2 sind sie unter der Nr. [Z] 10720 (Marie W., geb. 6.5.1926) und [Z] 10722 (Hanny, geb. 20.12.1922) registriert; zwischen ihnen dürfte ihre Mutter Katharine W., geb. 1895, verzeichnet sein, unter der Nr. [Z] 10719 bzw. 10723 die jüngeren Schwestern Anna und Karoline W., 13 bzw. 9 Jahre alt. Zusätzlich sind noch zwei vermutlich mit ihnen verwandte Holländerinnen dieses Namens dort vermerkt: Anna W., geb. 10.4.1915, sowie die 7-jährige Anny, vermutlich deren Tochter ([Z] 10717 bzw. 10718). Vgl. auch Anm. 71. – Huonker, Thomas, Roma, Sinti, Jenische. Strukturen, Haltungen, Entwicklung in der Schweiz vor, während und nach dem 2. Weltkrieg, 22.10.1998 (http://www.thata.ch/roma_sinti_jenische_strukturen_haltungen_entwicklungen_thomas_huonker_forschungsmandat_schweiz_zweiter_weltkrieg_1998_vollst.pdf), S. 114, gibt Geburtsdatum und -ort Hanny Winterstein-Freiwalds aufgrund der Deportationsliste vom 19.5.1944 aus dem Sammellager Westerbork abweichend mit dem 1.7.1922 in Naters bei Martigny – im Hauptbuch (Frauen) verballhornt zu Mortini – im schweizerischen Wallis an. Möglicherweise war Katharina Winterstein und ihren Kindern von den Behörden der Schweiz das Schweizer Bürgerrecht vorenthalten worden (ebd., S. 115).
  • [28] Im Hauptbuch (Frauen), S. 273/4 wurde sie mit beiden Vornamen, im Sterbebücher, Bd. 3, S. 1311, nur mit einem (Theresia) angegeben.
  • [29] Ihr Nachname wurde „Weinlich“ notiert, vermutlich ein Hör- oder Schreibfehler, denn die drei wurden untereinander aufgelistet, wie bei Familienangehörigen üblich, und sind daher als eine Familie zu identifizieren. Anna Wein[d]lich wurde bereits sieben Wochen nach der Deportation ermordet, ihre Mutter fünf Tage später, am 10. Mai 1943, die kleine Lise überlebte Mutter und Großmutter um zwei Monate. Vgl. die Nummern [Z] 4222–4224 im Hauptbuch (Frauen), S. 273/4.
  • [30] Hauptbuch (Frauen), S. 259/60 (Nr. [Z] 4015, geb. am 15.4.1917).
  • [31] Geb. 22.6.1911, lt. Auskunft über sie von Bernd Horstmann, Kurator für das Namensverzeichnis der Häftlinge des KZ Bergen-Belsen, E-Mail an die Verf. vom 27.10.2015.
  • [32] Haider, Nationalsozialismus in Villach, S. 128.
  • [33] Hauptbuch (Frauen), S. 273/4: Nr. [Z] 4222; Sterbebücher, Bd. 3, S. 1312. – Mit demselben Transport wurden auch fünf Männer mit Namen Weindlich (und einer mit Weinlich) nach Birkenau deportiert, wie dem Hauptbuch (Männer), S. 111 bzw. 110 zu entnehmen ist.
  • [34] Vgl. Absatz II des Erlasses über die Wandermusiker in der Pfalz vom 24.3.1939, in: AMRMK 6/7 (1.4.1939), S. 23.
  • [35] Lovara bedeutet Pferdehändler.
  • [36] Mayerhofer, Zu Handwerk und Lebensweise der Roma, bes. S. 171–177.
  • [37] Hemetek, Ursula, Musik im Leben der Roma, in: Roma. Das unbekannte Volk, S. 150–170, bes. S. 167f.
  • [38] In den Ländern mit muslimischen Roma gibt es auch – sorgsam gehütete – Musik bei Feiern ausschließlich der Frauen: Dabei begleiteten sich die Singenden selbst mit Schellen- oder Rahmentrommel (vgl. Vossen, Rüdiger, Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1983, [= Katalog zur Ausstellung „Zigeuner zwischen Romantisierung und Verfolgung – Roma, Sinti, Manusch, Calé in Europa“ des Hamburgischen Museums für Völkerkunde], S. 298). – Vgl. auch Kovalcsik, Katalin, The music of the Roma in Hungary, Budapest 2003 (http://rombase.uni-graz.at/).
  • [39] Die Lovara waren jedoch keine hauptberuflichen Musiker; vgl. dazu Hemetek, Musik im Leben der Roma, bes. S. 150 u. 159.
  • [40] Ebd., S. 164.
  • [41] Franz, Zwischen Liebe und Haß, S. 63.
  • [42] Bericht von Berta Teege, in: Wagner, Christa, Geboren am See der Tränen, Berlin 1988, S. 154, zit. n. Danckwortt, Barbara, Sinti und Roma als Häftlinge im KZ Ravensbrück, in: Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus, hrsg. von Hans-Dieter Schmid, Bremen 2012 (= Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, 14), S. 81–98, hier S. 87.
  • [43] Vgl. dazu Wuttke, „Die Vöhringer Sinti-Familie Eckstein“, S. 12.
  • [44] Vgl. dazu Reuter, Frank, Der Bann des Fremden. Die fotografische Konstruktion des „Zigeuners“, Göttingen 2014.
  • [45] Veröffentlicht in: Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma (= Katalog zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz), hrsg. von Romani Rose, Heidelberg 2003 [im Folgenden: Katalog 2003], S. 13).
  • [46] Auch veröffentlicht in: Katalog 2003, S. 168.
  • [47] Der Text auf der Rückseite nimmt keinerlei Bezug auf das Bild, verweist also auch nicht auf eine miterlebte Aufführung. Ich danke Sanela Kurtovic für die Übermittlung der Scans.
  • [48] Vgl. Reuter, Der Bann des Fremden, S. 318–322 (Kapitel III C: „Die Rolle der Fotopostkarte“).
  • [49] Auch veröffentlicht in: Katalog 2003, S. 188.
  • [50] Block, Martin, Die materielle Kultur der rumänischen Zigeuner, hrsg. von Joachim S. Hohmann, Frankfurt a. M. 1991, S. 168 (zit. n. Reuter, Der Bann des Fremden, S. 335).
  • [51] Ebd.
  • [52] Veröffentlicht in: Katalog 2003, S. 201.
  • [53] Vgl. ein ähnliches Foto (vermutlich jüngeren Datums) in Sárosi, Bálint, „Gypsy music“, in: New Grove Dictionary of Music and Musicians, hrsg. von Stanley Sadie, Bd. 7, London 1980, S. 869., S. 201.
  • [54] Die berühmte, damals aus vier Musikern bestehende Kapelle des Großvaters Johannes Haag ist mit einem Foto vermutlich von 1906 ebenfalls abgebildet im Katalog 2003, S. 15; vgl. auch Franz, Zwischen Liebe und Haß, S. 25f.
  • [55] Franz, Zwischen Liebe und Haß, S. 9, 25, 27, 31, 34f.
  • [56] Der anfangs gebräuchliche Begriff „Sintijazz“ scheint inzwischen durch „Gypsyjazz“ ersetzt worden zu sein.
  • [57] Vgl. dazu Dotschy Reinhardt, Gypsy. Die Geschichte einer großen Sinti-Familie, Frankfurt a. M. 2008. Sie erwähnt auch ihre Großtante Maria (Froschla) Pfisterer, die ausgebildete Operettensängerin war, aber im „Dritten Reich“ mit ihrem Vater Bernhard Heinrich Pfisterer durch „Ständeln“ in Gaststätten das Geld für die Familie verdiente (ebd., S. 98, 112f.).
  • [58] Vgl. das mehrfach abgedruckte Foto, u.a. in: Die Zigeuner. Reisende in Europa. Roma, Sinti, Manouches, Gitanos, Gypsies, Kalderasch, Vlach und andere, hrsg. v. Reimer Gronemeyer und Georgia A. Rakelmann, Köln 1988, rückwärtiger Umschlag.
  • [59] Vgl. dazu Sárosi, Bálint, János Bihari (1764–1827): Zigeunerprimas und Verbunkos-Komponist – zum gegenwärtigen Stand der Forschung, in: Die Musik der Sinti und Roma, 2 Bde., hrsg. von Anita Awosusi, Heidelberg 1996 (= Schriftenreihe des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma), Bd. I: Die ungarische „Zigeunermusik“, S. 67–79.
  • [60] Zu ihrer Vita vgl. auch Ševčíková, Hana, The Romani Band Leader Panna Cinková, in: Neznámí Rómovia, hrsg. von Arne B. Mann, Bratislava 1992, S. 117–126.
  • [61] Baumann, Max Peter, Roma im Spiegelbild europäischer Kunstmusik, in: Music, Language and Literature of the Roma and Sinti, hrsg. von dems., Berlin 2000 (= Intercultural Music Studies, Bd. 11), S. 393–444, hier S. 408.
  • [62] Vgl. das Zitat in Sárosi, Bálint, Zigeunermusik, Budapest 1977, S. 60, zit. n. Stoffers, Nina, „Gypsomania!“ Oder: Warum der Hype in der Clubmusik doch nicht so neu ist, in: Vielheiten. Leipziger Studien zu Roma/Zigeuner-Kulturen, hrsg. von Theresa und Fabian Jacobs, Leipzig 2011, S. 199–232, hier S. 206.
  • [63] Brassai, Sámuel, Magyar-vagy cigányzene? Elmefuttatás Liszt Ferencz Czigcányokról irt könyve felett, Kausenburg 1860, S. 26, zit. n. Hamburger, Klára, Franz Liszt und die „Zigeunermusik“, in: Die Musik der Sinti und Roma, Bd. 1: Die ungarische „Zigeunermusik“, S. 83–98, hier S. 83.
  • [64] Hamburger, ebd., S. 86. – Liszt, Franz, Des bohémiens et de leur musique en Hongrie, Paris 1859, deutsche Ausgabe in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 6, Leipzig 1883, S. 325f.
  • [65] Baumann, Roma im Spiegelbild europäischer Kunstmusik, S. 408. – Mit „Zigeunerkapelle“ ist bis heute nicht etwa ein (kleines) Orchester gemeint, sondern ein kleines Ensemble: Im 18. Jahrhundert wurde sogar ein Trio aus Geigen und Bass schon so bezeichnet, im 20. Jahrhundert bestand sie oft aus fünf Musikern.
  • [66] Weder in den Mozart-Dokumenten noch in der neuren Haydn-Sekundärliteratur findet sich ein Hinweis darauf. Liszt erwähnt nur, dass Haydn viele Stunden damit verbrachte, der „Zigeunermusik“ zuzuhören (Liszt, Des bohémiens et de leur musique, S. 287.
  • [67] Vgl. dazu den Eintrag „Panna, Czinka“, in: Magyar Életrajzi Lexikon (http://mek.oszk.hu/00300/00355/html/, zuletzt abgerufen am 12.12.2015) sowie Ševčikovà, The Romani Band Leader Panna Cinková, S. 117–126.
  • [68] Dieser Aufsatz und seine in Anm.* genannten Co-Publikationen gingen aus der Arbeit am online-Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (www.lexm.uni-hamburg.de) hervor und stellen nicht nur einen Schritt zur notwendigen breiten Erforschung des Schicksals NS-verfolgter deutscher und österreichischer Sinti- und Roma-MusikerInnen dar, sondern bilden auch die Voraussetzung zur Aufnahme der Verfolgten in Form von umfangreichen Artikeln oder Kurzeinträgen ins LexM.
  • [69] Steinmetz, Selma, Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner, in: In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, hrsg. von Tilman Zülch, Reinbek 1979, S. 112–133, hier S. 119.
  • [70] Wuttke, „Die Vöhringer Sinti-Familie Eckstein“, S. 13. ­– Martha Eckstein soll von Ravensbrück noch nach Flossenbürg verlegt worden sein. Nach ihrer Rückkehr gab sie auf dem Meldezettel an, dass sie von Auschwitz kam, aber dass sie von Flossenbürg noch einmal in dieses KZ verbracht wurde, ist den Einträgen im Kalendarium nach dem letzten Transport aus dem „Zigeunerlager“ nach Ravensbrück am 2.8.1944 nicht zu entnehmen. (Am 18. Oktober wurden aus zwei Außenlagern von Buchenwald 217 „Zigeunerinnen“, die bereits früher in Auschwitz waren, dorthin zurücküberstellt; Czech, Kalendarium, S. 910.) Über ihr weiteres Schicksal nach der Rückkehr ist nichts bekannt.
  • [71] Vgl. Anm. 18.
  • [72] Vgl. Czech, Kalendarium, S. 780; dort ist für den Tag ihrer Ankunft angegeben, dass der Transport mit holländischen, deutschen und staatenlosen „Zigeunern“ (122 Männern/Jungen, 124 Frauen/Mädchen) aus diesem Lager kam; vgl. auch Anm. 26.
  • [73] Vgl. dazu http://www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/das_nationale_denkmal_lager_vught/ (zuletzt abgerufen am 11.12.2015).

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