„Beziehung“ aus der Sicht eines Musikerkollegen

von Gerhart Darmstadt
Für Beatrix Borchard zum 65. Geburtstag

 

Liebe Beatrix,

wir haben uns ja schon lange vor Deiner Hamburger Musikhochschulzeit kennen- und schätzen gelernt. Die erste Begegnung war 1997 anlässlich eines Mendelssohn-Symposiums zusammen mit Christa Jost in Halberstadt. – Ich denke gerne zurück an viele gemeinsame Projekte in Deinen Hamburger Ringvorlesungs-Reihen (oft zusammen mit Isolde Kittel-Zerer), die uns HörerInnen wie auch ReferentInnen gleichermaßen bereicherten und den Hochschulalltag sehr belebt haben. Dazu kommen noch Deine vielfältigen Publikationen, die mir zum Teil eine ständige und unentbehrliche Arbeitshilfe waren und sind, sowie unser Austausch bei so manchen Recherchen und Überlegungen. –  Darf ich Dir zum Geburtstag einige meiner bildhaften Gedanken über das Wesen der Beziehung und die Aufhebung bzw. Verwandlung des möglicherweise Gegensätzlichen schenken?

Wenn wir eine schwingende Saite nehmen und zu zweit an beiden Enden richtig ziehen, haben wir im wahrsten Sinne des Wortes eine Be-Ziehung. Eine gute Beziehung beruht auf Ebenbürtigkeit. Die Saite klingt nur dann gut, wenn sie an beiden Enden gleich stark gezogen bzw. gehalten wird, wenn der Zug stabil ist. Wie hoch oder wie tief der Klang ist, hängt von der Zugfestigkeit ab. Je stärker der gleichwertige Zug, umso höher und gespannter ist die Beziehung. Zu stark oder zu schlaff gezogen, ergeben sich keine erfreulichen Klangergebnisse.

Eine solche Beziehung funktioniert überhaupt nicht bei einer Nicht-Gleichwertigkeit. Sowie wir die Saite loslassen, ist gar keine Beziehung mehr vorhanden. Spannen wir mit gleicher Zugkraft, sind wir zwar gleichwertig, aber auch polar gegenüber platziert. Das heißt, eigentlich bleiben wir in dieser Gegenüber-Stellung doch getrennt. Alleine haben wir auch in Wirklichkeit alle lebenswichtigen Dinge selbst zu tun, zu entscheiden und zu verantworten.

Aber neben dem Gefühl des Getrennt-Seins, des Allein-Seins, gibt es auch das Verbindungsgefühl im All-Ein-Sein. Das Verbunden-Sein kommt zu seiner Erfüllung in der Mit-Teilung, einer Teil-Nehmung (Anteilnahme) in der Mitte. Bei der Ver-Mittlung auf der schwingenden, von beiden Seiten gehaltenen Saite ergibt sich die Oktave. Der geteilte Grundton der Saite klingt nun für beide Seiten mittig geteilt um eine Oktave höher. Wir werden dadurch gleichsam belebt zu einer höheren Erkenntnis, zu dem einenden Prinzip des Heilandes, der als Mittler zwischen uns beide Seiten aus ihrer Eigen-Art erheben kann zu einer verwandelbaren Begegnung in der Mitte. Die Mitte schenkt uns immer neu erlebbare Möglichkeiten einer Verbindung, die uns aus der Vereinzelung zu einer glücklicheren Gemeinsamkeit führen kann.

In der Überwindung solcher die einende Verbindung gefährdenden Gefühle wie Zweifel, Zwietracht, Zwist und Entzweiung (lauter Trennwörter mit der Zahl 2) wird das Glück der Einheit, der alle Gegensätze überwindenden Liebe, ahn- und erlebbar. Das bedeutet, eine Beziehung zu zweit (!) ist nicht ausreichend, wenn nicht das liebende Eine, das beide Einende hinzukommt. Das Heilmittel gegen das negative Eine, Nicht-Einende, gegen den Egoismus, ist Inter-Esse (Dazwischen-Sein) und Mit-Gefühl. – Das verlorene Paradies der biblischen Urgeschichte mit seinen für immer verschlossenen Toren bekommt hier sein neues Gegenüber in der Vision des sich immer mehr öffnenden Tores zu dem neuen Heil-Land, dem zukünftigen himmlischen Jerusalem.

Wir Menschen wurden durch die Vertreibung aus dem Paradies, der nicht trennbaren Ur-Einheit, in eine Welt der Gegensätze versetzt, in der wir seither unterscheiden können zwischen Gut und Böse bzw. zwischen allen anderen möglichen Gegensätzen. Wir finden keine beglückende Einheit, wenn wir hauptsächlich Ziele verfolgen, bei denen es primär uns wohl ergeht und wir nur aller eigenen Sorgen ledig sind.

Stattdessen schaffen wir mit an einem neuen Paradies, wenn wir liebend lernen, das Verbindende aller uns erkennbaren Gegensätze zu suchen und zu finden. Mathematisch heißt die Formel: 1 + 2 = 3. Musikalisch übersetzt durch die Brille von Andreas Werckmeister (1707) bedeutet dies: Das All-Eine des Grundtons (Basis, Unisonus), zusammen erlebt mit der heilenden Vermittlung der Oktave, führt zu einer neu inspirierenden Erkenntnis mit dem geistigen Erlebnis der Quinte.

Finden wir diese heilende Mitte, die es uns ermöglicht, wirklich zu verzeihen, und erleben wir im Innersten das uns immer neu verbindende Dritte im Sinne einer nicht an Bedingungen geknüpften Liebe, so spüren wir selige Augenblicke einer überzeitlichen Verbindung. Hier ist sogar das Wesen der Trinität vorsichtig erahnbar!

Unsere Erdenexistenz scheint angeblich nur durch polare Gegensätze erklärbar zu sein. Das ist auch der Grund allen Zwistes und aller Feindschaft. Eigentlich ist unsere Welt wohl durch eine paradoxe Wirk-lichkeit besser beschrieben. So leben wir hier eher in einem Sowohl-als-auch.

Sind wir bereit, beide (oder noch mehrere) Seiten von etwas gleichwertig anzuschauen, und finden wir Verständnis und Empathie für sie, so erkennen wir den jeweils guten Grund für die Eigenart des Anderen. Statt zu ver-ur-teilen, vertiefen wir uns lieber in die Vorzüge des Gegenübers und finden dadurch neue die Liebe fördernde Begegnungs-Möglichkeiten.

Die aufsteigende Oktave der Mitte zu suchen, braucht nach Johann Sebastian Bachs Schule Freude, Mut und Aufmunterung (Begeisterung). Das Geschenk der sich herabneigenden Oktave dagegen ist sehr beruhigend [Johann Philipp Kirnberger (1776)].

Unser Leben stellt uns im Wechsel viele fordernde Aufgaben, Chancen und Geschenke bereit, mit denen wir auf vielerlei Art umgehen können…

 

In diesem Sinne alles Liebe und noch viele Jahre voller Freude, Kraft und bereichernder Impulse

 

Dein

‹ zurück