Malwida von Meysenbug und die Familie Wagner

von Eva Rieger

Bild für Rieger-Ausatz

„Was Sie in meiner Brochüre (sic) verletzt zu haben scheint, dünkt mich eben meine Stärke: ich darf nämlich Alles beim richtigen Namen nennen, und somit auch Namen selbst nennen, da ich mich in den Zustand der Vogelfreiheit geworfen habe, – der einzigen Freiheit welche diese Welt uns zu ermöglichen scheint.“ Das schrieb Richard Wagner im Mai 1870 an seine Freundin Malwida von Meysenbug (1816-1903)[1]. Mit der Broschüre meinte er seine Schrift „Über das Dirigieren“, in der er in maliziöser Weise über den Geiger Joseph Joachim hergezogen war. Unter anderem machte er sich lustig über Joachims Berufung zum Leiter der neu gegründeten Hochschule der Musik in Berlin: „Man sagt mir, daß Herr Joachim (…) seinerseits einen neuen Messias für die Musik überhaupt erwarte. Diese Erwartung sollte er füglich doch denjenigen überlassen, welche ihn zum Hochschulmeister machten? Ich dagegen rufe ihm zu: Frisch daran! Sollte es ihm selbst begegnen, der Messias zu sein, wenigstens dürfte er dann hoffen, von den Juden nicht gekreuzigt zu werden!“[2] Antisemitismus brauchte Richard Wagner wie ein Fisch das Wasser, es schien ihm ein inneres Bedürfnis zu sein, einen Gegner zu imaginieren und sich an diesem abzuarbeiten. Darüber hinaus gehörte Joseph Joachim zum Kreis der Gegner der sogenannten „Neudeutschen“ wie Schumann und Brahms, was Wagner zusätzlich verstimmte. Aber dass er seinen Unmut in einen antisemitischen Ausfall münden ließ, war Malwida ein Anlass, ihn zu kritisieren. Es störte sie, dass Richard einen ehrbaren Musiker beleidigte, weil der nicht nur Geige spielte, sondern auch dirigierte, und dass vor allem der Hintergrund ein antisemitischer war.

Dies ließ Richard Wagner keine Ruhe. Ein zweiter Brief folgte, in dem er Malwida von Meysenbug einlud, in der Pension „Sonnenberg“ bei Luzern zu wohnen, um nahe bei ihm und seiner Familie zu sein. „Edle Menschen’, à la Joachim, werden Sie aber nicht treffen. Das müssen Sie sich nun schon gefallen lassen. Dafür bin ich im Stier geboren, und halte aus“[3], schrieb er ironisch. Er dachte nicht daran, seine Beleidigung Joachims zurückzunehmen; die Adressatin hatte sich damit abzufinden. Dieser Streitfall deutet auf Risse in der Freundschaft hin, die aber von beiden Seiten immer wieder gekittet wurden.

Wie konnte es zu dieser Freundschaft kommen? Das muss man sich fragen, wenn man sich das Leben Malwida von Meysenbugs anschaut, die mit sozialistischen und feministischen Ideen ihrer Zeit vertraut war und sich auch dazu bekannte. 1816 in Kassel geboren, stammte sie aus der damaligen Hauptstadt des Kurfürstentums Hessen-Cassel, wo ihr Vater als Hofmarschall des Kleinstaatsfürsten Wilhelm II. tätig war. Er war 1825 mit dem Namen „von Meysenbug“ (früher Rivalier) in den kurhessischen Adel erhoben worden. Da der Fürst viel reiste, musste die Familie mitziehen; schließlich nahm Frau von Meysenbug mit den Kindern ihren Wohnsitz in Detmold. Wie Malwida selbst schrieb, hatte sie als Kind und Jugendliche einen „unersättlichen Wissenstrieb“, der sich wegen dürftiger Eindrücke und fehlenden Unterrichts nicht entfalten konnte. Als junge Frau verliebte sie sich in den Journalisten Theodor Althaus, den Sohn eines undogmatischen Theologen. Althaus trug dazu bei, dass ihr die Engstirnigkeit und Unfreiheit ihrer Umwelt bewusst wurde. Der revolutionäre Umschwung 1848 öffnete ihr die Augen für die Ziele einer nationalen Einheit mitsamt der dazugehörigen Souveränität, Freiheit und Gleichheit. Sie erhoffte sich außerdem mehr Rechte für Frauen. Damit stellte sie sich gegen die eigene Familie, die antiliberal und rechtskonservativ eingestellt war, und bei der Theodor Althaus Hausverbot erhielt. Die Beziehung scheiterte nicht am Protest des Elternhauses – damit wäre Meysenbug vermutlich souverän umgegangen –, sondern daran, dass sich Theodor in eine andere Frau verliebte, was sie tief traf, aber stillschweigend hinnahm.

Sie erlebte die Eröffnung des Vorparlaments im März 1848 in Frankfurt mit großen Hoffnungen auf eine Entwicklung zur Demokratie. Nach der Niederschlagung der Revolution gab es standrechtliche Erschießungen und hohe Gefängnisstrafen für die Beteiligten, und Theodor Althaus wurde zu drei Gefängnisjahren verurteilt. Malwida dachte nicht daran, ihre revolutionären Ziele aufzugeben, denn ihr war klar geworden, dass es um die gesellschaftliche Souveränität bürgerlicher Frauen nicht gut stand und man sie in die Lage versetzen müsse, sich Freiheiten zu erkämpfen und diese wahrzunehmen. Sie verließ Detmold und zog nach Hamburg, um sich an einer neu gegründeten Frauenhochschule zur Erzieherin ausbilden zu lassen. Aufgrund der repressiven Politik überlegte sie lange, ob sie Julius Fröbel, einen Freund von Theodor Althaus, in die USA begleiten wolle. Sollte sie ihn nicht lieben, so Fröbel, „so finden Sie an mir einen Freund und Bruder, der Ihnen eine ebenso zuverlässige Stütze sein wird, als der (Ehe)mann es könnte.“[4] Eine große Verlockung für eine alleinstehende Frau! Malwida vermochte sich nicht dafür zu entscheiden, obwohl die Lage in den deutschen Ländern immer restriktiver wurde. Dass sie mit demokratischen Freunden verkehrt hatte, machte sie verdächtig. Als sie im April 1852 eine Freundin in Berlin besuchte, verhörte man sie und beschlagnahmte ihre Papiere. Irgendjemand hatte sie denunziert. Auf Rat ihrer Umgebung reiste sie nach Hamburg zurück und nahm umgehend eine Schiffspassage nach England, um dort als Flüchtling zu leben.

Große Hilfsbereitschaft fand sie in London bei Johanna und Gottfried Kinkel, die ebenfalls geflohen waren und ihr, soweit sie es vermochten, beistanden. Im Dezember 1853 übernahm sie die Erziehung der beiden Töchter des russischen Emigranten Alexander Herzen, dessen Frau verstorben war. Zu der neunjährigen Natalie und der dreijährigen Olga entstand eine enge, mütterlich-töchterliche Bindung. Und sie war pekuniär gesichert. Herzen war ein vom Sozialismus überzeugter Revolutionär, der aus Russland verbannt worden war. Meysenbug übersetzte sein Buch „Memoiren und Reflexionen“ aus dem Russischen ins Deutsche. Heute ist sie bekannt als Schriftstellerin, Journalistin, Übersetzerin und Briefschreiberin.

Noch in Deutschland hatte Meysenbug die drei wichtigsten theaterspezifischen Schriften Wagners gelesen: Das Kunstwerk der Zukunft, Die Kunst und die Revolution und Oper und Drama. Sie erkannte darin, dass Wagner die Oper als Medium der Zerstreuung ablehnte und das echte Leben mit allen emotionalen und geistigen Höhen und Tiefen widerspiegeln wollte. Das gefiel ihr, die von dem Wunsch beseelt war, das kulturelle Niveau der Menschheit zu heben. 1855 gelang es ihr in England, Wagner zu treffen, der allerdings aufgrund seiner Erfahrungen dort schlecht gelaunt war. In Mein Leben berichtet er, wie er Malwida von Meysenbug das erste Mal traf. Bei dieser persönlichen Begegnung muss es zu einem heftigen Zusammenstoß gekommen sein. „Ich traf sie noch von all den Wünschen und Entwürfen für die Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts erfüllt an, zu denen ich durch jenes Buch (Das Kunstwerk der Zukunft) mich selbst bekannt hatte, von welchen ich aber jetzt, namentlich unter der Anleitung Schopenhauers, durch die Erkenntnis der tiefen Tragik der Welt sowie der Nichtigkeit ihrer Erscheinungen in einem fast gereizten Sinne abgewendet worden war. Es war mir peinlich, bei meinen Diskussionen hierüber von der enthusiastischen Freundin nicht verstanden zu werden und ihr geradesweges als Renegat einer edlen Sache zu erscheinen. Wir schieden in großer Verstimmung. Jetzt erschrak ich fast, Malwida wieder in Paris anzutreffen: gar bald löschte sich aber jede peinliche Erinnerung an jene Londoner Debatten aus, als sie mir sofort mit der Erklärung entgegenkam, daß der damalige zwistige Disput auf sie den entscheidenden Erfolg gehabt hätte, welcher sie bestimmte, sich unverzüglich mit der Schopenhauerische Philosophie bekannt zu machen.“[5] Aus dieser Schilderung lässt sich einiges herauslesen. Zum einen hat Meysenbug kräftig gegengehalten, als Wagner sie mit der völligen Umkehr seiner Gedanken konfrontierte. Zum anderen verstand sie es ebenso gut, die Freundschaft zu erhalten, indem sie ihm später konzedierte, von ihrer Schopenhauer-Lektüre sehr angetan zu sein. Sie, die viele intellektuelle Männer in ihrem Freundeskreis hatte, verstand es, mit Wagner geschickt umzugehen, und sie erkannte in ihm den außerordentlichen Musikschaffenden, der wie sie viel und gerne las und gedanklich verarbeitete. Außerdem besaß sie das Talent, Wagners Monologe auszuhalten und nur in seltenen Fällen zu widersprechen.

Im Pariser Winter 1860/61 war sie Zeugin der skandalträchtigen Tannhäuser-Aufführung, die sie in ihren Erinnerungen lebendig schildert. So sehr sie sich wehren konnte, wenn sie eine Meinung für falsch hielt, so sehr konnte sie andererseits Solidarität und Treue beweisen. Sie war entsetzt über die boshaften und ungerechtfertigten Proteste, die den Komponisten zum Abbruch der Aufführungen zwangen. „Ich glaubte fest an die wahre Vollendung und Erlösung des Lebens durch die Kunst“, schrieb sie[6], und sie hielt ihr ganzes Leben lang daran fest.

Nach diesen Erlebnissen setzte eine regelmäßige Korrespondenz ein, und 1869 wurde sie nach Tribschen bei Luzern eingeladen, wo Richard und Cosima mit den fünf Kindern (zwei davon aus Cosimas erster Ehe mit Hans von Bülow) lebten. Die Kinder fanden sofort Zugang zu  der freundlichen Besucherin, die sie fortan „Mutter“ nannten. Richard schickte ihr dann die Zweitauflage seiner von Vorurteilen strotzenden Broschüre „Das Judentum und die Musik“, auf die sie kritisch einging, denn Cosima vermerkt in ihrem Tagebuch „Brief von Frl. v. Meysenbug (R. wenig erfreuend)“[7]. Dennoch luden Richard und Cosima sie im darauffolgenden Jahr ein, bei ihrer Hochzeit in Luzern als Trauzeugin zu fungieren. Cosima erwärmte sich zunehmend für die Freundin und der Briefaustausch dauerte über dreißig Jahre hinweg an, wobei sie zu einer der wichtigsten Briefpartnerinnen Malwidas wurde, vermutlich auch deswegen, weil Malwida trotz aller Meinungsverschiedenheiten treu und begeistert zu Richard und dessen musikalischem Werk hielt. Er schätzte ihre intellektuellen Fähigkeiten, obwohl er kluge Frauen gerne als „Blaustrümpfe“ belächelte. Cosima merkte beim Kennenlernen Malwidas sofort, dass diese keine Konkurrentin in ihrer beider Beziehung zu Richard sein würde.

Wie konnte eine Freundschaft zwischen einer liberalen, von Demokratie, Gleichheit und Selbstbestimmung überzeugten Frau und einem Ehepaar gedeihen, das konservative und rechtsnationale Träume hegte? Richard war abwechselnd von ihrer Verehrung angetan und von ihren Ansichten verärgert. Als Malwida in einem Brief 1870 das Bombardement von Paris bedauerte, war Richard „entrüstet. Wir kommen überein, daß da geschehen wird was muß, und daß es die größte Torheit (ist), über diese Dinge zu faseln“, schreibt Cosima[8]. Während Malwida international dachte, waren Richard und Cosima nationalistisch eingestellt. Gewiss, auch Richard hatte bei der Revolution 1848/9 die bürgerlich-demokratische Seite vertreten. Malwidas Vorstellungen standen jedoch im krassen Widerspruch zu den Ansichten des Ehepaares, das von der Ungleichheit der Rassen überzeugt war. Vordergründig herzlich und freundlich, versuchte Malwida zumindest in ihren Briefen, eine Änderung in diesem Denken zu erreichen, beispielsweise wenn sie mit dem Wagnersohn Siegfried korrespondierte, der seine Abneigung gegen Juden offen vor sich hertrug. So schrieb sie ihm einmal, dass sie sich um einen jungen Mann spanisch-semitischer Herkunft kümmere, für den Beethoven und Wagner das Höchste seien und sprach sich dagegen aus, jüdische Mitbürger zu verdammen: für Christen sei es geradezu ein Gebot, sich ihrer anzunehmen[9]. Das konnte Siegfried nicht gefallen, ebenso wenig wie ihr Lob der Jüdin Alice Hallgarten, die ihren Reichtum dem Armenquartier von Rom spendete. Das nannte sie „ein herrliches Beispiel edelster Humanität; erhaben über Racen- und Religions-Unterschiede.[10]“ Siegfried, der gelernt hatte, die jüdische Rasse als minderwertig zu begreifen, antwortete wohl mit großer Schärfe, denn er nötigte Malwida zu einer ungewohnten Reaktion: „O Fidi mein, lassen wir´s Politisieren sein!“[11]

1872 war sie in Bayreuth dabei, als der Grundstein zum Bau des Festspielhauses gelegt wurde, und Richard im Rokoko-Theater Wilhelmine von Bayreuths Beethovens neunte Symphonie dirigierte. Sie ging auf Cosimas Vorschlag ein, nach Bayreuth zu ziehen, um regelmäßig mit dem engsten Familienkreis verkehren zu können. Cosima beschrieb ihr in ihren Briefen verschiedene Wohnmöglichkeiten und verschaffte ihr dann eine Wohnung, in die sie 1873 zog. Sie machte mit den Kindern Ausflüge zur Eremitage, zum Sophienberg oder in die sog. Schweizerei. Abends traf man sich zur gemeinschaftlichen Lektüre, denn Richard Wagner las gerne vor und gab dazu seine Kommentare ab, was sie als „Stunden seltenen Genusses“ bezeichnete. Zuweilen kamen Gäste. So freute sie sich über Friedrich Nietzsche, dessen Beziehung zu Wagner damals noch recht intensiv war. Sie hatte ihn bei der Grundsteinlegung kennengelernt, nachdem sie zuvor schon seine Schrift  Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik gelesen hatte. Der Kontakt wurde so eng, dass sie auf Bitten der Familie schließlich in Wahnfried einzog. Die Familie freute sich und Richard empfing sie mit der Zeile aus Mozarts Zauberflöte: „In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht“[12] – ein durchaus doppelbödiger Spruch, der auf ihre selbständigen Ansichten schließen lässt. Ihr setzte aber das schlechte Klima Bayreuths zu und auf Anraten ihres Arztes zog sie nach Rom, wo sie bis zu ihrem Tod blieb. Vielleicht war die Gesundheit aber auch nur vorgeschoben, denn man kann sich vorstellen, wie sehr Malwida auf der Hut sein musste, um den Hausherrn nicht zu reizen oder gar zu ärgern – möglicherweise war sie damit überfordert.

1876 erschienen ihre Memoiren einer Idealistin in deutscher Sprache, die bis 1910 insgesamt zehn Auflagen erlebte. Das machte sie zu einer im deutschen Kulturleben recht bekannten Persönlichkeit. Im gleichen Jahr war sie bei der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses mit der Uraufführung des Ring des Nibelungen dabei. „Hier sollte ein Kulturwerk entstehen, wie die moderne Geschichte nichts Ähnliches aufzuweisen hatte, ein Kulturwerk im griechischen Geist, wo nur einmal im Jahr, losgelöst von den Fesseln der Alltäglichkeit, das deutsche Volk sich versammeln und im Spiegelbild höchster Kunstschöpfungen, sein eigenes edelstes Selbst verklärt erkennen sollte“, schrieb sie begeistert. „So wenigstens hatte ich Bayreuth verstanden, so wenigstens, glaube ich, verstand es Friedrich Nietzsche damals, und verstand es die kleine Anzahl derer, die sich mit Begeisterung von Anfang an um den Meister geschart hatten.[13]“ Sie hatte mitbekommen, dass der Bau „dumpfe Gleichgültigkeit von der einen,  gehässige Bosheit und den kleinlichen Neid von der anderen Seite“ erregt hatte, und sie war glücklich, dass die Aufführungen finanziell gesichert waren. Ihr Enthusiasmus kannte keine Grenzen: „Was etwa noch mangelhaft blieb bei der Ausführung, wurde kaum gefühlt in der Glorie des Ganzen. Und wie befestigte sich da mein lang gehegter Gedanke, daß das Theater zu einem der edelsten Kulturmittel für das Volk werden müßte, statt daß es heutzutage beinahe ein Mittel der Korruption geworden ist.“[14] Damit meinte sie wohl die kommerzielle Ausrichtung der Theater, die Wagner vermeiden wollte. Nach den Aufführungen gab es ein großes Bankett, auf dem Wagner eine Rede hielt und nach ihm Franz Liszt sprach. „ Die Umarmung der zwei Männer, jetzt sich auch verwandtschaftlich so nahe, war ein schön bewegter Schluss eines Kulturfestes von der allerhöchsten Bedeutung. Leider war die Welt noch nicht reif genug dafür.“[15] Dass sich die Wagneranhänger teilweise wie eine Sekte verhielten und viel Unterwürfigkeit herrschte, entging ihr in ihrem Traum von einer besseren Theaterwelt. Hier machte sich ihr Hang zu idealisieren und Negatives zu verdrängen bemerkbar.

In den folgenden Jahren gab es immer wieder Begebenheiten, die Wagners Ambivalenzen gegenüber Meysenbug widerspiegeln. Cosima schildert einen solchen Fall in ihrem Tagebuch. Sie war dabei, Malwida zu schreiben, warum sie den italienischen Adligen Graf Gravina als Schwiegersohn akzeptieren wollte, der mit Blandine, ihrer Tochter aus erster Ehe, verlobt war. Richard kritisierte ihr Vertrauen Malwida gegenüber, er meinte es sei übertrieben, denn „die Freundin folge uns nicht ausschliesslich, wie sie es sollte, habe andere Neigungen, sei nicht von unseren Gedanken durchdrungen! Er vergleicht sie etwas mit Bakunin, dessen Biographie er eben in einer Zeitung gelesen, mit Verwunderung über das, was er noch als Konspirator alles getrieben und mit welchen Leuten er sich abgegeben.“[16] Er hielt Meysenbug also für wankelmütig, vielleicht sogar für illoyal, da sie im Widerspruch zu manchen Überzeugungen stehe, die er und Cosima hätten. Es irritierte ihn, dass sie sich manchmal nicht zügeln konnte und ihm widersprach.

Immer wieder gelang es ihr jedoch, trotz der Gereiztheit Richard Wagners gegenüber Andersdenkenden, die er oft mit allzu heftigen Bemerkungen parierte und die zu Wutausbrüchen führen konnten, ihm zu entgegnen, wobei sie strategisch klug vorging. So widersprach sie einmal, als Richard meinte, man könne die Menschen nicht lieben, wenn man „ die Anhäufung von Greueln sähe, mit denen der sogenannte Fortschritt meist begleitet sei, wie z.B. die Einführung des Christentums“. Man könne sie höchstens sympathisch finden, wenn man sich als „Angehöriger eines Volksstammes“ fühle, dessen Interessen, Freuden und Leiden man teile, was dann schließlich zur Familie zurückführe. Malwida sah sich keinesfalls nur mit dem eigenen Volk verbunden, sondern mit der gesamten Menschheit, was sie auch äußerte, um dann zu schließen: „Das Mitleid bände uns an jene Menge, die leidet, ringt, stirbt wie wir, sowie der Wunsch , sie zu erlösen von dem Elend, und zwar gewiss ohne Unterschied der Nationalität“[17]. Das wird das Ehepaar nicht gerne gehört haben, konnte aber nicht gut widersprechen, da Richards letzte Oper Parsifal sich gerade um den Begriff des Mitleids rankt.

Am 18. Juli 1882 schreibt Cosima: „Er ist sehr müde, doch erfreut ihn die Gegenwart unsrer Freundin Malwida bei Tisch. Er scherzt mit ihr über ihre beiderseitigen Schriften, ‚die deinigen liest die ganze Welt, ich lese nur die meinigen, weil ich in allen andren einen peinlichen Widerspruch finde, in den meinigen nicht. Ich mache es wie der liebe Gott nach dem Talmud, der die Bibel liest’.“[18] Ob eine Spur Eifersucht mitspielte? Er wusste andererseits um seine Berühmtheit in der Welt, aber es wird ihn getroffen haben, dass ihre Memoiren einer Idealistin viele Auflagen erlebten und sie in der Öffentlichkeit so bekannt war. Sie schrieb einmal selbst, dass sie sich in Rom fast so vorkomme, als sei sie eine Sehenswürdigkeit, so oft wurde sie besucht oder angesprochen. Am 21. Juli 1882 schrieb Cosima Wagner in ihr Tagebuch: „Abends wird Whist gespielt in der Halle, während R. seine Erinnerungen an Bakunin mit Malwida auffrischt.“ Bakunin hatte er beim Dresdener Aufstand kennengelernt. Dieser war, im Gegensatz zu Wagner, verhaftet und zum Tode verurteilt worden, dann aber begnadigt. Über Russland und Sibirien, wo er der Gefangenschaft entkommen konnte, landete er in England, wo Malwida von Meysenbug ihn kennengelernt hatte.

Immer wieder kam es zu Meinungsverschiedenheiten zum Thema Rassismus. Cosima und Richard waren von Gobineaus vierbändigem Werk über Die Ungleichheit der Menschenrassen begeistert, in dem dieser die weiße Rasse, besonders die „Arier“, als den „schwarzen und gelben Rassen“  kulturell überlegen bezeichnete. Malwida wird in einem Brief auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Ungleichheit eingegangen sein, was Richard empörte. „Das Wort: ,die Gesellschaft’, erregt immer seinen Ärger!“, schrieb Cosima in ihr Tagebuch, und einen Tag später: „Die Aussagen Malwida’s über Gobineau ärgern ihn immer noch.“ In einem Brief an Malwida hatte Cosima versucht, Gobineaus Schriften zu loben und den Satz begonnen: „Meine Meinung ist…“ Wagner setzte mit seiner Handschrift fort: „dass Du, gute Muhme, mit Deinem Urtheile über Gobineau noch recht stark als im ,Schlamm der Gesellschaft’, wenn auch nur in dem Quartier der Medisance und Klatscherei, haftest; befreie Dich auch daraus, so wirst Du auch an M. Dönhoff Wunder erleben, wenn sie mit Dir Polonaise tanzt. RW.“[19] Mit Medisance meinte er üble Nachrede. Gräfin Marie Dönhoff war in zweiter Ehe verheiratet mit Bernhard Fürst von Bülow, deutscher Botschafter am Quirinal in Rom, und Malwida war mit dem Ehepaar befreundet. Vielleicht hatte Malwida die Gräfin in Bezug auf die Rassenfrage als eine Gleichgesinnte erwähnt. Diese Verurteilung als dümmliche Klatschbase war jedenfalls starker Tobak und eine handfeste Beleidigung seitens Richards. Malwida wird den rüden Angriff wenige Tage vor Wagners Tod mit Gelassenheit ertragen haben. Kurz zuvor hatte Richard mit einer mehrsprachigen Widmung im Textbuch zu Parsifal, das Malwida ihrem jungen Freund Romain Rolland zeigte, spaßig-versöhnliche Töne angeschlagen: „O! Fantasia! Corregio! Buon Maccaroni. Tutto frommagio! Oh! Malwida! Mach nur so fort. Dann schreib’ ich Dir keinen Parsifal mehr! R.W. cousin germain.“[20]

Nach Wagners Tod verstärkte sich der Briefwechsel zwischen Malwida von Meysenbug und Cosima Wagner. Es war wohl Malwidas Feingefühl und ihre Kindheit in aristokratischen Kreisen, was ihr den Umgang erleichterte. Man traf sich in einigen Punkten, und diese waren den beiden Frauen wichtig genug, um an ihrer Freundschaft festzuhalten. Im Mittelpunkt stand das Werk Richard Wagners. Die Freundin gab Cosima einen inneren Halt, indem sie der Witwe viel künstlerischen Sachverstand zugestand: „Man sollte sie zur Intendantin aller Theater im deutschen Reich machen, dann könnte wieder einmal etwas aus deutscher dramatischer Kunst werden.“[21]

Malwida wünschte sich eine Welt, in der alle Frauen „das Recht auf Entfaltung aller Fähigkeiten durch Unterricht und Studium“ haben konnten wie Männer[22]. Damit befand sie sich nur teilweise im Einklang mit Cosima, die zwar für eine geistige Bildung ihrer Töchter sorgte, nicht aber, um sie für einen eigenen Weg im Leben auszustatten, wie es Malwida vorschwebte, sondern für ihr künftiges Leben als verheiratete Frau. Es war Malwida, die Richards erster Tochter Isolde riet, Berufssängerin zu werden und die sich bemühte, dem jungen Siegfried seine antisemitischen Parolen abzugewöhnen[23]. In beiden Fällen war sie jedoch nicht erfolgreich.

Es ist seltsam, dass Cosima nichts gegen die schreibende Tätigkeit Malwidas hatte. Schließlich war sie gegen allzu selbstbewusste Frauen eingenommen und vertrat die Überzeugung, dass Jungen und Mädchen keinesfalls gemeinsam erzogen werden sollten[24]. Das Geheimnis lag darin, dass Malwida „untadelige Frauenwürde und Zartgefühl mit gleicher Kühnheit des Denkens und des Handelns“ verband, wie der Historiker Gabriel Monod (und Ehemann ihres Ziehkindes Olga Herzen) schrieb [25]. So gelang es die beiden Frauen, ihre Freundschaft zu erhalten. Diese erstaunliche Verbundenheit hielt trotz aller Differenzen jahrzehntelang und brachte für beide Seiten einen Gewinn. Die von Malwida ausgehende Wärme genossen nicht nur die Kinder. Cosima schrieb ihr einmal: „Was meiner Kindheit, ja meinem ganzen Leben schwer gefehlt hat, die mütterliche Liebe und Theilnahme, nehm ich von Dir dankend an.“[26]

Literatur

Borchard, Beatrix: Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim. Biographie und Interpretationsgeschichte, Wien/Köln/Weimar 2005.

Meysenbug, Malwida von, Memoiren einer Idealistin. Bd. 1. Berlin/Leipzig o.Jg,  (ca. 1904).

Meysenbug, Malwida von, Der Lebensabend einer Idealistin, 3. Aufl., Berlin/Leipzig o.J. Meysenbug, Malwida von, Der Lebensabend einer Idealistin (1898), Nachdruck North Charleston 2013.

Rolland, Romain, Aus meinem Leben, Zürich 1949.

Die Korrespondenzen der Malwida von Meysenbug, Briefregesten, 3 Bde., hrsg. von Annegret Tegtmeier-Breit, Detmold 2001.

Wagner, Cosima, Die Tagebücher, hrsg. von  Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack, München/Zürich 1976.

Wagner, Richard, Mein Leben, 2 Bde., Leipzig 1986.

Wagner,  Richard, Sämtliche Briefe, Bd. 22, hg. von Martin Dürrer, Wiesbaden/Leipzig 2012.

Wagner, Richard, Sämtliche Schriften und Dichtungen, Bd. 8, Leipzig o.D., S. 261-337.

Wiggershaus, Renate, Einleitung zu Malwida von Meysenbug, Memoiren einer Idealistin, gekürzter Nachdruck, hrsg. v. ders., Königshausen 1998, S. 18.

  • [1] Wagner,  Richard, Sämtliche Briefe, Bd. 22, Wiesbaden/Leipzig 2012, Mai 1870, S. 148 (im Folgenden SB).
  • [2] Wagner, Richard, Sämtliche Schriften und Dichtungen, Bd. 8, Leipzig o.D., S. 261-337. Beatrix Borchard hat sich in einer bedeutenden Studie mit dem Geiger und seiner Frau Amalie, geborene Schneeweiß, befasst: Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim. Wien u.a 2005. Sie erwähnt auch diesen Zwischenfall, der hier durch die Betrachtung von Richard Wagners Adressatin Malwida von Meysenbug ergänzt wird.
  • [3] Wagner, Richard, SB, Bd. 22, 30.6.1870, S. 166.
  • [4]  zit. nach Wiggershaus, Renate, Einleitung zu Malwida von Meysenbug, Memoiren einer Idealistin, gekürzter Nachdruck, hrsg. v. derselben, Königshausen 1998, S. 18 (im Folgenden: Memoiren I).
  • [5] Richard Wagner, Mein Leben, 2 Bde., Leipzig 1986, Bd. 2, S. 182f.
  • [6] von Meysenbug, Malwida, Memoiren einer Idealistin. Berlin/Leipzig o.Jg, (ca. 1904), (3 Bände in einem), Bd. 2, S. 279 (im Folgenden: Memoiren II).
  • [7]  Cosima Wagner, Die Tagebücher, hrsg. von  Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack, München/Zürich 1976, Bd. 1,10.5.1870, S. 229 (im Folgenden: Tagebücher).
  • [8] Tagebücher, Bd. 1, 13.9.1870, S. 284.
  • [9] MvM an Siegfried Wagner, 22.5.1895 (Richard Wagner Archiv Bayreuth, im Folgenden: RWA).
  • [10] MvM an Siegfried Wagner, 24.4.1898 (RWA).
  • [11] MvM an Siegfried Wagner, 3.6.1898 (RWA).
  • [12] Tagebücher, Bd. 1, 27.11.1873, S. 757.
  • [13] Meysenbug, Malwida von, Der Lebensabend einer Idealistin (1898), North Charleston 2013, S. 28 (im Folgenden: Lebensabend).
  • [14] Lebensabend, S. 29, 39ff.
  • [15] Lebensabend , S. 30.
  • [16] Tagebücher Bd. 2, 18.4.1882, S. 933.
  • [17] Lebensabend, S. 84.
  • [18] Tagebücher Bd. 2, 19.7.1882, S. 981.
  • [19] Tagebücher, 2.,3. und 4.2.1883, Bd. II, S. 1105f. Brief Cosimas an Malwida mit Richards Einfügung v. 2.2.1883 (RWA).
  • [20] Rolland, Romain, Erinnerungen Malwida von Meysenbugs an Wagner, in: Aus meinem Leben, Zürich 1949, S. 374.
  • [21] Die Korrespondenzen der Malwida von Meysenbug, hrsg. von Annegret Tegtmeier-Breit. Detmold 2001, S. 27. Briefregesten, 3 Bde. (im folgenden MR I-III). MR III, 13.10.1894 an Louise von Medem.
  • [22] Memoiren II, S. XXVIII (im Folgenden: Memoiren II).
  • [23] MR III, 29.9.1894.
  • [24] MR II, 20.7.1879 (Cosima Wagner an MvM).
  • [25] In: Memoiren II, S. IX.
  • [26] Cosima Wagner an MvM, 25.6.1872 (RWA).

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