Ein Salon auf Reisen. Mit Pauline Viardot unterwegs zwischen Nordsee und Breisgau

von Birgit Kiupel

„Im April, diese Stimmung, als ob die ersten Sonnenstrahlen im Frühjahr herauskommen und die Menschen etwas müde macht“,  so kommentiert die Sopranistin Julia Sukmanova  eines ihrer Lieblingslieder von Pauline Viardot. Und auf dem Flügel, der diesmal perfekt gestimmt ist, deutet Julias Schwester, die Pianistin Elena Sukmanova an, wie Knospen und Dunst von Pauline Viardot lautmalerisch gestaltet wurden, in ihrer   Vertonunung von Emanuel Geibels Gedicht „April“.  Und dann erklingt er komplett,  „Oh feuchter Frühlingsabend, wie hab ich Dich so gern“,  im Saal des Pastorats der Pauluskirche in Bochum. An diesem Samstagnachmittag ist der 2. Musiksalon gut besucht, in der Pause wird es Butterkuchen geben, statt Butterbrote, von denen einst Schülerinnen Pauline Viardots berichtet hatten.  So eine Frühlingsstimmung à la Viardot (plus Bild-Projektion mit Madame Viardot am Blumenklavier) haben wir bereits in diversen Konzertsäalen wieder aufblühen lassen, im Kulturhaus in Marne, im Saal von Schloß Ebernet (Freiburg/Breisgau) in der Nähe von Baden-Baden, im Monsuntheater in Hamburg, im Saal der Alfred Schnittke Akademie anläßlich des Deutsch-Französischen Festivals „Arabesques“ 2015.

Doch wie kam es zu diesen multimedialen Gesprächs-Konzerten rund um Pauline Viardot?

Eine Energiequelle war die DFG Forschungsstelle an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater zu Pauline Viardot „Orte und Wege europäischer Kulturvermittlung durch Musik: Die Sängerin und Komponistin Pauline Viardot“ – und ihre Leiterin und Initiatorin Beatrix Borchard.

Der konkrete Anlaß war Pauline Viardots 100. Todestag, für den Birgit Kiupel auf NDR-Kultur eine zwei stündige Radiosendung konzipieren durfte  (Sendetermin: 22. Mai 2010). Dazu hat sie Interviews geführt mit Beatrix Borchard und den Mitarbeiterinnen der DFG-Forschungsstelle Christin Heitman, Silke Wenzel, Anastasia Mattern und Verena Mogl. Im Rolf-Liebermann-Saal wurden neu entdeckte Werbemusiken von Pauline Viardot aufgenommen, für Seife aus dem Kongo – mit der Sängerin Marlen Hachmann  und dem Pianisten Lemuel Grave. Und Stephanie Klein sang begleitet von Raminta Lampsatis „Vor Gericht“.

Sehr ergiebig waren Gespräche mit den Schwestern Julia und Elena Sukmanova.  Beide leben seit Ende der 1990er Jahre in Deutschland und haben diverse Studien und Abschlüsse an der Staatlichen Sankt Petersburger Konservatoriums „N.A. Rimski-Korsakov“ vorzuweisen. Sie sind exzellente Kennerinnen und Interpretinnen von Pauline Viardot und ihrer Zeit, vertraut mit Viardot’schen Gesangstraditionen und ihrem künstlerischen Umfeld. Julia Sukmanova: „Viardot ist in St. Petersburg ein Begriff. Hauptsächlich natürlich deshalb weil sie wie ein frischer Wind für die Oper damals gewesen ist. Nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern auch wegen ihrer Gesangskunts!  Ganz wichtig war ihre  Beziehung zu Ivan Turgenev. Und später hat eine ihrer Töchter, Louise-Pauline-Marie Héritte-Viardot, (1841-1918),  am Konservatorium in St. Petersburg Gesang unterrichtet, was natürlich bis heute Spuren hinterlassen hat.“

Dieser pulsierende Fundus  aus gelebter  Musiktradition und aktueller Forschung brachte die Schwestern auf die Idee, gemeinsam mit Birgit Kiupel multimediale und moderierte  Liederabend-Programme zu Pauline Viardot und ihrer Zeit zu gestalten. Unterstützt wurden sie hierbei auch von MitarbeiterInnen der DFG-Forschungsstelle. Und so erprobten die drei ihre Rollen als Botschafterinnen im Dienst diverser Transfers von Kultur und Wissenschaft  – zwischen Europa und Russland und zwischen Hochschule und Konzertbühne.  Es wurden  diverse Liederabend-Programme mit unterschiedlichen Schwerpunkten entwickelt, immer mit korrekt gesetzten akustischen Fußnoten, um die Wissenschaftlerinnen sichtbar zu machen. Damit wurde auch Neugier geschürt auf die Datenbank, http://www.pauline-viardot.de/projekt.htm,  Beatrix Borchards Biografie über Pauline Viardot – und viele weitere Studien.

Wie wurde das Konzertprogramm gestaltet? „Wichtig war uns“, so Julia Sukmanova, „den ZuhörerInnen ein menschliches Bild dieser vielseitigen Künstlerin zu vermitteln,  einen Einblick in die Zeit, in der sie gelebt hat. So bleibt sie für uns lange in den Köpfen und vor allem in den Herzen. Einige Lieder wurden für mich in höhere Lagen transponiert. Aber meistens habe ich die Lieder in originaler Tonlage gesungen, für eine Mezzo-Stimme. Das war für mich spannend, auch meine Grenze und stimmlichen Vorstellungenzu erweitern.“  Julia Sukmanova, die Sopranistin, ging so in eine Art Epocheübergreifende Meisterin-Klasse bei Pauline Viardot, der Mezzosopranistin mit Alt-Potential.

Nach welchen Kriterien wurden die Lieder ausgewählt?  „Zunächst geht es immer um den Text. Als Sängerin muss ich immer die Hintergründe gut kennen und genau wissen, warum er genau so geschrieben wurde! Da Pauline Viardot viele Gedichte von Alexander Puschkin vertont hat, hatte ich den Impuls, seine Texte, die auch von anderen komponiert wurden, unbedingt in Viardots Vertonung zu singen. Es war spannend zu vergleichen, auch unter dem Aspekt, wie eine Komponistin aus Europa, die die russische Sprache gut beherrschte, solche Lieder musikalisch auf den Punkt hin komponiert hat. Nicht zu vergessen, dass sie eine der grössten Sängerin gewesen ist, die alles natürlich und bequem für die Stimme vertonte! Aus der Sprache heraus, nicht aus eine melodischen oder harmonischen Vision!“

Welche Lieder haben Julia und Elena Sukmanova besonders berührt und herausgefordert?  „Ein packendes Beispiel ist  ‚Alter Mann, schrecklicher Mann’, nach einem Text von Puschkin. Ein Lied über eine wohl zwangsverheiratete junge Frau mit einem alten Mann. Die aufsteigenden Motive, die sich dann in ihrem Ausruf  ‚Ich hasse Dich’ auflösen, das ist wie ein Peitschenschlag aus Sprache und Stimmlage, das verursacht einfach eine Gänsehaut, bei der Interpretin ebenso wie beim Publikum. Die Klavierbegleitung übernimmt hier die Funktion einer Regisseurin, mit einer Basslinie und den Akzenten in der Harmonie. Sie treiben den Hass im Herzen einer Frau voran, den sie nicht mehr stoppen kann. ‚Der Gefangene’ ist einer der besten Texte von Puschkin. Viardot’s Musik intensiviert das bereits durch die Sprache vermittelte Gefühl des Eingeschlossenseins,  die unermüdliche Kraft des Gefangenen zum Kämpfen, das ist ein sehr politisches Stück, bis heute! Oder Eduard Mörikes Lieder, ‚In der Frühe’, die Qual der Schlaflosigkeit in d-moll ist genial! Die ‚Nixe Binsefuß’ ist wie eine Kurz-Oper! ‚Der Gärtner’  ähnelt einem verliebten Rosenkavalier, der/die die Prinzessin anschwärmt, die beherzt durch die Allee reitet, oder? ‚Die Nacht und der Tag’, Edouard Turquety’s franzöische Vorlage wurde von Ivan Turgenev ins Russische übertragen, die von oben hinabsteigende steigende Musik ist möglicherweise Ausdruck dafür, wie sie ihre Situation empfunden hat, ich meine ihr Leben mit ihrem Ehemann und Ivan Turgenev. Mit kleinen Ausbrüchen zum Schluss, die nur ansatzweise die Stärke der Gefühle ausdrücken, das muß man immer am Klavier zeigen. Zu jedem Lied, das wir singen, kann man mutmaßen und Geschichten erzählen, über das Privat-Leben und die Motive der Komponistin, aber eben auch über ihr damaliges Umfeld, die politische Situation.“

Wo hat Pauline Viardot russische Einflüsse besonders markant verarbeitet?

„In fast allen Vertonungen von Texten Puschkins. Manchmal hört man Intonationen von anderen russischen Komponisten, aber das ist nicht schlimm.  Carl Maria von Weber z.B. hat auch europäische Traditionen und Melodien verarbeitet.“

Wie „reagierten“ die Orte, an denen konzertiert wurde?

„Das war sehr unterschiedlich. Manches war gut vorbereitet, Publikum und Flügel bestens eingestimmt, manche Flügel hingegen waren vernachlässigt worden. Aber irgendwie ging es dann immer, man spielt trotzdem Musik und macht das Beste draus!“

„Backstage“ wurde viel diskutiert über die Bedeutung, die Liederabende heute haben könnten. Wie sollten sie präsentiert werden in Zeiten, in denen Musikinstrumente wie Klaviere und Flügel immer seltener Begleiter im Alltag und Mittelpunkte von Geselligkeit sind? Wie ist ein Publikum zu motivieren und zu begeistern ausserhalb der „großen“ Konzertsäale? Insbesondere für die Kammermusik muß um Publikum geworben werden – aber wer „erzieht“ das Publikum?

Deshalb entwickelten die Schwestern Sukmanova aus diesen Liederabenden die Idee, eine Pauline Viardot-CD zu produzieren, gemeinsam mit Niklas Schmidt, Professor für Kammermusik und Cello an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater und Besitzer des labels Fontenay Classics International FCI. Diese CD wurde von ihnen selbst finanziert und mit Hilfe aller Beteiligten aufwendig gestaltet, mit Lieder-Texten, Übersetzungen und Zeichnungen, samt eingesprochenen Kommentaren. Sozusagen ein Pauline Viardot-Liederabend für zu Hause, der anregen soll, sich mit dieser netzwerkenden Ausnahmekünstlerin und ihrer Zeit intensiver zu beschäftigen.

Für die Programme wurden neuartige Formen der Musikvermittlung erprobt und langjährige Erfahrungsschätze zusammengetragen, Julia und Elena Sukmanova unterrichten seit Jahren und Birgit Kiupel hatte viel für den Schul-und Bildungsfunk gearbeitet und künstlerische Projekte konzipiert.  So gehörte auch der beamer plus Leinwand zu den Instrumenten, denn Bild-Projektionen kombinierten dokumentarisches Material und Neuschöpfungen, für visuelle Musikerzählungen, die zentrale Aussagen der Lieder in Zeichnungen bündelten. Damit wurde auch an Traditionen angeknüpft, wie sie in Pauline Viardots Salons, im Konzertsaal oder Opernhaus  lebendig waren. Hier wurde gezeichnet, karikiert, von Ivan Turgenev ebenso wie von Pauline Viardot und ihrer früh verstorbenen Schwester Maria Malibran, einer ebenfalls gefeierten Primadonna. Multimediale Lobgesänge auf die Zeichnung als Botin, als visualisierte Musik.

Wie passen Liederabende in die heutige Zeit? Julia Sukmanova ist zuversichtlich: „Sie passen sehr gut, denn  bestimmte Aspekte und Fragen des Lebens sind unverändert geblieben, Musik und Text liefern die besten Argumente. Das denke ich bleibt auch noch in 100 Jahren schön für die Ohren. Natürlich nur unter einer Bedingung: Wir bewahren die Liedkultur und erhalten sie lebendig.“

Und was könnte das nächste Projekt zu Pauline Viardot sein? „Man kann ein Theaterstück über ihr Leben schreiben, mit einer Sängerin als Darstellerin. Und in drei Akten ihr Leben und  Singen, ihre WegbegleiterInnen, die Salons und ihr Unterrichten zeigen. Das wäre doch nicht schlecht und sicherlich viel spannender als ein Theaterstück über Maria Callas.“

Literatur:

Turgenev, Ivan: Rätsel-Spiele. Jeux d’esprit. Portraitskizzen von Ivan Turgenev mit Bildlegenden von Pauline Viardot und Ivan Turgenev. Deutsch von Peter Urban.  Friedenauer Presse, Berlin 2001.

Die erwähnten Stücke sind auf dieser CD zu hören:

„…die Seele lebt im Liede…“

Zu Gast im Salon der Sängerin und Komponistin Pauline Viardot

Julia Sukmanova, Sopran; Elena Sukmanova, Klavier; Dr. phil. Birgit Kiupel, Wort und Bild. FCI FontenayClassics FC 1006 LC24537

Das Lied „April“ können Sie bereits in dieser Festschrift erleben – als mp3 Aufnahme und mit Zeichnung. Als Gruß und Glückwunsch für Beatrix Borchard!

Im April

 

Kurzbiografien

Julia Sukmanova, deutsche Sopranistin, Diplom als Konzertpianistin, Kammerorchestermusikerin und Konzertmeisterin am N.A. Rimsky-Korsakov-Konservatorium in St. Petersburg. Preisträgerin mehrerer Klavier- und Kompositionswettbewerbe, (Richard-Strauß-Wettbewerb, ARD-Wettbewerb, München)

http://www.juliasukmanova.com/JULIA_SUKMANOVA_official_website/WILLKOMMEN.html

Elena Sukmanova, Konzertpianistin, Diplome und Aufbaustudien am N.A. Rimsky-Korsakov-Konservatorium in St. Petersburg. Preisträgerin mehrerer  internationaler Wettbewerbe, Professorin für Klavier am Johannes-Brahms-Konservatorium in Hamburg.

Birgit Kiupel, Dr. phil., Studium der mittleren und neueren Geschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg – und der Visuellen Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Freischaffende (Musik)-Historikerin, Zeichnerin, Rundfunk-Autorin, Moderatorin.

 

Julia Sukmanova, Elena Sukmanova, Birgit Kiupel

 

 

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