Delphine von Schauroth. Ein Künstlerleben zwischen adeligen und bürgerlichen Normen (Fakten und Vermutungen)

von Monika Schwarz-Danuser
  • Sie ist eine hübsche Frau, gescheit,
  • inspiriert, schön wie ein Musikengel,
  • wenn sie in die Tasten greift.
  • (Zygmunt  Krasiński)

Delphine von Schauroth wurde am 13. März 1813 in Magdeburg geboren und noch am selben Tag in der St. Johannis-Kirche protestantisch getauft. Ihr Vater, der Freiherr Eduard Friedrich Roger Georg, der bei der Taufe nicht anwesend war, entstammte einer alteingesessenen Adelsfamilie und war damals als Oberstleutnant im preußischen Heer in französischen Diensten tätig. Ihre Mutter, Augustine Luise Frederike Ernestine von Schauroth geb. Teltz, war die Tochter eines bürgerlichen Offiziers, der mit einer Adeligen verheiratet war. Delphines Eltern hatten zwei Jahre zuvor, im Mai 1811 geheiratet.[1] Für Friedrich von Schauroth war die Heirat mit der 18 Jahre jüngeren Luise Teltz die zweite eheliche Verbindung. Aus seiner ersten Ehe gingen fünf Kinder hervor, drei Töchter und zwei Söhne. Bei einer weiteren Tochter namens Augustine Luise Ernestine, die 1811 geboren wurde, ist noch abzuklären, ob sie eine leibliche Schwester von Delphine war oder eine Halbschwester.[2]

Dass der Vorname „Delphine“ – wie in zahlreichen Lexika auch heute noch zu lesen – eine verkürzte Form von Adolphine sei, ist definitiv falsch. In keinem der mir vorliegenden amtlichen Dokumente[3] wird je der Name Adolphine erwähnt. Und in dem im Jahre 1861 erschienenen Universallexikon der Tonkunst steht im Nachtragsteil folgender Vermerk: „Schauroth, Adolphine von, heißt richtiger D e l p h i n e mit Vornamen.“[4] Es könnte durchaus möglich sein, dass die Pianistin selbst diese Korrektur veranlasst hat.

Delphine Hill Handley, Sonate Brillante, ca.1835 gedruckt, Titelblatt, Gesellschaft der Musikfreunde Wien.
Delphine Hill Handley, Sonate Brillante, ca.1835 gedruckt, Titelblatt,
Gesellschaft der Musikfreunde Wien.

Vorbild für die Namenswahl war wahrscheinlich der Briefroman Delphine von Madame de Staël, der im Jahre 1802 erschienen war und der als eines der ersten literarischen Zeugnisse der einsetzenden Emanzipation der Frau galt. Ein Indiz für die Vorbildfunktion des Romans von Madame Staël zeigt auch Robert Schumanns Rezension der Sonate brillante von Delphine Hill Handley mit der Unterzeile née Baronne de Schauroth , die 1835 in Wien erschienen war. Schumann nennt Delphine „Corinna-Schwester“, ein Verweis auf den weiteren Roman de Staëls Corinne ou L’Italie aus dem Jahre 1807, welcher als paralleles Gegenstück zu ihrem ersten Briefroman verstanden wurde.[5] Unmittelbar nach seinem Erscheinen wurde der Roman von Dorothea Schlegel ins Deutsche übersetzt.

Delphines erstes Auftreten im Ausland fällt in das Jahr 1823. In Begleitung Ihrer Eltern tritt sie sowohl öffentlich als auch in privatem Rahmen auf. Unter der Rubrik „New Music“ im London Magazine von 1823 findet sich folgende Notiz: „Mr. Kalkbrenner has published his opera 68 and 69, the first entitled Effusio Musicae, ou grand Fantaisie, is dedicated to Monsieur Catel, Professor of the Conservatory in Paris, is one of the finest efforts of the master. The second is an Impromtu on the Irish air ‘The Bard’s Bequest’, and was composed for Mademoiselle Delphine Schauroth, a child of nine years old, who played it lately at the Argyle Rooms. It affords a very competent idea of the style and execution of the young performer and is at the same time a very elegant and spirited composition. The introduction is particulary distinguished for its graceful impression.”[6] Ignaz Moscheles, der ebenfalls in den Argyl Rooms seinen ersten Auftritt in London hatte, erkannte das große Talent des Wunderkindes: „Auch die zehnjährige Delphine setzte ihn schon damals durch ihre Technik und Auffassung in Erstaunen.“[7] Anschließend ging die Reise nach Paris, einer weiteren Musikmetropole der Zeit. Als „krönender Abschluss“ war ein Besuch bei Johann Wolfgang von Goethe vorgesehen sowie ein mehrmonatiger Aufenthalt in Weimar, während dessen Delphine von Johann Nepomuk Hummel unterrichtet werden sollte.[8] In einem Brief von Christian Heinrich Schlosser an Goethe vom 17. August 1823 aus Boulogne sur Mer wird ihr Eintreffen angekündigt: „Ein liebenswürdiges junges Geschöpf, ein Mädchen aus den Rheingegenden, neun Jahr alt, das Kind bürgerlicher Eltern, Delphine Schauroth, eine höchst merkwürdige, glückliche, musikalisch ausgezeichnete Organisation, die ich früher in Paris gesehen, wo sie viel Gunst erworben, die ich nun hier auf ihrer Rückreise aus London begegne, wo ihr gleiches wiederfahren, soll nächsten Winter in Weimar zubringen unter Hummel sich aus zu bilden. Sie hat nachdrückliche Empfehlungen an der Frau Erbgrosherzogin Hoheit. Ich kann aber unmöglich sie nicht an Sie senden. Sie ist ganz Kind. Sie wird Ihnen einige angenehme Augenblicke machen, und Sie werden, wenn Sie ihr einige Güte zu wenden, ihr auf das wesentlichste können nützlich seyn. Möge dieses  geschehen. Möge sie auch in dem Hause ihrer Frau Schwiegertochter eine geneigte Aufnahme finden.“[9] Leider kam es weder zum anvisierten Unterricht bei Hummel noch zum Besuch bei Goethe, da, wie Louise von Schauroth in einem Schreiben aus Landau an Goethe mitteilt „Krankheit und Familienverhältnisse ihren Aufenthalt vereitelten.“[10]

Im Jahre 1824 hat sich Delphine von Schauroth wieder in London befunden, wo auch der junge Franz Liszt als Wunderkind auftrat: „Öffentlich spielte er [Liszt] nur einigemal, aber machte da wie dort Sensation. Während derselben Saison – fast zu gleicher Zeit mit ihm – lenkten noch zwei hervorragende frühzeitige Virtuosen die  Blicke der musikalischen Gesellschaft Londons auf sich: der kleine Aspull  aus Manchester, aus dem die Engländer so gern einen Mozart Brittanicus machen wollten, eine Hoffnung, die sich in keiner Weise gerechtfertigt hat, und dann die kleine gefühlvolle und talentirte Delphine Schauroth aus München, dieselbe, welcher in späteren Jahren Mendelssohn sein Gmoll-Koncert gewidmet hat. Allein weder der junge Aspull noch die kleine Delphine konnten mit ihm wetteifern. Er saß auf dem Pegasus, sie auf Steckenpferdchen.“ So Lina Ramann, die erste Liszt-Biographin.[11]

Wie aus dem Brief von Schlosser ersichtlich, in welchem Delphine als „Mädchen aus den Rheingegenden“ bezeichnet wird und Lina Ramans Bemerkung, Delphine komme aus München, scheint die Familie von Magdeburg nach Bamberg in Bayern umgezogen zu sein. Der Vater ist vermutlich vom Dienst im preußischen Heer in die militärischen Dienste des bayerischen Königs versetzt worden oder hat selbst eine solche beantragt. Im Genealogischen Taschenbuch der adeligen Häuser wird er als „bayerischer Oberstleutnant und Kammerherr“ bezeichnet.[12] Auch die in Louise von Schauroths Brief angedeuteten „Familienverhältnisse“, könnten diesem Umstand Rechnung tragen. Der älteste Sohn aus der ersten Ehe, Friedrich Wilhelm von Schauroth, diente als königlich bayerischer Leutnant ebenfalls in Bamberg (s. unten).  Dass Bamberg zunächst der Hauptsitz der Familie war, geht aus einer „Einladung“ im Bamberger Intelligenzblatt von 1826 hervor: „Die Unterzeichneten laden hiermit alle Freunde der Wohlthätigkeit ein, an dem Konzerte für die Griechen und für die Stadtarmen zu Bamberg, welches Frytag, den 1. September d. J. im hiesigen Theatergebäude statt finden wird, theil zu nehmen. Dasselbe wird mit Unterstützung sehr vieler Musikfreunde, des ganzen hiesigen Orchesters, und der beyden Militärmusiken statt finden, und um so ausgezeichnetere sLeistungen darbieten, da Freyfräulein Delphine Schauroth für diesen wohlthätigen Zweck ihre Mitwirkung gütigst zugesichert hat, und deren anerkannte Meisterschaft auf dem Pianoforte einen seltenen Kunstgenuß verspricht……Bamberg am 28. August 1826 aus Auftrag des Kunstvereins zu Bamberg  L. Freiherr v. Hohenhausen, Major, Dr. J. P. v. Hornthal.“[13] Im selben Jahr trat Delphine von Schauroth in einem weiteren Benefizkonzert für die Griechen in Nürnberg auf, bei dem der bayerische König anwesend war. „Das vorzüglichste der öffentlichen Konzerte war unstreitig das zum Besten der Griechen gegebene, welches besondere Auszeichnung durch die persönliche Anwesenheit unseres allverehrten Königs erhielt. Fräulein Delphine v. Schauroth erfreute die zahlreiche Versammlung mit kunstvollen Vorträgen am Pianoforte; ….[14] Sie reiste in Begleitung ihres Vaters und übernachtete im Baierischen Hof.  Anlass für Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten der Griechen in Bayern war die Unruhen um Unabhängigkeitsbestrebungen der Griechen gegen die Osmanen. Der bayerische König Ludwig I. unterstützte großzügig diesen Kampf um nationale Selbstständigkeit.  Für die Familie Schauroth war darüber hinaus noch ein privates Motiv  auschlaggebend, da ein Zweig der Familie griechisch-katholisch war und der jüngere Sohn des Freiherrn von Schauroth, Edgar Louis Friedrich zum damaligen Zeitpunkt in griechischen Diensten als Sergeant tätig war. Der 1810 in Magdeburg geborene Edgar Louis verließ Griechenland aus den dortigen Militärdiensten „verabschiedet.“ Er kam am 14. April 1834 in München an, wohnte zunächst bei seiner Stiefmutter Luise von Schauroth, die pikanterweise auch eine seiner Taufpatinnen war.[15] Um Übertritt in „bayerische Dienste“[16] bemüht, begab er sich dann nach Regensburg. Da er 1859 in Bamberg verstarb, ist anzunehmen, dass er dort eine Anstellung bekommen hatte.

Für den Wechsel von Magdeburg nach Bamberg mögen mehrere Gründe ausschlaggebend gewesen sein. Im Hinblick auf die angestrebte Karriere der jüngsten Tochter bot ein Wohnsitz in der Nähe von München aufgrund des bürgerlich etablierten Konzertwesens und des gesellschaftlichen Lebens der Hauptstadt bessere Voraussetzungen für öffentliche Auftritte als ein Ort wie Magdeburg. Möglicherweise war die 1. Ehefrau mit ihren Kindern nach ihrer Scheidung ebenfalls nach Bayern verzogen, und vielleicht wollte der Vater auch Kontakt zu den Kindern aus seiner ersten Ehe haben.  Der Umstand, dass Delphine von Schauroth und ihre Mutter bei ihrem ersten Aufenthalt in München im Jahr 1828 vom älteren Halbbruder begleitet wurden, legt eine solche Vermutung nahe.[17]

Nachdem sich die Pläne der Eltern zerschlagen hatten, ihre Tochter von Hummel in Weimar unterrichten zu lassen, entschieden sie sich für Friedrich Kalkbrennner als Lehrer. Sie hatten ihn 1823 in London kennengelernt, wo er seit Jahren als erfolgreicher Komponist, Virtuose und Klavierpädagoge tätig war. Ende 1824 siedelte Kalkbrenner wieder nach Paris über und galt in der Folgezeit als eine der wichtigsten und einflussreichsten Personen des dortigen Musiklebens. Er war sozusagen damals die erste Adresse. Delphine von Schauroth dürfte Anfang des Jahre 1825 ihren Unterricht bei Kalkbrenner aufgenommen haben. Man weiß bisher aber nicht, wie lange sie von ihm unterwiesen wurde noch ob sie von ihrer Mutter begleitet wurde oder alleine wohnte. Jedenfalls traf Felix Mendelssohn Bartholdy sie anlässlich seines Pariser Aufenthalts im Jahr 1825. In einem Brief an seine Schwester Fanny vom 27. März 1825 berichtet er: „Noch ein Abenteuer vom Freitagmorgen. Ich kam zu Hause, und hörte in dem Zimmer neben dem unsrigen Clavier und Violine spielen. Das Clavier spielte eine Dlle. Schauroth von der Rode viel Gutes gesagt hatte recht hübsch, den Violonisten wollte kein Lohnbedienter kennen, und ich behauptete kühn, es könne nur Lafont seyn. Er spielte so weich, so rein wie ich es mir gedacht habe. Er war es auch wirklich.“[18] Und in einem weiteren Brief an Fanny und Paul vom 1. April heißt es: „Sonntag früh war eine musikalische Gesellschaft beim Baron Trémont. Viel Zuhörer, in wenig Stuben. Viel Musik, wenig gute. Ich lernte da Onzlow, Vidal, Boëly, Mlle Schauroth (eine junge Klavierspielerin) u. s. w. kennen. Als wir hinkamen spielte man ein Quartett von Trémont, das sollte jedermann für ein Haydnsches halten. Ja Kuchen! So eine feine Nase haben wir, um Trémont von Haydn zu sondern. Doch für einen Dilettanten wars recht hübsch, und rein im Satze.“[19] Aus den wenigen Ausführungen Mendelssohns geht hervor, dass Delphine von Schauroth augenscheinlich in die Pariser Salonkultur integriert war.[20] Nach dem Unterricht bei Kalkbrenner dürfte sie zunächst in Bamberg, wo der Vater stationiert war, gewohnt haben. Von dort aus kommend trat die Vierzehnjährige im November 1828 in München in einem öffentlichen Konzert auf: „Wir übergehen die hiesigen, rühmlichst schon bekannten Künstler, die sich in dem zweyten Concert-Abende hören liessen, und führen nur jene zwey Künstlerinnen an, welche in demselben auftraten: Fräulein Delphine Schauroth und Signora Passerini: Mit einer seltenen Zartheit, gleich als wenn das störrische Instrument ihre Empfindung wiedergeben könnte, behandelt erstere das Piano; sie vermehrte mit dem schönen gerundeten Vortrage eines Concertes von Kalkbrenner, die hohe Meinung, die man in ihren noch früheren Jahren von ihr gefasst hatte. Wir denken, jeder wird eingestehen, dass sie unter den gebildeten Pianistinnen einen ausgezeichneten Rang behauptet.“[21] Hier wie auch schon in früheren Rezensionen wird vor allem ihre musikalisch intelligente Auffassungsgabe hervorgehoben sowie auch ihre Fähigkeit eines kantablen Vortrags. Ein weiteres Konzert, in dem sie auf dem „englischen schwer spielbaren Pianoforte“ das h-Moll Konzert von Hummel darbot, und das in der Münchener allgemeinen Zeitung rezensiert wurde, wird ihre Interpretation geradezu enthusiastisch gelobt:. „Diese Künstlerin ist im Besitze fast aller Vorzüge, die wir einem Pianisten wünschen können; Ruhe, die lieblichste Rundung, geistvoller Vortrag sowohl der Cantilenen als Passagen, herrlicher Anschlag; was braucht es noch mehr, um sie als künftige Künstlerin zu bezeichnen.“[22] Neben diesen öffentlichen Auftritten musizierte Delphine von Schauroth selbstverständlich in Salons der gehobenen Münchener Gesellschaft sowie in privatem Rahmen.

Die Tatsache, dass Delphine von Schauroths Vater bereits im Alter von 55 Jahren, nämlich am 15. November 1829, in Bamberg verstarb,[23] hatte sicherlich Konsequenzen in finanzieller Hinsicht.  Ob ihre Mutter eine reguläre Witwenpension erhielt, müsste noch abgeklärt werden; im Jahr 1832 erhielt sie vom König eine Rente, „monatlich 15 Gulden…auf ein Jahr.“[24] Jedenfalls wurde nun München der Lebensmittelpunkt der Mutter mit ihren beiden Töchtern. Dass zwischen Schauroths und der adligen Gesellschaft Kontakte bestanden, wird aus einigen Meldungen von Münchener Zeitungen ablesbar: „Der ‚Volksfreund‘ meldet in Nr. 13, daß sich im Gefolge der künftigen Kaiserin von Brasilien, auch ‚eine gewisse Delphine v. Schauroth‘ mit nach Brasilien begeben werde. Lieber Himmel! Hat denn der Volksfreund noch gar nichts von der allbekannten, berühmten Klavierspielerin v. Schauroth gehört, da er gar so unbekannt thut? Da möchte einem wohl die Lust vergehen, berühmt zu werden, wenn man es mit so großem Ruf noch nicht einmal so weit brachte, in einem Lande, dem man angehört, von einem der gelesenen Volksblätter gekannt zu seyn!“[25] Das Münchener Conversations Blatt berichtet ebenfalls von der Reise nach Brasilien; „Fräulein Delphine von Schauroth, welche die, mit geistigen und körperlichen Reizen reich ausgestattete Prinzessin von Leuchtenburg, Kaisers Don Pedro zukünftige Gemahlin, als Ehrendame nach Brasilien begleiten wird, ist dasselbe Fräulein von Schauroth, welche als vorzügliche Clavierspielerin im achten Jahre zu London und Paris, wie in Deutschland, Bewunderung fand. Sie ist zu Lille[26] geboren, und versteht außer ihrer Muttersprache alle europäischen Hauptsprachen. Ihr Vater ist der k. bayerische Oberstleutnant zu Bamberg. Delphine von Schauroth ist ein halbes Jahr jünger als die Kaiserin. Wie man sagt, hat Letztere zur ersten Bedingung gemacht, so viele deutsche Damen nach Brasilien mit nehmen zu dürfen, wie ihr gefällt.“[27] Eine weitere Meldung zu der geplanten Überseereise kommt vom Österreichischen Beobachter: „ Die Münchener politische Zeitung vom 15. D. M. meldet: ‚Dem Vernehmen nach wird der kaiserliche brasilianische Botschafter bis zum 20. Juli hier eintreffen, um um die Hand ihrer Hoheit, der Prinzessin Amalie von Leuchtenburg zu werben. Unter den Personen, welche die Reise nach Brasilien mitmachen werden, nennt man auch Fräulein Delphine von Schauroth, die schon seit einiger Zeit die Auszeichnung genoß mit den Prinzessinnen Töchtern Ihrer königl. Hoheit, Frau Herzoginn von Leuchtenberg auf dem Klavier zu beschäftigen.“[28] Die auf  Anfang  August geplante Reise sollte schließlich aus konfessionellen Gründen ohne Delphine von Schauroth sattfinden: „ Die Nachricht, daß Fräulein Delph. von Schauroth die Kaiserin als zweite Ehrendame nach Rio-Janeiro begleiten werde, war übrigens voreilig. Da dieses Frauenzimmer der Staatsreligion Brasiliens nicht zugethan ist, so lag darin ein der Verfassung dieses Landes unüberwindliches Hinderniß, eine Stelle an dem Hofe zu begleiten. Fräul. Delphine verdankt ihrem Talente schon eine solche Auszeichnung, und ihre bisherige Vervollkommnung als Künstlerin bewährt, daß es nur von ihr abhängt, sich in dieser Bahn einen unvergänglichen Ruf zu erwerben. Sie darf daher nicht bedauern, ihre bisherige Bestimmung mit einer solchen nicht zu verwechseln, zu deren Erlangung in der Regel der Zufall der Geburt schon befähigt; das Publikum kann sich aber nur freuen, eine bereits vorzügliche und noch mehr versprechende Künstlerin diesem Berufe nicht entzogen zu sehen.“[29] Auch im Tagblatt für das öffentliche Leben in Deutschland wird erwähnt, dass Delphine von Schauroth wegen ihrer „protestantischen Confession“ eine Stellung als Dame d’honneur am katholischen Kaiserhof in Rio de Janeiro versagt bleiben muss. Der Berichterstatter aber fügt abschließend ein: „Alle Freunde der Kunst werden sich Glück wünschen, diese ausgezeichnete Künstlerin nicht dem Vaterland entnommen zu sehen.“[30] Aus den zitierten Bemerkungen ist ersichtlich, welch große Reputation sich Delphine von Schauroth bereits als Sechszehnjährige erworben hatte sowie den Wusch, sie möge ihr Künstlertum noch weiter ausbilden. Auch findet sich hier erstmals der Hinweis, dass sie in adeligen Familien unterrichtete. Umso merkwürdiger  mutet es an, dass Felix Mendelssohn Bartholdy in einem Brief vom 15. Juni 1830 an seine Schwester Rebecka erwähnt, Delphine von Schauroth solle „in Brasilien Hofdame werden.“[31]

Hinsichtlich der Konfessionen waren die Verhältnisse des seit 1806 proklamierten Königreichs Bayern eher ungewöhnlich: Die badische Prinzessin  Caroline, Friederike Wilhelmine von Baden und Hochberg hatte in dem Ehevertrag mit dem Herzog und späteren König  Maximilian von Bayern sich nicht nur eine große Zahl evangelischer Hofdamen sondern auch einen eigenen protestantischen Seelsorger zusichern lassen. Dies mag auch erklären, dass die Schauroths wohl einen leichteren Zugang zum Hof hatten. Vielleicht war es diese konfessionelle Disposition am bayerischen Hof, die auch zum Entschluss beitrug, den Wohnsitz nach Bayern zu verlagern. – Die Prinzessin Amalie von Leuchtenburg, dann Kaiserin von Brasilien, war die Enkelin der Königinwitwe Karoline. Es ist wohl dem Einfluss der Königinwitwe zuzuschreiben, dass Delphine von Schauroth mit ihren Enkelinnen musizierte, ja sie gar unterrichtete und als Ehrendame vorgeschlagen wurde.

Felix Mendelssohn Bartholdy, Lied ohne Worte g-Moll (Venetianisches Gondellied) op. 16, 6, Autograph mit Widmung an Delphine von Schauroth, in: Felix Mendelssohn Bartholdy zum 200. Geburtstag, Ausstellungskatalog, Carus-Verlag Stuttgart 2009, S. 151.
Felix Mendelssohn Bartholdy, Lied ohne Worte g-Moll
(Venetianisches Gondellied) op. 16, 6, Autograph mit Widmung an
Delphine von Schauroth, in: Felix Mendelssohn Bartholdy zum 200.
Geburtstag, Ausstellungskatalog, Carus-Verlag Stuttgart 2009, S. 151.

Dem fleißigen Briefschreiber Felix Mendelssohn Bartholdy ist es zu verdanken, dass wir einige weitere Einblicke in das Leben Delphine von Schauroths erhalten. Auf dem Weg nach Italien machte er in München Station, um das kulturelle Leben der Stadt kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen, zu musizieren und auch eigene Werke zu Gehör zu bringen. Er traf am 20. Juni 1830 dort ein und blieb gut zwei Monate dort. Inzwischen war Delphine zu einer jungen Dame von beachtlicher Schönheit und hohem pianistischen Können herangereift. In einem „Steckbrief“ an seine Schwester Rebecka vom 15. Juni schildert er sie als „schlank, blond, blauäugig, mit weißen Händen und irgendwie aristokratisch.“[32]  Dass seine Gefühle über einen unverbindlichen Flirt diesmal hinausgingen, lässt sich aus seinen weiteren Briefen aus dieser Zeit entnehmen. Auch dass er, der seine Kompositionen selten mit Widmungen versah, Delphine sein erstes Klavierkonzert in g-Moll op. 25 widmete sowie – gleichsam als intimes Seitenstück – das Venetianische Gondelied op. 19 b, lassen eine starke affektive Bindung erkennen. Delphine ihrerseits komponierte, wie Adolf Bernhard Marx vom 21. Juli 1830 aus München berichtete, „die Nacht durch an einem ‘Lied ohne Worte’ für ihn [F. Mendelssohn Bartholdy].“[33] Dass eine Ehe mit Delphine von ihr, ihrer Mutter,  ja selbst vom Bayerischen König begrüßt worden wäre, ist bekannt. Doch die Familie Mendelssohn Bartholdy winkte ab, hielt sie doch den damals 22jährigen wohl noch für zu jung. Aus der Korrespondenz aus jener Zeit seien wenigsten zwei Briefe zitiert, die in psychologischer Hinsicht sehr aufschlussreich sind.

So schreibt Mendelssohn an Karl Klingemann, seinen engen Freund und Vertrauten, aus München am 6. August 1830 kurz vor der Abreise nach Salzburg und Wien: „Nur muß ich Dir doch von hier aus schreiben und Dich gebeten haben immer der alte Klingemann und gegen mich derselbe zu bleiben; dass ich mich nicht verändere, weißt Du ja [….] Die Damen hier, die in Herz und Kalkbrenner versunken waren und Moscheles und Hummel zu den alten Klassikern rechneten (buchstäblich), haben sich an den Beethoven und Weber mit Wut gemacht, weinen und schwärmen und spielen Beethoven. Aber wirklich denke ich, dass ich nicht lange weg sein werde und sie sind wieder beim Herz. Übrigens sind sie freilich sehr hübsch und spielen verteufelt gut, also macht man ihnen die Cour, komponiert Rondos für sie, fährt mit ihnen aufs Land, spielt 4 händig, ist mit einem Worte sehr fat […..]. Du wirst Dich vielleicht erinnern, dass Cramer und Addison ein Rondo brillant für 20 Pfund bestellten; ich habe dies endlich zur Welt gebracht, hier schon in Gesellschaften weidlich herum abgespielt und schicke es nach Leipzig zu Friedrich Hofmeister, der es für Deutschland verlegen wird.“[34] Dieser Brief ist insofern ein hochinteressantes Dokument, als seine Verliebtheit in Delphine gleichsam verschleiert wird, indem er im Plural spricht, von “Damen“ nämlich, und das Ganze in ein neutrales „man“ hüllt. Dazu huldigen die „Damen“ einem musikalischen Geschmack, der mit den Namen Kalkbrenner und Herz verbunden ist, was seinem ästhetischen Credo absolut entgegensteht. Dennoch komponiert er sein Rondo brillant fertig, sicherlich um den „Damen“ zu gefallen, und entwickelt gleichzeitig Schuldgefühle, er könne seine ästhetischen Ideale verraten. Dass er sich bemüht, Delphine von Schauroths Musikgeschmack zu ändern, geht aus einem Brief an seinen Lehrer Zelter hervor: „Selbst die besten Clavierspieler wussten kaum, dass Mozart und Haydn auch für das Clavier geschrieben hätten; Beethoven kannten sie nur vom Hörensagen; Kalkbrenner, Field, Hummel nennen sie classische Musik.“ Und weiter: „ Ich hatte nämlich nachher noch der ersten Clavierspielerin hier eine lange Rede gehalten, ihr vorgeworfen, daß sie nicht beitrüge, die großen Werke hier kennen zu lehren, und daß sie den Leuten folge, statt deren Geschmack zu leiten, und sie hatte Besserung gelobt.“[35] Abgesehen davon, dass Felix Mendelssohn Bartholdy sich zu jenem Zeitpunkt seiner Verliebtheit in Delphine noch selber nicht reif für eine feste Bindung fühlte, auch seine Familie, von deren Urteil er sehr abhängig war, eher von einer Eheschließung abzuraten schien, spielten – tiefenpsychologisch betrachtet – sicherlich noch eine Reihe anderer Komponenten eine Rolle. Vergleichbar seiner Schwester Fanny war Delphine von Schauroth eine ausgezeichnete Pianistin, die auch komponierte. Eine Liaison mit ihr hätte ihn, der zu seiner Schwester Fanny ein komplexes, emotional hoch aufgeladenes Verhältnis hatte, sicherlich in große innerliche Konflikte gebracht. Dies geht übrigens aus dem Brief, den er am 11. Juni 1830 an seine Schwester schrieb recht deutlich hervor. Er berichtet von einer Abendgesellschaft, auf der er mit Delphine von Schauroth eine Sonate von Ferdinand Hummel vorgetragen hatte: „Große Soireé war nämlich gestern Abend bei dem H. Kersdorf, u. Minister u. Grafen liefen umher wie Hausthiere auf dem Hühnerhof. Auch Künstler u. a. Gebildete. – Die Delphine Schauroth, die nun hier angebetet wird (u. mit Recht) hatte von allen diesen Classen ein Bischen; denn ihre Mutter ist Freifrau von, und sie ist Künstlerinn und sehr wohl gebildet; kurz ich lämmerte so sehr. Nämlich so, daß wir die 4 händige Sonate zu allgemeinem Jubel schön vortrugen, daß ich nachgab, u. lächelte, u. zuschlug, u. das as im Anfang des letzten Stücks für sie aushielt, ‘weil ja die kleine Hand nicht zureichte’, u. daß die Leute über die allzugroße Sympathie Glossen machten, u. daß Minister Schenz sich gegen mich als ausgemachter Schatrem benahm; und daß die Frau vom Hause uns nebeneinander plazierte, und so fort –  Aber eigentlich wollte ich ja nur sagen, daß das Mädchen sehr gut spielt u. mir, als wir vorgestern zum erstenmal zusammenspielten […] ganz ordentlich imponierte; als ich sie nun gestern früh allein hörte, u. auch sehr bewunderte, fiel mir plötzlich ein, daß wir im Hinterhaus ein Frauenzimmer besäßen, das von der Musik doch eine gewisse andere Idee im Kopfe hätte, als viele Damen zusammengenommen, u. ich dachte, ich wollte ihr diesen Brief schreiben, u. wollte sie so herzlich grüßen; die Dame bist Du nun freilich, aber ich sage Dir Fanny, daß ich an gewisse Stücke  von Dir nur zu denken brauche, um recht weich und aufrichtig zu werden, obschon man doch in Süddeutschland viel lügen muß. Du weißt aber, wahrhaftig, was sich der liebe Herrgott bei der Musik gedacht hat, als er sie erfand; da ist kein Wunder, wenn man sich drüber freut. Kannst auch Clavier spielen. Kurz, ich wollte, Du wärest gerade so, wie Du bist, und wenn Du einen größeren Anbeter brauchst, als mich, so kannst Du Dir ihn malen. […..] Nun werd’ ich geschäftsmäßig, u. sage Dir, daß ich Delphine Schauroth die Cour mache (ich schicke an Beckchen ihren Steckbrief) u. daß sie mir befohlen hat, bei Strafe einer u. der andren Ungnade, das große Rondo Capriccioso aus e moll 6/8 [E-Dur, op. 14] herauszugeben; ich habe es nämlich mit einem rührenden Einleitungsadagio, u. einigen Melodien und Passagen schmackhaft zubereitet u. Glück damit gemacht. Jetzt will ich’s nun aufschreiben u. ihr sehr überreichen.[…..]. Schick mir aber eine Copia rudimata meiner Fantasie aus e moll [Drei Fantasien oder Capricen op. 16], denn die will ich herausgeben; auch bitt’ ich Dich zugleich um eine Abschrift des Trompetenstücks aus Wales [wahrscheinlich op.16, 2.] u. der Partitur der Cellovariationen in d dur. Bitte lass alles dies gleich copiren u. schick es mir entweder mit Fahrpost oder durch Gelegenheit, die aber bald gehen müßte.“[36] Die unverhohlene Bewunderung für Delphine, die aus den ersten Zeilen spricht, wird gleichsam in einem Akt von Selbstzensur zurückgenommen, indem er des „Frauenzimmers im Hinterhause“ gedenkt, nämlich seiner Schwester Fanny. Eine mögliche eifersüchtige Konkurrenz zwischen Fanny und Delphine, hätte Felix sie geheiratet, mag seine zögerliche Haltung hinsichtlich einer Verbindung mit der jungen Pianistin im Wege gestanden haben; vermutlich auch die Furcht, Delphine – sicherlich mit künstlerischen Ansprüchen für ihre eigene Person – könne seinen Ehevorstellungen nicht entsprechen. Auch scheint sie durch die Schule von Kalkbrenner bedingt einem anderen Musikgeschmack gehuldigt zu haben als er und seine Familie. Gleichwohl bittet er Fanny, ihm Stücke zu senden, die von jenem hohen ästhetischen Ideal abweichen und die eher etwas spielerisch und möglicherweise auch erotisch aufgeladen sind wie die Fantasie über die Trompetenblumen (op. 16,2), mit denen er die hübscheste von den Taylor-Töchtern portraitiert hatte. Der muntere neckische Tonfall des Briefes weist Züge von Verschleierungstaktik auf, die durch ästhetische Schuldgefühle diktiert scheinen. Wesentlich plumper hingegen weist er seine Verliebtheit in Delphine in einem, zwei Wochen später geschriebenen Brief an Fanny von sich, in welchem er ihr zunächst zur – allerdings sehr verfrühten – Geburt ihres Sohnes Sebastian gratuliert: „ Liebe Fanny, sei sehr gegrüßt und nimm meinen Glückwunsch hin, wie Du alles nimmst, was ich Dir geben kann -, denke nicht an die Sache, nur an mich, dessen Herz rosenrot ist; ich bin sehr bei Dir, und so werde ich es immer auch bleiben, mag kommen, wie es wolle. Ich hätte Dir gern ein Lied geschickt, aber es ist zu schlecht geraten. – [….] Was mich nun betrifft, so gehe ich Tag um Tag auf die Galerie und zweimal in der Woche morgens zur Schauroth, wo ich lange Visiten mache; wir raspeln gräßlich, aber es ist nicht gefährlich, denn ich bin schon verliebt. Und zwar in eine Schottin, deren Namen ich nicht weiß [….] Die Schottin also.“[37] Aus den Briefen geht aber auch hervor, dass die Verliebtheit der beiden der Münchener Gesellschaft keineswegs verborgen geblieben war, und die scheints sehr ehrgeizige Mutter Delphine von Schauroths, die sich aus einer Heirat mit Mendelssohn vielleicht einen Karrieresprung ihrer Tochter erhoffte, zudem finanzielle Prosperität, mag auch beim bayerischen König vorgesprochen haben. Wie sonst sollte es sich erklären, dass Felix Mendelssohn von diesem eine Heirat mit Delphine von Schauroth nahegelegt worden wäre: „Hauptsächlich aber sagte der König mir, ich möchte doch Fräulein von Schauroth heiraten, das sey eine sehr gute Partie und das müßte sehr gut passen und warum ich das nicht thun wollte? Mich ärgerte das im Munde eines Königs und ich wollte ihm eben etwas piquirt antworten, als er, meine Antwort gar nicht abwartend, auf etwas anderes übersprang und dann ein drittes..“[38] Auf der Rückreise von Italien machte er im Herbst 1831 wieder Station in München, musizierte wieder mit Delphine, komponierte eilends sein Klavierkonzert in g-Moll, zu dem  sie „mir…..eine Passage componirt, die gewaltig knallen soll“[39] und brachte es am 17. Oktober im Odeonssaal zur Uraufführung.  Felix zog sich, nachdem man ihm wohl zu nahe getreten war, zurück, was ihm aber nicht leicht gefallen sein dürfte. Aus Berlin klagt er 1832 seinem Freund Bärmann in sehr melancholischer Stimmung: „Delphine hätte ich gern spielen gehört, aber die ganze Familie wird wohl stockböse auf mich sein; ich hab ihr nicht mal einen Brief schicken können [….] ich wollt wohl, ich kriegte sie mal wieder zu sehen, die liebe Erscheinung.“[40] Noch im April 1834 schrieb er an Charlotte Moscheles, dass er Delphine noch immer „sehr zugethan“ sei, „die sich neben ihrem Mann ausnehmen muß, wie eine weiße Maus neben einem schwarzen Kater, oder wie ein Duett für Clarinett und Contrafagott, oder wie ein Paar Glacé-Handschuhe mit einem Warschauer Schlafrock, oder Vanilleeis mit Rinderbraten oder etc. etc.“[41] Dass sie bei F. Mendelssohn Bartholdy tiefhaftende Spuren hinterlassen hat, zeigen auch die Erinnerungen Robert Schumanns an ihn: „Das Conzert in G-Moll für Clavier schrieb er, wie er sagte, in wenig Tagen (er sagte in drei, glaub ich) in München. Delphine von Schauroth, der ausgezeichneten, sehr schönen Clavierspielerin, gedachte er als einer, die ihm gefährlich werden konnte. Er schilderte ihr Persönliches höchst anmuthig.“[42] Dass Mendelssohn Delphines Ehemann begegnet sein muss, geht aus den zitierten, ironischen, fast eifersüchtig anmutenden Bemerkungen hervor sowie einem Brief Delphines vom September 1834 an Mendelssohn in Düsseldorf.[43]

Brief Delphine Hill Handleys vom 20. September 1834, München, an Fe lix Mendelssohn Bartholdy in Düsseldorf. Quelle: Bodleian Library, Oxford, Mendelssohn Sammlung, Autograph Letter 26, letzte Seite.
Brief Delphine Hill Handleys vom 20. September 1834, München, an
Fe
lix Mendelssohn Bartholdy in Düsseldorf.
Quelle: Bodleian Library, Oxford, Mendelssohn Sammlung, Autograph
Letter 26, letzte Seite.

Wie auch ihr Bruder Felix machte Fanny Hensel 1939 auf der lang ersehnten Italienreise mit ihrer Familie in der bayerischen Hauptstadt Station. Ein Besuch bei Delphine von Schauroth war scheinbar fest eingeplant. Fanny ist sowohl von ihrer Person als auch von ihrem pianistischen Können äußerst angetan und berichtet davon in einem Schreiben nach Leipzig: „Was ich Dir ferner erzählen will, ist, daß ich Delphine Handleys Bekanntschaft gemacht habe, u. mit großem Vergnügen. Sie ist eine allerliebste Person, u. ein vortreffliches Talent. Dein erstes Konzert, habe ich außer von Dir, noch nicht so spielen gehört. Wir gingen zu ihr, u. fanden sie so überaus freundlich, wie ichs Dir gar nicht sagen kann, wir machten gleich etwas Musik, u. sie luden uns auf den andern Abend ein, wo sie uns eben jenes Konzert glorios vorspielte. In welchem Andenken Du in dem Hause stehst, das ist ganz unbeschreiblich. Sie wissen jedes Wort, das Du gesprochen, jede Bewegung, die Du gemacht hast. Was mir an ihrem Spiel noch besonders gefallen hat, das ist ihr geistreiches Präludieren, das findet man so selten bei Frauenzimmern. Ich sage Dir, sie hat mir tausendmal besser gefallen, als der keuchende Dreyschock. Mein Mann hat sie gezeichnet, worüber sie ganz entzückt war.“[44] Am 19. September 1839 notiert Fanny: „Nachher mit Prand zu Delphine Handley, die überfreundlich war. Wir spielten uns gegenseitig an.“[45] … „Abends bei der Handley, die wunderschön spielte. Felix erstes Konzert wirklich herrlich“[46]…“Sonntags …Nachmittags bei Delphine Handley, die noch zu ihrer Zeichnung saß.“[47]

Das Jahr 1832 brachte eine entscheidende Wende im Leben Delphine von Schauroths. Im Laufe dieses Jahres lernte sie ihren künftigen Ehemann Edwin Hill Handley kennen, der sich studienhalber in München aufhielt, um die deutsche Kultur näher kennenzulernen. Er sprach offensichtlich gut Deutsch, denn er besuchte unter anderem Vorlesungen von Friedrich Schelling an der Münchener Universität und beabsichtigte dessen Schriften ins Englische zu übersetzen. Handley war der Sohn eines Juristen, der in Gray’s Inn, eine der Anwaltskammern des damaligen London, als Rechtsanwalt akkreditiert war. Auch sein Sohn Edwin studierte Jura, und zwar am Harrow und Trinity College in Cambridge und wurde 1828 ebenfalls in Gray‘s Inn als Anwalt akkreditiert.[48] Allerdings hat er diesen Beruf kaum ausgeübt. In den Münchener Polizeilichen Anmeldebögen bezeichnet er sich als „Particulier“[49], was so viel wie Privatmann bedeutet. Dass er mit einem Bediensteten reiste, lässt auf einen begüterten Familienhintergrund schließen. Hill Handley muss eine in vieler Hinsicht imposante Figur gewesen sein, die sich nicht nur für Jura interessierte sondern auch für Philosophie und vor allem für die Ideen der französischen Revolution. Von seiner Anwesenheit in München berichtet Henry Reeve (1813-1895), ein einflussreicher und angesehener Journalist in seinen Briefen und Memoiren. In einem Brief vom 23. Juni 1832 schreibt er an seine Mutter: „Reboul and Prévost came to see me on my return to Munich; here I made the acquaintance of Edwin Hill Handley, and he fell in love with Delphine v. Schauroth.”[50] Nachdem Reeve Hill Handley näher kennengelernt und sich mit ihm angefreundet hatte, zeichnet er in einem Brief vom November des Jahres folgendes Charakterportrait: “I have made a new and very remarkable acquaintance. This is a Mr. Handley, well known to Arthur Martienau, Kemble, the Bullers and fifty other of our friends…..I discovered in this Mr. Handley the marks of a deep and original thought, considerable acquirements, and, above all a vast sympathy in my present and future tastes. If Sigismond [Krasiński] is the type of my past, I feel convinced, that this individual, in principle if not in person, is the representative of my future….He is a republican and a homme de movement. He is the man, who is necessary to me, and I feel him to be, in one sense, my Messias.”[51] Wie etliche Briefe zwischen Reeve und Handley zeigen, dauerte die Freundschaft der beiden bis zum Tode Handleys in Cadiz 1843 an. Über Reeve wird Handley auch in Kontakt mit polnischen Emigranten gekommen sein, die später für Delphine von Schauroth von großer persönlicher Bedeutung wurden. Aus weiteren Briefen Reeves erfährt man, dass Hill Handley und Delphine von Schauroth sich Ende 1832 oder Anfang 1833 verlobten und sich im September des Jahres vermählten.[52] Ihre Eheschließung  wird im Münchener Tagblatt unter der Rubrik „Getraute“ vermerkt: „Hr. Edwin Hill Handley, Particulier aus London, mit Delphine Freyin v. Schauroth, k. b. Kämmerers-und Oberleutnantstochter.“[53] Bevor das junge Ehepaar nach England ging, verabschiedete sich Delphine am 21. September in einem öffentlichen Konzert vom Münchener Publikum: „Verflossenen Sonntag hatten wir wieder Gelegenheit, die hohen Fertigkeiten der Fräulein von Schauroth auf dem Pianoforte im Philharmonischen Verein zu bewundern. Dieselbe trug ein großes Konzert für Pianoforte in A-Mol, von Hummel, mit einer wirklich hinreißenden Präcision und vollem Gefühle und Ausdrucke vor; doch leider! Müssen wir hinzufügen, entzückte sie an diesem Tage zum letzten Male, denn die reichbegabte Künstlerin wird in kurzer Zeit die heimathlichen Gefilde verlassen und ihrem Bräutigam nach England folgen. Am Schlusse der Produktion ward ein, von Dr. Firmenich gedichteter Abschiedsgruß, an die talentvolle Braut, von dem Hofschauspieler Lang vorgetragen, der die ganz versammelte Gesellschaft tief rührte und fast allen anwesenden Damen Thränen in die Augen lockte.“[54]

Im Herbst 1833 verließ das Paar München. Von London aus gingen sie zusammen nach Cambridge, wo Hill Handley sich weiteren philosophischen und theologischen Studien widmete; jedoch keineswegs um Geistlicher zu werden. Die Beschäftigung mit theologischen Sachverhalten hing vielmehr mit dem polnischen Messianismus zusammen, wie er z. B. von Zygmunt Krasiński  und seinem Kreis vertreten wurde. In dessen Ungöttlicher Kommödie, einem ausgedehnten Gedicht in vier Teilen, soll Hill Handley Vorbild für die Figur des Pancracy, dem Anführer der revolutionären Massen, gewesen sein. Im Jahr 1834 hielt sich Delphine eine Zeitlang mit ihrem Mann in München auf, in Begleitung eines Bediensteten und eines Kammerfräuleins.[55] Neben dem Besuch von Verwandten und Freunden trat sie nun als verheiratete Frau scheinbar organisatorisch im 1831 gegründeten Philharmonischen Verein hervor: „…Nächstdem hat der Verein den Vorzug, daß sich in ihm die berühmtesten hier erscheinenden fremden Virtuosen fast immer, sehr oft sogar, zuerst hier hören lassen. Eigenthümlicherweise besteht die größere Zahl seiner Mitglieder aus Damen, mit der ausgezeichneten Künstlerin Schauroth (so war ihr Name als Künstlerin, jetzt ist sie verheirathet an einen Engländer, dessen Name mir entfallen ist) an der Spitze. Die Muse scheint sich überhaupt von dem rohen und heimlichen Getümmel des Marktes verscheucht in die Arme des zarteren Geschlechts retten und betten zu wollen, und wahrscheinlich werden uns diese Arme, wenn uns unser ahnendes Auge nicht trügt, wie einst den moralischen, so künftig den ästhetischen Erlöser wiedergeben und so zum Frieden in der Brust, ein schönes, ewig heiteres, unsterbliches Leben der Kunst.“[56]

Wie aus der Korrespondenz des Dichters William Wordsworth und des Journalisten Henry Reeve mit Hill Handley ersichtlich ist, lebten sie mindestens ab 1835 in Lower Wick auf dem Lande, heute ein südlicher Stadtteil von Worcester. In einem Brief vom 29. Oktober 1835 gratuliert William Wordsworth Handley zu seiner Verheiratung: „My dear Sir, A Few words may suffice to congratulate you, which I do most heartily, upon your restoration to health and strength; with corresponding and still higher blessings vouchsafed to the mind and spirits. Be assured also, it was not with indifference that I heard of the improvement you mention in your outward circumstances; and above all of your being married to a Lady of congenial sensibility, accomplished in vocal and instrumental harmony, and I doubt not in the music of daily and hourly life, as it makes itself felt in good actions and kind looks; and emotions encouraged only as far as they are under a regulation rational, and, without presumption, it may be said devine.”[57]

In den Briefen geht es vornehmlich um politische Themen und zeitgenössische Literatur. Handley scheint zu jener Zeit das Leben eines Privatgelehrten geführt zu haben. Vermutlich hat er an zwei Schriften gearbeitet. Ca. 1838 erschien sein Aufruf An Appeal to Englishmen on behalf oft he Polish Exiles, with a brief statement of their claims upon our generosity.  Handley war offensichtlich ein Intellektueller, der die literarische schriftstellerische Avantgarde des damaligen England kannte und in München angefangen hatte, Schellings Schriften aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen. Bei der zweiten Studie handelt es sich um einen juristischen Traktat, Custody of Infants Bill.[58] Im Frühjahr des Jahres 1836 brachte Delphine einen Sohn zur Welt. Nach der Geburt ging es ihr gesundheitlich sehr schlecht, wie aus einem Brief Wordsworths an Handley ersichtlich: „It is some time since I received a Letter, giving account how much you had been alarmed by the state of Mrs Handleys health after her confinement…..and now I adress you upon something of a public occasion, and with less scruple because in your reply I shall have a report of Mrs H. yourself and my little Godson how you all are –“[59]

Auch Henry Reeve gratuliert ganz herzlich, und der Dichter William Wordsworth sowie die verwitwete Königin von Bayern figurierten u. a. als Taufpaten.[60] Kurz nach der Geburt des Sohnes scheint es zu großen Unstimmigkeiten zwischen dem Ehepaar gekommen zu sein. Handley hatte seinem Freund Reeve von schon länger währenden Streitigkeiten berichtet. Leider hat der Herausgeber diese Briefe nicht in den Band aufgenommen und begnügt sich mit folgendem Kommentar: „Shortly after the date of this letter [ 4. Mai 1836] a long pending quarrel between Handley and his wife came to a head. Mrs. Handley does not appear to have been false, in the ordinary acceptation of the word, though grievously false in regard to the clauses of the marriage vow which bound her to love, honour, and obey her husband. She was insolent to Handley and his father, self-willed, greedy and unscrupulous, and her mother, who fostered and aggravated the quarrel, was worse. Mrs Handley, leaving her husband and her baby, returned with her mother to Munich, where they were couldly received by society. Handley was for some time anxious to bring the matter to a public trial, but was eventually persuaded by Reeve and his other friends to let it rest.”[61]

Gleichwohl lassen diese Bemerkungen folgende Sachverhalte aufscheinen: Die Ehe ist offensichtlich nicht wegen Ehebruchs geschieden worden, sondern wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten, die sich im Wesentlichen auf Delphines Ansprüche auf die Fortsetzung ihrer pianistischen Karriere bezogen haben dürften. Ihr wird zur Last gelegt, ihrem Ehemann nicht unterwürfig gegenüber zu sein sondern illoyal, eigensinnig, selbstsüchtig und skrupellos. Von ihrer Mutter wurde sie in ihrem Bestreben unterstützt oder vielleicht auch gedrängt. Es wird aber auch deutlich, dass der republikanisch gesinnte Ehemann die Emanzipation der Frau nicht in seinen geistigen Horizont einbezogen haben dürfte. Die Scheidung und die Trennung von ihrem Kind wird für Delphine von Schauroth ein großes persönliches Desaster gewesen sein. Vermutlich erhielt sie keinen finanziellen  Ausgleich, und der noch nicht einjährige Sohn kam, wie Reeve des Weiteren ausführt, in die Obhut der Eltern des Ehemannes.[62]  Dass sie und ihre Mutter von der Münchener Gesellschaft „eisig empfangen“ wurden, ist durchaus denkbar, da eine geschiedene Frau sich nicht der besten gesellschaftlichen Anerkennung erfreuen durfte. Zusammen mit ihrer Mutter und auch vielleicht von ihr finanziell abhängig, nahm sie 1837 ihren Wohnsitz wieder in München.

Hier tritt sie, offensichtlich erstmals nach ihrer Scheidung in einem Benefizkonzert zugunsten eines Beethovendenkmals auf: „…Unsere ausgezeichnete Pianistin Frau von Hill-Handley (geb. von Schauroth), welche leider nur höchst selten mehr sich öffentlich hören lässt, bewährte ihre Meisterschaft wieder auf das Glänzendste durch den Vortrag des Es dur-Konzertes. Was diesen Abend jedoch besonders auszeichnete, war, daß die Ouverture zu Fidelio (E dur) in einem Arrangement für vier Hände auf vier Fortepiano’s von Frau Gräfin v. Mejan und Gräfin Steph. v. Meja, Baronin v. Maltzahn und Gräfin Amal. v. Montgelas, Fürstin Juli v. Oettingen-Wallerstein und Frau v. Hill-Handley, Fräul. Karl. v. Fahnenberg und Fräulein v. Klenze, vorgetragen wurde. Diesen Damen gebührt um so mehr der wärmste Dank, als hier schon seit länger als einem Menschenalter Niemand mehr aus den höheren Ständen in öffentlichen Konzerten mitgewirkt hatte, und der über alle Erwartung reichliche Ertrag dieses Konzerts vorzugsweise ihrer Mitwirkung zu verdanken ist.“[63]

War dieser Auftritt in einem Benefizkonzert auch ein Schritt in die Reintegration in die Münchener  Gesellschaft oder war sie tatsächlich Hofdame der verwitweten, protestantischen Königin Karoline von Bayern geworden? Eine solche Stellung hätte ein öffentliches Auftreten außerhalb eines Benefizkonzerts unmöglich gemacht. Auch ein weiteres Konzert in Jahre 1841 in München ist ein Benefizkonzert, dann hört man jahrelang nichts von Konzertauftritten.

Die Information, Delphine von Schauroth sei Hofdame der Königin Karoline von Bayern gewesen, ist den Briefen Zygmunts Krasińskis an seinen Freund Adam Soltan sowie den Briefen  an seine Geliebte Delfina Potocka zu entnehmen, die darüber hinaus viel Erhellendes über ihre private Situation enthalten.[64] (Da die streng protestantisch gläubige Karoline sich in ihrem Heiratsvertrag eine große Anzahl evangelischer Hofdamen zusichern ließ, ist es durchaus möglich, dass sie die evangelisch getaufte und aus dem Uradel stammende Delphine von Schauroth zur Hofdame ernannte. Auch das Faktum, dass sie eine Taufpatin von Delphines Sohn war, stützt diesen Sachverhalt, der allerdings noch näher erforscht werden müsste.

Aus den Briefen Krasińskis an Soltan geht hervor, dass Delphine von Schauroth vermutlich kurz nach ihrer Scheidung mit seinem engen Freund, Vertrauten und Mentor Konstanty Danielewicz eine Liebesbeziehung begonnen hatte: „Jetzt ist aus England nach Deutschland, weißt Du, diese Dame gekommen, die so berühmt im Klavierspielen ist, die den Engländer geheiratet hat, für die er [Danielewicz] seine Romancen komponiert hat….Nun war wohl Konstanty dabei, nach München zu fahren. Sie ist eine hübsche Frau, gescheit, inspiriert, schön wie ein Musikengel, wenn sie in die Tasten greift. Vielleicht könnte er mit ihr glücklich sein.“[65]

Konstanty Danilewicz (1809- 1842) hatte Graf Z. Krasiński vermutlich während des Studiums an der Warschauer Universität kennengelernt. Dort begeisterte er sich v. a. für die Philosophie von Hegel und beabsichtigte ein eigenes philosophisches System auszuarbeiten. 1830 kämpfte er im berühmt-berüchtigten Novemberaufstand gegen die Russen und verletzte sich bei einem grausamen Bajonettkampf mit den Russen am  Bein. Wie viele polnische Intellektuelle musste er aus Polen flüchten. Vermutlich haben sich Danielewicz und von Schauroth bereits in England kennengelernt, denn er war ein enger Freund von Hill Handley. Sie beide verband vor allem die Liebe zur Musik, denn auch Danielewicz scheint ein passionierter Klavierspieler und großer Musikliebhaber gewesen zu sein, der außerdem komponierte. Im Jahr 1840 verlobten sich die beiden offiziell und Danielewicz nahm auch in diesem Jahr seinen Wohnsitz in München. Allerdings lebten sie nicht zusammen. Danielewicz wohnte in einer eigenen Wohnung und Delphine von Schauroth zusammen mit ihrer Mutter. Wie Hill Handley betätigte sich Danielewicz als Schriftsteller. Seine philosophischen Schriften, die scheints lange vergessen waren, sind heute wieder Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion: „Andrzej Wawrzymowicz, Konstanty Danielewicz‘s Philosophy of the Will; the essay presents one of the most original virtually unknown, Polish thinkers oft he first half of the 19th century – the Hegelian Konstanty Danielewicz (1809-1842). Andrzej Wawrzynowicz discusses the sources of Danielewicz’s philosophical inspiration, the key elements of his theory, and offers an evaluation of the Polish philosopher’s work as a whole, focusing on the project of the philosophy of the will with Hegel’s absolute idealism.”[66] Leider verstarb Danielewicz bereits im Alter von 33 Jahren an Typhus. Wie Krasiński berichtet, hatte der Verlobte von Delphine eine fast 4-wöchige Agonie, und sie weilte fast Tag und Nacht an seinem Krankenlager; „Du hast keine Ahnung, wie dieses Frauenherz ihn geliebt hat. 25 Tage kam sie von seinem Krankenbett nicht weg. Erhabene, edle Frau, eine der artigsten und vernünftigsten Frauen; sie wird ihm bald folgen, unter der 85. Arkade ist schon ein Platz für sie da.“ [67] Nach dem Tod seines Freundes und Mentors am 23. September 1842 kaufte der begüterte Krasiński ein Grab auf dem Alten Südlichen Friedhof in München, bestellte einen Grabstein und versah ihn mit folgender Inschrift:

„Konstanty Daniel[ewiczowi] – Unter den erhabensten Gemütern in Polen, dem Erhabenen. Unter den edelsten Herzen, dem Edlen – Dem Offizier der letzten Polnischen Heere – von einer Kugel durchstochen, als er am Bayonettenkampf bei Ostroleka teilgenommen hat – 11 Jahre später nach einer langen Krankheit im 34. Lebensjahr 1842 in einem fremden Land, in München am 27. März gestorben. – Dem Gefährten meiner Jugendzeit, Freund, mehr als Bruder, diesen Stein über den kalten Leichnam legte in Verzweiflung – Zyg[munt] Kras[iński].“

Darunter auf einer Seite vier Verszeilen: „Auch wenn hier hundertmal der Tod Deinen Leichnam begräbt, /Du lebst, lebst, unter diesem kalten Stein./Bist weder Asche, noch Traum, noch Schweigen,/Und Du weißt im Himmel, wie sehr ich Dich geliebt habe!“

Auf der anderen Seite: „Meine Tage sind schneller gewesen, denn ein Läufer; /sie sind geflohen, und haben nichts Gutes erlebt./ Sie sind vergangen, wie die starken Schiffe,/Wie ein Adler fliegt zur Speise.“

In einem Brief an seine Geliebte Delfina Potocka verleiht Krasiński seiner großen Trauer über den Verlust des geliebten Freundes beredten Ausdruck, berichtet  aber auch vom elenden Zustand Delphines: „1842, verfluchtes München, 30. März; Meine Teure, nun einzige Teure und Teuerste! Jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick wächst mein Schmerz und nistet sich in meiner Brust ein wie in einem Hause. – …..Konstanty, mein Konstanty, wo bist Du! Du fehlst mir, diese Einsamkeit, Du fehlst mir so unendlich. Hundertmal am Tage, wenn ich an etwas denke, sage ich zu mir: Ach! Ich will es Konstanty sagen – und gleich schaue ich mich um, er ist nicht mehr – und meine Tränen fließen! …..Mein Kummer wächst; wenn ich zu Frau H.[andley] gehe, fällt sie in Konvulsionen, und ich weine. Ich war ungerecht – ein erhabener Geist ist das, ein edles Wesen. Ihre Mutter ist eine Närrin, sie jedoch nicht, ich war ungerecht. Als wir uns stritten in jener Todesnacht, waren wir beide in Verzweiflungsraserei. Ihr schien es, als wäre jener schwarze Priester gekommen, um die Seele des Geliebten auf ewig von ihr zu trennen. Sie ist nämlich lebhaft und leicht erregbar, doch die 25 bei dem Sterbenden verbrachten Tage, das lange Sterben, dessen Schmerz sie nicht im geringsten mied, die Aufopferung ihrer gesamten gesellschaftlichen Position für ihn, die lange letzte, neben dem Körper verbrachte Nacht, nein, nein, das sind erhabene Taten, ich war ungerecht und bekenne in Demut, daß die Liebe des weiblichen Geistes gewisse Kräfte besitzt, die höher sind als die Liebe des männlichen! ….. Jetzt aber ist auch sie eine Leiche! Fieber verbrennt sie, der Doktor fürchtet, sie könne von einer schweren Krankheit befallen werden, und sie freut sich und sagt unablässig: Je te suis, je te suis, Constantin.“[68] Im Kommentar zu diesem Brief erläutert der Herausgeber des Buches, Delphine Handley habe durch den Tod der Königin-Witwe am 13. 11. 1841 und durch ihre Scheidung alle Mittel für den Lebensunterhalt verloren. Ihr Versuch, erneut am Hofe Fuß zu fassen, sei durch ihr Verweilen am Sterbelager von Danielewicz zunichte gemacht worden. Diesen möglichen Sachverhalt gilt es noch näher zu recherchieren. Ihre Mutter, die ihr wohl schwere Vorhaltungen wegen ihres Verhaltens gemacht haben muss, scheint sehr auf gesellschaftliche Konventionen bedacht gewesen zu sein. Was das Verhältnis von Mutter und Tochter betrifft kann man nur mutmaßen. Sicherlich ist es sehr eng gewesen, denn sie lebten abgesehen von Delphines Jahren in England bis zum Tod der Mutter 1846 zusammen.[69] Im darauffolgenden Jahr zog ihre Schwester Luise in ein anderes Quartier in München, so dass Delphine von nun an wohl alleine lebte. Wie ihre finanzielle Situation war, lässt sich nicht sagen. Zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter verheiratete sich die Pianistin mit dem sieben Jahre jüngeren Oberleutnant Freiherr Stephan Henniger von Eberg. Wie aus einer Schrift über die Grafschaft Neuberg am Inn hervorgeht, kaufte dieser 1849 ein größeres, schlossähnliches Anwesen: „Aber schon im Jahre 1849 kaufte es Stephan Leopold Friedrich Johann Heninger, Freiherr von Eberg aus Böhmen, welcher die bekannte Klavierspielerin Delphine von Schauroth geheiratet hatte, trat es aber im Jahre 1850 wieder an den Krämer Hagn ab.“[70] Gut möglich, dass der Hausverkauf im Zusammenhang mit der Scheidung stand. 1846 wurde ihr Halbbruder Friedrich Wilhelm wegen „Geistesverwirrung“[71] ins Krankenhaus eingeliefert. Dieser war 1833 wegen „Ehrenwortsverletzung“[72] ohne Pensionsbezüge aus dem Militärdienst in Bamberg entlassen worden; er starb am 17. April 1850 in Giesing bei München, vermutlich in der dortigen Irrenanstalt. Zusammenfassend kann man sagen, dass die 1840er Jahre eine Zeit voller Schicksalsschläge für Delphine von Schauroth waren. Nachdem anscheinend die zweite Ehe von nicht langer Dauer war, heiratete sie am 18. Juli 1856 den aus Potsdam stammenden Edward Knight. Im Zusammenhang mit dieser Eheschließung muss sie München verlassen haben und nach Charlottenburg übergesiedelt sein. Im selben Jahr verstarb ihre ältere Schwester Louise, die in München im Grab von Konstanty Danielewicz beigesetzt wurde.[73] (Das Grab wurde im 2.Weltkrieg zerstört.)  Dass aber auch der dritten Ehe kein Glück beschieden war, geht aus einem Brief Delphines hervor, den sie an Ferdinand Hiller richtete, um am Düsseldorfer Musikfest teilnehmen zu können und der kurz nach der Scheidung geschrieben sein muss: „Paris, den 26. April 59 Verehrtester Herr Kapellmeister!….Ich habe den Entschluß gefaßt (von vielen, herzlich wohlmeinenden Seiten dazu aufgefordert) Gebrauch von meinem Talent zu machen, und ich finde Muth dazu, darin, daß ich erstens ein Künstlerleben mit Stolz betrachte, zweitens Männer hier vom Fach behaupten, daß keine weibliche Klavierspielerin über mir sey! (wohl zu nachsichtig.) Ich bin gränzenlos unglücklich verheyratet gewesen (noch dazu an einen Cousin!), ich wurde so unverdient gemartert – mit den unschönsten Mitteln und Verfolgungen auch noch in letzter Zeit auf die unglaublichste Weise (wogegen ich aber den geraden Rechtsweg einschlug), daß es nicht mehr auszuhalten war. – Ich folgte der Einladung einer lieben Freundin auf ihr Gut nach Schlesien, wo ich über 3 Monate blieb. Dann kam ich hierher, wo ich jetzt über 6 Wochen bin und mein Entschluß  f e s t  steht und das musikalische Leben mich wieder glücklich und zufrieden machen wird. Alle vielen Details mündlich – jetzt frage ich nur an, ob Sie vielleicht bey dem Musikfest in Düsseldorf, was wie [ich] höre, zu Pfingsten ist, ein Plätzchen für mich haben – unter dem Namen Schauroth, da ich bereit bin dort zu spielen. Ein Beethoven-, Mozart-, Mendelssohnsches Concert, wie Sie wollen, Stockhausen kömmt auch, wie ich höre. Ich glaube, daß sowie mein Plan bey meinen ausgebreiteten Bekanntschaften bekannt ist, er Beyfall finden wird. Bitte mir recht bald freundlichst Nachricht geben zu wollen, und mich unbekannterweise Ihrer Frau Gemahlin zu empfehlen. Mit der aufrichtigsten Verehrung Ihre Delphine Knight. geb. v. Schauroth.“[74] Wie ersichtlich ist, bemühte sich Delphine von Schauroth – diesmal unter ihrem Mädchen- und Künstlernamen – forciert um eine Rückkehr ins öffentliche Musikleben. Das von Hiller geplante Musikfest fiel aber aus finanziellen Gründen aus.

In den 1860er Jahren trat sie wieder vermehrt auf, diesmal in Berlin: „In einer Matinée beim Musik-Dir. Radecke am 30. [November 1862] hörten wir Mendelssohns herrliches D-Moll Trio für Pianoforte, Violine und Violoncell ganz vorzüglich vorgetragen. Den Clavierpart spielte Frau Delphine Baronin von Knight-Schauroth.“[75] Das nächste Mal, am 14. März 1863 tritt sie in einem Benefizkonzert auf: „Den Berlinern war für den 14. März der seltne Genuss bestimmt, in einem Concert zum Besten armer kathol. Waisenkinder die Baronin Delphine von Schauroth, bekannt durch ihre freundschaftliche Beziehung zu Mendelssohn, des letzteren ihr zugeeignetes Clavierconert spielen zu hören.“[76] Mit Rekurs auf die Entstehungsgeschichte des g-Moll Konzerts wird der Aufritt ausführlicher rezensiert: „Frau Baronin von Schauroth ist am 14. März in einem von sechs adeligen Damen zu milden Zwecken veranstalteten Concert als Pianistin aufgetreten. Mit einer bedeuteten Technik und Kraft vereinigt sie eine so geistvolle und feurig lebendige Vortragsweise, wie man ihr selten bei einer Frau begegnet. Es wird den Lesern Mitheilung von Interesse sein, daß Mendelssohn diese Dame vor seiner italienischen Reise als ganz junges Mädchen kennen lernte und von ihrer Anmuth und ihrem Talent so bezaubert war, daß er sein berühmtes Gmoll-Concert innerhalb drei Tagen für sie schrieb und es ihr widmete. Unter dem Namen Delphine Hill-Handley hat die genannte Dame auch einige Clavier-Compositionen, veröffentlicht, ein Cappriccio in Bmoll und eine Sonate in Es-dur, beide gehaltvoll und empfunden. Frau von Schauroth wird auch im dritten Abonnement-Concert des Herrn Muisikdirector Robert Radecke nochmals auftreten, dasselbe findet am 26. März statt und es kommt darin außerdem die neunte Sinfonie von Beethoven zur Aufführung.“[77] Im dritten Konzert allerdings spielte sie nicht, denn „die genannte Dame hatte sich am Abend vor dem Concert plötzlich unwohl melden lassen, doch sagt das Gerücht, der hohe Adel habe ihr Auftreten in einem bürgerlichen Abonnement-concert gemißbilligt.“[78] Die in zitierter Rezension „bedeutende Technik und Kraft“, die man selten bei einer Frau antreffe, konstatierte schon Felix Mendelssohn Bartholdy, als er sich 1831 nach seiner Italienreise wiederum in München aufhielt.: „….auch zu Schauroths gehe ich zuweilen Abends und lasse mir von Delphine vorspielen, ich glaube fast, ich habe nie so schön Clavier spielen hören, sie hat seit dem vorigen Jahre sich so merkwürdig gebessert, daß man ihr Spiel kaum wiedererkennen würde; es sprüht alles von Feuer und Geist, und dabei ist die Aufführung so kraftvoll und leicht, daß nichts fehlt. Gestern spielte sie die Sonate aus dmoll von Weber; wie sie das letzte Stück anfing, wurde mir ganz bange, denn sie fuhr mit solcher Gewalt in so schnellem Tempo hinein, daß ich dachte es wäre unmöglich; aber sie führt es bis zu Ende durch. Und was ich noch mehr bewunderte, war wie sie mein verrücktes Capriccio in fismoll spielt, das Stück gefiel mir selbst wieder, wie sie es herunterdonnerte, es kamen eine Menge Feinheiten und Nuancen zum Vorschein, die ich nie hatte herausbringen können, und das Tempo war so schnell, wie ich es nur je gewünscht hatte. Ebenso auch die kleinen Stücke aus Wales; dazu ist sie noch sehr hübsch geworden; sieht fast den gestickten Fischen ähnlich, wie fängt es da ein junger Musiker an, um nicht für sie zu schwärmen?“[79] Ein größeres Lob von kongenialer Interpretation ist ja kaum denkbar! Und es verwundert nicht, dass Delphine von Schauroth jenes ihr gewidmete Konzert lebenslang in ihrem Repertoire hatte und damit verbunden auch die Erinnerung an das gemeinsame Musizieren in München. Ihren augenscheinlich letzten öffentlichen Auftritt hatte sie am 4. Februar 1870 in Leipzig im dortigen Gewandhaus. Ich vermute, dass sie dieses Konzert bewusst als Abschiedskonzert ihrer Karriere geplant hat. „Am 4. ‚Mendelssohnfeier‘ von Delphine v. Schauroth zum Besten einer Mendelssohnstiftung für arme Talente“, so die Ankündigung in der Neuen Zeitschrift für Musik.[80] Wie D. Hofmann ausführt ist das Programm diesmal vollständig bekannt: „Concert in G moll von Mendelssohn, Rondo Cappriccioso in E Dur genannt Toccata von Mendelssohn: 2 Lieder ohne Worte aus dem 1. Heft von Schauroth, Präludium von Bach; Nocturne in Es Dur u. Valse melancolique in a moll von Chopin; 2 Lieder ohne Worte in E Dur und A Dur von Mendelssohn: Ich liebe dich/Freudiger Abschied von Paris.“[81] Diese Auswahl von Musikwerken wäre als eine Art imaginärer musikalischer Dialog zwischen Delphine von Schauroth und Felix Mendelssohn Bartholdy zu charakterisieren, denn es ist auffällig, dass sie nur ihren Mädchenamen benutzt, zudem spielt sie auch Bach wohl als Referenz für Mendelssohn. Hier der Wortlaut der Rezension: „Leipzig: Frau von Schauroth, der Mendelssohn Bartholdy vor 40 Jahren sein G moll Konzert dedicierte, gab am 4. Feb. zur Feier von Mendelssohns Geburtstage im Saale des Gewandhauses leider vor einer kleinen Zahl von Zuhörern ein Concert, welches sie ausschließlich durch ihre eigenen Solovorträge auf dem Pianoforte ausfüllte. Daß sie zu jener Zeit, als sie den Jüngling zu einer seiner besten Compositionen inspirirte, eine eminente Künstlerin gewesen sein müsse, war selbst jetzt noch erkennbar, wo ihr Spiel nur mehr an seine frühere Größe zu erinnern vermochte und durch vieles Manirirte und Verzerrte getrübt erschien. Namentlich waren ihre eigenen Kompositionen, so wie ihre im Character der Improvisation gehaltenen Zuthaten zu zwei Compositionen von Chopin für uns von besonderem Reiz.“[82] Ein weiteres Dokument, das von der gedanklichen Verbundenheit mit Mendelssohn zeugt, ist ein Brief an Paul Mendelssohn, dem Bruder des Komponisten. Nachdem sie aus einer Zeitschrift erfahren hatte, dass dieser gemeinsam mit Droysen die Briefe seines Bruders Felix edieren wolle, bietet sie ihm an sowohl den Brief an ihre Mutter Louise als auch einige autographe Werke an, die für sie geradezu Reliquien seien. Sie bittet aber auch um die spätere Rücksendung, da sie beabsichtige, diese Dokumente an Carl Mendelssohn Bartholdy zu vererben.[83]

Über den Zeitraum nach 1870 ist fast nichts mehr zu erfahren. Im Grove Dictionary von 1833 heißt es: „….She is now living in Charlottenburg (1881)……It is a matter of great regret that a life which began so brilliantly should, to all appearance, be so much overclouded at its close.”[84] Leider ist nicht zu ersehen, worauf diese Bemerkung sich bezieht. Eine weitere Notiz findet sich im Personalbogen ihrer verstorbenen Mutter vom 20.12.1877: „Tochter Delphine verehelichte sich in II Ehe mit Edward Knight zu Potsdam, welcher zu Frankfurt am Main verstorben.“[85]

Bild (18)
Titelbild „Sechs Lieder ohne Worte“ op. 18; Quelle, Staatsbibliothek Berlin, Musikabteilung.
Delphine von Schauroth, Stammbuchblatt, München 23. April 1829, in: Heinrich Panofka, Ein Musikalisches Stammbuch, Faksimile 9r, hrsg. v. Eva-Brit Fanger, Tutzing 2007.
Delphine von Schauroth, Stammbuchblatt, München 23. April
1829, in: Heinrich Panofka, Ein Musikalisches Stammbuch, Faksimile 9r,
hrsg. v. Eva-Brit Fanger, Tutzing 2007.

Wie aus den Briefen Fanny Hensels aus München als auch aus Konzertkritiken ersichtlich ist, scheint Delphine sehr gerne improvisiert zu haben. Es ist gut vorstellbar, dass aus dem improvisatorischen Spiel der Wunsch entstanden ist, auch selbst zu komponieren, denn von Kompositionsstudien ist nichts überliefert. Möglich ist natürlich, dass sie während ihres Unterrichts bei Kalkbrenner einige musiktheoretische Grundlagen gelernt hat. Ihre ersten beiden Kompositionen sind von 1829 und 1830. Die erste befindet sich im Musikalischen Stammbuch von Heinrich Panofka: Das 16 Takte umfassende „Andantino“ in As-Dur ist auf den 29. April 1829 datiert und von Delphine von Schauroth signiert.[86] Heinrich Panofka (1807-1887) war Geiger, Komponist, Gesangslehrer und Musikschriftsteller, und musikalische Stammbücher waren damals in Mode. Bedeutende Komponisten wie Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Hector Berlioz, Franz Liszt und Johannes Brahms sind mit Eintragungen vertreten. Das am 21. Juli 1830 in einer Nacht entstandene „Lied ohne Worte“ für Felix, welches er in seine Autographensammlung aufnahm, steht sicherlich mit Bedacht in E-Dur, also in derselben Tonart wie Mendelssohns Rondo capriccioso op. 14, so dass wir wie bei ihrem letzten Konzert von einer Idee musikalischen Dialogisierens ausgehen können . Wann sie die weiteren fünf Lieder ohne Worte komponierte ist nicht bekannt. Ihre „Sechs Lieder ohne Worte“ erschienen 1870 als op. 18 bei Robert Setz in Leipzig & Weimar. Ihre weiteren gedruckten Werke wurden unter ihrem damaligen Ehenamen Hill Handley publiziert. Ihre Sonate brillante (c-Moll) von 1835 (Wien, Diabelli) und ihre Caprice in b-Moll (Diabelli, Wien 1836) wurden bekanntlich von Robert Schumann besprochen: „Wahrhaftig, ein ganzes achtzehntes Jahr liegt in der Sonate; hingebend, unaussprechlich, liebenswürdig, gedankenlos – ach! Was sie nicht alles ist, – auch ein wenig gelehrt. Lauter Augenblick, Gegenwart klingt heraus. Keine Angst um das, was geschehen, keine Furcht vor dem, was kommen könnte. Und wäre gar nichts daran, man müßte die Corinna=Schwester loben, daß sie sich von der Miniatur=Malerei weg zu höheren Formen wendet und ein Bild der Lebensgröße geben will. Hätte ich doch dabei sein können, wie sie die Sonate niederschrieb! Alles hätte ich ihr nachgesehen, falsche Quinten, unharmonische Querstände, schiefe Modulationen, kurz Alles; denn es ist Musik in ihrem Wesen, die weiblichste, die man sich denken kann; ja sie wird sich zur Romantikerin hinaufbilden und so ständen mit Clara Wieck zwei Amazonen in den funkelnden Reihen.“[87] Die Kritik der Caprice ist von ähnlicher Art: „Den Kindern wird’s im Traum beschert. Die Caprice von Delphine Hill Handley, manchen vielleicht unter dem Namen Schauroth bekannter und lieber, gehört mit allen ihren kleinen Schwächen zu den liebenswürdigen. Die Mängel sind welche der Ungeübtheit, nicht des Ungeschicks; der eigentliche musikalische Nerv fühlt sich überall an. Diesmal ist es noch eine sehr zarte leidenschaftliche Röthe, die dies Miniaturbild interessant macht.“[88]

Das Wirken Delphine von Schauroths scheint schon zu ihren Lebzeiten in Vergessenheit geraten zu sein, denn bisher findet sich keinerlei Notiz, die von ihrem Tode berichtet. In den meisten Artikeln wird das Sterbejahr mit 1887 in München angegeben. Zunächst wurde die Erinnerung an Delphine von Schauroth nur im Zusammenhang ihrer Freundschaft mit Mendelssohn wahrgenommen. Dank der Genderforschung ist es inzwischen klar geworden, dass sie eine Künstlerpersönlichkeit eigenen Rechts ist und zu den bedeutendsten Interpretinnen des 19.Jahrhunderts gehörte. Inzwischen sind ihre „Lieder ohne Worte“ auf einer CD zugänglich.

Zum Abschluss sei noch ein Gedicht zur Zeit ihres Wirkens in München zitiert, das leider nicht gerade gelungene Metaphern bemüht, aber gleichwohl von ihrer damaligen hohen Anerkennung einen Eindruck vermittelt.

 

  • Was willst du denn aus den gewöhnten Kreisen,
  • Oh Zauberin! Den Geist von hinnen reißen?
  • Zurück, zurück! Mit den gewalt’gen Gluthen,
  • Gieß sie nicht aus in meines Lebens Fluthen.
  • Nicht fassen kann ich sie und nicht bezwingen
  • In meines Herzens neu empörter Lust —
  • Ich bin dahin, denn deine Zauber dringen,
  • Mit Krieg und Sieg in die verwaiste Brust.
  • Kann so aus deines Spieles sanften Klängen
  • Sich ein Orkan in meine Seele drängen?
  • Der süße Schmelz in lieblichem Entfalten,
  • Wie paart er sich mit stürmischen Gestalten?
  • Es ist der Geist des Schönen und des Guten,
  • Frisch taucht er auf in meines Lebens Fluthen ­—
  • Vernichtend alles Schwache und Gemeine,
  • Freistürmend alles Göttliche und Reine.[89]

 

Monika Schwarz-Danuser

  • [1] Kirchenbuch St. Johannis, Magdeburg.
  • [2] Die beiden Schwestern lebten eine Zeitlang bei der Mutter in München sowie mitunter auch der ältere Halbbruder  Friedrich. Dies geht aus den Münchener polizeilichen Meldebögen (PMB) hervor sowie aus einem Brief Felix Mendelssohn Bartholdys  an Delphines Mutter aus dem Jahre 1832.  Er schreibt: „Hochgeehrte Frau Baronin! Diese Zeilen schreibe ich auf den Knien, und mit gerungenen Händen, wenn es anders möglich wäre, so zu schreiben! Einen so reuigen Briefanfang, wie diesen, habe ich selten machen müssen. Wahrscheinlich werden Sie die Unterschrift lesen, und dann gar nicht weiter lesen, sondern den ganzen Brief entweder verbrennen, oder zum Garnknäuel gebrauchen; sodaß er erst in einem halben Jahre wieder zum Vorschein kommt; oder Fräulein Louise wird Bleistifte drauf probiren, oder Fräulein Delphine Notenfedern.“ Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 2, hrsg. und kommentiert v. Anja Morgenstern u. Uta Wald, Kassel 2009, S. 531.  In einem Brief Delphine von Schauroths vom 2. September 1834 an Mendelssohn in Düsseldorf heißt es zum Schluss: „ Mama und meine Schwester lassen sich Ihnen vielmals empfehlen…“ Oxford, Bodlein Library. Mendelssohn-Sammlung (Letter 26). Und im Münchener Polzeibogen von Friedrich Wilhelm von Schauroth heißt es in der Rubrik „Familienverhältnisse“ „zwei Schwestern Louise und Delphine letztere verwittwet.“ Da für diese Eintragungen kein Datum zu ersehen ist, wird der Eintrag ca. ab1843 erfolgt sein, da Delphines Ex-Mann Edwin Hill Handley 1843 verstorben ist.
  • [3] Taufurkunde im Kirchenbuch von St. Johannis in Magdeburg und polizeiliche Meldebögen aus München.
  • [4]Neues Universallexikon der Tonkunst, bearb. u. hrsg. v. Bernsdorf, Eduard, 3. Band, Offenbach 1861, S. 313.
  • [5] Neue Zeitschrift für Musik, Leipzig, Jg. 1835, No 31, S. 125.
  • [6] The London Magazine, July to December 1823, S. 548.
  • [7] Moscheles, Ignaz, Aus Moscheles Leben nach Briefen und Tagebüchern, hrsg. v. seiner Frau (Emden, Charlotte) Bd. 1, Leipzig 1872, S. 76.
  • [8] Vgl. Hofmann, Dorothea, „Tag und Nacht möchte man so spielen hören…“ Notizen zu Delphine von Schauroth“, in: Musik in Bayern, Heft 60, Tutzing 2001, S. 61.
  • [9] Zit. nach ebd.
  • [10] Zit. nach ebd.
  • [11] Ramann, Lina, Franz Liszt als Künstler und Mensch, Bd.1, Leipzig 1880,  S. 70.
  • [12] Gotha, Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser, 1902, S. 751.
  • [13] Bamberger Intelligenzblatt: Amts-Blatt für die Kgl. Bezirksämter Bamberg I, etc. S. 679.
  • [14] AMZ, Bd. 29, 1827, Mai Nr. 20, Sp. 340.
  • [15] Kirchenbuch Magdeburg , Dom, Mlle Teltz.
  • [16] Polizeiliche Meldebögen München, Stadtarchiv.
  • [17] Jost, Christa, Im Odeon und auf der Wies’n. Felix Mendelssohn Bartholdy fand das Leben in München behaglicher als in Berlin, Literatur in Bayern, 49, 1997, S. 53.
  • [18] Mendelssohn Bartholdy, Felix, Sämtliche Briefe, Band 1, hrsg. u. kommentiert v. Juliette Appold u. Regina Back, Kassel 2008, S. 147.
  • [19] Ebd. S. 150.
  • [20] Der Baron de Trémont (1779-1852), mit hohen Ämtern in der Politik betraut, langjähriger Geliebter der ersten Klavierprofessorin am Pariser Conservatoire Hélène de Montgeroult , war ein ausgesprochener Musik- und Kunstliebhaber, der einen musikalischen Salon unterhielt und über zahlreiche Kontakte verfügte. Er kannte Marie Bigot und deren Mutter Madame Kiéné,  Boëly,  Baillot, Chopin, Lizt und viele mehr.
  • [21] Allgemeine musikalische Zeitung, Leipzig 1828, Nr.22 Sp. 359f.
  • [22] Münchener Allgemeine Zeitung 2, 1828, Sp. 408.
  • [23] Gotha, Genealogisches Taschenbuch, 1902, S. 751.
  • [24] Zit. nach Jost, Christa, Im Odeon und auf der Wiesn, S. 53.
  • [25] Münchner Tagblatt, 1829, No 196, 16. Juli, S. 847.
  • [26] In Lille in Flandern wurde die Schwester Louise geboren.
  • [27] Münchener Conversationsblatt, no. 75, 28. Juli 1829.
  • [28] Österreichischer Beobachter, No. 200, 19. Juli 1829.
  • [29] Münchener Conversationsblatt, 1829, S.330.
  • [30] Das Inland: ein Tagblatt für das öffentliche Leben in Deutschland, mit vorzüglicher Rücksicht auf Bayern; München 1829, No 7, H. 12, S .873.
  • [31] Mendelssohn Bartholdy, Felix, Sämtliche Briefe, Bd.1, S. 552.
  • [32] Ebd.
  • [33] Reich, Willy, Felix Mendelssohn im Spiegel eigener Aussagen und zeitgenössischer Dokumente, Zürich 1970, S. 147.
  • [34] Felix Mendelssohn Bartholdys Briefwechsel mit Legationsrat Karl Klingemann, hrsg. u. eingel. v. Klingemann, Karl, Essen 1909, S. 82ff.
  • [35] Reisebriefe von Felix Mendelssohn Bartholdy aus den Jahren 1830 bis 1831, hrsg. v. Mendelssohn Bartholdy, Paul, Leipzig 1862, 3. Auflage, S. 382f.
  • [36] Mendelssohn Bartholdy, Felix, Sämtliche Briefe, Bd. 1, S. 544ff.
  •  [37] Fanny und Felix Mendelssohn, „Die Musik will gar nicht rutschen ohne Dich“, Briefwechsel 1821 bis 1846, hrsg. v. Weissweiler, Eva, Berlin 1997, S. 116ff.
  • [38] Werner, Eric, Mendelssohn, Leben und Werk in neuer Sicht, Zürich 1980, S. 214.
  • [39] Mendelssohn Bartholdy, Felix, Sämtliche Briefe, Bd. 2 hrsg. u. kommentiert  v. Anja Morgenstern und Uta Wald, Kassel 2009, S. 404.
  • [40] Richter, Brigitte, Frauen um Felix, Frankfurt am Main 1998, 2. Aufl., S. 77.
  • [41] Briefe von Felix Mendelssohn Bartholdy an Ignaz u. Charlotte Moscheles, hrsg. von Moscheles, Felix, Leipzig 1888, S. 87.
  • [42] Zit. nach Richter, Arnd, Mendelssohn, Mainz 1994, S. 313.
  • [43] Autograph, Oxford, Bodleian Library, Mendelssohn-Sammlung, Letter 26 (4 Seiten).
  • [44] Fanny und Felix Mendelssohn, Briefwechsel 1821 bis 1846, S. 317, 19. September 1839.
  • [45] Fanny Hensel Tagebücher, hrsg. v. Elvers, Rudolf u. Klein, Hans-Günther, Wiesbaden 2002, 19. September, S. 98.
  • [46] Ebd.
  • [47] Ebd. S. 98f.
  • [48] The Letters of William and Dorothy Wordsworth. “.Ed., VI, Ed. Hill, Alan G., Oxford 1982, S. 327, Anm. 2.
  • [49] Polizeiliche Meldebögen München, Handley, Edwin Hill, Stadtarchiv München
  • [50] Reeve, Henry, Memoirs of the Life and Correspondence of Henry Reeve, hrsg. v. Laughton, K. J., London 1893, 2. Aufl., S. 26.
  • [51] Ebd. S. 27.
  • [52] Ebd. S. 30.
  • [53] Münchener Tagblatt, 1833, 7. Jg., S. 1068.
  • [54] Münchener Tagblatt, No 260, Samstag den 21. Septbr. 1833, S. 329.
  • [55] Polizeiliche Meldebögen, Stadtarchiv München
  • [56] Zit. nach Hofman, „Tag und Nacht möchte man so spielen hören“, S. 68f.
  • [57] The Letters of William and Dorothy Wordworth, V., hrsg. v. Hill, Alan G., Oxford 1979, S. 219.
  • [58] Die Custody of Infants Bill war, soweit ich das eruieren konnte, ein Gesetzesentwurf, in dem es um die Rechte geschiedener Ehepartner bezüglich der gemeinsamen Kinder ging.
  • [59] Wordsworth, Letters, Brief vom 18. April 1836, S. 203.
  • [60] Wordsworth, Letters, 2. Ed., Bd. V, Oxford 1979, S. 167.
  • [61] Reeve, Henry, Memoirs, S. 66.
  • [62] Ebd. S. 68.
  • [63] Allgemeine musikalische Zeitung, 41. Jg., Leipzig 1839, Juni No. 25, Sp. 486.
  • [64] Krasiński, Zygmunt, Listy do Adama Soltana, Lwów 1883, Brief 37, S. 142. Fußnote 2: “Es geht um Delfine von Schauroth, damals geschieden von Edwin Hill Handley, einem Freund von Reeve; sie war Hofdame und Pianistin der Königin Karoline von Bayern. In sie war Konstanty Danielewicz verliebt und ab 1840 offiziell mit ihr verlobt.“
  • [65] Krasiński, Zygmunt, Listy do Adama Soltana, Brief 37, Wien 17. 1. 1837, S. 140, Fußnote 2.
  • [66] www.kronos.org.,kronos 2 (25) 2013.
  • [67] Krasiński, Zygmunt, Listy do Adama Soltana, S. 140, Fußnote 2.
  • [68] Krasiński, Zygmunt, Hundert Briefe an Delfina, ausgewählt u. eingeleitet v. Kott, Jan, Frankfurt a. M. 1967, S. 112. Krasińki hatte einen katholischen Priester herbeigebeten, der Danielewicz die letzte Ölung erteilte. Da Delphine protestantisch war, wurde sie aus dem Sterbezimmer gebeten.
  • [69] Polizeiliche Meldebögen München, Stadtarchiv München. Auf dem Meldebogen von Louise von Schauroth findet sich der Eintrag: „Soll im Jahre 1846 in München gestorben sein.“
  • [70] Klämpfl, Joseph, Geschichte der Grafschaft Neuburg am Inn, Landshut 1865, S. 118.
  • [71] Polizeiliche Meldebögen München, Stadtarchiv München.
  • [72] Ebd.
  • [73] Krasiński, Zygmunt, Listy do Adama Soltana, S. 425, Anm.2.
  • [74] Aus Ferdinand Hillers Briefwechsel, 1826-1861, hrsg. von Sietz, Reinhold, Köln 1958, S. 139.
  • [75] Neue Zeitschrift für Musik, Leipzig, den 26.Dezember 1862, Nr. 26, S. 236.
  • [76] Allgemeine musikalische Zeitung, Neue Folge 1, Leipzig 1863, Nr. 18 ,Sp. 223.
  • [77] Zit. nach Hofmann, „Tag und Nacht möchte man so spielen hören…“, S. 73f.
  • [78] Signale für die musikalische Welt, 21, Leipzig 1863, Nr. 18, S. 286.
  • [79] Mendselssohn Bartholdy, Felix Sämtliche Briefe Juli 1830 bis Juli 1832, Kassel 2009, S. 394.
  • [80] Neue Zeitschrift für Musik, 66 (1870), Nr. 7 S. 71.
  • [81] Hofmann, „Tag und Nacht möchte man so spielen hören…“, S. 76.
  • [82] Signale für die musikalische Welt, 28, Leipzig 1870, Nr. 10, Sp. 149.
  • [83] http://Kalliope-verbund info; DE-Mus-853418-AUT0001, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Sammlung Autographe.
  • [84] A Dictionary of Music and Musicians, ed. by Sir George Grove, Vol. III, London 1883, S. 242.
  • [85] Polizeiliche Meldebögen München, München Stadtarchiv, unter der Rubrik Bemerkungen.
  • [86] Panofka, Heinrich, Ein Musikalisches Stammbuch. Faksimile, hrsg. v. Fanger, Eva-Brit, Tutzing 2007.
  • [87] Neue Zeitschrift für Musik, Leipzig, Jg.1835, No 32, 17. April, S. 125.
  • [88] Gesammelte Schriften über Musik und Musiker von Robert Schumann, hrsg. v. Kreisig, Martin, Bd. 1, Leipzig 1914, S. 238.
  • [89] Saphir, Moritz Gottlieb, Der Bazar für München und Bayern: ein Frühstücksblfür Jedermann u. jede Frau, München 1830, S. 620.

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