Die Salons – „Fünf auf einen Streich“

von Marc Aisenbrey
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Foto: privat

Liebe Beatrix,

ich hatte das große Vergnügen, zahlreiche Salons mit Dir zu planen und durchzuführen. Seit 2008 in jedem Sommersemester bis zu vier Salons – in der Summe also eine wirklich stolze Anzahl von ganz unterschiedlichen Programmen und Aufführungen. Meist begann die Planung mit Dir

in Deinem von Büchern aus allen Nähten platzenden Zimmer im obersten Stockwerk des Budge-Palais. Bei Tee sprachen wir über das Konzept, die Auswahl der Texte und Musikstücke, den roten Faden des Salons, die Mitwirkenden, die Länge der Beiträge und die Programmabfolge. In einer Generalprobe am Tag vor der Aufführung trafen wir uns dann alle im Fanny Hensel-Saal – und haben wahrscheinlich jede nur denkbare Bestuhlung und Raumnutzung durchprobiert – bis hinaus in den Garten. Schauspielstudierende hörten dann die KollegInnen von der Musik, die Kompositionen der KomponistInnen, von denen sie Briefe, Tagebucheinträge etc. zu sprechen hatten. Das gesprochene Wort wurde vor diesem Hintergrund ganz anders erfahrbar und stark angereichert – ebenso die Musik.

Am Tag darauf war dann immer die Aufführung; soweit ich mich erinnern kann, waren die Salons immer „ausverkauft“ – der Fanny Hensel-Saal also gut gefüllt. Nach Konzeption, Erarbeitung und Generalprobe war die eigentliche Aufführung der Salons natürlich immer wieder spannend: geht die zugrundeliegende Idee auf, erschließen sich ­Zusammenhänge und: wie gehen die künstlerischen Beiträge über die Bühne?

Es wird uns hoffentlich auch weiter vergönnt sein, mit Musik und gesprochenem Wort Geschichten zu erzählen, Biographien aufzuzeigen, Epochen lebendig zu machen. Immer hatte ich bei unserer Zusammenarbeit das Gefühl, dass das gesprochene Wort (gesprochen von Schauspielstudierenden oder von Dir und mir) der im Salon musizierten Musik diente – und umgekehrt. Ein Prinzip, das mir persönlich, der ich als Sprecher und Sänger ausgebildet bin, sehr am Herzen liegt!

Unter welcher Rubrik ist mein bescheidener Beitrag nun einzuordnen? Es ist offensichtlich ein persönlicher Beitrag, der aber kurioserweise zu allen genannten Rubriken passt, also zu den Themen „Kulturelles Handeln – Montage – Musik & Gender – Musikvermittlung – Biographik. Und das liegt natürlich am Format der Salons, die Du und Bettina Knauer  (und hinsichtlich der gesprochenen Texte auch meine Wenigkeit) konzipierten. Wenn die fünf Rubriken zeigen wollen, wie breit gefächert Deine Forschung aufgestellt ist, so kann man die Salons wie eine Versuchsanordnung sehen, in welche alle diese Aspekte praktisch einfließen.

Kulturelles Handeln

Natürlich ist die Konzeption und Durchführung eines künstlerischen Programmes an sich schon kulturelles Handeln. Eines, das interessanterweise den Ausführenden mindestens genauso viel kulturellen Erkenntnismehrwert bietet wie dem Publikum, an das wir uns damit wenden.

Allein die Tatsache, dass sich die Studierenden der Schauspielkunst in diesem Format so intensiv mit klassischer Musik auseinandersetzen – oder auf der anderen Seite die MusikerInnen die Kraft des gesprochenen Wortes spüren. Die Besetzung der Salons war außerdem immer multinational – und somit auch interkulturell bereichernd.

Montage

Die Montage von Literatur, Musikstücken und moderierten Hintergründen ist Deine künstlerisch konzeptionelle Handschrift in den Salons. Wie soll man z.B. über die Ehe von Robert und Clara Schumann erzählen, ohne zu montieren (seien es Briefe, ausgewählte Musikstücke, Tagebucheinträge etc.). Oder über die „Musikstadt Hamburg“ oder „Frauen um Wagner“ oder „Künstlergemeinschaften“ oder, oder, oder…

Musik und Gender

Die Mehrzahl der Salons, die ich miterlebte, hatten Gender-Fragen zum Inhalt – oder streiften diese zumindest. Mein Wissen um die Möglichkeiten und gesellschaftlichen “Unmöglichkeiten“ von MusikerInnen im 18. / 19. und 20. Jahrhundert verdanke ich persönlich zum überwiegenden Teil der Zusammenarbeit mit Dir.

Musikvermittlung

Die Durchführung eines Salons ist Musikvermittlung pur. Mehr noch als ein Gesprächskonzert. Der Salon ist sozusagen die praktische Ausführung, die „Exekutive“ der Forschung zur Musikvermittlung. Das definitiv andere Konzert, das Assoziationsflächen öffnet, Geschichten erzählt, Hintergründe ausleuchtet, Querverbindungen aufzeigt.

Biographik

Viele der Salons der letzten Jahre leuchteten Biographien aus – mit den ganz besonderen Möglichkeiten, die ein Salon bietet: eben nicht nur auf der Textebene von geschriebenen Dokumenten, sondern immer auch sinnlich angereichert durch Bilder und Anmerkungen im Programmheft – und natürlich durch das Musizieren von Kompositionen der jeweiligen KünstlerInnen. Für mich eine Art „ganzheitliche Biographik“.

 

Liebe Beatrix,

ich bin für die gemeinsam mit Dir gemachten Erfahrungen sehr dankbar! Die Zusammenarbeit war rundum anregend und erfreulich – und Du bist mir mit den Jahren nicht nur als Kollegin ans Herz gewachsen, sondern auch auf ganz persönlicher Ebene. Ich werde das vermissen…

Marc Aisenbrey

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