Geburtstagslektüre – Beatrix Borchards biographischer Arbeit über Amalie und Joseph Joachim folgend

von Susanne Rode-Breymann

Herbst 2015: Eine Neuerwerbung kommt in die Rara-Sammlung des Forschungszentrums Musik und Gender an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover – in eine musikbezogene Sammlung von zu diesem Zeitpunkt 1379 Medieneinheiten aus dem späten 18. bis frühen 20. Jahrhundert. 600 Briefe und Autographen von weit über hundert verschiedenen Absenderinnen (darunter von Lola und Désirée Artôt de Padilla, Nadja Boulanger, Amy Beach, Cécile Chaminade, Geraldine Farrar, Sophie Gail, Marie Gutheil-Schoder, Augusta Holmès, Alma Mahler-Werfel, Lina Ramann, Wilhelmine Schröder-Devrient, Clara Schumann, Ethel Smyth, Pauline Viardot-Garcia und Cosima Wagner), 578 Postkarten, 92 Bildquellen (Lithographien, Fotographien) und 109 andere Dokumente befinden sich in dieser Sammlung, die Einblicke in das musikkulturelle Handeln von Frauen gibt. Finanziert von der Mariann Steegmann Foundation, wurden diese Quellen seit Gründung des Forschungszentrums Musik und Gender 2006 bei internationalen Antiquariaten und Auktionen erworben.

Es handelt sich bei der Neuerwerbung um einen undatierten Brief von Amalie Joachim an einen nicht namentlich genannten Herren. Gewiss ist dieser Brief von Interesse für Beatrix Borchard.

Rara_FMG HS Joachim,A.X(2)_Seite_1

Rara_FMG HS Joachim,A.X(2)_Seite_2

 

3 Beethovenstrasse, N.W. Thiergarten

Sehr geehrter Herr!

Mein Mann ist, vor seiner längeren Reise nach Russland und England, nicht mehr dazu gekommen Ihren freundlichen Brief vom 8ten Jun. zu beantworten, und übertrug mir diese angenehme Pflicht, deren ich mich hiemit entledige.

Über Hektor Pinelli können wir Ihnen leider keine näheren Notizen geben. Er kam vor etwa zehn Jahren nach Hannover, um mit meinem Manne zu studiren. Der damals etwa 20-22jährige Mann blieb zwei Jahre – und ging dann weder nach Rom zurück – wo er viel öffentlich spielt und sein Bestes zur Hebung deutscher Musik zu thun scheint. Wir haben seit vielen Jahren nichts mehr direkt von ihm gehört. –

Der Geburtstag meines Mannes fällt auf den 28ten Juni. –

Die über mich gewünschten Notizen folgen anbei.

Mit unsern vereinten, besten Empfehlungen bin ich

Sehr geehrter Herr

Hochachtungsvoll

Amalie Joachim

Was erzählt dieser Brief? Was für Fragen wirft er auf? Niemand hat so faszinierend wie Beatrix Borchard vorgeführt, wie sich von der Befragung einzelner Quelle eine Welt erschließen lässt. In der Einleitung zu Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim. Biographie und Interpretationsgeschichte (2005) geht sie von zwei Büsten aus. Aus diesem Nukleus wächst eine Studie von über 600 Seiten, ein grandioses Paarbild von Amalie und Joseph Joachim.[1]

Der Brief im Forschungszentrum Musik und Gender ist ein zufälliges Dokument aus einem riesigen Quellenbestand, den Beatrix Borchard mit den folgenden Worten beschrieben hat: „Die Quellen sind […] umfangreich und lückenhaft zugleich, planvoll aufbewahrt und zufällig überliefert, gezielt gesucht oder durch Zufall gefunden.“[2] Und doch lässt dieser Brief im Kleinen zentrale Themen aufscheinen, die Beatrix Borchard in ihrer Studie umfassend aufgearbeitet hat:

  1. Der Brief führt an verschiedene Orte: Hannover und Berlin werden den Lesenden als Wohnorte der Joachims bekannt. Joseph Joachim war von 1853 bis 1868 Konzertmeister an der Königlichen Oper in Hannover, lernte dort Amalie Joachim kennen, die 1862 an das Theater kam und dort bis zur Heirat mit Joachim im Juni 1863 als Sängerin Aufsehen erregte. „Die Hannoveraner Jahre sind durch Joachims beständiges Schwanken zwischen dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Sicherheit gekennzeichnet. Immer wieder wollte er kündigen, doch der König entließ ihn nicht aus seinen Diensten.“[3] Zu einem beruflichen Wechsel kam es somit erst, nachdem Hannover (1866) von Preußen annektiert worden war. Die Joachims verließen Hannover im Herbst 1868 und ließen sich in Berlin nieder.

Der Brief führt nach Russland und England, also in Länder der Konzertreisen von Joseph Joachim, und er führt nach Rom, dem Ort künstlerischer Tätigkeit eines früheren Schülers von Joseph Joachim. Es ist nur ein einzelner, zufälliger Brief, aber er verweist auf einen internationalen künstlerischen Wirkungskreis: West-Ost-Achse (England-Russland) und Nord-Süd-Achse (Hannover-Rom) vermessen einen Raum großer Musiker-Mobilität.

  1. Der Brief thematisiert kulturelles Handeln: Das internationale Konzertieren von Joseph Joachim, sein Unterrichten eines aus Rom zu ihm kommenden Geigers in der Hannoveraner Zeit, das Studieren dieses italienischen Geigers, Ettore Pinelli, in Hannover, Pinellis Einsatz für deutsche Musik in Italien. Der Brief gibt klare Umrisse von diesem kulturellen Handeln der im Brief genannten Männer und lässt verschiedene Ebenen des mit Konzertieren, Unterrichten, Studieren einhergehenden Kulturtransfers aufscheinen.

Welcher Art das kulturelle Handeln des nicht namentlich genannten Briefempfängers ist, bleibt offen: Offensichtlich wollte er Näheres über Ettore Pinelli erfahren, hatte Notizen über Amalie Jochim erbeten und nach dem genauen Geburtsdatum von Joseph Joachim gefragt. Ist er ein Verleger? Ist er ein Musikschriftsteller oder -feuilletonist?

Und auch das kulturelle Handeln von Amalie Joachim bleibt im Brief teils undeutlich: Wir wissen nicht, was sie dem „geehrten Herrn“ in den beigefügten Notizen über sich selbst mitteilte. Ein zweiter Aspekt ihres kulturellen Handelns liegt dagegen offen zu Tage: Mit großer Selbstverständlichkeit gibt sie brieflich Auskunft und wird tätig in einem Bereich, den wir heute als Konzert-Direktion und Konzert-Management bezeichnen würden. Kann Joseph Joachim nicht korrespondieren, weil er auf Reisen ist, dann tut sie dies und schlägt dabei – so zeigt dieser Brief – nicht den Ton der Unterordnung eines Sekretärs an, sondern einen mit ihrem Mann gleichrangigen Ton. Beatrix Borchard hat in ihrer Studie einige Briefe veröffentlicht, die Einblick in diesen Bereich des kulturellen Handelns von Amalie Joachim geben, die jedoch auch deutlich machen, wann sie dann doch nicht für ihren Mann tätig wurde. So schreibt sie ihm am 8. Februar 1877: „Anbei ein Brief von Brockhaus. Ich will ihn nicht beantworten, da ich nicht weiß, was du über die Hochschule sagen willst, glaube aber doch Du sollst antworten, deinen Geburtstag richtigstellen und erwähnen, daß du die Hochschule gegründet hast. Nebstbei mußt du aber auch sagen, daß du eine sehr liebe Frau hast, was du leichter kannst, als ich!!“[4]

Das Hand in Hand gehende Agieren von Amalie und Joseph Joachim, wie es aus den Briefen der 1870er Jahre zu lesen ist, hebt das Gefälle zwischen diesen beiden Künstlerpersönlichkeiten, wie es dem kulturellen Gedächtnis eingeschrieben ist, auf. Der Brief zeigt wie ein Brennpunkt die kulturelle Gleichrangigkeit von Amalie und Joseph Joachim: „Amalie Joachim“ so Beatrix Borchard, „galt ihrer Generation ebenso wie ihr Mann als kulturelles Leitbild.“[5]

Die ebenso selbstbewusste wie ungetrübte Sicherheit des Auskunftgebens von Amalie Joachim führt zusammen mit der auf dem Briefbogen gedruckten Adresse und dem in Rede stehenden Ettore Pinelli an die Datierung des Briefes heran. „Zumeist“, so Beatrix Borchard, seien Amalie Joachims „Briefe undatiert; selten ist ein Ort angegeben, manchmal der Wochentag.“[6] Hier ist immerhin ein Ort angegeben. Amalie und Joseph Joachim wohnten von 1873 bis 1883 in der Beethovenstrasse 3 im Thiergarten.[7] Wenn Amalie Joachim schreibt, es sei etwa zehn Jahre her, dass Pinelli in Hannover bei ihrem Mann studiert habe, dann arbeitet diese Information, wenn auch unscharf, einer Datierung des Briefes in die Anfangsjahre in der Beethovenstrasse zu. Ettore Pinelli studierte 1864 bei Joseph Joachim in Hannover.[8] Vor „etwa zehn Jahren“ – das mag etwas mehr als zehn Jahre heißen oder auch etwas weniger. Vielleicht erinnerte sich Amalie Joachim jedoch gar nicht ungefähr, sondern ziemlich präzis, denn aus welchem Anlass mag plötzlich (von einem Musikberichterstatter?) nach Ettore Pinelli gefragt worden sein? „Im Jahr 1874 gründete Ettore Pinelli die Società Orchestrale Romana, deren Konzerte im Teatro Rossini, Valle, Argentina, Costanzi, im Pallazo Doria Pamphili […] und in der Sala Dante […] stattfanden.“[9] Die Gründung einer solchen Institution ist ein herausgehobenes Ereignis innerhalb von kulturellem Handeln. Es war eine Wegmarke in der künstlerischen Laufbahn von Ettore Pinelli, der damit nicht länger nur einer von vielen erfolgreich konzertierenden Geigern in Italien war, wie es zum Beispiel Ferdinand Gregorovius in seinen Römischen Tagebüchern für die Zeit noch vor Pinellis Studium bei Joseph Joachim in Hannover (also für den noch knabenhaften Pinelli) überliefert hat: Am 27. April 1856 sei er „mit Perez in der kleinen Villa Torlonia, wo die Akademie der Quiriten das Fest Roms feierte. Der Prinz Giovanni las einen Discorso, worin er sagte, die Florentiner sprächen nur deshalb so schön italienisch, weil Florenz nicht weit von Rom läge. Hierüber lachte Perez herzlich. Auch eine alte und eine junge Dichterin trugen Sonette vor. Dann wurde Musik gemacht: ein schönes Konzert auf der Violine von Ettore Pinelli und dergleichen.“[10]

Die Wegmarke der Institutionengründung mag es gewesen sein, die für Korrespondenten in Deutschland herausragte und berichtenswert war, so dass es galt, zu diesem Zeitpunkt, also 1674, genauere Auskünfte über Pinelli einzuholen. Möglicherweise datiert der Brief von Amalie Joachim an den geehrten Herren also von Juni 1874.

Die Fragen aufwerfende Lektüre der Neuerwerbung der Rara-Sammlung im Forschungszentrum Musik und Gender ist eine Verbeugung vor Beatrix Borchards Quellenarbeit auf diesem Gebiet wie vor allen Impulsen, die sie mit dieser Arbeit methodisch gegeben hat. Mit dieser (auf Hannoveraner Musikgeschichte zurückverweisenden) Geburtstagslektüre sei zugleich großer Dank ausgesprochen für Beatrix Borchards Mittun in der Gründungsphase des Forschungszentrums Musik und Gender und für ihre engagierte Mitwirkung im wissenschaftlichen Beirat des Forschungszentrums seit Juli 2006.

  • [1] Borchard, Beatrix, Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim. Biographie und Interpretationsgeschichte, Wien/Köln/Weimar 2005 (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte, 5).
  • [2] Ebd., S. 24.
  • [3] Ebd., S. 111.
  • [4] Ebd., S. 366.
  • [5] Ebd., S. 30.
  • [6] Ebd., S. 239.
  • [7] Vgl. ebd., S. 285, Fußnote 12.
  • [8] Bei Kalliope sind Briefe im Besitz des Staatlichen Instituts für Musikforschung Berlin von Ettore Pinelli an Joseph Joachim aus den Jahren 1835 bis 1905 verzeichnet. Die Datierung des ersten Briefes auf das Jahr 1835 wirft angesichts der Lebensdaten von Ettore Pinelli (1843–1915) Fragen auf.
  • [9] Di Profio, Alessandro, „Rom (Stadt)“, Abschnitt V., MGG 2, Sachteil, Bd. 8, Kassel u.a. 1998, Sp. 417–427, hier Sp. 424.
  • [10] Gregorovius, Ferdinand, Römische Tagebücher 1852–1889, hrsg. von Hanno-Walter Kruft, München 1991, Kapitel 6, 30. April 1856.

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