„Geige macht alles sehr dramatisch“ – eine experimentelle Montage von Höreindrücken

von Monika Bloss

VorWorte zum Projekt

Assoziatives Hören ist ein alltäglicher Vorgang, bei dem unsere Gefühle, Stimmungen und Befindlichkeiten, aber auch unser musikalisches Wissen, persönliche Erfahrung und gesellschaftliches Problembewusstsein zusammenfließen. Die vielfältigen individuellen Assoziationen beim Musikhören verweisen auf jenes breite Bedeutungsspektrum, das dem klingenden Material inhärent ist. Im Kontext populärer Musik, um die es im nachfolgenden Beitrag gehen wird, spielen die jeweiligen kulturellen Praktiken, in die die Songs und Klänge eingebunden sind, eine wichtige Rolle. Musikkulturelle, musiksoziologische oder ethnografische Studien haben seit etwa einem halben Jahrhundert die wissenschaftliche Basis dafür geliefert, die Relevanz dieses Musikbereiches – nicht nur bei Jugendlichen – zu belegen. In jüngerer Zeit wird dem klanglichen Ereignis selbst wieder verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet. Einige Ansätze aus den Querverbindungen von Popular Music Studies und Sound Studies sollen im Verlauf der Analyse des Projektes auch diskutiert werden.

Der Ausgangspunkt für das Projekt war überwiegend pragmatischer Natur. Zu Beginn meiner Lehrveranstaltungen führte ich häufig eine sogenannte Hörübung durch. Einerseits beabsichtigte ich, die Aufmerksamkeit auf den Akt des Hörens zu legen, der für die Auseinandersetzung mit populäre Musikformen eine wesentliche Grundlage bildet. Zum anderen sollten die Studierenden ihre Eindrücke zu der erklingenden Musik auch niederschreiben. Denn als Musik Vermittelnde, ob mit pädagogischen, wissenschaftlichen, journalistischen oder kulturpolitischen Intentionen, auf Sprache, sind wir auf die Wahl und den Einsatz von Worten, von logischen Satzkonstruktionen wie auch metaphorischen Sprachbildern angewiesen. Beide Konstellationen, die Komplexität des Hörens wie auch die semantische Nachhaltigkeit des ‚Instruments‘ Sprache sollten den Studierenden bewusster gemacht werden.

Im jeweils ersten Seminartreffen ließ ich die Höreindrücke zu einer Reihe Songs, in der Regel zwischen sechs und acht, schriftlich formulieren. Unabhängig von der inhaltlichen Ausrichtung der Lehrveranstaltung kristallisierten sich im Laufe der Jahre eine Handvoll Songs heraus, die ich immer wieder einsetzte und die die Materialbasis für dieses Projekt bilden.

Da es in meinen Lehrangeboten oft um den Zusammenhang von Musik- und Geschlechterbedeutungen ging, kam in der Hörübung ein weiterer Aspekt zum Tragen. Insbesondere in Lehrangeboten, die Geschlechterkonstruktionen in Musik thematisieren, erhält die Schwierigkeit wie auch Notwendigkeit der sprachlichen Vermittlung von Musik besondere Dimensionen. Genderrelevante Lehre ist nicht nur eine Angelegenheit des erweiterten inhaltlichen Rahmens, sondern gleichermaßen mit der Aufgabe verbunden, den Einsatz von Sprache bewusster zu machen und sensibler mit unsere Wortwahl umzugehen.

Ich möchte dir, liebe Beatrix, einige Gedanken widmen, die ich aus den Ergebnissen dieser Hörübungen abgeleitet habe, so kryptisch und subjektiv diese auch sein mögen. Das Material aus den Befragungen ist in transkribierter Form beigefügt und kann somit für weitere Studien genutzt werden.

Für heute stelle ich dir neben der Materialbasis eine kleine Textauswahl aus der Auswertung, an der auch die Master-Studentin Stephanie Rieser mitgewirkt hat, vor. Wir haben die mediale Gestaltung des Projektes mit Hilfe des Präsentationsprogrammes Prezi realisiert, was eine laufende Ergänzung und Vervollständigung einfach macht. Solange die „Vergleichende(n) Betrachtungen und Ergebnisse“ unsererseits nicht vollständig in die Präsentation integriert sind, betrachte bitte dieses Projekt als persönlichen Beitrag für dich.

Das Material

Als Ausgangsmaterial dienten die Angaben aus den Befragungen aus den Lehrveranstaltungen aus folgenden drei Universitäten:

1) Universität der Künste Berlin (UdK), SS 2007, Seminar „Klang-Bilder und Körper-Sprache. Zur Konstruktion von Geschlechterbedeutungen in populärer Musik“, 17 Teilnehmende (Lehramt).

2) Universität Dortmund/Essen (UDE), WS 2011/12, Seminar „Hör mal! Populäre Musik erfahren und verstehen“ innerhalb des Ausbildungsangebotes vom Institut für Optionale Studien (IOS, Standort Essen), 24 Teilnehmende (aus diversen Fachrichtungen, alle aus wirtschaftlich-technischen Bereichen).

3)  Humboldt-Universität Berlin (HU), WS 2015/16, (Master-)Seminar „Im Konflikt zwischen genre und gender. Geschlechtsrelevante Diskurse und kulturelle Praktiken in den Genres ‚Jazz‘, ‚Heavy metal‘, ‚Electronic Dance Music‘ und ‚Alternative‘ im exemplarischen Vergleich“, 21 Teilnehmende aus den Fachrichtungen Musikwissenschaft und Gender Studies.

Es wurden jeweils zwischen fünf und acht Songs (in ganzer Länge) vorgespielt. Für das vorliegende Projekt wurden folgende fünf Songs ausgewählt, wobei zu den ersten drei Songs Angaben aus allen drei Universitäten vorliegen, während bei dem vierten und fünften Song jeweils nur Daten aus zwei Universitäten einbezogen werden konnten:

 

  • VISION (03:39), Album: Vision – The Music of Hildegard von Bingen, by Richard Souther, VÖ 1994.
  • EAT THE RICH (04:10), Album: Get a Grip von Aerosmith, VÖ 1993.
  • TWILIGHT (03:49), Album: Antony and the Johnsons, VÖ 2000.

 

  • HELP ME (03:22), Album: Court and Spark von Joni Mitchell, VÖ 1974.
  • HUMBLE ME (04:36). Album: Feels like Home von Norah Jones, VÖ 2004.

Die Methode

Die anonyme Befragung, ausgewiesen als Hörübung, wurde jeweils zu Beginn des Seminars durchgeführt. Die erste Lehrveranstaltung dient erfahrungsgemäß der Vorstellung des Seminarkonzeptes. Da ich immer als Lehrbeauftragte tätig war, kannten weder die Studierenden meine inhaltlichen und methodischen Herangehensweisen noch waren mir die Studierenden bekannt, bspw. hinsichtlich ihrer Vorkenntnisse und Interessenlagen.

Die Studierenden erhielten ein vorbereitetes Blatt, auf dem die gewünschte Aufgabe formuliert war: „Hören und Beschreiben. Hörtest zu Assoziationen und Wahrnehmung (Hörübung zur Lehrveranstaltung … )“. In zwei Spalten sollten sie ihre Gedanken und Assoziationen zu den jeweiligen Songs aufschreiben. Zu den Songs wurden keine Angaben gemacht, sie erhielten lediglich eine Nummerierung. Die Studierenden hatten aber die Möglichkeit, bei Kenntnis Namen des/der Interpret*in und Titel des Songs einzutragen. Die Aufgabe, beim Hören der Songs frei zu assoziieren und die Gedanken zu formulieren, war zweigeteilt. In die linke Spalte sollten allgemeine Assoziationen („Beschreiben sie ihre allgemeinen Assoziationen zu dem Song, ohne spezielle Berücksichtigung der vokalen Aspekte“) zu dem gehörten Song eingetragen werden, in der rechten Spalte sollten die Studierenden ihre Aufmerksamkeit stärker auf die Stimme richten, mit der Anweisung: „Charakterisierung sie speziell die Stimme sowohl mit allgemeinen Metaphern als auch (soweit möglich) mit musikalischen Begriffen)“.

Da die Angaben überwiegend in Stichworten und kurzen Wortgruppen erfolgten, wurde jedes dieser Worte bzw. Wortgruppen gleichwertig in die Auswertung einbezogen. Die Bedeutungen, die sich aus einer innerstrukturellen Analyse zu den Antworten jeweils einer/s Student*in ableiten ließen, wurden (weitestgehend) vernachlässigt.

Die Probleme

Das methodische Verfahren einer nicht standardisierten qualitativen Erhebung in Form einer schriftlichen (offenen) Befragung zu Höreindrücken und Assoziationen aktuell vorgespielter Songs ist mit allen Mängeln und Problemen qualitativer Forschung behaftet. So gab es keine vorab formulierten Hypothesen. Vielmehr entfaltete sich die Möglichkeit einer qualitativen Auswertung erst im Laufe der Jahre mit wachsender Anzahl der Daten und ihrer damit möglichen Vergleichbarkeit. Aufgrund der spezifischen Erhebungssituation war – bis auf die letzte Befragung an der Humboldt-Universität – keine nachträgliche Auswertung und Diskussion mit den Studierenden möglich. Das Projekt versteht sich als ein offenes Experiment, das im besten Fall weitergeführt und ausgebaut werden kann.

Exemplarische Auswahltexte

TWILIGHT: Bemerkungen zum Assoziationsspektrum

Ausgehend von meiner Vermutung, das Antony Hegarty (inzwischen tritt „sie“ als ANOHNY auf) unter den Studierenden bekannt ist, offenbarten aus allen Befragungen nur 2 Student*nnen (der HU) in ihren Angaben, dass ihnen Antony bekannt ist („Ikone für viele in der Queer-Szene“, „Ach Antony“). Insofern können die Angaben als relativ unbeeinflusst von Vorkenntnissen interpretiert werden.

Der emotional berührende Song führt bei den Studierenden der HU zu vielen Bezeichnungen von Stimmungen, Gefühlen oder emotionalen Situationen, sowohl bei den „Allgemeinen Assoziationen“ als auch bei der „Charakterisierung der Stimme“. Zu beiden Assoziationsbereichen konnten von den 21 Studierenden etwa gleich viele Aussagen aufgelistet werden, 75 bzw. 80.

Die musikbezogenen Aussagen sind in ihrem Bedeutungsspektrum sehr weit aufgefächert. Die Stimme von Antony Hegarty wird sowohl als „klassisch ausgebildet“ und „opernähnlich“ eingeschätzt als auch dem Pop, Musical, Songwriter-Metier und dem crooning-Stil zugeordnet. In einem Drittel der musikrelevanten Aussagen wird das charakteristische Vibrato in Antony‘s Stimme und sein unverkennbares Timbre benannt und darüber hinaus versucht, es genauer zu beschreiben. Mit variablen Begrifflichkeiten wie „volles / tiefes Timbre, melismatisch, extravagant, hauchend, fragil, verletzlich, sanft, warm, zitternd, dramatisch, ergreifend“ sind die Beschreibungen von Antony’s Interpretationsstil und seine Stimmeigenschaften hoch differenziert.  Von den diesbezüglich fast 40 Angaben erscheinen nur fünf Bezeichnungen zweimal (androgyn, verletzlich, voll, weich und zitternd) und „emotional“ wird fünfmal genannt.

Will man sich einem geschlechtsbezogenen Assoziationsspektrum nähern, das jenseits eines klar als männlich oder weiblich konnotierten Stimmklangs liegt, dann sind die diesbezüglichen Antworten zu Antony (and the Johnsons) beachtenswert. Zwar wird die Stimme von Antony mehrfach als „männlich“ oder „Männerstimme“ beschrieben. Gleichzeitig sind aber zahlreiche Beschreibungen oder relativierende Aussagen gemacht worden, die eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung infrage stellen oder ausschließen. So bewegen sich die geschlechtsspezifischen Angaben (aus der HU und UdK) im gesamten Bedeutungsspektrum männlich-androgyn-weiblich („männlich, aber androgyn“, „helle Männerstimme“, „sehr stark mit Vibrato gesungener hoher Männergesang“, „zarte Männerstimme“, „Timbre zwischen mittlerer Männerstimme und tiefer Frauenstimme“, „nicht eindeutig einer Frau oder Mann zuzuordnen“, „weiblicherweise gesungen“).

Wie das „Weibliche“ tendenziell negativer gewertet wird, zeigt sich in zwei dezidierten Aussagen zu „weiblich“. Der/Die Student*in aus der HU (der/die entweder aus dem Masterstudiengang Musikwissenschaft oder Gender Studies kommen könnte) beschreibt zur „Stimme“, er/sie habe „weibliche Konnotationen“. Außerdem stehen bei ihm/r als Stimme-Charakterisierungen „emotional, Einsamkeit, starke Gefühle“, also abgesehen von „Einsamkeit“ überwiegend positiv konnotierte Weiblichkeitsbedeutungen. Im Gegensatz dazu hat der/die Probant*in die Spalte zu „Allgemeinen Assoziationen“ eher negativ intendierte Begriffe notiert. Es erscheint ebenfalls die Assoziation „Einsamkeit“, nun verbunden mit den Termini „Kitsch, eine Beichte, Schmerz“.

Die beiden Aussagen, die ‚weiblich‘ als Assoziation nennen, sind insofern interessant, da die eine bewusst als persönlicher Eindruck formuliert ist („ich habe ‚weibliche‘ Konnotationen“) und die andere einen direkten Bezug zu Sprache herstellt. Zu letzterem beschreibt der/die Probant*in zunächst die „zarte Männerstimme“ und bezieht sich unmittelbar danach (als einzige weitere Aussage zum Bereich Stimme) auf eine „Stelle, wo keine klaren Wörter zu identifizieren sind“ und schreibt, diese „ –> wirkt weiblich“. Eine weibliche Konnotierung wird hier von Sprache abgrenzt, da jene Stelle, wo kein kognitives Verstehen gefordert ist, frei verfügbar für die Assoziation mit weiblich wird. Hier wird offenbar auf eine dualistische Interpretationskette von Sprache-Denken-rational-männlich und Musik-Fühlen-emotional-weiblich reflektiert.

Eine Ausnahme zum geschlechtsspezifischen Assoziationskontext stellen die Angaben aus der UDE dar. Auffallend ist bereits die geringe Anzahl. Von insgesamt 101 Aussagen enthalten nur 13, d.h. knapp 13 Prozent, eine explizit geschlechtsspezifische Aussage. Die vergleichbaren Angaben aus der HU und UdK liegen bei 18 bzw. 26 Prozent.

EAT THE RICH: Zum Männlichkeitsbild im Heavy Metal – eine attributive Bestätigung

In den assoziierten Höreindrücken zu Eat the Rich zeigt sich ein semantisch sehr homogenes Bild. Kaum eine Aussage weicht von typisch männlich konnotierten Begrifflichkeiten ab. Explizit genderrelevante Assoziationen betreffen jedoch nur einen Anteil xx,x % (xx von yy Angaben). So zeigt sich in der Musikspezifik zunächst einmal deutlich die häufige Benennung von  Gitarren. Die E-Gitarre als typisches und im Zentrum stehendes Instrument im Rock mit typisch männlicher Konnotation: „In the world of rock’n’roll the guitar was an inescapable sym­bol of masculinity, and the dynamics of the performance were filled with sexually sig­nificant actions and meanings.“ (Millard/McSwain 2004, 157) Dementsprechend deuten auch die attributive Beschreibung von Musik und Stimme in den Antworten auf ein klares Männlichkeitsbild hin. Die verwendeten Begrifflichkeiten erscheinen dabei nicht nur statisch, sondern durchaus dynamisch und agil . Sie reichen von kraftvoll, effektvoll, rhythmisch laut … u.a., (bei den Allgemeinen Assoziationen) bis zu markant, rauchig und tief … u.a. (bezogen auf Stimme). Auch die verwendeten Metaphern zeichnen einen Mann, der seine männliche, auch körperliche Stärke in der Lederjackenkluft ungezähmt verkörpert. Mehrfach wird die Verbindung mit Autos, USA und Freiheit hinweist. Von hier lässt sich ein Bogen zurück zur musikalischen Verwendung von Gitarrensoli schlagen: ohne Starrsinn und voller kreativer Unordnung, gebündelt in charakteristischem Sound.

In den Umfragen werden zahlreiche Beschreibungen zu im Heavy Metal vertrauten symbolischen Attributen wie phallisches Gitarrenspiel, Aggressivität, Lautstärke genannt. Verbunden mit Begriffen wie Selbstbestimmtheit, Selbstbewusstheit und Ego sowie weiteren symbolischen Kontexten von typisch männlich bestätigt sich das, was Weinstein wie folgt formuliert: „These are not merely symbols of power, but are power itself.“ (Weinstein 2009, 24). Die in den studentischen Angaben bestätigten stereotypen Begrifflichkeiten spiegeln zwar ein dominantes Männlichkeitsbild wider, besagen aber vorerst nur, dass die Gender-Ideologie des Heavy Metal (zumindest in diesem Fall) noch ungebrochen wirkt. Sie sagen aber nichts über das Geschlechterverständnis und die im Lebensalltag des studentischen Klientel sedimentierten geschlechtsspezifischen Wertigkeiten aus.

Präsentation

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