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    von Martina Bick
    Namen:
    Rosalia Seger
    Lebensdaten:
    geb. in St. Martin bei Villach, Österreich-Ungarn
    gest. unbekannt
    Tätigkeitsfelder:
    Musikerin (Instrumentalistin?)

    Profil

    Die Musikerin Rosalia Seger aus Kärnten wurde 1941 mit ihren fünf Kindern in die Zigeuner-Anhaltelager Weyer und Lackenbach deportiert und ist in Lackenbach verschollen.

    Orte und Länder

    Rosalia Seger lebte zuletzt in Villach/Kärnten in Österreich, ehe sie in das Lager Weyer und von dort aus in das Lager Lackenbach im Burgenland verschleppt wurde. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt.

    Biografie

    Rosalia Seger, Sintezza, war von Beruf Musikerin und wohnte mit ihrer Familie zuletzt in der Kaserne Seebach Nr.8b in Villach, Kärnten. Am 30. Oktober 1941 wurde sie von der Villacher Kriminalpolizei verhaftet und mit ihren fünf Kindern Emma (geb. 1926), Anna (geb. 1927), Hubert (geb. 1929), Christine (geb. 1930) und Karl (geb. 1932) in das „Arbeitserziehungs- und Zigeuner-Anhaltelager St. Pantaleon-Weyer“ in Oberösterreich gebracht.

    „Im Lager Weyer waren auch ein Haufen Leute von Villach, lauter Sinti, die Seger, Taubmann, Held usw. Die haben da in Kärnten in einer großen Kaserne gewohnt, im Winter. Im Sommer sind sie auf Reisen gewesen. [...] Die Kärntner Sinti waren die allerbesten Musiker. Bis nach England sind sie gekommen zum Musizieren. Herrlich, einfach herrlich. Die überlebenden Sinti in Kärnten selbst sind damals noch rechtzeitig nach Italien abgehaut, viele waren es ja nicht.“ (Winter, „Wie es so war unser Leben“, S. 30, zit. nach Maurer Zenck 2016, online Publikation o.S.)

    Von Weyer aus wurde die Familie umgehend in das „Zigeuner-Anhaltelager Lackenbach“ im Burgenland deportiert. Der Mann ihrer Tochter Emma, Valentin Seger (geb. 1920), wurde ebenfalls in das Lager Lackenbach deportiert. Valentin Seger war von Beruf Hilfsarbeiter und legendärer Tormann beim FC-Seebach (vgl. http://www.net4you.com/haiderftp/namen/segervalentin.html, eingesehen am 2.11.2016).

    Rosalia Segers Tochter Christine wurde von Lackenbach aus zur Vernichtung nach Polen in das Ghetto von Łódz überstellt. Ob Rosalia Seger (und womöglich auch ihre anderen Kinder) „im November 1941 wie 5006 weitere Roma und Sinti aus der ‚Ostmark‘ nach Łódz deportiert und gleich im Ghetto oder etwas später in den Gaswagen von Chełmno umgebracht wurde; ob sie vielmehr als arbeitsfähig eingestuft wurde und daher in Lackenbach bleiben konnte, aber Anfang 1942 dort der Typhus-Epidemie erlag; oder ob sie später noch in ein KZ deportiert wurde oder der Deportation durch Zwangssterilisierung entging – das alles entzieht sich bisher der Kenntnis. (Anmerkung zur Zwangssterilisierung: Die 1921 geborene Sängerin und Tänzerin Theresia Winterstein aus Würzburg, die dort in einem großen Varietétheater auftrat und Anfang 1940 bei Aufführungen von Bizets Carmen im Stadttheater engagiert wurde (vermutlich als zusätzliche Choristin) entging der Deportation ins KZ, weil sie in die Sterilisation ‚einwilligte‘; eine ihrer noch zuvor, im März 1943, geborenen Zwillingstöchter starb im April in der Klinik unter ungeklärten Umständen, die andere leidet bis heute unter den Folgen eines operativen Eingriffs; beides ging vermutlich auf Josef Mengeles Interesse an Zwillingen zurück. Vgl. dazu Roland Flade, Dieselben Augen, dieselbe Seele. Theresia Winterstein und die Verfolgung einer Würzburger Sinti-Familie im ‚Dritten Reich‘, Würzburg 2008, bes. S. 78–80 u. 88–92.)“ (Maurer Zenck 2016, ebenda.)

    Dass Rosalie Seger wie auch acht in Auschwitz nachgewiesene Frauen als „Musikerin“ registriert war, lässt annehmen, dass sie Instrumentalistin war.

    Quellen

    Haider, Hans, Nationalsozialismus in Villach, 3. erw. Aufl., Klagenfurt/Wien 2008, S. 128. http://www.kaernoel.at/downloads/ns_in_villach.pdf, abgerufen am 22.9.2016.


    Maurer Zenck, Claudia, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten ‚Zigeunerinnen‘ und ihrer Geschichte, in: Multimediale Festschrift für Beatrix Borchard, online seit August 2016, Kapitel Biographik, http://mugi.hfmt-hamburg.de/Beatrix_Borchard/


    Maurer Zenck, Claudia, „Verfolgungsgrund: 'Zigeuner'. Nachruf auf unbekannte Musiker“, in zwei Teilen erschienen in: mr-[musica reanimata-]Mitteilungen H. 88 (Dez. 2015), S. 1–19, und H. 89 (März 2016), S. 1–20.


    Maurer Zenck, Claudia, Verfolgungsgrund: „Zigeuner“. Unbekannte Musiker und ihr Schicksal im „Dritten Reich“, Wien 2016 (= Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte, Bd. 25).


    Winter, Rosa, „Wie es so war unser Leben“, in: Uns hat es nicht geben sollen. Rosa Winter, Gitta und Nicole Martl. Drei Generationen Sinti-Frauen erzählen, hrsg. von Ludwig Laher, Grünbach 2004, 2. Aufl. 2005, S. 23–52.



    www.lexm.uni-hamburg.de/

    Forschung

    Forschungsbedarf

    Rosalia Seger war vermutlich Instrumentalistin. Über ihre musikalische Tätigkeit und ihr weiteres Schicksal besteht noch Forschungsbedarf.

    Weiterer Forschungsbedarf besteht für alle im Nationalsozialismus verfolgten Sinti- und Roma-Musikerinnen und insbesondere die (heute verloren gegangene?) Tradition von Instrumentalistinnen unter diesen Musikerinnen.

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 11.05.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Rosalia Seger“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 11.5.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Rosalia_Seger