B.E.A. – F.A.G. (frei aber gemeinsam)

von Kirsten Reese

B.E.A. – F.A.G. (frei aber gemeinsam) Klanginstallation für im Raum verteilte Lautsprecher mit Gesangs- und Geigenklängen, Musikfragmenten und -spuren und Archivklängen Interaktives Modul für Stimme

26.5.-1.7.2016, 13.30 und 18.30 Uhr

Dauer: 17 Minuten

Foyer Budge Palais der Hochschule für Musik und Theater Hamburg

Beatrix Borchard anlässlich ihres Abschieds von der HfMT gewidmet

 

F.A.E. – frei aber einsam – war das Motto des Geigers und Pädagogen Joseph Joachim. Ihm zu Ehren komponierten Johannes Brahms, Robert Schumann und Albert Dietrich die sogenannte F.A.E. Sonate. Stimme und Geige, unter diesem Motto forschte Beatrix Borchard über Joseph Joachim und seine Frau, die Sängerin Amalie Joachim. F.A.G. – frei aber gemeinsam – könnte ein Leitmotiv der Tätigkeiten Beatrix Borchards lauten: unabhängiges, konzentriertes Forschen, Schreiben, Unterrichten, aber in einem Netz von Bezügen. In der Installation erklingen Fragmente, Überlagerungen und Transformationen von für Beatrix Borchard wichtigen Musikwerken und Interpretationen von MusikerInnen.

  • Geige: Biliana Voutchkova
  • Stimme: Beatrix Borchard, Agnes Meadowcroft und andere
  • Musik und Gesang: Janet Baker, Johannes Brahms, Maria Callas, Fréhel, Elisabeth Grümmer, Pavel Haas, Adriana Hölszky, Fanny Hensel, Joseph Joachim, Linie 1, Joseph Schmidt, Pauline Viardot, Franz Schubert, Clara Schumann

Sechs Lautsprecher sind im Foyer des Budge Palais installiert – integriert in die Architektur des Raumes im Eingangsbereich vor dem Fanny Hensel-Saal, in dem Beatrix Borchard ihre musikalischen Salons moderierte und der auf ihre Initiative Fanny Hensel-Saal benannt wurde.

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Aus Joseph Joachims F.A.E. – frei aber einsam – wird bei Beatrix Borchard F.A.G. – frei aber gemeinsam.

Beide Aspekte sind wichtig: das freie Forschen, auch das einsame Forschen (die Konzentration beim Schreiben, das kompromisslose den-eigenen-Gedanken-Nachgehen – hier hat Freiheit etwas mit Einsamkeit zu tun), es geht auch um die Freiheit außerhalb des Forschungsbetriebs zu denken, wie schon zu Beginn von B.B.s Forscherleben mit ihrer Promotion zum Leben und Wirken von Clara Schumann. Für ihr ‚am Rande stehenden‘ Thema entwickelte B.B. eine eigene, unabhängige, freie Methodik, die in der Verbindung eines sozialwissenschaftlichen Ansatzes mit der Gegenüberstellung von Quellenmaterial bestand.

Gemeinsam ist B.B.s Arbeitsweise zu nennen, weil sie stets in einem Netz von Bezügen stattfand – zum einen stellte ihre Forschung die Kontextualisierung ganz in den Mittelpunkt, alle Tätigkeiten ihrer Protagonist_innen – Komponieren, Interpretieren, Unterrichten, Fördern –  wurden im jeweligen persönlichen und kulturellen Umfeld betrachtet. Zum anderen entstanden aus den Forschungserkenntnissen Aktivitäten, bei denen es darum ging, auf andere Menschen zuzugehen und andere einbinden. Unzählige Hochschul-Projekte und Konzerte mit Studierenden, Musiktheaterprojekte, musikalische Lesungen aus ihren über Fachkreise hinaus rezipierten Büchern usw. zeugen davon.

„B.E.A. – F.A.G.“ hat zwei kompositorische Ausgangspunkte:

„Stimme und Geige“ sowie Musikstücke mit Komponist_innen oder Interpret_innen, die mir Beatrix Borchard als besonders wichtig in ihrem Lebens- und Berufsweg genannt hat.

Zu Beginn der in 13 Abschnitten komponierten Installation spielen wie in der „F.A.E.“-Sonate die Buchstaben des Titels als Tonhöhen eine Rolle, als einzelne Geigentöne wandern sie zu Beginn der Installation von Lautsprecher zu Lautsprecher und spannen ein Netz im Raum. Die Töne bilden ein zweigeteiltes Motiv, das zwischen Dur und Moll changiert, im ersten Teil dominiert der Tritonus, der zweite Teil kann versöhnlicher harmonisiert werden (wobei sich die Wahrnehmung von Harmoniebezügen durch die im weiteren Verlauf über elektronische Verfremdung entstehenden Tonschichtungen sowieso verschiebt).

Schere und Klebstoff

Bei der Komposition mit den von B.B. genannten wichtigen oder Lieblings-Musikstücken (von denen natürlich wiederum nur eine kleine Auswahl in „B.E.A. – F.A.G.“ erscheint) ging ich mit „Schere und Klebstoff“ vor. Montage als Methode war nicht nur für das Schreiben von B.B. zentral, auch als Kompositionsmethode existiert sie etwa bei Adriana Hölszky, worauf B.B. schon in den ersten Seminaren, die ich bei ihr besuchte, immer hinwies. Schere und Klebstoff (in der elektronischen Komposition eher „edit, copy and paste“) kann bedeuten

  • Rekontextualisierung: wenn etwa ein Musikstück in eine andere räumliche Situation (Lautsprecher im Foyer) oder in einen anderen Klangraum im übertragenen Sinn (z.B. Mahler Sinfonie eingebettet in die Klänge-Landschaft eines Hölszky Streichquartetts) übertragen wird
  • Kondensierung: wenn Zitate, Fragmente von Kompositionen kurz erklingen, Assoziationen auslösen, an Erinnerungen, an eigene Musikerfahrungen anknüpfen und sich dann wieder mit anderen Fragmenten verbinden; oder wenn Fanny Hensels „September“ in einem einzigen Klavierarpeggiorausch extrem zusammengestaucht wird (solche elektronisch generierten Verfahren können – möglicherweise? – spezifische Gedanken auslösen, beispielsweise dass sich Fanny Hensels Musik nicht entfalten konnte – solche Assoziationen liegen auf einer ganz anderen Ebene als sprachliche formulierte Herleitungen und Erkenntnisse, es sind nicht-sprachliche, mit künstlerischen Mitteln ausgelöste Gedanken…)
  • Schere und Klebstoff bedeuten in jedem Fall ein ungewohntes Aufeinandertreffen von Musikstilen (Mahler mit Hölszky, oder als extremeres Beispiel der 11. Abschnitt von „B.E.A. – F.A.G.“, wo Fragmente aus klassisch-romantischem Liedgut in Synagogengesang münden und so Fragen nach dem Zusammenhang von bürgerlicher „deutscher“ Kunstmusik des 18./19. Jh. mit jüdischen Musiktraditionen recht drastisch versinnbildlichen bzw. verklanglichen.

Die Stimme

Die Stimme kommt in „B.E.A. – F.A.G.“ zentral vor, vor allem über die vielen Interpretinnen, die B.B. als bedeutsam nannte. Als Kind stellte Beatrix sich vor den Spiegel und sang mit ihren liebsten Sängerinnen Opernarien (Geige spielte sie übrigens auch!) – und in der Installation begleitet oder kommentiert Beatrix‘ Gesang gelegentlich Musikfragmente. Überhaupt: mitsingen, singen! Was mich bei der Arbeit an „B.E.A. – F.A.G.“ beschäftigte, war ein Ausdruck einer Art von ‚Urfreude‘ am Musizieren, von den Kraft- und Inspirationsquellen des Musikmachens und -rezipierens, die sich für mich vor allem in einer aufblühenden und zugleich vollkommen verinnerlichten Stimme vermittelt. Letzten Endes kommen sogar die Stimme der erhabenen Solistin, eine jubilierende Kinderstimme und Beatrix‘ eigene Stimme, die über die Mittel der elektronischen Erweiterung und Transformation aufblättert wird, gleichwertig zusammen: jede/r kann beitragen zu der Geschichte und Gegenwart des Musikmachens – wieder ein wichtiger Bezug zu B.B.s Methoden und Ansätzen, bei denen es auf die Zugänge ankommt, über die Hierarchisierungen aufgebrochen werden und das Individuelle und dadurch Schöne ins Licht tritt. (Und die Stimme der Besucher_innen kann erklingen über das Mikrofon und das interaktive Modul, das aktiviert ist wenn die komponierte Fassung der Installation gerade nicht läuft.)

Nicht zuletzt verbindet sich „B.E.A. – F.A.G.“ mit der Methode des exemplarischen Arbeitens bei B.B. Durch die eingebundene Musik sich ein Ausgangspunkt, der sehr viel mit Beatrix‘ Person und musikalischer Biografie zu tun hat. Der Zugang ist ein persönlicher, der aber über die Person hinausgeht und exemplarisch steht für die biografischen Musikerfahrungen, -erinnerungen und -zuschreibungen von jedem oder jeder von uns.

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