Eine neu aufgefunde Quelle von Clara Wieck

von Nicole K. Strohmann

Biographische Quellenmaterialien und mithin Briefe sind „umfangreich und lückenhaft zugleich, planvoll aufbewahrt und zufällig überliefert, gezielt gesucht oder durch Zufall gefunden, z. T. bereits früher in Veröffentlichungen eingegangen, zum Teil bis heute ungedeutet und ungelesen geblieben“[1], wie Beatrix Borchard den Überlieferungsprozess und den Umgang mit historischem Quellenmaterial in ihrer vielzitierten Schrift Mit Schere und Klebstoff treffend charakterisiert. In jedem Fall jedoch besteht während der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Material ein „Erkenntnisproblem, dessen heuristisches Potential es fruchtbar zu machen gilt“[2]. Der vorliegende Text – um dies gleich vorwegzunehmen –, kann und will dieses heuristische Potential nicht gänzlich erfassen, dieser Versuch wäre zum Scheitern verurteilt. Vielmehr möchte er erste assoziative Gedanken und Fragestellungen der Verfasserin zum Umgang mit einer neu aufgefunden (auch das ist hier in Frage zu stellen) Quelle von Clara Schumann nachzeichnen. Denn der oben aufgerufene planvolle und zugleich zufällige Überlieferungs- und Rechercheprozess wollte es, dass ich auf den im Forschungszentrum Musik und Gender in Hannover aufbewahrten und dort vor noch nicht allzu langer Zeit erworbenen Brief Cara Schumanns stieß.[3] Die etwa zur gleichen Zeit erfolgte Anfrage für einen Festschriftenbeitrag für Beatrix Borchard regte mich zu folgendem imaginären Gedankenkonstrukt an: Was wäre, wenn der vorliegende Brief (vgl. Abbildung 1) sich heimlich in Beatrix Borchards biographischer Montage zu Clara Schumann[4] zwischen den Brief von Robert Schumann an Clara Wieck vom 24. Oktober 1838 aus Wien und den kurz vor ihrer Abreise nach Paris verfassten Brief von Clara an Robert vom 4. Januar 1839 schleichen würde? Freilich, mögen Kritiker einwenden, würde er sich womöglich nicht einwandfrei in den für diese Passage von Borchard beabsichtigten thematischen Fokus einfügen. Doch besteht nicht gerade das Prinzip der Montage darin, dem Rezipienten eine vielfältige Palette verschiedener Textsorten zu präsentieren, die einander durchaus wiedersprechen oder sich ergänzen können, jedenfalls dem Leser einerseits eine größtmögliche Deutungsfreiheit zugestehen und damit andererseits auch in die verantwortungsvolle Deutungspflicht nehmen? „Denn im Moment des Lesens ist der Leser gleichzeitig auch Schreiber“[5] wie Beatrix Borchard in Bezug auf Barbara Hahn – sie etwa spricht vom „Lesenschreiben“ und „Schreibenlesen“[6] – und Walter Benjamins Passagen-Werk[7] darlegt.[8] Ohne dies nun weiter zu vertiefen, verweist jenes imaginäre Experiment auf ein zentrales Problem: Wenn neue Quellen auftauchen, was selbst bei scheinbar hinlänglich erforschten Musikern und Komponisten gelegentlich der Fall sein kann, kommen wir nicht umhin, diese neue Quelle in unser bereits vorhandenes Wissen einzuschreiben, sie zu kontextualisieren. Mit welchem Brief also haben wir es hier zu tun, was können wir über die Korrespondentinnen und behandelten Themen wissen und welche Fragestellungen ergeben sich bei der Betrachtung des Materials?

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 Abbildung 1: © Archiv fmg Brief Clara Schumann, an Auguste Nass, Dresden, 17.11.1838. Mit freundlicher Genehmigung
Abbildung 1: © Archiv fmg Brief Clara Schumann, an Auguste Nass, Dresden, 17.11.1838. Mit freundlicher Genehmigung

Als Clara Wieck diesen Brief[9] verfasst, ist sie 19 Jahre alt. Ihre Adressatin heißt Auguste Nass, deren genaues Geburtsdatum nicht bekannt ist, die aber um einiges älter als Clara Wieck zu diesem Zeitpunkt gewesen sein dürfte. Gesichert ist die Adressatin, da sich glücklicherweise der dazugehörige, eigenhändig adressierte Briefumschlag – an „Frau von Nass geb. Frau von Grawert“ – erhalten hat. Clara Wieck benutzt ein reich verziertes Briefpapier im Oktavformat, welches auf der recto-Seite mit einer goldenen, kleingliedrigen Randbordüre im floralen Dekor verziert ist. In der linken oberen Ecke ist ein quadratischer Rahmen eingelassen, der – in schwarz geprägten Lettern – ihren Vornamen aufweist. In ihrem Brief reagiert Clara Wieck auf „einen so einfachen Wunsch“, den sie ihrer Briefkorrespondentin sichtlich gerne erfüllen möchte. Auguste Nass hatte diesen offenbar in einem vorangegangenen „liebe[n] Briefchen“ an Wieck gerichtet. Bei diesem Wunsch könnte es sich schlicht um eine Einladung handeln, denn Clara Wieck respondiert: „Wir kommen zu Ihnen, und zwar in ganzer Familie […]“ oder aber um eine „musikalische Bitte“. Hierauf verweist der folgende Absatz in dem Wieck Bezug nimmt auf ein „Lied ohne Worte“. Dem Kontext ist zu entnehmen, dass es sich wohl um ein Musikstück handeln müsste, welches die Briefverfasserin, Auguste Nass, gerne von Clara Wieck hören oder ausleihen möchte.

Geht man der Adressatin Auguste Nass nach, so trifft man rasch auf Franz Nass, mit dem sie, schenkt man der Schrift Maximilian Gritzners[10] Glauben, verheiratet war. Weiterhin erfahren wir aus diesem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gedruckten Verzeichnis, dass Franz Nass – 1841 in den Adelsstand erhoben – Violinvirtuose in Dresden war, am 12.10.1848 verstarb und seine Frau Auguste, den Mädchennamen Grawert trug, ehe sie in erster Ehe den Namen v. Poser annahm. In Carl Julius Adolf Hoffmans Tonkünstler Schlesiens findet man sodann auch eine ausführliche Bigraphie des musikalischen Werdegangs Franz Nass’, der in Hoffmanns Worten „unstreitig der vorzüglichste Violinspieler Schlesiens“ war.[11] Wenngleich die biographischen Quellen zu Franz Nass auf den ersten Blick überschaubar sind, hielten die Schreiber des 19. Jahrhunderts den Schüler Louis Spohrs zumindest als biographiewürdig während uns zu Auguste Nass keinerlei weitere Informationen vorliegen. Erste Recherchen führen weder zu weiteren Briefen oder anderen Egodokumenten noch zu biographischen Informationen, ganz zu schweigen von einem (Teil)Nachlass. Es scheint keinerlei wissenschaftliche Forschung zu ihr zu geben, keine Gemeinsame Normdatei weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene.[12] Wer war also Auguste Nass? Vielleicht handelt es sich um eine musikbegeistere Saloniere, eine Clara Schumann-Verehrerin, eine Musikzierpartnerin oder -schülerin? Wir wissen es nicht. Anzunehmen ist etwa, dass Clara Schumann, die gerne und auch oft Kammermusik aufführte und ein weitgespanntes berufliches Netzwerk pflegte, über den Musikkollegen Franz Nass mit Auguste Nass in Kontakt gekommen sein könnte. Wobei bislang völlig unklar ist, ob sich Franz Nass und Clara Schumann kannten – bezeichnenderweise verzeichnet die Clara Schumann-Forschungsliteratur weder ihren noch seinen Namen in den Registern.

Das erwähnte „Lied ohne Worte“ verdient abschließend noch einige Zeilen. Auch hier lassen sich unzählige Fragen anschließen: Der Brief lässt offen, ob es sich um eine noch im Entstehen begriffene oder bereits abgeschlossene Komposition Clara Schumanns handelt. Ihr Werkverzeichnis listet kein Stück mit jenem expliziten Titel auf. Dies heißt aber im Gegenzug nicht, dass es nicht ein solches gegeben haben könnte. Handelt es sich um eine improvisierte Melodie, jedoch noch keineswegs auf Notenpapier fixierte Komponistion, eine Skizze, eine Komposition, welche sie unter anderem Titel veröffentlichte, gar nicht der Öffentlichkeit preisgab, gar vernichtete oder ein unbeabsichtigt verlorenes Stück Clara Schumanns?

Zahlreiche weitere Fragestellungen ließen sich anschließen. Diese ersten Recherchen verweisen auf „Leerstellen“, auf „weiße Flecke“ in der Clara Schumann-Forschung, die es aufzuzeigen gilt. Beatrix Borchard spricht vom „Lücken schreiben“. Einige dieser Lücken seien hiermit benannt und vielleicht fügt sich der Brief doch ganz passabel ein in die biographische Montage Beatrix Borchards, die „Leserinnen und Leser explizit dazu einlädt, sich selbst in die Texte mit hineinzulesen und einzuschreiben.“[13]

  • [1] Borchard, Beatrix, „Mit Schere und Klebstoff. Montage als wissenschaftliches Verfahren in der Biographik“, in: Clara Schumann. Ihr Leben – Eine biographische Montage, Hildesheim u.a. Georg Olms 2015, S. 413-430, hier: S. 424.
  • [2] Ebd.
  • [3] Wieck, Clara, Brief an Auguste Nass, Dresden, 17.11.1838, Archiv Forschungszentrum Musik und Gender Hannover, bislang ohne Signatur.
  • [4] Borchard, Beatrix, Clara Schumann. Ihr Leben – Eine biographische Montage, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, Hildesheim u.a.: Georg Olms 2015, S. 102-103.
  • [5] Borchard, „Mit Schere und Klebstoff“, S. 426.
  • [6] Hahn, Barbara, „Lesenschreiben oder Schreibenlesen. Überlegungen zu Genres auf der Grenze“, in: Modern Language Notes 116, 2001, S. 564-578.
  • [7] Benjamin, Walter, „Das Passagen-Werk“, in: Walter Benjamin. Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann, Bd. 5/1, Frankfurt am Main 1991.
  • [8] Siehe Borchards Unterkapitel „Montage als künstlerisches Verfahren“, in: „Mit Schere und Klebstoff“, S. 425-426.
  • [9] Wieck, Clara, Brief an Auguste Nass, Dresden, 17.11.1838, Archiv Forschungszentrum Musik und Gender Hannover.
  • [10] Gritzner, Maximilian F.A., Standeserhebungen und Gnaden-Acte deutscher Landesfürsten während der letzten drei Jahrhunderte, o.O., o.D. [1880], S. 623.
  • [11] Hoffmann, Carl Julius Adolf, Die Tonkünstler Schlesiens: ein Beitrag zur Kunstgeschichte Schlesiens vom Jahre 960 bis 1830, Breslau: Aderholz 1830, S. 324-326, hier: S. 324.
  • [12] Vgl. Virtual International Authority File und Deutsche Nationalbibliothek: Gemeinsame Normdatei (GND).
  • [13] Borchard, „Mit Schere und Klebstoff“, S. 430.

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