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  • Natalie Janotha

    von Silke Wenzel
    Die Pianistin Natalie Janotha. Ausschnitt aus einer Postkarte mit Fotografie.
    Namen:
    Natalie Janotha
    Lebensdaten:
    * in Warschau, Russland (heute Polen)
    in Den Haag, Niederlande

    In seltenen Fällen wird auch Częstochowa (damals Russland) als Geburtsort angegeben.

    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Solistin, Kammermusikerin, Komponistin, Klavierpädagogin, Dozentin, Übersetzerin, Herausgeberin
    Charakterisierender Satz:

    „Seit langer Zeit ist uns nicht in diesem Alter so überraschende Reife verständnißvoller Auffassung, ein so gesunder künstlerischer Sinn, gepaart mit Anmuth und sinniger Belebtheit der Darstellung wie mit bereits ungewöhnlich gleichmäßig ausgebildeter glänzender virtuoser Technik vorgekommen. Alles weist darauf hin, daß Frl. J., welcher zugleich das große Glück bereits dreijähriger Leitung ihrer Ausbildung durch Clara Schumann zu Theil geworden, ein hoher Beruf für ihre Kunst innewohnt.“

    (Die „Neue Zeitschrift für Musik“ über Natalie Janotha im Januar 1874; NZfM 70 [1874], S. 22)


    Profil

    Von klein auf erhielt Natalie Janotha Klavierunterricht von ihrem Vater Juliusz Janotha, der Pianist und Professor am Warschauer Konservatorium war. Im Oktober 1869 begann Natalie Janotha ein Klavierstudium bei Ernst Rudorff an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin und wurde gleichzeitig von Clara Schumann privat unterrichtet. Zudem erhielt sie an der Berliner Hochschule Unterricht in Kontrapunkt bei Woldemar Bargiel. während ihres Studiums etablierte sich Natalie Janotha als Pianistin im englischen und deutschen Musikleben und konzertierte ab Mitte der 1870er Jahre in ganz Europa. Sie ließ sich – vermutlich Ende der 1880er Jahre – in London nieder. Als ausübende Künstlerin galt sie als herausragende Chopin-Interpretin; ihr Repertoire umfasste zudem neben den Werken Ludwig van Beethovens vor allem Kompositionen des 19. Jahrhunderts, u. a. von Felix Mendelsohn Bartholdy, Johannes Brahms, Clara Schumann, Robert Schumann und Franz Liszt.

    Neben ihrer Tätigkeit als Pianistin komponierte Natalie Janotha vermutlich über 400 Werke, von denen nur ein Bruchteil in Ausgaben zugänglich sind (vgl. Lissa 1957). Als Übersetzerin und Herausgeberin widmete sie sich vor allem dem Leben und Werk von Frédéric Chopin. Sie gab zwei seiner Klavierkompositionen heraus und übersetzte zwei Standardwerke über den polnischen Komponisten ins Englische und Deutsche.

    Nachdem sie während des Ersten Weltkrieges aufgrund ihres Status’ als Berliner Hofpianistin aus England ausgewiesen worden war, lebte sie bis zu ihrem Tod zurückgezogen in Den Haag.

    Orte und Länder

    Natalie Janotha wurde in Warschau geboren und erhielt dort ihren ersten Klavierunterricht. Zu Beginn der 1870er Jahre begann sie in Berlin an der Königlichen Hochschule für Musik Klavier zu studieren und setzte ihr Studium anschließend in Köln fort. Nach ihrem Studium konzertierte sie in ganz Europa, u. a. in Deutschland, Österreich-Ungarn, England, Niederlande, Italien und Russland. Ein fester Wohnort ist in dieser Zeit nicht zu bestimmen. Zu einem späteren Zeitpunkt ließ sie sich in London nieder, ab Anfang der 1890er Jahre wurden ihre Kompositionen dort gedruckt. Als Berliner Hofpianistin wurde sie während des Ersten Weltkrieges – im August 1915 – aus England ausgewiesen. Bis zu ihrem Tod lebte Natalie Janotha in Den Haag.

    Biografie

    Natalie Janotha wurde am 8. Juni 1856 in Warschau geboren. Der Vater, Juliusz Janotha, war Pianist und Professor am Konservatorium in Warschau, über die Mutter ist bislang nichts bekannt. Natalie Janotha wurde zunächst vom Vater unterrichtet und hatte im Alter von 12 Jahren ihren ersten Auftritt in ihrer Heimatstadt. Mit 13 Jahren, im Oktober 1869, begann sie ein Klavierstudium an der Königlichen Hochschule für Musik Berlin bei Ernst Rudorff (Klavier) und Woldemar Bargiel (Kontrapunkt), verließ die Hochschule vorübergehend Ostern 1871 und war nochmals von Januar 1872 bis Ostern 1873 eingeschrieben (vgl. Jahresbericht 1878/1879; Schumann 1995, S. 150ff.); zu einem späteren Zeitpunkt erhielt sie auch Unterricht in Komposition bei Franz Weber in Köln, in welchem Zusammenhang ist bislang nicht bekannt. Parallel zu ihrem Studium bei Ernst Rudorff wurde sie ab 1871 bis mindestens 1874 auch privat von schu1819 ausgebildet, die am 10. Mai 1871 in ihrem Tagebuch notierte: „Selbst musicieren that ich wenig, nur Stunden gab ich der kleinen Natalie Janotha, ein großes Virtuosentalent …“ (Litzmann 1902-1908, Bd. III, S. 259).


    Bereits während ihres Studiums konnte sich Natalie Janotha als Pianistin etablieren. Als sie im Januar 1874 im 10. Gewandhaus-Konzert als Solistin mit Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierkonzert g-Moll op. 25 auftrat, schrieb ein Kritiker der „Neuen Zeitschrift für Musik“ über die damals 17-Jährige: „Um so mehr Interesse erregte die an diesem Abende auftretende Pianistin, ein erst etwa fünfzehnjähriges Mädchen, Natalie Janotha aus Warschau. Seit langer Zeit ist uns nicht in diesem Alter so überraschende Reife verständnißvoller Auffassung, ein so gesunder künstlerischer Sinn, gepaart mit Anmuth und sinniger Belebtheit der Darstellung wie mit bereits ungewöhnlich gleichmäßig ausgebildeter glänzender virtuoser Technik vorgekommen. Alles weist darauf hin, daß Frl. J., welcher zugleich das große Glück bereits dreijähriger Leitung ihrer Ausbildung durch Clara Schumann zu Theil geworden, ein hoher Beruf für ihre Kunst innewohnt.“ (NZfM 70 [1874], S. 22)

    Natalie Janotha unternahm in den folgenden Jahren zahlreiche Konzertreisen, u. a. durch Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland, Italien, die Schweiz und England. Allerdings ist über ihre Konzerte bis zu ihren Londoner Jahren bislang wenig Genaues bekannt. Sie trat regelmäßig bei den „Monday Popular Concerts“ in der St. James’s Hall in London auf, u. a. auch gemeinsam mit der Geigerin Wilma Neruda und dem Cellisten Alfredo Piatti. Ihr Repertoire blieb dabei ihrer ehemaligen Lehrerin verbunden. So schrieb z. B. „The Times” London über Konzert von Natalie Janotha im Rahmen der „Monday Popular Concerts“ im Dezember 1879: „Instead of a sonata she played in succession three short pieces – Capriccio, in B minor (Op. 76), by Brahms; a romance (Op. 11), by Madame Schumann; and novelette, in B minor (Op. 99), by Robert Schumann – all charming and all new at the Popular concerts.” („Anstelle einer Sonate spielte sie drei kurze Stücke hintereinander: ein Capriccio in h-Moll von Brahms (op. 76), eine Romanze (op. 11) von Madame Schumann und eine Novelette in h-Moll (op. 99) von Robert Schumann – alle hinreißend und alle neu bei den Popular Concerts.”; „The Times“ London vom 16. Dezember 1879). Am 18. April 1884 debütierte sie unter der Leitung von Joseph Joachim in der Berliner Philharmonie mit dem Klavierkonzert a-Moll op. 54 von Robert Schumann und wurde ein Jahr später, 1885 zur königlich-preussischen Hofpianistin ernannt.

    Auch in anderen Ländern spielte sie regelmäßig für die jeweiligen Regenten und Regentinnen: „Mlle. Janotha, the pianist, who has recently been twice commanded to perform before the Queen at Osborne, has received from her Majesty the Jubilee medal.” („Mlle. Janotha, die Pianistin, die vor kurzem zweimal dazu aufgefordert wurde, vor der Queen in Osborne zu spielen, hat von ihrer Majestät die ‘Jubilee medal’ erhalten.“), schrieb z. B. „The Times” London am 27. August 1897 (S. 7).

    Vermutlich trat Natalie Janotha bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges regelmäßig in London auf. Sie spielte z. B. zur Einweihung der neuen St. James’s Hall im April 1908, gemeinsam mit der Sängerin Lucile Hill, Mr. Watkin Mills und dem Geiger M. Zacharewitsch. (vgl. „The London“ Times vom 22. April 1908, S. 6). Besonders bekannt war sie für ihre Interpretationen polnischer Komponisten, darunter vor allem die Klavierwerke von Frédéric Chopin. Daneben enthielten ihre Programme auch Werke von Ludwig van Beethoven, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Clara Schumann, Robert Schumann und Franz Liszt.


    Ab 1883 unterrichtete Natalie Janotha zudem für eine kurze Zeit am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt am Main und wurde dabei zeitgleich mit Louise Héritte Viardot und Iwan Knorr berufen, wie die „Neue Musikzeitung“ in einer Beilage meldete: „Das Hoch’sche Konservatorium in F. a. M. hat sein Lehrerpersonal nun ergänzt. Fräulein Natalie Janotha wird den Unterricht im höheren Klavierspiel während des Sommers fortsetzen. Als Lehrerin für Sologesang ist Frau Louise Héritte Viardot gewonnen, die bereits zu Anfang des Sommersemesters eintreten wird. Endlich ist Herr Iwan Knorr aus Leipzig als Lehrer für Pianoforte und Theorie engagirt“. (NMZ 1883, 3. Beilage) Näheres über mögliche weitere Schülerinnen und Schüler ist nicht bekannt.


    Parallel zu ihrer internationalen Karriere als ausübende Künstlerin war Natalie Janotha als Komponistin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig. Ihre ca. 400 Kompositionen umfassen Klavierwerke wie z. B. Mazurken, Gavottes, die zyklischen Kompositionen „Tatry“ und „Mountain Scenes“ sowie Lieder und Chormusik (Chechlińska 2003, Sp. 925). Etliche ihrer Werke sind auf europäische Königshäuser bezogen, so z. B. die 1890 erschienene Mazurka e-Moll, die „Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin Helene von Grossbritannien u. Irland, Prinzessin Christiane von Schleswig-Holstein mit besonderer Erlaubnis gewidmet“ ist, oder der „Deutsche Kaiser-Marsch“ op. 9 von 1895. Ein kleiner Teil ihrer Kompositionen wurde zudem in verschiedenen Städten Europas gedruckt, u. a. in Warschau, Leipzig, London, Brüssel und Den Haag.

    Teilweise führte sie ihre Klavierwerke selbst in ihren Konzerten auf. So schrieb z. B. ein Kritiker der „London Times” über ein Konzert von Natalie Janotha in der St. James’s Hall: „A set of nine pieces of her own composition, called ‚Mountain Scenes’, show the hand of a musician of experience and are sufficiently graceful.“ („Neun, von ihr selbst komponierte Stücke, ‘Mountain Scenes’ genannt, tragen die Handschrift einer erfahrenen Musikerin und sind sehr anmutig.“; The „London Times“ vom 3. Januar 1889). Auch bei einem Klavierabend 1891, ebenfalls in der St. James’s Hall, spielte sie eine eigene Komposition und setzte sie in Verbindung mit einer Komposition ihrer Lehrerin Clara Schumann: „The concert given on Friday evening in St. James’s hall by Mlle. Janotha was well attended. The pianist was heard in a pretty romance by Mme. Schumann, a new gavotte of her own, which degenerated into a polka before it had proceeded far, and in Chopin’s fantasia on Polish airs” („Man wartete sehr gespannt auf das Konzert, das Mlle. Janotha letzten Freitag Abend in der St. James’s Hall gab. Die Pianistin konnte mit einer netten Romanze von Mme Schumann gehört werden, einer Gavotte von ihr selbst, die in eine Polka überging, noch bevor sie sich entwickeln konnte und mit Chopins Fantasie über polnische Melodien.“; „The Times“ London vom 16. März 1891, S. 4).

    Eine vollständige Werkliste sowie genauere Untersuchungen zu den Kompositionen von Natalie Janotha fehlen bislang.


    Mit Übersetzungen und Werkausgaben bemühte sich Natalie Janotha zudem, das Leben und Werk von Frédéric Chopin bekannt zu machen. Unter anderem edierte sie zwei seiner Klavierwerke, eine Nocturne in c-Moll sowie eine Fuge in a-Moll, deren Autograf sich in ihrem Besitz befand. Sie übersetzte sowohl die Werkmonografie „Chopin w celniejszych utworach swoich” von Jan Kleczyński ins Englische („Chopin's greater works: Preludes, Ballads, Nocturnes, Polonaises, Mazurkas how they should be understood“, New York 1896) und Deutsche („Chopins grössere Werke. Praeludien, Balladen, Nocturnes, Polonaisen, Mazurkas. Wie sie verstanden werden sollen, Leipzig 1898“) als auch die Dokumentensammlung von Stanislaw Tarnowski „Kilka słów o Chopinie“ ins Englische („Chopin as Revealed by Extracts from His Diary“, London 1905).


    Aufgrund ihres Status' als Berliner Hofpianistin wurde Natalie Janotha im Ersten Weltkrieg aus England ausgewiesen. „The Times” London berichtete darüber am 10. August 1915: „Mlle. Janotha expelled. Court Pianist to the Kaiser. Maria Cecilia Natalie Janotha, the Kaiser’s favourite pianist, was arrested in London on Sunday by two Scotland-yard officers, and has been expelled from the country. Mlle. Janotha’s address is given as Grosvenor-street, W., but the police found her in a big house at Holland Park-avenue. She was given no time to pack up, but was taken away in a cab within two minutes of the arrival of the detectives. Mlle. Janotha was born at Czestochowa, near Warsaw, and after completing her musical studies under Joachim, Brahms, and Mme. Schumann, was appointed Court pianist in Berlin.” („Mlle. Janotha ausgewiesen. Hofpianistin des Kaisers. Maria Cecilia Natalie Janotha, die bevorzugte Pianistin des Kaisers, wurde von zwei Scotland-Yard Beamten am Sonntag in London verhaftet und des Landes verwiesen. Mlle Janothas Adresse wird mit Grosvenor-Street, W. angegeben, aber die Polizei fand sie in einem großen Haus an der Holland Park-Avenue. Ihr wurde keine Zeit gelassen, um zu packen. Zwei Minuten nach Eintreffen der Beamten wurde sie mit einem Wagen weggebracht. Mlle Janotha wurde in Czestochowa nahe Warschau geboren. Nachdem sie bei Joachim, Brahms und Mme Schumann ihr Studien vervollkommnet hatte, wurde sie in Berlin zur Hofpianistin ernannt.“; „The Times“ London vom 10. August 1915, S. 3.)


    Nach ihrer Ausweisung aus England zog sich Natalie Janotha aus dem öffentlichen Konzertleben zurück. Sie ließ sich in Den Haag nieder, sicherlich auch darum, weil die Niederlande im Ersten Weltkrieg ihre Neutralität bewahren konnten. Dort komponierte Natalie Janotha die Friedens-Hymne „Maria de Vredes Konigin” nach Worten von M. Schillemans und veröffentlichte sie im Jahr 1919. Nur in seltenen Fällen trat sie noch als Pianistin an die Öffentlichkeit, so z. B. als Klavierbegleiterin der Tänzerin Angèle Gydour. Über ihr weiteres Leben ist kaum etwas bekannt.


    Natalie Janotha starb am 9. Juni 1932 in Den Haag.


    Während ihrer Jahre als Konzertpianistin erhielt Natalie Janotha europaweit Ehrungen und Auszeichnungen. Im Jahr 1885 wurde sie, wie erwähnt, zur königlich-preußischen Hofpianistin ernannt und war Mitglied der deutschen, österreichischen und englischen Musikakademie. Sie erhielt 1894 das Ehrendiplom der „Academia di Santa Cecilia“ in Rom und 1897 die „Jubilee medal” der englischen Königin. Ignaz Jan Paderewski, ein Schüler ihres Vaters, widmete 1881 Natalie Janotha seine „Danses polonaises“ op. 5.

    Würdigung

    Natalie Janotha zählte über 40 Jahre lang, zwischen 1875 und 1915, zu den führenden Pianistinnen Europas. Sie konzertierte mit Künstlerinnen und Künstlern wie Wilma Neruda und Alfredo Piatti und wurde regelmäßig in die Königshäuser der jeweiligen Länder gerufen. Neben ihren Erfolgen als Interpretin von Musik des 19. Jahrhunderts, insbesondere der Musik von Frédéric Chopin, komponierte sie selbst und wurde wissenschaftlich durch ihre Übersetzungen von Standardwerken zu Frédéric Chopin bekannt.


    Die exzentrische Art von Natalie Janotha wurde von Kritikern mehrfach hervorgehoben. Vor allem ihre schwarze Katze „Prince White Heather“, die bei jedem öffentlichen Auftritt einen Ehrenplatz einnahm, ist ein fester Bestandteil des Schreibens über die Pianistin. Auch Clara Schumann äußerte sich kritisch über die Persönlichkeit ihrer Schülerin. Immer wieder wird in ihren Tagebüchern das problematische Verhältnis der beiden zueinander hervorgehoben. So schrieb Clara Schumann z. B. im Januar 1886: „22. Morgens 9 Uhr klopfte schon Nathalie bei uns an. Leider macht sie wieder, wie immer unkluge Sachen … und verscherzt sich Theilnahme und Freundlichkeit … Es ist gar nichts mit ihr zu machen … Immer dauert sie mich so sehr, und nie höre ich auf um Bekehrungsversuche mit ihr zu machen, wenn ich sie sehe … Was soll nur mal mit ihr werden? Das fragt man immer und immer …“ (Litzmann 1902-1908, Bd. III, S. 473f.) Ebenso wenig war Clara Schumann mit den musikalischen und pianistischen Ausdrucksformen von Natalie Janotha einverstanden. Dennoch schätzte sie deren musiktheoretische und wissenschaftliche Fähigkeiten, wie der folgende Tagebucheintrag vom Juni 1887 anschaulich darlegt: „Nathalie Janotha kam auch in diesem Monat, wollte auch etwas bei mir studiren, aber ich sagte ihr beim zweiten Male, wo wir zusammen spielten, daß ich es für besser halte, sie spiele in ihrer Weise fort … Ich glaube, sie fühlte es selbst, denn sie bat mich um keine Stunde mehr; aber sie half mir Roberts Sachen in der Volksausgabe durchzusehen und fand eine solche Masse Fehler, daß es wahrhaft entsetzlich war. Wir haben 14 Tage furchtbar gearbeitet, wurden aber doch nicht mit Allem fertig.“ (Litzmann 1902-1908, Bd. III, S. 491)


    Eine angemessene und differenzierte Würdigung der verschiedenen Facetten der Pianistin, Komponistin, Übersetzerin und Herausgeberin Natalie Janotha wird erst möglich sein, wenn weitere Forschungen vorliegen.

    Rezeption

    Eine Rezeption der Tätigkeiten von Natalie Janotha findet vor allem in Zusammenhang mit Forschungen über Frédéric Chopin und Clara Schumann statt. Bis heute ist sie zudem sowohl in der Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ (Lissa 1957; Chechlińska 2003) als auch im „Grove (Chechlińska 1980 und 2001); mit einem Artikel verzeichnet.

    Werkverzeichnis

    Kompositionen


    Das kompositorische Œuvre Natalie Janotha umfasst vermutlich 400 Werke (Chechlińska 2003, Sp. 925), die meisten Kompositionen sind Klavierwerke.


    Veröffentlichte Kompositionen


    Janotha, Natalie. Mazurka op. 8. London o. J.


    Janotha, Natalie. „Fleurs des Alpes“. Warschau o. J.


    Janotha, Natalie. Mazurka c-Moll op. 9. Mainz ca. 1882.


    Janotha, Natalie. Court Gavotte for the pianoforte. London: Chappell & Co, [1890].


    Janotha, Natalie. Gavotte Impériale pour le piano. London: Chappell & Co, [1890].


    Janotha, Natalie. „Tatry”. Zyklus von Programm-Miniaturen nach Motiven des Podhale. Brüssel o. J. [um 1890].


    Janotha, Natalie. Cadenzas to Beethoven’s Pianoforte Concerto in G, Op. 58. London: Chappell & Co, [1891].


    Janotha, Natalie. A Soul’s Vision. Song, words by Mrs. J. M. Richards. London: Hopwood & Crew, 1894.


    Janotha. Natalie. Gavotte. Leipzig 1894.


    Janotha, Natalie. „Ave Maria”. Pour Choeur, Solo, Piano ou Orgue op. 5. London: C. Ascherberg & Co, [1894], gewidmet Papst Leo XIII zu seinem goldenen Bischofsjubiläum 1893 (laut Aufschrift „Designé au Couvent de Notre Dame du Cenacle á Rome“).


    Janotha, Natalie. „Deutscher Kaiser-Marsch“ für Pianoforte op. 9. London: Schott & Co, [1895].


    Janotha, Natalie. Mazurka op. 6. Warschau 1895. Leipzig 1898-1900.


    Janotha, Natalie. Morceau gracieux for the piano. London: Metzler & Co, 1897.


    Janotha, Natalie. „Pieśń jubileuszowa” op. 10. Leipzig ca. 1897.


    Janotha, Natalie. „Ave Maria” op. 13. No. 1 For voice, organ, violin & harp. No. 2 for voice & piano. No. 3 for voice & piano. London: E. Ashdown, 1899.


    Janotha, Natalie. Mazurka in E moll für Pianoforte. Breitkopf & Härtel’s Klavier-Bibliothek. Leipzig; Brüssel; London; New York: Breitkopf & Härtel, 1900 [„Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin Helene von Grossbritannien u. Irland, Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein mit besonderer Erlaubnis gewidmet“].


    Janotha, Natalie. Mazourka in A, for the Pianoforte op. 14. London: Stanley Lucas & Son, [1902].


    Janotha, Natalie. Maria de Vredes Konigin [Hymn.] Woorden M. Schillemans. Den Haag: N. V. A. N. Govers, [1919].



    Unveröffentlichte Kompositionen


    Die meisten ihrer unveröffentlichten Kompositionen sind bislang unbekannt.


    Janotha, Natalie. „Mountain Scenes“ [neun Klavierstücke, komponiert vor 1889]. Vermutlich unveröffentlicht.



    Ausgaben


    Tennyson, Emily Sarah, Baroness Tennyson. Songs [to words] by Lord Tennyson. Arranged and edited by N. Janotha. London: Chappell & Co, [1892].


    Chopin, Frédéric. Posthumous Nocturne in C minor. Edited and fingered by Natalie Janotha. London: E. Ascherberg & Co, [1894].


    Chopin, Frédéric. Fuge in A moll für Pianoforte. Eingerichtet und herausgegeben nach der Originalhandschrift im Besitze von Natalie Janotha. Leipzig; Brüssel: Breitkopf & Härtel, [1898].



    Übersetzungen


    Tarnowski, Stanislaw, Count. Chopin: as revealed by extracts from his diary: Translated from Polish by Natalie Janotha. Edited by J.T. Tanqueray. London: William Reeves, [1906].


    Kleczyński, Jan. Chopin’s greater works: Preludes, Ballads, Nocturnes, Polonaises, Mazurkas how they should be understood. Including Chopin’s notes for a „Method of methods". Translated with additions by Natalie Janotha. Second ed. London: William Reeves, [1912].


    Kleczyński, Jan. Chopins grössere Werke. Praeludien, Balladen, Nocturnes, Polonaisen, Mazurkas. Wie sie verstanden werden sollen ... Einschliesslich Chopins Notizen zu der „Methode der Methoden“. Ins Deutsche übertragen von A.C.H. Herausgegeben von Natalie Janotha. Leipzig: Breitkopf, 1898.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste lässt sich aufgrund fehlender Informationen zur Zeit nicht erstellen. Nachgewiesen sind bislang die Aufführungen folgender Werke:


    Klavierwerke


    Beethoven, Ludwig van. 32 Variationen c-Moll WoO 80.


    Beethoven, Ludwig van. Sonate cis-Moll op. 27 Nr. 2 („Mondschein“).


    Beethoven, Ludwig van. Klavierkonzert G-Dur op. 58.


    Beethoven, Ludwig van. Klaviertrio Es-Dur op. 70 Nr. 2.


    Brahms, Johannes. Klavierquartett A-Dur op. 26.


    Brahms, Johannes. Capricci und Intermezzi op. 76.


    Chopin, Frédéric. Mazurka e-Moll (keine Präzisierung möglich).


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Rondo Capriccioso E-Dur op. 14.


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Klavierkonzert g-Moll op. 25.


    Rubinstein, Anton. Sonate für Violoncello und Klavier op. 18.


    Rubinstein, Anton. Drei Stücke für Violoncello und Klavier op. 11.


    Schumann, Clara. Romanze op. 11.


    Schumann, Robert. Novelette h-Moll op. 99.


    Schumann, Robert. Carnaval op. 9.

    Quellen

    Literatur


    Altberg, Emma. Polscy pianisći. Warschau 1947.


    Artikel „Janotha, Nathalie”. In: Grove, Sir G. A dictionary of music and musicians. Various Ed. 1879, 1880, 1883, 1890 [verfügbar in wbis: world biographical information system].


    Artikel „Janotha (Maria Cecylia Natalia)”. In: Warriner, J. National portrait gallery of British musicians. 1896 [verfügbar in wbis: world biographical information system].


    Artikel „Janotha, Natalie”. In: Universal Handbuch der Musikliteratur aller Zeiten und Völker. Franz Pazdírek (Hg.). Wien: Pazdírek, 1904-1910. Bd. 5 [einschließlich einer Werkliste].


    Artikel „Janotha, Maria Cecilia Natalie”. In: The Catholic who’s who & yearbook. 1910 [verfügbar in wbis: world biographical information system].


    Chechlińska, Zofia. Artikel „Janotha, (Maria Cecylia) Natalia”. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Stanley Sadie (Ed.). London: Macmillan Publishers Limited. 1980. Bd. 9. S. 500f.


    Chechlińska, Zofia. Artikel „Janotha, (Maria Cecylia) Natalia”. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Second Edition. Stanley Sadie, John Tyrrell (Ed.). London: Macmillan Publishers Limited. 2001. Vol. 12. S. 809.


    Chechlińska, Zofia. Artikel „Janotha, 2. (Maria Cecilia) Natalia”. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. neubearb. Ausgabe. Ludwig Finscher (Hg.). Personenteil Bd. 9. Kassel, Stuttgart u. a.: Bärenreiter, Metzler, 2003. Sp. 924f.


    Clara Schumann – Johannes Brahms. Briefe aus den Jahren 1853-1896. Im Auftrag von Marie Schumann herausgegeben von Berthold Litzmann. Zwei Bände. Leipzig: Breitkopf & Härtel 1927.


    De Vries, Claudia. Die Pianistin Clara Wieck-Schumann. Interpretation im Spannungsfeld von Tradition und Individualität (= Schumann Forschungen Bd. 5). Mainz, London u. a.: Schott, 1996.


    Jahresbericht der Königlichen Hochschule für Musik Berlin 1878/1879 (Archiv der Universität der Künste Berlin).


    Kleczyński, Jan. „N. Janothówny”. In: Echo muzyczne, teatralne I artystyczne. 1891. Nr. 391, S. 177.


    Laurence, Dan H. (Ed.). Shaw’s Music. The Complete Musical Criticism of Bernard Shaw. 3 Vol. Second revised edition. London: The Bodley Head, 1981.


    Lissa, Zofia. Artikel „Janotha, Natalia (Maria Cecilia)“. In: „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“. Friedrich Blume (Hg.). Kassel u. a.: Bärenreiter-Verlag, 1957. Sp. 1713f.


    Litzmann, Berthold. Clara Schumann. Ein Künstlerleben. Nach Tagebüchern und Briefen. 3 Bände. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1909.


    Muck, Peter. Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester: Darstellung in Dokumenten. Band 3: Die Mitglieder des Orchesters, die Programme, die Konzertreisen, Ur- und Erstaufführungen. Tutzing: Schneider, 1982.


    Notatki Anny z OleszczyńskichJanothowej (Notizen der Anna von Oleszczyńska). : Kronika Rodzinna 1881, S. 622-628, 691-697, 715-721.


    Perkowska, N. „Natalie Janotha“. In: Enciklopedia muzyczna PMW. E. Dzębowska (Hg.). 1979ff.


    Schonberg, Harold C. Die großen Pianisten. Eine Geschichte des Klaviers und der berühmtesten Interpreten von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bern u. a.: Scherz-Verlag, 1963.


    Schumann, Eugenie. Claras Kinder. Mit einem Nachwort von Eva Weissweiler und Gedichten von Felix Schumann. Köln: Dittrich-Verlag, 1995.


    Verne, Mathilde. Chords of Remembrance [Autobiografie], London: Hutchinson & Co, 1936.


    Verne, Mathilde. Das Unterrichten ist ein untrennbarer Teil meines Wesens. In: Monica Steegmann/Eva Rieger (Hg.): Frauen mit Flügeln. Lebensberichte berühmter Pianistinnen. Von Clara Schumann bis Clara Haskil. Frankfurt a. M., Leipzig: Insel-Verlag, 1996, S. 147-194. [Auswahl aus Mathilde Vernes Memoiren „Chords of Remembrance“ in deutscher Übersetzung].



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Neue Zeitschrift für Musik 70 (1874), S. 22f., 96 und 148.


    „The Times“ London vom 3. Dezember 1878, S. 6.

    „The Times“ London vom 4. November 1879, S. 7.

    „The Times“ London vom 16. Dezember 1879, S. 8.

    „The Times“ London vom 19. Januar 1880, S. 8.

    „The Times“ London vom 1. November 1881, S. 11.

    „The Times“ London vom 20. Dezember 1887, S. 8.

    „The Times“ London vom 20. März 1889, S. 9.

    „The Times“ London vom 3. Juni 1889, S. 7.

    „The Times“ London vom 16. März 1891, S. 4.

    „The Times“ London vom 9. November 1891, S. 6.

    „The Times“ London vom 27. August 1897, S. 7.

    „The Times“ London vom 11. Juni 1906, S. 10.

    „The Times“ London vom 22. April 1908, S. 6.

    „The Times“ London vom 10. August 1915, S. 3.

    „The Times“ London vom 21. Juni 1932, S. 16.


    „The World“ vom 18. März 1891 (von George Bernard Shaw).

    „The World“ vom 8. Juni 1892 (von George Bernard Shaw).



    Links

    http://ezines.onb.ac.at:8080/moravec/pub/schr/1876.htm

    Im Nachlass der Sängerin Marie Fillunger in der Österreichischen Nationalbibliothek sind einige Briefe über Natalie Janotha erhalten.

    Forschung

    Die gedruckten Kompositionen von Natalie Janotha werden zu großen Teilen in der British Library London aufbewahrt. Über den Aufbewahrungsort eines möglicherweise erhaltenen Nachlasses – einschließlich ihrer Kompositionen – ist bislang nichts bekannt.

    Ein Exemplar des Papst Leo XIII gewidmeten "Ave Maria" op. 5 befindet sich im Erzbischöflichen Archiv Freiburg.

    Forschungsbedarf

    Natalie Janotha ist sowohl in beiden Ausgaben der „Musik in Geschichte und Gegenwart“ (Lissa 1957; Chechlińska 2003) auch im „New Grove (Chechlińska 1980 und 2001) mit einem Artikel vertreten. Dennoch fehlen zahlreiche konkrete Angaben über ihren Lebenslauf. So lässt sich nur für jeweils kurze Zeitspannen ihres Lebens ein Wohnort bestimmen und obwohl ihre internationale Karriere als Pianistin unstrittig ist, fehlen auch hier konkrete Angaben über Konzerte und Tourneen, über ihr Repertoire sowie über ihr künstlerisches Umfeld. Eine systematische Sichtung international ausgerichteter Musikzeitschriften könnte hierüber Aufschluss geben. Ebenso wenig ist über ihre Schülerinnen und Schüler, die sie zumindest am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt a. M. hatte, bekannt; Hinweise auf PrivatschülerInnen gibt es bislang keine.


    Noch weniger ist über ihre ca. 400 Kompositionen bekannt. Nicht einmal deren Aufbewahrungsort ließ sich recherchieren. Werklisten wurden bislang nur in Ansätzen erstellt (vgl. Artikel „Janotha, Natalie“ in Pazdírek 1904-1910 und Lissa 1957), Untersuchungen der Kompositionen von Natalie Janotha fehlen völlig.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 37684200
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 117079766
    Library of Congress (LCCN): no2009169602
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Silke Wenzel, Die Grundseite wurde im Oktober 2007 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann, Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 01.11.2007
    Zuletzt bearbeitet am 28.04.2011


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Natalie Janotha“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 28.4.2011.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Natalie_Janotha